{"id":14476,"date":"2020-07-25T00:01:45","date_gmt":"2020-07-24T22:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14476"},"modified":"2022-06-13T05:53:22","modified_gmt":"2022-06-13T03:53:22","slug":"der-fall-wagner","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/25\/der-fall-wagner\/","title":{"rendered":"Der Fall Wagner"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ein Sommer ohne Bayreuther Festspiele, kaum denkbar. Auch in diesem Jahr sind die begehrten Karten vorbestellt, Hotels ausgebucht &#8211; aber die Festspiele fallen wegen der Pandemie aus. Zum ersten Mal seit Weltkrieg # 2. Ein 25. Juli ohne Fanfaren und glamour\u00f6se Roben auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel. Der Vorhang bleibt geschlossen und viele Fragen weiterhin offen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">1<\/h4>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div id=\"attachment_14481\" style=\"width: 227px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Portrait-of-Georges-Bizet-.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14481\" class=\"size-medium wp-image-14481\" title=\"Portrait of Georges Bizet\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Portrait-of-Georges-Bizet--217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Portrait-of-Georges-Bizet--217x300.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Portrait-of-Georges-Bizet-.jpg 434w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14481\" class=\"wp-caption-text\">Georges Bizet<\/p><\/div>\n<p>Ich h\u00f6rte gestern \u2013 werden Sie es glauben? \u2013 zum zwanzigsten Male\u00a0<em>Bizets<\/em>\u00a0Meisterst\u00fcck. Ich harrte wieder mit einer sanften Andacht aus, ich lief wieder nicht davon. Dieser Sieg \u00fcber meine Ungeduld \u00fcberrascht mich. Wie ein solches Werk vervollkommnet! Man wird selbst dabei zum \u00bbMeisterst\u00fcck\u00ab. \u2013 Und wirklich schien ich mir jedesmal, da\u00df ich\u00a0<em>Carmen<\/em>\u00a0h\u00f6rte, mehr Philosoph, ein besserer Philosoph, als ich sonst mir scheine: so langm\u00fctig geworden, so gl\u00fccklich, so indisch, so\u00a0<em>se\u00dfhaft&#8230;<\/em>\u00a0F\u00fcnf Stunden Sitzen: erste Etappe der Heiligkeit! \u2013 Darf ich sagen, da\u00df Bizets Orchesterklang fast der einzige ist, den ich noch aushalte? Jener\u00a0<em>andere<\/em>\u00a0Orchesterklang, der jetzt obenauf ist, der Wagnersche, brutal, k\u00fcnstlich und \u00bbunschuldig\u00ab zugleich und damit zu den drei Sinnen der modernen Seele auf einmal redend \u2013 wie nachteilig ist mir dieser Wagnersche Orchesterklang! Ich hei\u00dfe ihn Schirokko. Ein verdrie\u00dflicher Schwei\u00df bricht an mir aus. Mit\u00a0<em>meinem<\/em>\u00a0guten Wetter ist es vorbei.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Musik scheint mir vollkommen. Sie kommt leicht, biegsam, mit H\u00f6flichkeit daher. Sie ist liebensw\u00fcrdig, sie\u00a0<em>schwitzt<\/em>\u00a0nicht. \u00bbDas Gute ist leicht, alles G\u00f6ttliche l\u00e4uft auf zarten F\u00fc\u00dfen\u00ab: erster Satz meiner \u00c4sthetik. Diese Musik ist b\u00f6se, raffiniert, fatalistisch: sie bleibt dabei popul\u00e4r \u2013 sie hat das Raffinement einer Rasse, nicht eines einzelnen. Sie ist reich. Sie ist pr\u00e4zis. Sie baut, organisiert, wird fertig: damit macht sie den Gegensatz zum Polypen in der Musik, zur \u00bbunendlichen Melodie\u00ab. Hat man je schmerzhaftere tragische Akzente auf der B\u00fchne geh\u00f6rt? Und wie werden dieselben erreicht! Ohne Grimasse! Ohne Falschm\u00fcnzerei! Ohne die\u00a0<em>L\u00fcge<\/em>\u00a0des gro\u00dfen Stils! \u2013 Endlich: diese Musik nimmt den Zuh\u00f6rer als intelligent, selbst als Musiker \u2013 sie ist auch\u00a0<em>da<\/em>mit das Gegenst\u00fcck zu Wagner, der, was immer sonst, jedenfalls das\u00a0<em>unh\u00f6flichste<\/em>\u00a0Genie der Welt war (Wagner nimmt uns gleichsam\u00a0als ob \u2013 \u2013, er sagt ein Ding so oft, bis man verzweifelt \u2013 bis man&#8217;s glaubt).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nochmals: ich werde ein besserer Mensch, wenn mir dieser Bizet zuredet. Auch ein besserer Musikant, ein besserer\u00a0<em>Zuh\u00f6rer<\/em>. Kann man \u00fcberhaupt noch besser zuh\u00f6ren? \u2013 Ich vergrabe meine Ohren noch\u00a0<em>unter<\/em>\u00a0diese Musik, ich h\u00f6re deren Ursache. Es scheint mir, da\u00df ich ihre Entstehung erlebe \u2013 ich zittere vor Gefahren, die irgendein Wagnis begleiten, ich bin entz\u00fcckt \u00fcber Gl\u00fccksf\u00e4lle, an denen Bizet unschuldig ist. \u2013 Und seltsam! im Grunde denke ich nicht daran, oder\u00a0<em>wei\u00df<\/em>\u00a0es nicht, wie sehr ich daran denke. Denn ganz andere Gedanken laufen mir w\u00e4hrenddem durch den Kopf&#8230; Hat man bemerkt, da\u00df die Musik den Geist\u00a0<em>frei macht<\/em>? dem Gedanken Fl\u00fcgel gibt? da\u00df man um so mehr Philosoph wird, je mehr man Musiker wird? \u2013 Der graue Himmel der Abstraktion wie von Blitzen durchzuckt; das Licht stark genug f\u00fcr alles Filigran der Dinge; die gro\u00dfen Probleme nahe zum Greifen; die Welt wie von einem Berge aus \u00fcberblickt. \u2013 Ich definierte eben das philosophische Pathos. \u2013 Und unversehens fallen mir\u00a0<em>Antworten<\/em>\u00a0in den Scho\u00df, ein kleiner Hagel von Eis und Weisheit, von\u00a0<em>gel\u00f6sten<\/em>\u00a0Problemen&#8230; Wo bin ich? \u2013 Bizet macht mich fruchtbar. Alles Gute macht mich fruchtbar. Ich habe keine andre Dankbarkeit, ich habe auch keinen andern\u00a0<em>Beweis<\/em>\u00a0daf\u00fcr, was gut ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/carmen1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-14484\" title=\"carmen\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/carmen1-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/carmen1-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/carmen1-724x1024.jpg 