{"id":14612,"date":"2020-06-15T00:01:46","date_gmt":"2020-06-14T22:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14612"},"modified":"2022-02-22T06:07:20","modified_gmt":"2022-02-22T05:07:20","slug":"die-junge-literatur-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/06\/15\/die-junge-literatur-in-deutschland\/","title":{"rendered":"Die junge Literatur in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Radix.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-14615\" title=\"Radix\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Radix-151x300.jpg\" alt=\"\" width=\"151\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Radix-151x300.jpg 151w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Radix.jpg 263w\" sizes=\"auto, (max-width: 151px) 100vw, 151px\" \/><\/a>Der Kampf, den die junge Literatur in Deutschland heute zu f\u00fchren hat, geht um die Bildung einer oppositionellen Partei. Opposition gegen die hier wie in keinem Lande allm\u00e4chtige Bourgeoisie; Opposition gegen den krassen Materialismus in Leben, Kunst, Politik, Presse; Opposition gegen die offizielle Oppositionspartei (die Sozialdemokratie): das sind die Aufgaben, die sich die junge Literatur von heute mehr und mehr zu Bewu\u00dftsein bringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Situation ist schwierig. Zun\u00e4chst: Es fehlt jede Tradition. Dreierlei hat man in Deutschland noch nicht gen\u00fcgend begriffen: Erstens, da\u00df die verantwortlichen Denker der letzten f\u00fcnf Jahrzehnte, Bakunin und Nietzsche, den Deutschen als Typus ablehnten. Da\u00df man sich also in einem Lande befindet, das vor Europa und vor aller Intellektualit\u00e4t (Radikalit\u00e4t) kompromittiert ist. Zweitens, da\u00df man in Dingen politischer Intelligenz seit den Dekabristen (1825) von Ru\u00dfland zu lernen hat statt von Frankreich. Drittens, da\u00df es in Deutschland trotz hunderttausend B\u00fcchern, Zeitschriften und Bibliotheken so etwas wie ein \u00f6ffentliches geistiges Leben, das hei\u00dft unmittelbare Auspr\u00e4gung dessen, was man denkt und f\u00fchlt (auf dem Podium, in der Versammlung, in der Tagespresse) noch nicht gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man den Deutschen vorwirft, da\u00df sie ihren Nietzsche (und dessen vielgliedrige Kritik der Moral, der Philosophie, der Religion, des Idealismus) nicht verstanden haben, so zitieren sie den \u00bbZarathustra\u00ab (das nutzloseste Buch, das einer geschrieben hat) und den \u00bbWillen zur Macht\u00ab, statt \u00bbEcce-homo\u00ab, \u00bbMorgenr\u00f6te\u00ab und den \u00bbFall Wagner\u00ab (sie zitieren immer, was ihnen gerade in den Kram pa\u00dft). Wenn man sie nach Bakunin fr\u00e4gt, so wissen sie, da\u00df bei Cotta in Stuttgart der Briefwechsel mit Herzen und Ogarjeff erschienen ist. Das pamphletisch-antigermanische \u00bbl&#8217;empire knoutogermanique\u00ab ist noch in keiner, selbst der schlechtesten \u00dcbersetzung zu erhalten; die Biographie Nettlaus nur in einem Abri\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die B\u00fccherei \u00bbVorw\u00e4rts\u00ab ihrerseits (marxistisch wie sie ist) tut alles, um die bakunistische Theorie, und was schlimmer ist: die\u00a0bakunistische Praxis, ad absurdum zu f\u00fchren. Eine Sozialrevolution\u00e4re Partei aber gibt es heute in Deutschland nicht. Revolution\u00e4re Propaganda in Deutschland ist ein Unding. Vor allem fehlt es an einem radikal kultivierenden Verlag. Es gibt keinen Verlag