{"id":14748,"date":"2013-04-27T00:35:46","date_gmt":"2013-04-26T22:35:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14748"},"modified":"2022-05-22T08:07:12","modified_gmt":"2022-05-22T06:07:12","slug":"vom-limerick-zum-aphorismus-werner-hadullas-spates-debut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/04\/27\/vom-limerick-zum-aphorismus-werner-hadullas-spates-debut\/","title":{"rendered":"Vom Limerick zum Aphorismus \u2013 Werner Hadullas sp\u00e4tes Deb\u00fct"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/CoverHadulla.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-14751\" title=\"CoverHadulla\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/CoverHadulla.jpeg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"275\" \/><\/a>\u201eVom Gl\u00fcck der gro\u00dfen Zahl sprechen am liebsten die Million\u00e4re\u201c \u2013 dieser Aphorismus ist einer der typischsten von Werner Hadulla. Weshalb? Zun\u00e4chst besteht die Gefahr, dass der Leser trotz der gegenw\u00e4rtigen Medienpr\u00e4senz dieses Themenfeldes m\u00fcde abwinkt: \u201egro\u00dfe Zahl\u201c und \u201eMillion\u00e4r\u201c, beide miteinander kombiniert, ergeben ein belangloses Wortspiel. Diese Einsch\u00e4tzung w\u00e4re richtig, g\u00e4be es hier keinen doppelten Boden: Das \u201egr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck der gr\u00f6\u00dften Zahl\u201c bildet das Grundprinzip des auf Jeremy Bentham zur\u00fcckgehenden Utilitarismus. Bezeichnenderweise sind deren Anh\u00e4nger heute im Durchschnitt recht beg\u00fctert. Der Aphorismus ironisiert also vielmehr die Tatsache, dass der Utilitarismus sowie der wesensverwandte Liberalismus l\u00e4ngst zur sch\u00e4bigen Ethik der Gewinnler verkommen sind \u2013 eine Aussage, die \u00fcber das blo\u00df Wortspielerische weit hinausreicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch \u00fcber eine Einsicht wie \u201eDie haltbarsten Kompromisse schlie\u00dfen wir mit uns selbst\u201c sollte man nicht zu schnell hinweglesen. Denn hier lassen sich ebenfalls mehrere Bedeutungsebenen ausmachen. Blickt der Verfasser n\u00fcchtern und frei von Selbstironie auf das eigene Leben zur\u00fcck? Kritisiert er die selbstgerechte und bequeme Vermeidung jedweden Ehrgeizes, die sich in einem solchen Res\u00fcmee \u00e4u\u00dfert? Oder richtet sich der Blick auf die Mitmenschen, deren Wankelmut sie als Partner f\u00fcr dauerhafte Vertr\u00e4ge, wie sie Kompromisse sind, disqualifiziert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAm Ende\u201c, so Hadulla, \u201ebeh\u00e4lt der Hypochonder Recht.\u201c Dieser gelungene Witz, dessen Wahrheit sich faktisch nicht von der Hand weisen l\u00e4sst, hat seine Existenzberechtigung, auch wenn ein anderer Autor viel fr\u00fcher zur komplement\u00e4ren Erkenntnis gelangte: \u201eMan hatte dem Kranken so lange Hypochondrie nachgewiesen, bis er an seine Unsterblichkeit glaubte\u201c, schrieb der Schweizer Beat Schmid 1975.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehrere Gemeinsamkeiten verbinden Hadulla (Jg. 1926) mit Wolfram Weidner (1925\u20132009): Beide arbeiteten als Journalisten in Bonn, die Aphorismen beider Altersgenossen sind klar und schn\u00f6rkellos formuliert, ohne Vagheiten, ohne poetelndes Raunen. Weidner (\u201eGeld vertr\u00e4gt sich mit Geschmack erst in der dritten Generation\u201c) ist der bissigere, politischere, Hadulla der vers\u00f6hnlichere Autor. Beide lie\u00dfen sich Zeit mit ihrem aphoristischen Deb\u00fctband. Weidners <em>Meckerbissen<\/em> erschienen 1999. Manches darin war schon in einem Kalenderbuch von 1979 zu finden. Auch Hadulla hat lange gesammelt. Einige Aphorismen im vorliegenden Band, der 2012 herauskam, sind den Besuchern seiner Lesungen seit mehreren Jahren vertraut. Nach vier B\u00fcchern mit Limericks \u2013 das erste (1980) unter dem Pseudonym Werner Horand ver\u00f6ffentlicht und bereits von Hans Weber illustriert \u2013 hat Hadulla Erfahrung darin, ein Autor gering angesehener literarischer Kurzformen zu sein. Vielleicht beg\u00fcnstigt dieser Umstand seinen unpr\u00e4tenti\u00f6sen Stil. <em>Aphorismen. Ja, es gibt gute Menschen. Man muss uns nur entdecken<\/em> ist ein Buch f\u00fcr Leser; die Halbwelt des etablierten Feuilletons wird wohl kaum daran Freude finden \u2013 oder in pejorativer Routine nur Schwachstellen zitieren, etwa Ideen, \u00fcber die schon zahlreiche Autoren variierten: \u201eWie einfach, in einem Hohlkopf Resonanz zu erzeugen\u201c oder um Witzigkeit bem\u00fchte Komposita wie \u201eHonorarizont\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es handelt sich um einen Band mit Licht und Schatten. In seiner Frische und Lebendigkeit jedoch l\u00e4sst er die j\u00fcngsten aphoristischen Exkurse mancher Gro\u00dfautoren wie Rolf Hochhuths <em>Was vorhaben mu\u00df man<\/em> (2012) oder Martin Walsers <em>Me\u00dfmers Momente<\/em> (2013) blass aussehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Werner Hadulla: <strong>Aphorismen. Ja, es gibt gute Menschen. Man muss uns nur entdecken<em>.\u00a0<\/em><\/strong>Mit Illustrationen von Hans Weber. Verlag edition unica, Leipzig 2012.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eVom Gl\u00fcck der gro\u00dfen Zahl sprechen am liebsten die Million\u00e4re\u201c \u2013 dieser Aphorismus ist einer der typischsten von Werner Hadulla. Weshalb? 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