724w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/carmen1.jpg 849w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a>Auch dies Werk erl\u00f6st; nicht Wagner allein ist ein \u00bbErl\u00f6ser\u00ab. Mit ihm nimmt man Abschied vom\u00a0<em>feuchten<\/em>\u00a0Norden, von allem Wasserdampf des Wagnerschen Ideals. Schon die Handlung erl\u00f6st davon. Sie hat von M\u00e9rim\u00e9e noch die Logik in der Passion, die k\u00fcrzeste Linie, die\u00a0<em>harte<\/em>\u00a0Notwendigkeit; sie hat vor allem, was zur hei\u00dfen Zone geh\u00f6rt, die Trockenheit der Luft, die\u00a0<em>limpidezza<\/em>\u00a0in der Luft. Hier ist in jedem Betracht das Klima ver\u00e4ndert. Hier redet eine andere Sinnlichkeit, eine andere Sensibilit\u00e4t, eine andre Heiterkeit. Diese Musik ist heiter; aber nicht von einer franz\u00f6sischen oder deutschen Heiterkeit. Ihre Heiterkeit ist afrikanisch; sie hat das Verh\u00e4ngnis \u00fcber sich, ihr Gl\u00fcck ist kurz, pl\u00f6tzlich, ohne Pardon. Ich beneide Bizet darum, da\u00df er den Mut zu dieser Sensibilit\u00e4t gehabt hat, die in der gebildeten Musik Europas\u00a0bisher noch keine Sprache hatte \u2013 zu dieser s\u00fcdlicheren, br\u00e4uneren, verbrannteren Sensibilit\u00e4t&#8230; Wie die gelben Nachmittage ihres Gl\u00fccks uns wohltun! Wir blicken dabei hinaus: sahen wir je das Meer\u00a0<em>gl\u00e4tter<\/em>? \u2013 Und wie uns der maurische Tanz beruhigend zuredet! Wie in seiner lasziven Schwermut selbst unsre Uners\u00e4ttlichkeit einmal Sattheit lernt! \u2013 Endlich die Liebe, die in die\u00a0<em>Natur<\/em>\u00a0zur\u00fcck\u00fcbersetzte Liebe!\u00a0<em>Nicht<\/em>\u00a0die Liebe einer \u00bbh\u00f6heren Jungfrau\u00ab! Keine Senta-Sentimentalit\u00e4t! Sondern die Liebe als Fatum, als\u00a0<em>Fatalit\u00e4t<\/em>, zynisch, unschuldig, grausam \u2013 und eben darin<em>\u00a0Natur<\/em>! Die Liebe, die in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der\u00a0<em>Todha\u00df<\/em>\u00a0der Geschlechter ist! \u2013 Ich wei\u00df keinen Fall, wo der tragische Witz, der das Wesen der Liebe macht, so streng sich ausdr\u00fcckte, so schrecklich zur Formel w\u00fcrde, wie im letzten Schrei Don Jos\u00e9s, mit dem das Werk schlie\u00dft:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa!\u00a0<em>Ich<\/em>\u00a0habe sie get\u00f6tet,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>ich<\/em>\u00a0\u2013 meine angebetete Carmen!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Eine solche Auffassung der Liebe (die einzige, die des Philosophen w\u00fcrdig ist \u2013) ist selten: sie hebt ein Kunstwerk unter tausenden heraus. Denn im Durchschnitt machen es die K\u00fcnstler wie alle Welt, sogar schlimmer \u2013 sie\u00a0<em>mi\u00dfverstehen<\/em>die Liebe. Auch Wagner hat sie mi\u00dfverstanden. Sie glauben in ihr selbstlos zu sein, weil sie den Vorteil eines andren Wesens wollen, oft wider ihren eigenen Vorteil. Aber daf\u00fcr wollen sie jenes andre Wesen\u00a0<em>besitzen&#8230;<\/em>\u00a0Sogar Gott macht hier keine Ausnahme. Er ist ferne davon zu denken \u00bbwas geht dich&#8217;s an, wenn ich dich liebe?\u00ab \u2013 er wird schrecklich, wenn man ihn nicht wiederliebt.<em>\u00a0L&#8217;amour<\/em>\u00a0\u2013 mit diesem Spruch beh\u00e4lt man unter G\u00f6ttern und Menschen recht \u2013\u00a0<em>est de tous les sentiments le plus \u00e9go\u00efste, et par cons\u00e9quent, lorsqu&#8217;il est bless\u00e9, le moins g\u00e9n\u00e9reux.<\/em>\u00a0(B. Constant.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3<\/p>\n<div id=\"attachment_14485\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14485\" class=\"size-full wp-image-14485\" title=\"Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze1.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14485\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sehen bereits, wie sehr mich diese Musik\u00a0<em>verbessert<\/em>? \u2013\u00a0<em>Il faut m\u00e9diterraniser la musique<\/em>: ich habe Gr\u00fcnde zu dieser Formel (Jenseits von Gut und B\u00f6se: II 723). Die R\u00fcckkehr zur Natur, Gesundheit, Heiterkeit, Jugend,\u00a0<em>Tugend<\/em>! \u2013 Und doch war ich einer der korruptesten\u00a0Wagnerianer&#8230; Ich war imstande, Wagner ernst zu nehmen&#8230; Ah dieser alte Zauberer! was hat er uns alles vorgemacht! Das erste, was seine Kunst uns anbietet, ist ein Vergr\u00f6\u00dferungsglas: man sieht hinein, man traut seinen Augen nicht \u2013 alles wird gro\u00df,\u00a0<em>selbst Wagner wird gro\u00df&#8230;<\/em>\u00a0Was f\u00fcr eine kluge Klapperschlange! Das ganze Leben hat sie uns von \u00bbHingebung\u00ab, von \u00bbTreue\u00ab, von \u00bbReinheit\u00ab vorgeklappert, mit einem Lobe auf die Keuschheit zog sie sich aus der\u00a0<em>verderbten<\/em>\u00a0Welt zur\u00fcck! \u2013 Und wir haben&#8217;s ihr geglaubt&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Aber Sie h\u00f6ren mich nicht? Sie ziehen selbst das<em>\u00a0Problem<\/em>\u00a0Wagners dem Bizets vor? Auch ich untersch\u00e4tze es nicht, es hat seinen Zauber. Das Problem der Erl\u00f6sung ist selbst ein ehrw\u00fcrdiges Problem. Wagner hat \u00fcber nichts so tief wie \u00fcber die Erl\u00f6sung nachgedacht: seine Oper ist die Oper der Erl\u00f6sung. Irgendwer will bei ihm immer erl\u00f6st sein: bald ein M\u00e4nnlein, bald ein Fr\u00e4ulein \u2013 dies ist\u00a0<em>sein<\/em>\u00a0Problem. \u2013 Und wie reich er sein Leitmotiv variiert! Welche seltenen, welche tiefsinnigen Ausweichungen! Wer lehrte es uns, wenn nicht Wagner, da\u00df die Unschuld mit Vorliebe interessante S\u00fcnder erl\u00f6st? (der Fall im Tannh\u00e4user). Oder da\u00df selbst der ewige Jude erl\u00f6st wird,\u00a0<em>se\u00dfhaft<\/em>\u00a0wird, wenn er sich verheiratet? (der Fall im Fliegenden Holl\u00e4nder). Oder da\u00df alte verdorbene Frauenzimmer es vorziehn, von keuschen J\u00fcnglingen erl\u00f6st zu werden? (der Fall Kundry). Oder