{"id":14723,"date":"2013-04-25T04:20:10","date_gmt":"2013-04-25T02:20:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14723"},"modified":"2022-06-06T13:26:55","modified_gmt":"2022-06-06T11:26:55","slug":"literatur-und-psychologie-zwei-seiten-einer-medaille","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/04\/25\/literatur-und-psychologie-zwei-seiten-einer-medaille\/","title":{"rendered":"Literatur und Psychologie &#8211; zwei Seiten einer Medaille?"},"content":{"rendered":"&nbsp;\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Will man als LeserIn von Literatur auch wissen, wie die &#8218;Geschichten&#8216; die wir leben &#8211; also auch die, die wir\u00a0 im Kopfkino miterleben &#8211; funktionieren? Wollen wir wie TheaterbesucherInnen nach dem St\u00fcck hinter die B\u00fchne schauen und backstageartig die zu schaffenden Voraussetzungen f\u00fcr den unmittelbar erfahrenen Genuss, die Betroffenheit, die Anteilnahme am Werk auch &#8222;verstehen&#8220;, uns erkl\u00e4rbar machen (lassen)?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/hartwig.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-14726 alignright\" title=\"hartwig\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/hartwig.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"234\" \/><\/a>Neugier und Leidenschaft verb\u00fcnden sich nicht nur bei der Kritikerin und Philologin Ina Hartwig, wenn sie in ihrem 2012 ver\u00f6ffentlichten Buch &#8222;Das Geheimfach ist offen &#8211; \u00dcber Literatur&#8220; nachdenkt. In diesem Essayband einer hervorragenden Kritikerin und hellwachen Leserin wird Hintergr\u00fcnden und Abgr\u00fcnden von Texten nachgegangen, auf den Weg zu Neuentdeckungen aufgemacht und dar\u00fcber hinaus das Staunen \u00fcber die Grenzen von Sagbarem in der Literatur nicht unerw\u00e4hnt gelassen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir brauchen Literatur, um zu werden was wir sind, sagt Frau Hartwig in ihrem Vorwort, mit der \u00f6ffentlich gestellten Frage nach sich selbst, in der sie sich biographisch gesehen nicht als Kritikerin bezeichnet, sondern als Lesende und Suchende. Ja, sogar als S\u00fcchtige, als lesender Zwangst\u00e4ter bezeichnet sie sich in ihrer Selbstoffenbarung, die\u00a0 &#8211; wortw\u00f6rtlich erw\u00e4hnt &#8211; das Ziehen des Res\u00fcmees eines Lebensabschnittes darstellen soll, um sich zu erkennen zu geben. Erfrischend unkonventionell gibt sie zu, dass dies leichter gesagt als getan ist, da sich Kritiker habituell hinter den Namen von Schriftstellern und Dichtern versteckten, bedingt durch die Aufgabe, &#8222;\u00fcber deren Werke freundliche oder b\u00f6se Urteile zu f\u00e4llen.&#8220; Als Nutznie\u00dferin einer langj\u00e4hrigen literarischen Erfahrung bedient sie sich am heikelsten Punkt der Wer -Bin -Ich &#8211; Frage des Umweges mittels eines Prunkzitates von Marcel Proust: &#8222;In Wahrheit ist jeder Leser, wenn er liest,\u00a0 der Leser seiner selbst&#8220;. Dieser Satz stammt aus dem letzten Band des siebenteiligen Romanes &#8222;Auf der Suche nach der verlorenen Zeit&#8220;, und besagt, dass man lesend nach seinem Ego suche und nach nichts anderem.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/CocerLekt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-14727\" title=\"CocerLekt\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/CocerLekt-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/CocerLekt-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/CocerLekt.jpg 297w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a>Sigmund Freud, bekannt als Urvater der Tiefenpsychologie, war nicht nur mit der Literarisierung der Arch\u00e4ologe der menschlichen Seele besch\u00e4ftigt, wof\u00fcr er den Frankfurter Goethe-Preis erhielt, sondern auch leidenschaftlicher Interpret literarischer Werke wie Wilhelm Jensen, E.T.A.Hoffmann und Schnitzler. Michael Rohrwasser, Literaturkritiker, au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universit\u00e4t Berlin und Gastprofessoru.a. in Stanford\/USA und Wien, brachte 2005 ein Buch mit dem Titel &#8222;Freuds Lekt\u00fcren&#8220; heraus in dem er Freuds Perspektiven auf die Texte herausarbeitete. In diesem umfangreichen Werk beruft sich Rohrwasser in seinem Vorwort auf Peter Br\u00fcckner, der Freuds Privatlekt\u00fcre 1975 teilweise wiedergelesen und dessen literarische Vorlieben und Abneigungen nachgezeichnet hat mit der zusammenfassenden Erkenntnis, dass diese Privatlekt\u00fcre zu (s)einem &#8222;Diagnostikum&#8220; wird &#8211; Br\u00fcckner entdeckt in den B\u00fcchern Freuds, die dieser geliebt hatte, auch dessen Spiegelbild.