{"id":14813,"date":"2021-01-27T00:01:55","date_gmt":"2021-01-26T23:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14813"},"modified":"2022-02-21T13:32:15","modified_gmt":"2022-02-21T12:32:15","slug":"gedichte-schreiben-nach-auschwitz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/27\/gedichte-schreiben-nach-auschwitz\/","title":{"rendered":"Gedichte-schreiben nach Auschwitz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegen\u00fcber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unm\u00f6glich ward, heute Gedichte zu schreiben.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft 1951<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht um den Satz des deutschen Philosophen Adorno: \u201eNach Auschwitz kann (darf) man keine Gedichte mehr machen\u201c und um meinen Widerspruch dagegen; um meine von mir begr\u00fcndete Ablehnung dieses Standpunktes. Denn dann d\u00fcrfte man auch nicht mehr komponieren, malen, tanzen, lieben, leben, etc. Da\u00df ich diesen Standpunkt einnehme, in und mit meinen Gedichten stets und immer wieder Gerechtigkeit einfordere und mich so engagiere, wird anhand meiner Gedichte und meines Lebens schl\u00fcssig nachgewiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Kein Gedicht nach Auschwitz (Adorno): was wird hier als Vorstellung von ,Gedicht` unterstellt? Der D\u00fcnkel dessen, der sich untersteht hypothetisch-spekulativerweise Auschwitz aus der Nachtigallen- oder Singdrossel-Perspektive zu betrachten oder zu berichten.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Paul Celan<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht also, ganz knapp zusammengefa\u00dft, hier um zwei Komponenten, um zwei miteinander im Grunde unvereinbare Standpunkte: um etwas \u201eAbsurdes\u201c im Sinne des \u201eMythos des Sisyphos\u201c von Albert Camus und um das Postulat \u201ePrinzip Hoffnung\u201c des Philosophen Ernst Bloch. Beide haben mich in meiner Haltung mitbegr\u00fcndet und darin best\u00e4rkt. Ich meine: Selbstverst\u00e4ndlich bleibt uns angesichts von Auschwitz, das sich in seiner sozusagen realen Metaphernhaftigkeit immer wieder ereignet (Hiroshima, Srebrenica, Kambodscha u.a.), eigentlich nur das Verstummen, der Verzicht auf das (literarische) Wort; was aber nicht dasselbe ist wie Sprachlosigkeit. Ich zitierte aus einem Auschwitz-Gedicht von mir (1975):<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">\u201eAber was n\u00fctzt \/ diese Absage ans Leben \/ den Ausgel\u00f6schten \/ den Toten\u2026\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht also um eine moralische Frage, um einen moralischen Standpunkt. Es geht um die Gerechtigkeit, f\u00fcr die wir uns (nicht nur intellektuell) engagieren m\u00fcssen, sondern die auch in unserem individuellen und kollektiven Handeln (Politik) ihren Niederschlag finden und sich darin ausdr\u00fccken, es pr\u00e4gen mu\u00df. Es geht darum, da\u00df wir zwar wissen, da\u00df eine allumfassende Gerechtigkeit niemals herstellbar war, ist und sein wird, da\u00df wir aber trotzdem diesen Anspruch als den wichtigsten ethischen Grundwert nie aufgeben d\u00fcrfen, auch wenn wir wissen, da\u00df wir letztlich mit unserem Anspruch an der Realit\u00e4t scheitern (Sisyphos). Trotzdem m\u00fcssen wir beides zusammenf\u00fchren zu einer Haltung, die so absurd sein mag, wie sie es eben ist. Aber in anderem Fall m\u00fcnden wir in der absoluten Sinnlosigkeit unseres Lebens und in totaler Resignation. Doch: \u201eResignation ist indiskutabel\u201c (PPW).<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Seit es Menschen gibt, k\u00f6nnen sie sich W\u00f6rter und Wortkombinationen merken. Nichts kann einen Holocaust \u00fcberleben au\u00dfer Gedichten und Liedern. Keiner kann sich einen ganzen Roman merken. Niemand kann einen Film, eine Skulptur, ein Gem\u00e4lde beschreiben. Aber solange es Menschen gibt, k\u00f6nnen Lieder und Gedichte weiterleben.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Jim Morrison<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also m\u00fcssen wir so denken und handeln, als sei Gerechtigkeit herstellbar. Also eine Art Fiktion wird zu etwas Fundamentalem. Und mein Literatur-Machen, meine Gedichte sind nichts anderes, als immer wieder auf diesen Geleisen, auf der sich dieser mein (unser) Zug bewegt, dahinzufahren und diesen Standpunkt zu transportieren; hin zu einem Ziel, das es vielleicht gar nicht gibt, oder das in der Unendlichkeit liegt. Letztlich verbleibt der Mensch in der Antwortlosigkeit. Das ist Leben, das ist der Mensch. Das ist meine (unsere) Wahrheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"center\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Aus einem Vortrag an der Universit\u00e4t LUSPIO in Rom<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Rom, 18.10.2010 &#8211; Wien, 22.10.2010<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-97941 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Wiplinger-Peter-Pauljpg-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus wurde am 3. Januar 1996 durch Proklamation des Bundespr\u00e4sidenten Roman Herzog eingef\u00fchrt und auf den 27. Januar festgelegt. Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die \u00dcberlebenden des KZ Auschwitz-Birkenau, des gr\u00f6\u00dften Vernichtungslagers des NS-Regimes. In seiner Proklamation f\u00fchrte Herzog aus: \u201eDie Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch k\u00fcnftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer \u00fcber Leid und Verlust ausdr\u00fccken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegen\u00fcber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unm\u00f6glich ward, heute Gedichte zu schreiben. Theodor W.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/27\/gedichte-schreiben-nach-auschwitz\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":97941,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1449,137,1142,448],"class_list":["post-14813","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-jim-morrison","tag-paul-celan","tag-peter-paul-wiplinger","tag-theodor-w-adorno"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14813","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14813"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14813\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99186,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14813\/revisions\/99186"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97941"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14813"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14813"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14813"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}