da\u00df sch\u00f6ne M\u00e4dchen am liebsten durch einen Ritter erl\u00f6st werden, der Wagnerianer ist? (der Fall in den Meistersingern). Oder da\u00df auch verheiratete Frauen gerne durch einen Ritter erl\u00f6st werden? (der Fall Isoldens). Oder da\u00df \u00bbder alte Gott\u00ab, nachdem er sich moralisch in jedem Betracht kompromittiert hat, endlich durch einen Freigeist und Immoralisten erl\u00f6st wird? (der Fall im \u00bbRing\u00ab). Bewundern Sie insonderheit diesen letzten Tiefsinn! Verstehn Sie ihn? Ich \u2013 h\u00fcte mich, ihn zu verstehn&#8230; Da\u00df man noch andere Lehren aus den genannten Werken ziehn kann, m\u00f6chte ich eher beweisen als bestreiten. Da\u00df man durch ein Wagnersches Ballett zur Verzweiflung gebracht werden kann \u2013\u00a0<em>und<\/em>\u00a0zur Tugend! (nochmals der Fall Tannh\u00e4users). Da\u00df es von den schlimmsten Folgen sein kann, wenn man nicht zur rechten Zeit zu Bett geht (nochmals der Fall Lohengrins). Da\u00df man nie zu genau wissen soll, mit wem man sich eigentlich verheiratet (zum drittenmal der Fall Lohengrins). \u2013 Tristan und Isolde verherrlichen den vollkommnen Ehegatten, der,\u00a0in einem gewissen Falle, nur eine Frage hat: \u00bbaber warum habt ihr mir das nicht eher gesagt? Nichts einfacher als das!\u00ab Antwort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas kann ich dir nicht sagen;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und was du fr\u00e4gst,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das kannst du nie erfahren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Lohengrin enth\u00e4lt eine feierliche In-Acht-Erkl\u00e4rung des Forschens und Fragens. Wagner vertritt damit den christlichen Begriff \u00bbdu sollst und mu\u00dft<em>\u00a0glauben<\/em>\u00ab. Es ist ein Verbrechen am H\u00f6chsten, am Heiligsten, wissenschaftlich zu sein&#8230; Der fliegende Holl\u00e4nder predigt die erhabne Lehre, da\u00df das Weib auch den Unstetesten festmacht, wagnerisch geredet, \u00bberl\u00f6st\u00ab. Hier gestatten wir uns eine Frage. Gesetzt n\u00e4mlich, dies w\u00e4re wahr, w\u00e4re es damit auch schon w\u00fcnschenswert? \u2013 Was wird aus dem \u00bbewigen Juden\u00ab, den ein Weib anbetet und\u00a0<em>festmacht<\/em>? Er h\u00f6rt blo\u00df auf, ewig zu sein; er verheiratet sich, er geht uns nichts mehr an. \u2013 Ins Wirkliche \u00fcbersetzt: die Gefahr der K\u00fcnstler, der Genies \u2013 und das sind ja die \u00bbewigen Juden\u00ab \u2013 liegt im Weibe: die\u00a0<em>anbetenden<\/em>\u00a0Weiber sind ihr Verderb. Fast keiner hat Charakter genug, um nicht verdorben \u2013 \u00bberl\u00f6st\u00ab zu werden, wenn er sich als Gott behandelt f\u00fchlt \u2013 er\u00a0<em>kondeszendiert<\/em>\u00a0alsbald zum Weibe. \u2013 Der Mann ist feige vor allem Ewig-Weiblichen: das wissen die Weiblein. \u2013 In vielen F\u00e4llen der weiblichen Liebe, und vielleicht gerade in den ber\u00fchmtesten, ist Liebe nur ein feinerer\u00a0<em>Parasitismus<\/em>, ein Sich-Einnisten in eine fremde Seele, mitunter selbst in ein fremdes Fleisch \u2013 ach! wie sehr immer auf \u00bbdes Wirtes\u00ab Unkosten! \u2013 \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kennt das Schicksal Goethes im moralinsauren altjungfernhaften Deutschland. Er war den Deutschen immer anst\u00f6\u00dfig, er hat ehrliche Bewunderer nur unter J\u00fcdinnen gehabt. Schiller, der \u00bbedle\u00ab Schiller, der ihnen mit gro\u00dfen Worten um die Ohren schlug \u2013<em>\u00a0der<\/em>\u00a0war nach ihrem Herzen. Was warfen sie Goethe vor? Den \u00bbBerg der Venus\u00ab; und da\u00df er venetianische Epigramme gedichtet habe. Schon Klopstock hielt ihm eine Sittenpredigt; es gab eine Zeit, wo Herder, wenn er von Goethe sprach, mit Vorliebe das Wort \u00bbPriap\u00ab gebrauchte. Selbst der \u00bbWilhelm Meister\u00ab galt nur als Symptom des Niedergangs, als moralisches \u00bbAuf-den-Hund-Kommen\u00ab. Die \u00bbMenagerie von zahmem Vieh\u00ab, die \u00bbNichtsw\u00fcrdigkeit\u00ab des Helden darin erz\u00fcrnte\u00a0zum Beispiel Niebuhr: der endlich in eine Klage ausbricht, welche\u00a0<em>Biterolf<\/em>\u00a0h\u00e4tte absingen k\u00f6nnen: \u00bbNichts macht leicht einen schmerzlicheren Eindruck, als wenn ein gro\u00dfer Geist sich seiner Fl\u00fcgel beraubt und seine Virtuosit\u00e4t in etwas weit Geringerem sucht,\u00a0<em>indem er dem H\u00f6heren entsagt<\/em>\u00ab&#8230; Vor allem aber war die h\u00f6here Jungfrau emp\u00f6rt: alle kleinen H\u00f6fe, alle Art \u00bbWartburg\u00ab in Deutschland bekreuzte sich vor Goethe, vor dem \u00bbunsauberen Geist\u00ab in Goethe. \u2013\u00a0<em>Diese<\/em>\u00a0Geschichte hat Wagner in Musik gesetzt. Er\u00a0<em>erl\u00f6st<\/em>\u00a0Goethe, das versteht sich von selbst; aber so, da\u00df er, mit Klugheit, zugleich die Partei der h\u00f6heren Jungfrau nimmt. Goethe wird gerettet: ein Gebet rettet ihn, eine h\u00f6here Jungfrau\u00a0<em>zieht ihn hinan<\/em>&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Was Goethe \u00fcber Wagner gedacht haben w\u00fcrde? \u2013 Goethe hat sich einmal die Frage vorgelegt, was die Gefahr sei, die \u00fcber allen Romantikern schwebe: das Romantiker-Verh\u00e4ngnis. Seine Antwort ist: \u00bbam Wiederk\u00e4uen sittlicher und religi\u00f6ser Absurdit\u00e4ten zu ersticken\u00ab. K\u00fcrzer:\u00a0<em>Parsifal<\/em>\u00a0\u2013 \u2013 Der Philosoph macht dazu noch einen Epilog.\u00a0<em>Heiligkeit<\/em>\u00a0\u2013 das letzte vielleicht, was Volk und Weib von h\u00f6heren Werten noch zu Gesicht bekommt, der Horizont des Ideals f\u00fcr alles, was von Natur\u00a0<em>myops<\/em>\u00a0ist. Unter Philosophen aber, wie jeder Horizont, ein blo\u00dfes Nichtverst\u00e4ndnis, eine Art Torschlu\u00df vor dem, wo\u00a0<em>ihre<\/em>\u00a0Welt erst\u00a0<em>beginnt<\/em>\u00a0\u2013\u00a0<em>ihre<\/em>\u00a0Gefahr,\u00a0<em>ihr<\/em>\u00a0Ideal,\u00a0<em>ihre<\/em>\u00a0W\u00fcnschbarkeit&#8230; H\u00f6flicher gesagt:\u00a0<em>la philosophie ne suffit pas au grand nombre. Il lui faut la saintet\u00e9. \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Jahrhundertring.