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch f\u00fcr Wilhelm Salber (*1928) Lehrstuhlinhaber in K\u00f6ln und W\u00fcrzburg, der sich u.a. mit Kunst- und Filmpsychologie besch\u00e4ftigte, erscheinen Seelisches und Literarisches miteinander verbunden, er sieht in Sprache, Literatur und Seelischem untrennbare Zusammenh\u00e4nge,sieht sie als eine komplexe Einheit . In seinem 1972 erschienen\u00a0 Buch der&#8220; Literaturpsychologie- Gelebte und erlebte Literatur&#8220; definiert er Literaturpsychologie nicht als ein Spezialgebiet der Psychologie, sondern als einen Zugang, Seelisches besser zu verstehn. Sie tut dies mit Salbers Methode, indem sie die herk\u00f6mmliche Arbeitsweise &#8222;verdreht&#8220;. Nicht das Seelische wird mittels Literatur interpretiert, sondern es wird versucht, die Literatur von seelischen Entwicklungsprozessen her zu verstehen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter Literaturpsychologie im Allgemeinen versteht man verschiedene theoretische und empirische Ans\u00e4tze, die sich aus psychologischer Perspektive mit literarischen Texten, mit den Autoren selbst und mit der Literaturrezeption befasst. Die Literaturinterpretation ist der neuere Ansatz in der Literaturpsychologie, der den \u00e4lteren Ansatz &#8211; literarische Texte prim\u00e4r aus der Biographie und der Pers\u00f6nlichkeit des Autors zu verstehen &#8211; weitgehend abgel\u00f6st hat.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die Literatur der Psychologie zu sagen hat, schreibt Irvin D.Yalom (*1931) in seinem ersten Kapitel des 2003\u00a0 erschienen Yalom-Lesebuches in etlichen Beispielen nieder.\u00a0 Hier kommt bei ihm zu Wort, was pers\u00f6nlicher literarischer Kunstgriff gewesen ist auf der Suche nach Erkenntnissen. Egal ob es sich um Lewis Carrolls Werk handelt, in der die Benutzung des anderen zur Best\u00e4tigung der eigenen Existenz herhalten muss, oder um die seltsamen Ideen \u00fcber Liebe und Freiheit wie in Camus Roman &#8222;Der Fall&#8220;, Tolstois subtile Verflechtungen der Beziehung zwischen F\u00fchren und Gef\u00fchrtwerden mit der paradoxen Erkenntnis, dass unter der \u00c4gide der Liebe wahrscheinlich mehr get\u00f6tet worden ist als unter der des Hasses, oder Passagen aus Sartres &#8222;Die Fliegen&#8220;, um die M\u00f6glichkeit zu illustrieren wie sich ein Gef\u00fchl f\u00fcr den Sinn des Lebens entwickeln l\u00e4sst &#8211; in allen Beispielen wird der Autor f\u00fcndig, einen eingekleideten Ausdruck\u00a0 f\u00fcr die innersten menschlichen Antriebskr\u00e4fte anzubieten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie zum Ausgleich, und auch um die Wechselwirkungen darzustellen zwischen Literatur und Psychologie und vice versa, erscheint das darangeh\u00e4ngte zweite Kapitel, das die Psychologie als Ideenliferantin der Literatur behandelt. Auch hier erfolgt eine Umkehrung des Vorganges. Statt uns Einsichten der Literatur zunutze zu machen, um die Psychologie zu erhellen, wird psychodynamisches Fachwissen zur Erhellung von Leben und Werk eines Schriftstellers herangezogen. &#8222;Was Hemingway von Freud\u00a0 h\u00e4tte lernen k\u00f6nnen&#8220;, der Titel des Buches findet seinen Schwerpunkt in diesem Kapitel. Yalom schl\u00e4gt in diesem Fall den klassischen Weg der Tiefenpsychologie(Psychoanalyse) ein, und stellt in seinem Aufsatz die These auf, dass Hemingways innere Koinflikte seine k\u00fcnstlerischen Visionen beinflussten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders als in Freuds Psychoanalyse als Entzifferungssystem innerer seelischer Vorg\u00e4nge eines Autors beim Texteschreiben und dessen Auswirkungen auf das Geschriebene, betrachtet Salber die \u00e4u\u00dfere Geschichte die uns ein Text mitteilt als nicht abkoppelbar vom seelischen Handlungssystem. Konstruktionshilfen literarischer Gestaltung wie Transformation, Umstrukturierbarkeit, Gestaltlogik, Symbolisierung, Analogiebildung, Sinnfindung, Formzwang u.v.