in Deutschland, der nur oppositionelle Literatur aufnimmt. Oppositionelle Bl\u00e4tter wie die \u00bbAktion\u00ab (Herausgeber Franz Pfemfert, Wilmersdorf, Nassauische Str. 17), das Organ der J\u00fcngsten, St\u00e4rksten, Kritischsten, behaupten sich mit M\u00fche und unter nahezu vollkommener Ignoranz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit im Zusammenhang steht die Richtung auf das \u00c4sthetisierende, Formale, Dekorative, von der die j\u00fcngste Literatur noch immer beherrscht ist: Sympathie und Tendenz mit und nach Frankreich. Radikale politische Lekt\u00fcre mu\u00df sich der junge Deutsche m\u00fchsam zusammensuchen aus polemischen Schriften der \u203aVorw\u00e4rts\u2039-Offizin! Eigene radikale B\u00fccher schreibt der junge Deutsche nicht, einmal, weil er keine Muster hat, kein eigentlich \u00f6ffentliches Leben von Bedeutung und Widerspruch vorfindet; sodann, weil er auch keinen Verleger f\u00e4nde, der sich seiner Produktion ann\u00e4hme, und dieser Verleger wiederum kein Publikum (kurz, weil jede Voraussetzung fehlt). So neigt der junge Literat zu Frankreich; das, m\u00fcde der gro\u00dfen Vergangenheit, mehr und mehr die Tradition von 1789 verliert; zu einem Frankreich, als dessen oppositionellen Extrakt der Verlag Diederichs in Jena die im besten Falle antiprussianische \u00bbArmee francaise\u00ab des Jaur\u00e8s anbietet; zu Frankreich, dessen \u00e4sthetische Kultur ihm die notwendigere politische ersetzen mu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gewinn ist eine \u00e4sthetisch-antibourgeoise, von Flaubert her orientierte Gesinnung. Das Resultat: etwa Heinrich Manns undeutsche Romane oder die Kom\u00f6dien Carl Sternheims (\u00bbDie Hose\u00ab, \u00bbB\u00fcrger Schippel\u00ab, \u00bbSnob\u00ab, \u00bb1913\u00ab), entz\u00fcckend geschliffene, kristallklare Kom\u00f6dien \u00bbaus dem b\u00fcrgerlichen Heldenleben\u00ab mit viel begeistertem Spott gegen den verschollenen deutschen Raubritterheroismus, gegen veilchenblaues Banausentum. Kom\u00f6dien, von denen sich indessen schon das gro\u00dfb\u00fcrgerlich-\u00bbweltpolitische\u00ab Berliner Tageblatt nicht mehr getroffen f\u00fchlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drittens: hat es bis jetzt f\u00fcr die junge deutsche Literatur so etwas wie ein \u00f6ffentliches Leben noch nicht gegeben. Es sind noch keine 10 Jahre her, da\u00df in Berlin eine gewisse Propaganda\u00a0des \u00f6ffentlichen Ausdrucks einsetzte (unterm Einflu\u00df nihilistisch erzogener russischer Frauen). Man wurde, mehr und mehr, der Meinung, es komme alles darauf an, nicht nur zu denken und zu f\u00fchlen. Wichtiger als \u00bbLiteratur\u00ab sei das Eingreifen, das Sich-Beteiligen an der \u00d6ffentlichkeit. Wichtiger als Verse, Aufs\u00e4tze, Dramen irgendwelcher Art sei das Auspr\u00e4gen etwelcher\u00a0<em>Gedanken<\/em>\u00a0coram publico, sei es im Vortragssaal, mit der Reitpeitsche oder in der Debatte. Man dachte an Manifeste, wo man fr\u00fcher Gedichtb\u00e4nde und Romane ver\u00f6ffentlichte. Man veranstaltete jetzt Abende auf eigene Faust unter Umgehung der Zeitschriften. Man trieb Polemik, Propaganda und schrieb (dies alles erst in den letzten Jahren) \u00bbAufrufe an die Partei des deutschen Geistes\u00ab. Eine neue Art von Publizistik, sehr fanatisch und direkt, schien sich vorzubereiten. Leider noch au\u00dfer Kontakt mit der proletarisch-\u00f6konomischen Situation, aber doch tastend danach. Bezeichnend scheint mir die