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-14492\" title=\"Jahrhundertring\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Jahrhundertring.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Jahrhundertring.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Jahrhundertring-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\u2013 Ich erz\u00e4hle noch die Geschichte des \u00bbRings\u00ab. Sie geh\u00f6rt hierher. Auch sie ist eine Erl\u00f6sungsgeschichte: nur da\u00df diesmal Wagner es ist, der erl\u00f6st wird. \u2013 Wagner hat, sein halbes Leben lang, an die\u00a0<em>Revolution<\/em>\u00a0geglaubt, wie nur irgendein Franzose an sie geglaubt hat. Er suchte nach ihr in der Runenschrift des Mythus, er glaubte in\u00a0<em>Siegfried<\/em>\u00a0den typischen Revolution\u00e4r zu finden. \u2013 \u00bbWoher stammt alles Unheil in der Welt?\u00ab fragte sich Wagner. Von \u00bbalten Vertr\u00e4gen\u00ab: antwortete er, gleich allen Revolutions-Ideologen. Auf deutsch: von Sitten, Gesetzen, Moralen, Institutionen, von alledem, worauf die alte Welt, die alte Gesellschaft ruht. \u00bbWie schafft man das Unheil aus der Welt? Wie schafft man die alte Gesellschaft ab?\u00ab Nur dadurch, da\u00df man den\u00a0\u00bbVertr\u00e4gen\u00ab (dem Herkommen, der Moral) den Krieg erkl\u00e4rt.\u00a0<em>Das tut Siegfried.<\/em>\u00a0Er beginnt fr\u00fch damit, sehr fr\u00fch: seine Entstehung ist bereits eine Kriegserkl\u00e4rung an die Moral \u2013 er kommt aus Ehebruch, aus Blutschande zur Welt&#8230;\u00a0<em>Nicht<\/em>\u00a0die Sage, sondern Wagner ist der Erfinder dieses radikalen Zugs; an diesem Punkte hat er die Sage\u00a0<em>korrigiert&#8230;<\/em>\u00a0Siegfried f\u00e4hrt fort, wie er begonnen hat: er folgt nur dem ersten Impulse, er wirft alles \u00dcberlieferte, alle Ehrfurcht, alle\u00a0<em>Furcht<\/em>\u00a0\u00fcber den Haufen. Was ihm mi\u00dff\u00e4llt, sticht er nieder. Er rennt alten Gottheiten unehrerbietig wider den Leib. Seine Hauptunternehmung aber geht dahin,\u00a0<em>das Weib zu emanzipieren<\/em>\u00a0\u2013 \u00bbBr\u00fcnnhilde zu erl\u00f6sen\u00ab&#8230; Siegfried\u00a0<em>und<\/em>\u00a0Br\u00fcnnhilde; das Sakrament der freien Liebe; der Aufgang des goldnen Zeitalters; die G\u00f6tterd\u00e4mmerung der alten Moral \u2013\u00a0<em>das \u00dcbel ist abgeschafft&#8230;<\/em>\u00a0Wagners Schiff lief lange Zeit lustig auf\u00a0<em>dieser<\/em>Bahn. Kein Zweifel, Wagner suchte auf ihr\u00a0<em>sein<\/em>\u00a0h\u00f6chstes Ziel. \u2013 Was geschah? Ein Ungl\u00fcck. Das Schiff fuhr auf ein Riff; Wagner sa\u00df fest. Das Riff war die Schopenhauersche Philosophie; Wagner sa\u00df auf einer\u00a0<em>kontr\u00e4ren<\/em>\u00a0Weltansicht fest. Was hatte er in Musik gesetzt? Den Optimismus. Wagner sch\u00e4mte sich. Noch dazu einen Optimismus, f\u00fcr den Schopenhauer ein b\u00f6ses Beiwort geschaffen hatte \u2013 den\u00a0<em>ruchlosen<\/em>\u00a0Optimismus. Er sch\u00e4mte sich noch einmal. Er besann sich lange, seine Lage schien verzweifelt&#8230; Endlich d\u00e4mmerte ihm ein Ausweg: das Riff, an dem er scheiterte, wie? wenn er es als\u00a0<em>Ziel<\/em>, als Hinterabsicht, als eigentlichen Sinn seiner Reise interpretierte?\u00a0<em>Hier<\/em>\u00a0zu scheitern \u2013 das war auch ein Ziel.\u00a0<em>Bene navigavi, cum naufragium feci&#8230;<\/em>\u00a0Und er \u00fcbersetzte den \u00bbRing\u00ab ins Schopenhauersche. Alles l\u00e4uft schief, alles geht zugrunde, die neue Welt ist so schlimm wie die alte \u2013 das\u00a0<em>Nichts<\/em>, die indische Circe winkt&#8230;Br\u00fcnnhilde, die nach der \u00e4ltern Absicht sich mit einem Liede zu Ehren der freien Liebe zu verabschieden hatte, die Welt auf eine sozialistische Utopie vertr\u00f6stend, mit der \u00bballes gut wird\u00ab, bekommt jetzt etwas anderes zu tun. Sie mu\u00df erst Schopenhauer studieren; sie mu\u00df das vierte Buch der \u00bbWelt als Wille und Vorstellung\u00ab in Verse bringen.<em>\u00a0Wagner war erl\u00f6st&#8230;<\/em>\u00a0Allen Ernstes, dies\u00a0<em>war<\/em>\u00a0eine Erl\u00f6sung. Die Wohltat, die Wagner Schopenhauer verdankt, ist unerme\u00dflich. Erst der\u00a0<em>Philosoph der d\u00e9cadence<\/em>\u00a0gab dem K\u00fcnstler der\u00a0<em>d\u00e9cadence\u00a0sich selbst<\/em>\u00a0\u2013 \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5<\/p>\n<div id=\"attachment_14487\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/RichardWagner.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14487\" class=\"size-medium wp-image-14487\" title=\"RichardWagner\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/RichardWagner-215x300.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/RichardWagner-215x300.jpg 215w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/RichardWagner.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14487\" class=\"wp-caption-text\">Richard Wagner<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem\u00a0<em>K\u00fcnstler der d\u00e9cadence<\/em>\u00a0\u2013 da steht das Wort. Und damit beginnt mein Ernst. Ich bin ferne davon, harmlos zuzuschauen, wenn dieser\u00a0<em>d\u00e9cadent<\/em>\u00a0uns die Gesundheit verdirbt \u2013 und die Musik dazu! Ist Wagner \u00fcberhaupt ein Mensch? Ist er nicht eher eine Krankheit? Er macht alles krank, woran er r\u00fchrt \u2013\u00a0<em>er hat die Musik krank gemacht<\/em>\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein typischer\u00a0<em>d\u00e9cadent<\/em>, der sich notwendig in seinem verderbten Geschmack f\u00fchlt, der mit ihm einen h\u00f6heren Geschmack in Anspruch nimmt, der seine Verderbnis als Gesetz, als Fortschritt, als Erf\u00fcllung in Geltung zu bringen wei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und man wehrt sich nicht. Seine Verf\u00fchrungskraft steigt ins Ungeheure, es qualmt um ihn von Weihrauch, das Mi\u00dfverst\u00e4ndnis \u00fcber ihn hei\u00dft sich \u00bbEvangelium\u00ab \u2013 er hat durchaus nicht blo\u00df die\u00a0<em>Armen des Geistes<\/em>\u00a0zu sich \u00fcberredet!