\u00e4.m. sind demnach auch Voraussetzungen seelischer Strukturierungsprozesse. Das Seelische will wie Literatur werden und ist zugleich immer mehr als ein literarisches Werk sein kann. Die literarischen Produktionen lt. dieser Psychologie erscheinen als Versuche sich der M\u00f6glichkeiten seelischer Konstruktionen zu bem\u00e4chtigen und ihre Gleichnisse zu &#8222;Wirklichkeiten&#8220; zu machen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/am-nullpunkt-der-literatur-literatur-und-geschichte-kritik-und-wahrheit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-14728\" title=\"am-nullpunkt-der-literatur-literatur-und-geschichte-kritik-und-wahrheit\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/am-nullpunkt-der-literatur-literatur-und-geschichte-kritik-und-wahrheit-182x300.jpg\" alt=\"\" width=\"182\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/am-nullpunkt-der-literatur-literatur-und-geschichte-kritik-und-wahrheit-182x300.jpg 182w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/am-nullpunkt-der-literatur-literatur-und-geschichte-kritik-und-wahrheit.jpg 256w\" sizes=\"auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px\" \/><\/a>Roland Barthes, einer der gro\u00dfen franz\u00f6sischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts &#8222;Am Nullpunkt der Literatur&#8220; meint, dass der Schriftsteller der einzige ist, der seiner Definition nach seine eigene Struktur und die der Welt in die Struktur des Wortes aufgehen l\u00e4sst. Damit setzt auch er Signale f\u00fcr eine insgesamt revolution\u00e4re Situation, f\u00fcr ein Musterbesispiel einer Schreibweise, die nicht nur etwas mitteilen oder ausdr\u00fccken will,sondern dar\u00fcber hinaus ein Au\u00dferhalb des MItgeteilten anzeigen m\u00f6chte, das zugleich das geschichtliche Geschehen ist und der Anteil den man daran nimmt. Salbers formuliertes unl\u00f6sbares Paradox, dass, was Seelisches ist, nur in geschichtlichen Verwandlungen zustande kommt, die zugleich mehr und weniger sind als m\u00f6glich war, ist mit Barthes Unterf\u00fctterung vielleicht &#8222;verst\u00e4ndlicher&#8220;, so weit Unl\u00f6sbares oder Paradoxien \u00fcberhaupt linear verstandesm\u00e4\u00dfig anzugehen sind. An dieser Stelle erscheint mir die Definition der Literaturpsychologie, Literatur als Methapher und Vorbild f\u00fcr das Ganze seelischer Konstruktionen anzusehen die auf grundlegende Paradoxien verweist wie auf Begrenzungen psychischer Erz\u00e4hlungen, angemessen. Das Komplexe &#8211; die Komplexit\u00e4t literarischer Kunstwerke &#8211; das aus heterogenen Geschichten, Handlungen, Personen, Pers\u00f6nlichkeitsanteilen u. a. gespeist wird, findet seinen ansprechenden, weil ad\u00e4quaten Ausdruck kollektiver Erfahrungen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Claudio Magris, der gro\u00dfe italienische Schriftsteller, Gelehrte und Reisende in seinem Werk &#8222;Das Alphabet der Welt&#8220; von der Literatur erz\u00e4hlt, die seinen Werdegang begleitete und von der sich viel mit seinem Leben vermischte, wie er es als bekannt scharfer Beobachter mit analytischem Geist formulierte, ist es wie ein Bekenntnis, dass Literatur an sich mit den Grundz\u00fcgen menschlichen Handelns zusammenh\u00e4ngt. \u00dcbersehen darf nat\u00fcrlich nicht werden, dass sie unter den Gesichtspunkten wie Kontext, Bedeutung, Verwandlung, Ganzheit, \u00dcberg\u00e4ngen,u.a.m. betrachtet werden muss, in einer Vielfalt, in der sich dennoch immer wieder vereinheitlichte Z\u00fcge abheben, die universal und von daher so ansprechend erscheinen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Du hast nicht genug Achtung vor der Schrift und ver\u00e4nderst die Geschichte, sagt der Geistliche zu Josef K. in Kafkas Roman &#8222;Der Prozess&#8220;, jener ber\u00fchmten Parabel vom T\u00fcrh\u00fcter und vom Mann vom Lande, nachdem dieser die Parabel auf die eigene Lage bezogen hat in jener verp\u00f6nten urspr\u00fcnglichen Lesart, die im Gelesenen das eigene Erleben wiedererkennt. Dass Literatur mehr F\u00e4den auslegt, als sich ihre Interpreten tr\u00e4umen lassen, wird gerade durch die Deutungsabstinenz des Autors Kafka ersichtlich, sodass das Vertrauen in das eigene Erkenntnisverm\u00f6gen durch derartige Literatur wieder wohltuend ersch\u00fcttert werden kann.<\/p>\r\n&nbsp;\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: center;\">***<\/div>\r\n<!-- \/wp:post-content --><!-- wp:paragraph {\"align\":\"left\"} -->\r\n<p class=\"has-text-align-left\" style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99615\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Franz_Kafka-e1645556890422.jpg\" alt=\"\" width=\"246\" height=\"300\" \/><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-left\" style=\"text-align: justify;\">Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph --><!-- wp:paragraph --><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Will man als LeserIn von Literatur auch wissen, wie die &#8218;Geschichten&#8216; die wir leben &#8211; also auch die, die wir\u00a0 im Kopfkino miterleben &#8211; funktionieren? 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