{"id":14528,"date":"2023-02-17T00:01:28","date_gmt":"2023-02-16T23:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14528"},"modified":"2022-02-18T17:09:34","modified_gmt":"2022-02-18T16:09:34","slug":"verschiedenartige-geschichtsauffassung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/17\/verschiedenartige-geschichtsauffassung\/","title":{"rendered":"Verschiedenartige Geschichtsauffassung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch der Geschichte findet mannigfaltige Auslegungen. Zwei ganz entgegengesetzte Ansichten treten hier besonders hervor. \u2013 Die einen sehen in allen irdischen Dingen nur einen trostlosen Kreislauf; im Leben der V\u00f6lker wie im Leben der Individuen, in diesem, wie in der organischen Natur \u00fcberhaupt, sehen sie ein Wachsen, Bl\u00fchen, Welken und Sterben: Fr\u00fchling, Sommer, Herbst und Winter. \u00bbEs ist nichts Neues unter der Sonne!\u00ab ist ihr Wahlspruch; und selbst dieser ist nichts Neues, da schon vor zwei Jahrtausenden der K\u00f6nig des Morgenlandes ihn hervorgeseufzt. Sie zucken die Achsel \u00fcber unsere Zivilisation, die doch endlich wieder der Barbarei weichen werde; sie sch\u00fctteln den Kopf \u00fcber unsere Freiheitsk\u00e4mpfe, die nur dem Aufkommen neuer Tyrannen f\u00f6rderlich seien; sie l\u00e4cheln \u00fcber alle Bestrebungen eines politischen Enthusiasmus, der die Welt besser und gl\u00fccklicher machen will und der doch am Ende erk\u00fchle und nichts gefruchtet; \u2013 in der kleinen Chronik von Hoffnungen, N\u00f6ten, Mi\u00dfgeschicken, Schmerzen und Freuden, Irrt\u00fcmern und Entt\u00e4uschungen, womit der einzelne Mensch sein Leben verbringt, in dieser Menschengeschichte sehen sie auch die Geschichte der Menschheit. In Deutschland sind die Weltweisen der Historischen Schule und die Poeten aus der Wolfgang Goetheschen Kunstperiode ganz eigentlich dieser Ansicht zugetan, und letztere pflegen damit einen sentimentalen Indifferentismus gegen alle politischen Angelegenheiten des Vaterlandes allers\u00fc\u00dflichst zu besch\u00f6nigen. Eine zur Gen\u00fcge wohlbekannte Regierung in Norddeutschland wei\u00df ganz besonders diese Ansicht zu sch\u00e4tzen, sie l\u00e4\u00dft ordentlich Menschen darauf reisen, die unter den\u00a0elegischen Ruinen Italiens die gem\u00fctlich beschwichtigenden Fatalit\u00e4tsgedanken in sich ausbilden sollen, um nachher, in Gemeinschaft mit vermittlenden Predigern christlicher Unterw\u00fcrfigkeit, durch k\u00fchle Journalaufschl\u00e4ge das dreit\u00e4gige Freiheitsfieber des Volkes zu d\u00e4mpfen. Immerhin, wer nicht durch freie Geisteskraft emporsprie\u00dfen kann, der mag am Boden ranken; jener Regierung aber wird die Zukunft lehren, wie weit man kommt mit Ranken und R\u00e4nken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der oben besprochenen, gar fatalen fatalistischen Ansicht steht eine lichtere entgegen, die mehr mit der Idee einer Vorsehung verwandt ist und wonach alle irdischen Dinge einer sch\u00f6nen Vervollkommenheit entgegenreifen und die gro\u00dfen Helden und Heldenzeiten nur Staffeln sind zu einem h\u00f6heren gott\u00e4hnlichen Zustande des Menschengeschlechtes, dessen sittliche und politische K\u00e4mpfe endlich den heiligsten Frieden, die reinste Verbr\u00fcderung und die ewigste Gl\u00fcckseligkeit zur Folge haben. Das Goldne Zeitalter, hei\u00dft es, liege nicht hinter uns, sondern vor uns; wir seien nicht aus dem Paradiese vertrieben mit einem flammenden Schwerte, sondern wir m\u00fc\u00dften es erobern durch ein flammendes Herz, durch die Liebe; die Frucht der Erkenntnis gebe uns nicht den Tod, sondern das ewige Leben. \u2013 \u00bbZivilisation\u00ab war lange Zeit der Wahlspruch bei