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe Lust, ein wenig die Fenster aufzumachen. Luft! Mehr Luft! \u2013 \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df man sich in Deutschland \u00fcber Wagner betr\u00fcgt, befremdet mich nicht. Das Gegenteil w\u00fcrde mich befremden. Die Deutschen haben sich einen Wagner zurechtgemacht, den sie verehren k\u00f6nnen: sie waren noch nie Psychologen, sie sind damit dankbar, da\u00df sie mi\u00dfverstehn. Aber da\u00df man sich auch in Paris \u00fcber Wagner betr\u00fcgt! wo man beinahe nichts andres mehr ist als Psycholog. Und in Sankt-Petersburg! wo man Dinge noch err\u00e4t, die selbst in Paris nicht erraten werden. Wie verwandt mu\u00df Wagner der gesamten europ\u00e4ischen\u00a0<em>d\u00e9cadence<\/em>\u00a0sein, da\u00df er von ihr nicht als\u00a0<em>d\u00e9cadent<\/em>\u00a0empfunden wird! Er geh\u00f6rt zu ihr: er ist ihr Protagonist, ihr gr\u00f6\u00dfter Name&#8230; Man ehrt sich, wenn man\u00a0<em>ihn<\/em>\u00a0in die Wolken hebt. \u2013 Denn da\u00df man nicht gegen ihn sich wehrt, das ist selbst schon ein Zeichen von\u00a0<em>d\u00e9cadence<\/em>. Der Instinkt ist geschw\u00e4cht. Was man zu scheuen h\u00e4tte, das zieht an. Man setzt an die Lippen, was noch schneller in den Abgrund treibt. \u2013 Will man ein Beispiel? Aber man hat nur das\u00a0<em>r\u00e9gime<\/em>\u00a0zu beobachten, das sich An\u00e4mische oder Gichtische oder Diabetiker selbst verordnen. Definition des Vegetariers: ein Wesen, das eine korroborierende Di\u00e4t n\u00f6tig hat. Das Sch\u00e4dliche als sch\u00e4dlich empfinden, sich etwas Sch\u00e4dliches verbieten\u00a0<em>k\u00f6nnen<\/em>\u00a0ist ein Zeichen noch von Jugend, von Lebenskraft.\u00a0Den Ersch\u00f6pften<em>lockt<\/em>\u00a0das Sch\u00e4dliche: den Vegetarier das Gem\u00fcse. Die Krankheit selbst kann ein Stimulans des Lebens sein: nur mu\u00df man gesund genug f\u00fcr dies Stimulans sein! \u2013 Wagner vermehrt die Ersch\u00f6pfung:<em>\u00a0deshalb<\/em>\u00a0zieht er die Schwachen und Ersch\u00f6pften an. Oh \u00fcber das Klapperschlangen-Gl\u00fcck des alten Meisters, da er gerade immer \u00bbdie Kindlein\u00ab zu sich kommen sah! \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stelle diesen Gesichtspunkt voran: Wagners Kunst ist krank. Die Probleme, die er auf die B\u00fchne bringt \u2013 lauter Hysteriker-Probleme \u2013, das Konvulsivische seines Affekts, seine \u00fcberreizte Sensibilit\u00e4t, sein Geschmack, der nach immer sch\u00e4rferen W\u00fcrzen verlangte, seine Instabilit\u00e4t, die er zu Prinzipien verkleidete, nicht am wenigsten die Wahl seiner Helden und Heldinnen, diese als physiologische Typen betrachtet (- eine Kranken-Galerie! \u2013): alles zusammen stellt ein Krankheitsbild dar, das keinen Zweifel l\u00e4\u00dft.<em>\u00a0Wagner est une n\u00e9vrose.<\/em>\u00a0Nichts ist vielleicht heute besser bekannt, nichts jedenfalls besser studiert als der Proteus-Charakter der Degenereszenz, der hier sich als Kunst und K\u00fcnstler verpuppt. Unsre \u00c4rzte und Physiologen haben in Wagner ihren interessantesten Fall, zum mindesten einen sehr vollst\u00e4ndigen. Gerade, weil nichts moderner ist als diese Gesamterkrankung, diese Sp\u00e4theit und \u00dcberreiztheit der nerv\u00f6sen Maschinerie, ist Wagner der\u00a0<em>moderne K\u00fcnstler par excellence<\/em>, der Cagliostro der Modernit\u00e4t. In seiner Kunst ist auf die verf\u00fchrerischste Art gemischt, was heute alle Welt am n\u00f6tigsten hat \u2013 die drei gro\u00dfen Stimulantia der Ersch\u00f6pften, das\u00a0<em>Brutale<\/em>, das<em>\u00a0K\u00fcnstliche<\/em>\u00a0und das\u00a0<em>Unschuldige<\/em>\u00a0(Idiotische).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagner ist ein gro\u00dfer Verderb f\u00fcr die Musik. Er hat in ihr das Mittel erraten, m\u00fcde Nerven zu reizen \u2013 er hat die Musik damit krank gemacht. Seine Erfindungsgabe ist keine kleine in der Kunst, die Ersch\u00f6pftesten wieder aufzustacheln, die Halbtoten ins Leben zu rufen. Er ist der Meister hypnotischer Griffe, er wirft die St\u00e4rksten noch wie Stiere um. Der\u00a0<em>Erfolg<\/em>\u00a0Wagners \u2013 sein Erfolg bei den Nerven und folglich bei den Frauen \u2013 hat die ganze ehrgeizige Musiker-Welt zu J\u00fcngern seiner Geheimkunst gemacht. Und nicht nur die ehrgeizige, auch die\u00a0<em>kluge&#8230;<\/em>\u00a0Man macht heute nur Geld mit kranker Musik; unsre gro\u00dfen Theaterleben von Wagner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Ich gestatte mir wieder eine Erheiterung. Ich setze den Fall, da\u00df der\u00a0<em>Erfolg<\/em>\u00a0Wagners leibhaft w\u00fcrde, Gestalt ann\u00e4hme, da\u00df er, verkleidet zum menschenfreundlichen Musikgelehrten, sich unter junge K\u00fcnstler mischte. Wie meinen Sie wohl, da\u00df er sich da verlautbarte? \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Freunde, w\u00fcrde er sagen, reden wir f\u00fcnf Worte unter uns. Es ist leichter, schlechte Musik zu machen als gute. Wie? wenn es au\u00dferdem auch noch vorteilhafter w\u00e4re? wirkungsvoller, \u00fcberredender, begeisternder, zuverl\u00e4ssiger?\u00a0<em>wagnerischer<\/em>? ..<em>Pulchrum est paucorum hominum.