{"id":14614,"date":"2019-12-26T00:01:45","date_gmt":"2019-12-25T23:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14614"},"modified":"2022-02-25T10:48:41","modified_gmt":"2022-02-25T09:48:41","slug":"die-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/26\/die-zeit\/","title":{"rendered":"Die Zeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drei Dinge sind es, die die Kunst unserer Tage bis ins Tiefste ersch\u00fctterten, ihr ein neues Gesicht verliehen und sie vor einen gewaltigen neuen Aufschwung stellten: Die von der kritischen Philosophie vollzogene Entg\u00f6tterung der Welt, die Aufl\u00f6sung des Atoms in der Wissenschaft und die Massenschichtung der Bev\u00f6lkerung im heutigen Europa.<\/p>\n<div id=\"attachment_14635\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Lier.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14635\" class=\"size-medium wp-image-14635\" title=\"Lier\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Lier-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Lier-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Lier.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14635\" class=\"wp-caption-text\">Zimmerturm in Lier, Photo: Ad Meskens<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott ist tot. Eine Welt brach zusammen. Ich bin Dynamit. Die Weltgeschichte bricht in zwei Teile. Es gibt eine Zeit vor mir. Und eine Zeit nach mir. Religion, Wissenschaft, Moral \u2013 Ph\u00e4nomene, die aus Angstzust\u00e4nden primitiver V\u00f6lker entstanden sind. Eine Zeit bricht zusammen. Eine tausendj\u00e4hrige Kultur bricht zusammen. Es gibt keine Pfeiler und St\u00fctzen, keine Fundamente mehr, die nicht zersprengt worden w\u00e4ren. Kirchen sind Luftschl\u00f6sser geworden. \u00dcberzeugungen, Vorurteile. Es gibt keine Perspektive mehr in der moralischen Welt. Oben ist unten, unten ist oben. Umwertung aller Werte fand statt. Das Christentum bekam einen Sto\u00df. Die Prinzipien der Logik, des Zentrums, Einheit und Vernunft wurden als Postulate einer herrschs\u00fcchtigen Theologie durchschaut. Der Sinn der Welt schwand. Die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der Welt in Hinsicht auf ein sie zusammenhaltendes h\u00f6chstes Wesen schwand. Chaos brach hervor. Tumult brach hervor. Die Welt zeigte sich als ein blindes \u00dcber- und Gegeneinander entfesselter Kr\u00e4fte. Der Mensch verlor sein himmlisches Gesicht, wurde Materie, Zufall, Konglomerat, Tier, Wahnsinnsprodukt abrupt und unzul\u00e4nglich zuckender Gedanken. Der Mensch verlor seine Sonderstellung, die ihm die Vernunft gewahrt hatte. Er wurde Partikel der Natur, vorurteilslos gesehen ein Wesen froschoder storchen\u00e4hnlich, mit disproportionierten Gliedern, einem vom Gesicht abstehenden Zacken, der sich Nase nennt, abstehenden Zipfeln, die man gewohnt war \u00bbOhren\u00ab zu nennen. Der Mensch, der g\u00f6ttlichen Illusion entkleidet, wurde gew\u00f6hnlich,\u00a0nicht interessanter als ein Stein es ist, von demselben Gesetze aufgebaut und beherrscht, er verschwand in der Natur, man hatte alle Veranlassung, ihn nicht zu genau zu besehen, wenn man nicht voller Entsetzen und Abscheu den letzten Rest von Achtung vor diesem Jammer-Abbild des gestorbenen Sch\u00f6pfers verlieren wollte. Eine Revolution gegen Gott und seine Kreaturen fand statt. Das Resultat war eine Anarchie der befreiten D\u00e4monen und Naturm\u00e4chte. Die Titanen standen auf und zerbrachen die Himmelsburgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber man zerbrach nicht nur die Mauern, man zerrieb, zerlegte, zertrat noch die Sandk\u00f6rner. Es blieb nicht nur kein Stein auf dem andern, es blieb auch nicht einmal kein K\u00f6rnchen, kein Atom beim andern. Das Feste zerrann. Stein, Holz, Metall zerrannen. Das Gro\u00dfe wurde klein und das Kleine wuchs riesenhaft. Die Welt wurde monstr\u00f6s, unheimlich, das Vernunfts-und Konventionsverh\u00e4ltnis, der Ma\u00dfstab schwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Elektronenlehre brachte ein seltsames Vibrieren in alle Fl\u00e4chen, Linien, Formen. Die Gegenst\u00e4nde \u00e4nderten ihre Gestalt, ihr Gewicht, ihr Gegen- und \u00dcbereinander. Wie auf philosophischem Gebiete die Geister, so wurden auf physikalischem Gebiete die K\u00f6rper von Illusion erl\u00f6st. Die Dimensionen wuchsen, die Grenzen fielen. Letzte beherrschende Prinzipien gegen\u00fcber der Willk\u00fcr der Natur blieben der individuelle Geschmack, Takt und Logos des Individuums. Inmitten von Finsternis, Angst, Sinnlosigkeit