{"id":14624,"date":"2011-05-10T00:01:19","date_gmt":"2011-05-09T22:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14624"},"modified":"2022-02-25T10:57:19","modified_gmt":"2022-02-25T09:57:19","slug":"die-personlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/10\/die-personlichkeit\/","title":{"rendered":"Die Pers\u00f6nlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kandinsky ist Befreiung, Trost, Erl\u00f6sung und Beruhigung. Man sollte wallfahren zu seinen Bildern: sie sind ein Ausweg aus den Wirren, den Niederlagen und Verzweiflungen der Zeit. Sie sind Befreiung aus einem zusammenbrechenden Jahrtausend. Kandinsky ist einer der ganz gro\u00dfen Erneuerer, L\u00e4uterer des Lebens. Die Vitalit\u00e4t seiner Intention ist verbl\u00fcffend und ebenso unerh\u00f6rt wie die Rembrandts es war f\u00fcr seine Zeit, wie die Vitalit\u00e4t Wagners es war, ein Menschenalter vor uns. Seine Vitalit\u00e4t erfa\u00dft gleicherweise die Musik, den Tanz, das Drama und die Poesie. Seine Bedeutung beruht in einer gleichzeitig praktischen und theoretischen Initiative. Er ist der Kritiker seines Werkes und seiner Epoche. Er ist der Dichter unerreichter Verse, Sch\u00f6pfer eines neuen Theaterstils, Verfasser einiger der spirituellsten B\u00fccher, die die neue deutsche Literatur aufzuweisen hat. Nur ein Zufall, der Ausbruch des Krieges verhinderte, da\u00df wir von ihm ein Buch \u00fcber das Theater besitzen, im Format und von der Bedeutung des \u00bbBlauen Reiter\u00ab. Derselbe Zufall verhinderte die von ihm geplante Begr\u00fcndung einer internationalen Gesellschaft f\u00fcr Kunst, als man nach Mitteln zur Verwirklichung seiner B\u00fchnenkompositionen suchte. Das Zustandekommen dieser Gesellschaft w\u00fcrde unabsehbare Resultate f\u00fcr die Revolutionierung des Theaters mit sich gebracht haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kandinsky ist Russe. Die Idee der Freiheit ist bei ihm sehr ausgepr\u00e4gt, auf das Gebiet der Kunst \u00fcbertragen. Was er \u00fcber Anarchie sagt, erinnert an S\u00e4tze von Bakunin und Krapotkin. Nur da\u00df er den Freiheitsbegriff ganz spirituell auf die \u00c4sthetik anwendet. Im \u00bbBlauen Reiter\u00ab \u00fcber die Formfrage schreibt er: \u00bbAnarchie nennen viele den gegenw\u00e4rtigen Zustand der Malerei. Dasselbe Wort wird schon hier und da auch bei der Bezeichnung des gegenw\u00e4rtigen Zustands in der Musik gebraucht. Darunter versteht man f\u00e4lschlich ein planloses Umwerfen und Unordnung. Die Anarchie ist aber Planm\u00e4\u00dfigkeit und Ordnung, welche nicht durch eine \u00e4u\u00dfere und schlie\u00dflich versagende Gewalt hergestellt, sondern durch das Gef\u00fchl des Guten geschaffen werden.\u00ab Dieses \u00bbGef\u00fchl des Guten\u00ab oder die \u00bbinnere Notwendigkeit\u00ab ist das einzige und letzte Schaffensprinzip,\u00a0das er anerkennt. Die \u00bbinnere Notwendigkeit\u00ab allein gibt der freien Intuition Grenzen, die innere Notwendigkeit bildet die \u00e4u\u00dfere, sichtbare Form des Werkes. Die innere Notwendigkeit ist es, auf die alles zuletzt ankommt, sie verteilt die Farben, Formen und Gewichte, sie tr\u00e4gt die Verantwortung auch f\u00fcr das gewagteste Experiment. Sie allein ist die Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Urgrund der Bilder. In ihr dokumentieren sich die drei Elemente, aus denen das Kunstwerk besteht: Zeit, Pers\u00f6nlichkeit und Kunstprinzip. Sie bildet den Hauptklang, von dem die Nebenkl\u00e4nge sich abheben. Sie ist das letzte Tor, das der anst\u00fcrmende K\u00fcnstler nicht mehr zu zerbrechen f\u00e4hig ist. Und selbst von ihr, der Form seiner Werke, sagt Kandinsky: \u00bbDer Geist schafft eine Form und geht zu weiteren Formen \u00fcber\u00ab und ein andermal: \u00bbNicht der neue Wert ist das wichtigste, sondern der Geist, welcher sich in diesem Werke offenbart hat. Und weiter die f\u00fcr die Offenbarungen notwendige Freiheit.