<\/em>\u00a0Schlimm genug! Wir verstehn Latein, wir verstehn vielleicht auch unsern Vorteil. Das Sch\u00f6ne hat seinen Haken: wir wissen das. Wozu also Sch\u00f6nheit? Warum nicht lieber das Gro\u00dfe, das Erhabne, das Gigantische, das, was die\u00a0<em>Massen<\/em>\u00a0bewegt? \u2013 Und nochmals: es ist leichter, gigantisch zu sein als sch\u00f6n; wir wissen das&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir kennen die Massen, wir kennen das Theater. Das Beste, was darin sitzt, deutsche J\u00fcnglinge, geh\u00f6rnte Siegfriede und andre Wagnerianer, bedarf des Erhabenen, des Tiefen, des \u00dcberw\u00e4ltigenden. So viel verm\u00f6gen wir noch. Und das andre, das auch noch darin sitzt, die Bildungs-Kretins, die kleinen Blasierten, die Ewig-Weiblichen, die Gl\u00fccklich-Verdauenden, kurz das\u00a0<em>Volk<\/em>\u00a0\u2013 bedarf ebenfalls des Erhabenen, des Tiefen, des \u00dcberw\u00e4ltigenden. Das hat alles einerlei Logik. \u00bbWer uns umwirft, der ist stark; wer uns erhebt, der ist g\u00f6ttlich; wer uns ahnen macht, der ist tief.\u00ab \u2013 Entschlie\u00dfen wir uns, meine Herrn Musiker: wir wollen sie umwerfen, wir wollen sie erheben, wir wollen sie ahnen machen. So viel verm\u00f6gen wir noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was das Ahnen-machen betrifft: so nimmt hier unser Begriff \u00bbStil\u00ab seinen Ausgangspunkt. Vor allem kein Gedanke! Nichts ist kompromittierender als ein Gedanke! Sondern der Zustand\u00a0<em>vor<\/em>\u00a0dem Gedanken, das Gedr\u00e4ng der noch nicht geborenen Gedanken, das Versprechen zuk\u00fcnftiger Gedanken, die Welt, wie sie war, bevor Gott sie schuf \u2013 eine Rekrudeszenz des Chaos&#8230; Das Chaos macht ahnen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Tristanakkord_2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-14488\" title=\"Tristanakkord_2\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Tristanakkord_2-300x102.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"102\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Tristanakkord_2-300x102.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Tristanakkord_2.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>In der Sprache des Meisters geredet: Unendlichkeit, aber ohne Melodie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was, zu zweit, das Umwerfen angeht, so geh\u00f6rt dies zum Teil schon in die Physiologie. Studieren wir vor allem die Instrumente. Einige von ihnen \u00fcberreden selbst noch die Eingeweide (\u2013 sie\u00a0<em>\u00f6ffnen<\/em>\u00a0die Tore, mit H\u00e4ndel zu reden), andre bezaubern das R\u00fcckenmark. Die Farbe des Klangs entscheidet hier;\u00a0<em>was<\/em>\u00a0erklingt, ist beinahe gleichg\u00fcltig. Raffinieren wir in\u00a0<em>diesem<\/em>\u00a0Punkte! Wozu uns sonst verschwenden? Seien wir im Klang charakteristisch bis zur Narrheit! Man rechnet es unserm Geiste zu, wenn wir mit Kl\u00e4ngen viel zu raten geben! Agazieren wir die Nerven, schlagen wir sie tot, handhaben wir Blitz und Donner \u2013 das wirft um&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem aber wirft die\u00a0<em>Leidenschaft<\/em>\u00a0um. \u2013 Verstehen wir uns \u00fcber die Leidenschaft. Nichts ist wohlfeiler als die Leidenschaft! Man kann aller Tugenden des Kontrapunktes entraten, man braucht nichts gelernt zu haben \u2013 die Leidenschaft kann man immer! Die Sch\u00f6nheit ist schwierig: h\u00fcten wir uns vor der Sch\u00f6nheit!&#8230; Und gar die\u00a0<em>Melodie<\/em>! Verleumden wir, meine Freunde, verleumden wir, wenn anders es uns ernst ist mit dem Ideale, verleumden wir die Melodie! Nichts ist gef\u00e4hrlicher als eine sch\u00f6ne Melodie! Nichts verdirbt sicherer den Geschmack! Wir sind verloren, meine Freunde, wenn man wieder sch\u00f6ne Melodien liebt!&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Grundsatz:<\/em>\u00a0die Melodie ist unmoralisch.\u00a0<em>Beweis:<\/em>\u00a0Palestrina.\u00a0<em>Nutzanwendung:<\/em>\u00a0Parsifal. Der Mangel an Melodie heiligt selbst&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dies ist die Definition der Leidenschaft. Leidenschaft \u2013 oder die Gymnastik des H\u00e4\u00dflichen auf dem Seile der Enharmonik. \u2013 Wagen wir es, meine Freunde, h\u00e4\u00dflich zu sein! Wagner hat es gewagt! W\u00e4lzen wir unverzagt den Schlamm der widrigsten Harmonien vor uns her! Schonen wir unsre H\u00e4nde nicht! Erst damit werden wir\u00a0<em>nat\u00fcrlich&#8230;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen letzten Rat! Vielleicht fa\u00dft er alles in eins. \u2013<em>\u00a0Seien wir Idealisten!<\/em>\u00a0\u2013 Dies ist, wenn nicht das Kl\u00fcgste, so doch das Weiseste, was wir tun k\u00f6nnen. Um die Menschen zu erheben, mu\u00df man selbst erhaben sein. Wandeln wir \u00fcber Wolken, harangieren wir das Unendliche, stellen wir die gro\u00dfen Symbole um uns herum!\u00a0<em>Sursum! Bumbum!<\/em>\u00a0\u2013 es gibt keinen besseren Rat. Der \u00bbgehobene Busen\u00ab sei unser Argument, das \u00bbsch\u00f6ne Gef\u00fchl\u00ab unser F\u00fcrsprecher. Die Tugend beh\u00e4lt recht noch gegen den Kontrapunkt. \u00bbWer uns verbessert, wie sollte der nicht selbst gut sein?\u00ab so hat die Menschheit immer geschlossen. Verbessern wir also die Menschheit! \u2013 damit wird man gut (damit wird man selbst \u00bbKlassiker\u00ab \u2013 Schiller wurde \u00bbKlassiker\u00ab). Das Haschen\u00a0nach niederem Sinnesreiz, nach der sogenannten Sch\u00f6nheit hat den Italiener entnervt: bleiben wir deutsch! Selbst Mozarts Verh\u00e4ltnis zur Musik \u2013 Wagner hat es\u00a0<em>uns<\/em>\u00a0zum Trost gesagt! \u2013 war im Grunde frivol&#8230; Lassen wir niemals zu, da\u00df die Musik \u00bbzur Erholung diene\u00ab; da\u00df sie \u00bberheitere\u00ab; da\u00df sie \u00bbVergn\u00fcgen mache\u00ab.\u00a0<em>Machen wir nie Vergn\u00fcgen<\/em>! \u2013 wir sind verloren, wenn man von der Kunst wieder hedonistisch denkt&#8230; Das ist schlechtes achtzehntes Jahrhundert&#8230; Nichts dagegen d\u00fcrfte r\u00e4tlicher sein, beiseite gesagt, als eine Dosis \u2013\u00a0<em>Mucker<\/em>tum,\u00a0<em>sit venia verbo.<\/em>\u00a0Das gibt W\u00fcrde. \u2013 Und w\u00e4hlen wir die Stunde, wo es sich schickt, schwarz zu blicken, \u00f6ffentlich zu seufzen, christlich zu seufzen, das gro\u00dfe christliche Mitleiden zur Schau zu stellen. \u00bbDer Mensch ist verderbt: wer erl\u00f6st ihn?