den J\u00fcngern solcher Ansicht. In Deutschland huldigte ihr vornehmlich die Humanit\u00e4tsschule. Wie bestimmt die sogenannte philosophische Schule dahin zielt, ist m\u00e4nniglich bekannt. Sie war den Untersuchungen politischer Fragen ganz besonders f\u00f6rderlich, und als h\u00f6chste Bl\u00fcte dieser Ansicht predigt man eine idealische Staatsform, die, ganz basiert auf Vernunftgr\u00fcnden, die Menschheit in letzter Instanz veredeln und begl\u00fccken soll. \u2013 Ich brauche wohl die begeisterten K\u00e4mpen dieser Ansicht nicht zu nennen. Ihr Hochstreben ist jedenfalls erfreulicher als die kleinen Windungen niedriger Ranken; wenn wir sie einst bek\u00e4mpfen, so geschehe es mit dem kostbarsten Ehrenschwerte, w\u00e4hrend wir einen rankenden Knecht nur mit der wahlverwandten Knute abfertigen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide Ansichten, wie ich sie angedeutet, wollen nicht recht\u00a0mit unseren lebendigsten Lebensgef\u00fchlen \u00fcbereinklingen; wir wollen auf der einen Seite nicht umsonst begeistert sein und das H\u00f6chste setzen an das unn\u00fctz Verg\u00e4ngliche; auf der anderen Seite wollen wir auch, da\u00df die Gegenwart ihren Wert behalte und da\u00df sie nicht blo\u00df als Mittel gelte und die Zukunft ihr Zweck sei. Und in der Tat, wir f\u00fchlen uns wichtiger gestimmt, als da\u00df wir uns nur als Mittel zu einem Zwecke betrachten m\u00f6chten; es will uns \u00fcberhaupt bed\u00fcnken, als seien Zweck und Mittel nur konventionelle Begriffe, die der Mensch in die Natur und in die Geschichte hineingegr\u00fcbelt, von denen aber der Sch\u00f6pfer nichts wu\u00dfte, indem jedes Erschaffnis sich selbst bezweckt und jedes Ereignis sich selbst bedingt und alles, wie die Welt selbst, seiner selbst willen da ist und geschieht. \u2013 Das Leben ist weder Zweck noch Mittel; das Leben ist ein Recht. Das Leben will dieses Recht geltend machen gegen den erstarrenden Tod, gegen die Vergangenheit, und dieses Geltendmachen ist die Revolution. Der elegische Indifferentismus der Historiker und Poeten soll unsere Energie nicht l\u00e4hmen bei diesem Gesch\u00e4fte; und die Schw\u00e4rmerei der Zukunftbegl\u00fccker soll uns nicht verleiten, die Interessen der Gegenwart und das zun\u00e4chst zu verfechtende Menschenrecht, das Recht zu leben, aufs Spiel zu setzen. \u2013 \u00bbLe pain est le droit du peuple\u00ab, sagte Saint-Just, und das ist das gr\u00f6\u00dfte Wort, das in der ganzen Revolution gesprochen worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_14530\" style=\"width: 236px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Heinrich-Heine-Gema\u0308lde-von-Moritz-Daniel-Oppenheim-1831.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14530\" class=\"size-medium wp-image-14530\" title=\"Heinrich Heine (Gema\u0308lde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831)\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Heinrich-Heine-Gema\u0308lde-von-Moritz-Daniel-Oppenheim-1831-226x300.png\" alt=\"\" width=\"226\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Heinrich-Heine-Gema\u0308lde-von-Moritz-Daniel-Oppenheim-1831-226x300.png 226w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Heinrich-Heine-Gema\u0308lde-von-Moritz-Daniel-Oppenheim-1831.png 260w\" sizes=\"auto, (max-width: 226px) 100vw, 226px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14530\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich Heine (Gema\u0308lde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831)<\/p><\/div>\n<p><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das Buch der Geschichte findet mannigfaltige Auslegungen. 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