\u00ab So wird ihm jedes Werk \u00bbKind seiner Zeit und Mutter der Zukunft.\u00ab Indem er den Klang, die Essenz eines Dinges bis ins Innerste verfolgt, l\u00e4\u00dft er ihm zugleich den weitesten Spielraum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kandinsky beweist seine Nation nicht nur in der Form, sondern auch in der Farbe. Das bunte Ru\u00dfland ist in seinen Werken wie bei keinem sonst. Die weite Schneefl\u00e4che, dar\u00fcber das Abend- oder Morgenrot, die Himbeerfarbe der Troika-Gl\u00f6ckchen, die bunten Glasmalereien der Bauernstuben, die Farben, von Bauernfesten und die blauen Muttergottesm\u00e4ntel, eisige Klarheit und Luzidit\u00e4t, daneben das Schummern der Farben, wie sie in Nordlichtern stehen, starkes Gr\u00fcn, Wei\u00df, Zinnober, wenn man sich die Bilder Kandinskys verkleinert denkt im Format, gesammelt in Duodezformat, findet man die Farben und die Intensit\u00e4t glasgemalter Heiligenbilder. Und wenn man Ru\u00dfland einmal gefunden hat in seinen Bildern, dann findet man Formen von Ziehbrunnen, Kompositionsformen, die an einen auf beiden Schultern beladenen Wassertr\u00e4ger erinnern (wie im \u00bbBild mit rotem Fleck\u00ab). Dann findet man Steppenreiter, Hufschl\u00e4ge, Litaneien und Osterfeste, deren Reminiszenzen selbst die vergeistigste Kunst nicht ganz zu l\u00f6schen vermochte. Dann findet man das r\u00fchrend einfache, christlich-reine, unber\u00fchrte, stille und m\u00e4rchenhaft atmende\u00a0Ru\u00dfland, das wie ein aufwachender Morgen gro\u00df und gewaltig am Himmel entbrennt. Dann findet man in Kandinsky einen Herold der Freiheit seines gro\u00dfen, an Japan und Gr\u00f6nland grenzenden Volkes. Mir war immer besonders lieb das Bild Nummer 41, in dem ich gerade dieses Angrenzen, dieses Erwachen, diese Reinheit gr\u00f6nlandischer Polarlichter und japanischer Formfinessen in z\u00e4rtester Form vermischt und best\u00e4tigt fand. Uns Westeurop\u00e4ern erscheint diese ungebrochene Farbenreinheit und Gr\u00f6\u00dfe der Intuition als Romantik. Stand aber Ru\u00dfland nicht immer romantisch zum Westen? War Dostojewski nicht der letzte gro\u00dfe Romantiker? Ist das russische Christentum nicht das st\u00e4rkste und letzte Bollwerk der Romantik im heutigen Europa? Das ist gerade sein kultureller Wert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_14644\" style=\"width: 207px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Vassily-Kandinsky-1.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14644\" class=\"size-full wp-image-14644\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Vassily-Kandinsky-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"315\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Vassily-Kandinsky-1.jpeg 197w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Vassily-Kandinsky-1-187x300.jpeg 187w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14644\" class=\"wp-caption-text\">Vassily Kandinsky, um 1913<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die\u00a0bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Kandinsky ist Befreiung, Trost, Erl\u00f6sung und Beruhigung. Man sollte wallfahren zu seinen Bildern: sie sind ein Ausweg aus den Wirren, den Niederlagen und Verzweiflungen der Zeit. Sie sind Befreiung aus einem zusammenbrechenden Jahrtausend. 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