Tatsache zu sein, da\u00df nach Ausbruch des Kriegs die ihrer Herkunft nach b\u00fcrgerliche Intelligenz dringenden Anschlu\u00df suchte bei Gustav Landauer, dessen m\u00fcde gewordener, degoutierter K\u00e4mpfernatur es nach pers\u00f6nlichen Erfahrungen des Unterzeichneten nur an Blick f\u00fcr die in ihren \u00dcberzeugungen irre gewordenen b\u00fcrgerlichen Elemente fehlte. Bezeichnend scheint mir auch, da\u00df die junge b\u00fcrgerliche Intelligenz es war, von der im Februar dieses Jahres, als das Fortbestehen der Berliner \u00bbFreien Volksb\u00fchne\u00ab in Frage stand, ein Aufruf f\u00fcr Erhaltung des proletarischen Gr\u00fcndungsgedankens dieses Theaters ausging. Der Krieg hat eine Ann\u00e4herung der intellektuellen Elemente zu den proletarischen eingeleitet. Die Gemeinsamkeit liegt in der Opposition gegen den Krieg, gegen den Patriotismus. Der Krieg hat dar\u00fcber hinaus aber auch die \u00f6konomische Deklassierung der Intelligenz angebahnt, eine Tatsache, von der noch manches zu erwarten ist. Der junge Literat b\u00fcrgerlicher Herkunft findet heute keinen Boden und kein Publikum mehr. Irgendwie empfindet er in Lebensfragen realer, radikaler als je. Irgendwie ger\u00e4t er dadurch mit der Kriminalit\u00e4t in Konflikt. Irgendwie f\u00fchlt er sich ohne Schutz und Subsistenz. Er vertreibt sich die Zeit mit Psychoanalyse und neigt zur Hochstapelei. Er st\u00e4nkert in 20 Berufen und zieht sich zur\u00fcck, um \u00fcberhaupt zu verzichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie die Dinge heute liegen, ist nur zu w\u00fcnschen, da\u00df die Situation sich noch verschlimmert. Denn nur so kann in Deutschland die Verbindung zwischen Proletariat und Intelligenz zustande kommen, die fehlt und nottut, wenn auf der einen Seite nicht l\u00e4cherlichste Anma\u00dfung, auf der andern ein geistig unzul\u00e4ngliches F\u00fchrertum die Folge sein soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99417\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/HugoBall-e1645506368764.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erinnerung wird zunehmend auf neue Technologien ausgelagert. Das Grundproblem der Erinnerungskultur, der Zeugenschaft, der Autorschaft, ist die Frage: Wer erz\u00e4hlt, wer verarbeitet, wem eine Geschichte geh\u00f6rt? \u2013\u00a0<span data-offset-key=\"nqia-2-0\">\u201eKultur schafft und ist Kommunikation, Kultur lebt von der Kommunikation der Interessierten.\u201c, schreibt Haimo Hieronymus in einem der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/06\/05\/interim-kulturnotizen\/\">Gr\u00fcndungstexte<\/a> von KUNO. <\/span>Die ausf\u00fchrliche Chronik des Projekts <em>Das Labor<\/em> lesen sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/10\/zukunft-braucht-herkunft\/\">hier<\/a>. Diese Ausgrabungsst\u00e4tte f\u00fcr die Zukunft ist seit 2009 ein Label, die <em>Edition Das Labor<\/em>. Diese Edition arbeitet ohne Kapital, zuweilen mit Kapit\u00e4lchen, meist mit einer gro\u00dfen k\u00fcnstlerischen Spekulationskraft. Eine \u00dcbersicht \u00fcber die in diesem <em>Labor<\/em> seither realisierten K\u00fcnstlerb\u00fccher, B\u00fccher und H\u00f6rb\u00fccher finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00fcnstlerbucher sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kampf, den die junge Literatur in Deutschland heute zu f\u00fchren hat, geht um die Bildung einer oppositionellen Partei. 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