{"id":14756,"date":"2013-05-05T00:01:09","date_gmt":"2013-05-04T22:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14756"},"modified":"2021-04-05T15:24:40","modified_gmt":"2021-04-05T13:24:40","slug":"zum-klingen-bringen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/05\/05\/zum-klingen-bringen\/","title":{"rendered":"Helden? Nur f\u00fcr einen Tag!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Das Ehrliche am Sozialismus \u2028war der Einsatz schnell verwitternder Baumaterialien.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie weit die gesungene, strophische Ausformung der <em>Heldendichtung<\/em> historisch zur\u00fcckreicht, ist unter Germanisten umstritten. Grundlage einer jeder Heldendichtung ist jedoch eine <em>Heldensage<\/em>, die geschichtliche Ereignisse \u00fcberliefert und frei weiterentwickelt. Der Interpret des Heldenepos <em>\u00a0Gesang vom Leben danach<\/em> h\u00f6rt auf den sperrigen Namen St\u00f6tzer. Dieser Ph\u00e4notyp bewegt sich seismographisch durch die Hauptstadt der Bewegung. Sein Wahrnehmungsspeicher nimmt dabei vieles auf: Politik, \u00d6konomie, Kunst, Geschichte. Die Thematik kann man als sehr dunkel bezeichnen, immer wieder geht es um die Verg\u00e4nglichkeit. Dieser begleitende Beobachter kommentiert die Bewegungen, das Ausklingen des Vergangenen und das Hereinbrechen des neuen Jahrtausends. Die Rolle, die\u00a0St\u00f6tzer hier als <em>S\u00e4nger<\/em> spielt, also als das, was sonst als letztes gro\u00dfes Ego bleibt, ist f\u00fcr\u00a0Kuhlbrodt eine genau so multiperspektivische Suche.<\/p>\n<p align=\"right\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Ich war \u00fcberrascht, als ich ihn k\u00fcrzlich hier traf;\/ weil das Best\u00e4ndige ihm ein \u00c4rgernis ist,\/ h\u00e4tte sich Anblick des Platzes f\u00fcr ihn \u00fcber die Jahre\/ abnutzen m\u00fcssen; die Flucht hinaus zum V\u00f6lkerschlachtdenkmal (\u2026).<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jan Kuhlbrodt hat ein Requiem geschrieben, einen <em>Gesang vom Leben danach<\/em>. Grundiert durch unterschiedliche T\u00e4tigkeiten in seinem Leben, gestattet der Lyriker auch dem St\u00f6tzer viele Ausdrucksformen, Philosophisches trifft auf Humor und Sch\u00e4rfe. Spielerisch probiert der Lyriker die Sprache semantisch, rhythmisch, metrisch aus; das Sinnganze ist kein Ideal mehr. Als poetisches <em>Personal<\/em> treten weitere Helden auf: Marx, Lenin und Hitler neben Chemiearbeitern, Spitzeln und Theo Waigel. Utopien und Dystopien begegnen sich in Denkm\u00e4lern, Bibliotheken, in politischen Systemen. Als Antiheld gibt sich dieser St\u00f6tzer zuweilen eigenbr\u00f6tlerisch, er differenziert die unterschiedlichen Schattierungen der Farbe Grau und deutet die Zeichen des Verfalls inmitten bl\u00fchender Landschaften. Dieser Zyklus tr\u00e4gt viel Bewu\u00dftsein f\u00fcr die eigenen Quellen in sich, gelegentlich glaubt man das Faksimile-Knistern alter Amigaplatten zu h\u00f6ren. Dieser Gedichtband enth\u00e4lt eine Vielstimmigkeit in der Einheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">\u00a0<em><span style=\"color: #888888;\">Nicht wiederholbar vielleicht. Aber auch darin unterscheide \/ es sich nicht von andere Episoden. Wir leben im Vor\u00fcbergehen.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Langgedicht erzeugt einen Sog, man m\u00f6chte sich, von Kuhlbrodts Versen gef\u00fchrt, gerne in dieser Stadt verlaufen. Auch wenn das Zentrum seiner Wahrnehmung Leipzig ist, gestattet sich St\u00f6tzer Ausfl\u00fcge ins <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=1275\">Hinterland<\/a>, etwa nach Passendorf alias Halle-Neustadt, oder an den steinigen Grund der Chemnitz alias Kameniza. Hier wird der Text herzzerm\u00f6rsend traurig und bewegt sich nahe am gro\u00dfen Verschwinden. In eben diesen Passagen bekommt dieses Langgedicht eine fluffige Weite, die den St\u00f6tzer zu einem <em>Aufkl\u00e4rer<\/em> werden l\u00e4\u00dft, jedoch einem, der der Aufkl\u00e4rung misstraut. In diesem Zusammenhang \u00e4hnelt Kuhlbrodt konzeptionell dem Ansatz von Weigonis <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=10444\">Parlandos<\/a>. In hochkonzentrierter Form machen diese Lyriker etwas, was nur die Literatur kann: Sie macht Dinge vorstellbar, die man sich nicht vorstellen kann, weil es nicht auszuhalten w\u00e4re, wenn man es t\u00e4te.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Berliner Verlagshaus J. Frank ist, wie zuvor beim Band der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13587\">Hungertuchpreistr\u00e4gerin<\/a> Swantje Lichtenstein, ein sorgf\u00e4ltig und geschmackvoll herausgegebenes Buch, zu verdanken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jan<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/CoverKuhlbrodt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-14757\" title=\"CoverKuhlbrodt\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/CoverKuhlbrodt.jpg\" alt=\"\" width=\"95\" height=\"123\" \/><\/a> Kuhlbrodt:<strong> St\u00f6tzers Lied \u2013 Gesang vom Leben danach<\/strong>. Versepos. llustrationen: Ivonne Dippmann 180 Seiten, Preis 13,90 Euro\u00a0 ISBN: 978-3-940249-67-8 Verlagshaus J. Frank Berlin 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ehrliche am Sozialismus \u2028war der Einsatz schnell verwitternder Baumaterialien. Wie weit die gesungene, strophische Ausformung der Heldendichtung historisch zur\u00fcckreicht, ist unter Germanisten umstritten. Grundlage einer jeder Heldendichtung ist jedoch eine Heldensage, die geschichtliche Ereignisse \u00fcberliefert und frei weiterentwickelt. 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