hob eine neue Welt voll Ahnungen, Fragen, Deutungen sch\u00fcchtern ihr riesenhaftes Haupt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und als ein weiteres Element traf zerst\u00f6rend, bedrohend, mit dem verzweifelten Suchen nach einer Neuordnung der in Tr\u00fcmmer gegangenen Welt zusammen: die Massenkultur der modernen Gro\u00dfstadt. Das individuelle Leben starb, die Melodie starb. Der einzelne Eindruck besagte nichts mehr. Komplektisch dr\u00e4ngten die Gedanken und Wahrnehmungen auf die Gehirne ein, symphonisch die Gef\u00fchle. Maschinen entstanden und traten anstelle der Individuen. Komplexe und Wesen entstanden von \u00fcbermenschlicher, \u00fcberindividueller Furchtbarkeit. Angst wurde ein Wesen mit Millionen K\u00f6pfen. Kraft wurde nicht mehr nach dem einzelnen Menschen, sondern nach zehntausenden Pferdekr\u00e4ften gemessen. Turbinen, Kesselh\u00e4user,\u00a0Eisenh\u00e4mmer, Elektrizit\u00e4t lie\u00dfen Kraftfelder und Geister entstehen, die ganze St\u00e4dte und L\u00e4nder in ihrer furchtbaren Gewalt hatten; neue Schlachten, Unterg\u00e4nge und Himmelfahrten, neue Feste, Himmel und H\u00f6llen. Eine Welt abstrakter D\u00e4monen verschlang die Einzel\u00e4u\u00dferung, verzehrte die individuellen Gesichter in turmhohen Masken, verschlang den Privatausdruck, raubte den Namen der Einzeldinge, zerst\u00f6rte das Ich und schwenkte Meere von ineinandergest\u00fcrzten Gef\u00fchlen gegeneinander. Psychologie wurde Klatsch. Komplexe zeterten. Metaphysik donnerte, bebte, unterminierte. Z\u00e4rteste Vibrationen und unerh\u00f6rteste Massen-Monstra zeichneten sich auf den Horizonten, vermengten, zerschnitten, durchdrangen einander.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99423\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Hugo_Ball_Cabaret_Voltaire-e1645506781248.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"300\" \/>Anmerkung der Redaktion:<\/span> Das 30. Jahr, es ist fast \u00fcberstanden. KUNO dankt allen Lesern und K\u00fcnstlern, die uns Mut gaben, auch am 1. Januar weiterzumachen. Erinnerung wird zunehmend auf neue Technologien ausgelagert. Das Grundproblem der Erinnerungskultur, der Zeugenschaft, der Autorschaft, ist die Frage: Wer erz\u00e4hlt, wer verarbeitet, wem eine Geschichte geh\u00f6rt? \u2013\u00a0<span data-offset-key=\"nqia-2-0\">\u201eKultur schafft und ist Kommunikation, Kultur lebt von der Kommunikation der Interessierten.\u201c, schreibt Haimo Hieronymus in einem der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/06\/05\/interim-kulturnotizen\/\">Gr\u00fcndungstexte<\/a> von KUNO. <\/span>Die ausf\u00fchrliche Chronik des Projekts <em>Das Labor<\/em> lesen sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/10\/zukunft-braucht-herkunft\/\">hier<\/a>. Diese Ausgrabungsst\u00e4tte f\u00fcr die Zukunft ist seit 2009 ein Label, die <em>Edition Das Labor<\/em>. Diese Edition arbeitet ohne Kapital, zuweilen mit Kapit\u00e4lchen, meist mit einer gro\u00dfen k\u00fcnstlerischen Spekulationskraft. Eine \u00dcbersicht \u00fcber die in diesem <em>Labor<\/em> seither realisierten K\u00fcnstlerb\u00fccher, B\u00fccher und H\u00f6rb\u00fccher finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00fcnstlerbucher sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Drei Dinge sind es, die die Kunst unserer Tage bis ins Tiefste ersch\u00fctterten, ihr ein neues Gesicht verliehen und sie vor einen gewaltigen neuen Aufschwung stellten: Die von der kritischen Philosophie vollzogene Entg\u00f6tterung der Welt, die Aufl\u00f6sung des Atoms&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/26\/die-zeit\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":76,"featured_media":98688,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[136],"class_list":["post-14614","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hugo-ball"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14614","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/76"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14614"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14614\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100435,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14614\/revisions\/100435"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98688"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14614"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14614"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14614"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}