\u00a0<em>was erl\u00f6st ihn<\/em>?\u00ab \u2013 Antworten wir nicht. Seien wir vorsichtig. Bek\u00e4mpfen wir unsern Ehrgeiz, welcher Religionen stiften m\u00f6chte. Aber niemand darf zweifeln, da\u00df\u00a0<em>wir<\/em>\u00a0ihn erl\u00f6sen, da\u00df\u00a0<em>unsre<\/em>\u00a0Musik allein erl\u00f6st&#8230; (Wagners Aufsatz \u00bbReligion und Kunst\u00ab.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">7<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genug! Genug! Man wird, f\u00fcrchte ich, zu deutlich nur unter meinen heitern Strichen die sinistre Wirklichkeit wiedererkannt haben \u2013 das Bild eines Verfalls der Kunst, eines Verfalls auch der K\u00fcnstler. Das letztere, ein Charakter-Verfall, k\u00e4me vielleicht mit dieser Formel zu einem vorl\u00e4ufigen Ausdruck: der Musiker wird jetzt zum Schauspieler, seine Kunst entwickelt sich immer mehr als ein Talent zu\u00a0<em>l\u00fcgen<\/em>. Ich werde eine Gelegenheit haben (in einem Kapitel meines Hauptwerks, das den Titel f\u00fchrt \u00bbZur Physiologie der Kunst\u00ab), des n\u00e4heren zu zeigen, wie diese Gesamtverwandlung der Kunst ins Schauspielerische ebenso bestimmt ein Ausdruck physiologischer Degenereszenz (genauer, eine Form des Hysterismus) ist, wie jede einzelne Verderbnis und Gebrechlichkeit der durch Wagner inaugurierten Kunst: zum Beispiel die Unruhe ihrer Optik, die dazu n\u00f6tigt, in jedem Augenblick die Stellung vor ihr zu wechseln. Man versteht nichts von Wagner, solange man in ihm nur ein Naturspiel, eine Willk\u00fcr und Laune, eine Zuf\u00e4lligkeit sieht. Er war kein \u00bbl\u00fcckenhaftes\u00ab, kein \u00bbverungl\u00fccktes\u00ab, kein \u00bbkontradiktorisches\u00ab Genie, wie man wohl gesagt hat. Wagner war etwas\u00a0<em>Vollkommnes<\/em>, ein typischer\u00a0<em>d\u00e9cadent<\/em>, bei dem\u00a0jeder \u00bbfreie Wille\u00ab fehlt, jeder Zug Notwendigkeit hat. Wenn irgend etwas interessant ist an Wagner, so ist es die Logik, mit der ein physiologischer Mi\u00dfstand als Praktik und Prozedur, als Neuerung in den Prinzipien, als Krisis des Geschmacks Schlu\u00df f\u00fcr Schlu\u00df, Schritt f\u00fcr Schritt macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich halte mich diesmal nur bei der Frage des\u00a0<em>Stils<\/em>\u00a0auf. \u2013 Womit kennzeichnet sich jede\u00a0<em>literarische d\u00e9cadence<\/em>? Damit, da\u00df das Leben nicht mehr im Ganzen wohnt. Das Wort wird souver\u00e4n und springt aus dem Satz hinaus, der Satz greift \u00fcber und verdunkelt den Sinn der Seite, die Seite gewinnt Leben auf Unkosten des Ganzen \u2013 das Ganze ist kein Ganzes mehr. Aber das ist das Gleichnis f\u00fcr jeden Stil der<em>\u00a0d\u00e9cadence:<\/em>\u00a0jedesmal Anarchie der Atome, Disgregation des Willens, \u00bbFreiheit des Individuums\u00ab, moralisch geredet \u2013 zu einer politischen Theorie erweitert \u00bb<em>gleiche<\/em>\u00a0Rechte f\u00fcr alle\u00ab. Das Leben, die\u00a0<em>gleiche<\/em>\u00a0Lebendigkeit, die Vibration und Exuberanz des Lebens in die kleinsten Gebilde zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, der Rest\u00a0<em>arm<\/em>\u00a0an Leben. \u00dcberall L\u00e4hmung, M\u00fchsal, Erstarrung<em>\u00a0oder<\/em>\u00a0Feindschaft und Chaos: beides immer mehr in die Augen springend, in je h\u00f6here Formen der Organisation man aufsteigt. Das Ganze lebt \u00fcberhaupt nicht mehr: es ist zusammengesetzt, gerechnet, k\u00fcnstlich, ein Artefakt. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Wagner_Tannha\u0308user_1845.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-14489\" title=\"220px-Wagner_Tannha\u0308user_1845\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Wagner_Tannha\u0308user_1845-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Wagner_Tannha\u0308user_1845-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Wagner_Tannha\u0308user_1845.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a>Bei Wagner steht im Anfang die Halluzination: nicht von T\u00f6nen, sondern von Geb\u00e4rden. Zu ihnen sucht er erst die Ton-Semiotik. Will man ihn bewundern, so sehe man ihn hier an der Arbeit: wie er hier trennt, wie er kleine Einheiten gewinnt, wie er diese belebt, heraustreibt, sichtbar macht. Aber daran ersch\u00f6pft sich seine Kraft: der Rest taugt nichts. Wie armselig, wie verlegen, wie laienhaft ist seine Art zu \u00bbentwickeln\u00ab, sein Versuch, das, was nicht auseinandergewachsen ist, wenigstens durcheinander zu stecken! Seine Manieren dabei erinnern an die auch sonst f\u00fcr Wagners Stil heranziehbaren\u00a0<em>fr\u00e8res<\/em>\u00a0de Goncourt: man hat eine Art Erbarmen mit soviel Notstand. Da\u00df Wagner seine Unf\u00e4higkeit zum organischen Gestalten in ein Prinzip verkleidet hat, da\u00df er einen \u00bbdramatischen Stil\u00ab statuiert, wo wir blo\u00df sein Unverm\u00f6gen zum Stil \u00fcberhaupt statuieren, entspricht einer k\u00fchnen Gewohnheit, die Wagner durchs ganze Leben begleitet hat: er setzt ein Prinzip an, wo ihm ein Verm\u00f6gen fehlt (\u2013 sehr verschieden hierin, anbei gesagt, vom alten Kant, der eine\u00a0<em>andre<\/em>\u00a0K\u00fchnheit liebte: n\u00e4mlich \u00fcberall, wo ihm ein Prinzip fehlte, ein \u00bbVerm\u00f6gen\u00ab daf\u00fcr im Menschen anzusetzen&#8230;). Nochmals gesagt: bewunderungsw\u00fcrdig, liebensw\u00fcrdig ist Wagner nur in der Erfindung des Kleinsten, in der Ausdichtung des Details \u2013 man hat alles Recht auf seiner Seite, ihn hier als einen Meister ersten Ranges zu proklamieren, als unsern gr\u00f6\u00dften\u00a0<em>Miniaturisten<\/em>\u00a0der Musik, der in den kleinsten Raum eine Unendlichkeit von Sinn und S\u00fc\u00dfe dr\u00e4ngt. Sein Reichtum an Farben, an Halbschatten, an Heimlichkeiten absterbenden Lichts verw\u00f6hnt dergestalt, da\u00df einem hinterdrein fast alle andern Musiker zu robust vorkommen. \u2013 Will man mir glauben, so hat man den h\u00f6chsten Begriff Wagner nicht aus dem zu entnehmen, was heute von ihm gef\u00e4llt. Das ist zur \u00dcberredung von Massen erfunden, davor springt unsereins wie vor einem allzufrechen Affresko zur\u00fcck. Was geht\u00a0<em>uns<\/em>\u00a0die aga\u00e7ante Brutalit\u00e4t der Tannh\u00e4user-Overt\u00fcre an? Oder der Zirkus Walk\u00fcre? Alles, was von Wagners Musik auch abseits vom Theater popul\u00e4r geworden ist, ist zweifelhaften Geschmacks und verdirbt den Geschmack. Der Tannh\u00e4user-Marsch scheint mir der Biederm\u00e4nnerei verd\u00e4chtig; die Ouvert\u00fcre zum Fliegenden Holl\u00e4nder ist ein L\u00e4rm um nichts; das Lohengrin-Vorspiel gab das erste, nur zu verf\u00e4ngliche, nur zu gut geratene Beispiel daf\u00fcr, wie man auch mit Musik hypnotisiert (\u2013 ich mag alle Musik nicht, deren Ehrgeiz nicht weiter geht, als die Nerven zu \u00fcberreden). Aber vom Magnetiseur und Affresko-Maler Wagner abgesehn gibt es noch einen Wagner, der kleine Kostbarkeiten beiseite legt: unsern gr\u00f6\u00dften Melancholiker der Musik, voll von Blicken, Z\u00e4rtlichkeiten und Trostworten, die ihm keiner vorweggenommen hat, den Meister in T\u00f6nen eines schwerm\u00fctigen und schl\u00e4frigen Gl\u00fccks&#8230; Ein Lexikon der intimsten Worte Wagners, lauter kurze Sachen von f\u00fcnf bis F\u00fcnfzehn Takten, lauter Musik, die\u00a0<em>niemand kennt&#8230;<\/em>\u00a0Wagner hatte die Tugend der\u00a0<em>d\u00e9cadents<\/em>, das Mitleiden \u2013 \u2013 \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">8<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 \u00bbSehr gut! Aber wie\u00a0<em>kann<\/em>\u00a0man seinen Geschmack an diesem\u00a0<em>d\u00e9cadent<\/em>\u00a0verlieren, wenn man nicht zuf\u00e4llig ein Musiker, wenn man nicht zuf\u00e4llig selbst ein<em>\u00a0d\u00e9cadent<\/em>\u00a0ist?\u00ab \u2013 Umgekehrt! Wie kann man&#8217;s\u00a0<em>nicht<\/em>! Versuchen Sie&#8217;s doch! \u2013 Sie wissen nicht, wer Wagner ist: ein ganz\u00a0gro\u00dfer Schauspieler! Gibt es \u00fcberhaupt eine tiefere, eine\u00a0<em>schwerere<\/em>\u00a0Wirkung im Theater? Sehen Sie doch diese J\u00fcnglinge \u2013 erstarrt, bla\u00df, atemlos! Das sind Wagnerianer: das versteht nichts von Musik \u2013 und trotzdem wird Wagner \u00fcber sie Herr&#8230; Wagners Kunst dr\u00fcckt mit hundert Atmosph\u00e4ren: b\u00fccken Sie sich nur, man kann nicht anders&#8230; Der Schauspieler Wagner ist ein Tyrann, sein Pathos wirft jeden Geschmack, jeden Widerstand \u00fcber den Haufen. \u2013 Wer hat diese \u00dcberzeugungskraft der Geb\u00e4rde, wer sieht so bestimmt, so zuallererst die Geb\u00e4rde! Dies Atem-Anhalten des Wagnerschen Pathos, dies Nichtmehr-loslassen-Wollen eines extremen Gef\u00fchls, diese Schrecken einfl\u00f6\u00dfende\u00a0<em>L\u00e4nge<\/em>\u00a0in Zust\u00e4nden, wo der Augenblick schon erw\u00fcrgen will! \u2013 \u2013<\/p>\n<div id=\"attachment_14490\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Beethoven.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14490\" class=\"size-full wp-image-14490\" title=\"220px-Beethoven\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Beethoven.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"264\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14490\" class=\"wp-caption-text\">Ludwig van Beethoven (1770\u20131827); (Idealisierendes) Gem\u00e4lde Joseph Karl Stielers von 1820<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">War Wagner \u00fcberhaupt ein Musiker? Jedenfalls war er etwas anderes\u00a0<em>mehr:<\/em>\u00a0n\u00e4mlich ein unvergleichlicher\u00a0<em>histrio<\/em>, der gr\u00f6\u00dfte Mime, das erstaunlichste Theater-Genie, das die Deutschen gehabt haben, unser\u00a0<em>Szeniker par excellence<\/em>. Er geh\u00f6rt woandershin als in die Geschichte der Musik: mit deren gro\u00dfen Echten soll man ihn nicht verwechseln. Wagner\u00a0<em>und<\/em>\u00a0Beethoven \u2013 das ist eine Blasphemie \u2013 und zuletzt ein Unrecht selbst gegen Wagner&#8230; Er war auch als Musiker nur das, was er \u00fcberhaupt war: er\u00a0<em>wurde<\/em>\u00a0Musiker, er<em>\u00a0wurde<\/em>\u00a0Dichter, weil der Tyrann in ihm, sein Schauspieler-Genie ihn dazu zwang. Man err\u00e4t nichts von Wagner, solange man nicht seinen dominierenden Instinkt erriet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagner war\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0Musiker von Instinkt. Dies bewies er damit, da\u00df er alle Gesetzlichkeit und, bestimmter geredet, allen Stil in der Musik preisgab, um aus ihr zu machen, was er n\u00f6tig hatte, eine Theater- Rhetorik, ein Mittel des Ausdrucks, der Geb\u00e4rden-Verst\u00e4rkung, der Suggestion, des Psychologisch-Pittoresken. Wagner d\u00fcrfte uns hier als Erfinder und Neuerer ersten Ranges gelten \u2013\u00a0<em>er hat das Sprachverm\u00f6gen der Musik ins Unerme\u00dfliche vermehrt \u2013<\/em>: er ist der Victor Hugo der Musik als Sprache. Immer vorausgesetzt, da\u00df man zuerst gelten l\u00e4\u00dft, Musik<em>\u00a0d\u00fcrfe<\/em>\u00a0unter Umst\u00e4nden nicht Musik, sondern Sprache, sondern Werkzeug, sondern\u00a0<em>ancilla dramaturgica<\/em>\u00a0sein. Wagners Musik,\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0vom Theater-Geschmacke, einem sehr toleranten Geschmacke, in Schutz genommen, ist einfach schlechte Musik, die schlechteste \u00fcberhaupt, die vielleicht gemacht worden ist. Wenn ein Musiker nicht mehr bis drei z\u00e4hlen kann, wird er \u00bbdramatisch\u00ab, wird er \u00bbWagnerisch\u00ab&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagner hat beinahe entdeckt, welche Magie selbst noch mit einer aufgel\u00f6sten und gleichsam\u00a0<em>elementarisch<\/em>\u00a0gemachten Musik ausge\u00fcbt werden kann. Sein Bewu\u00dftsein davon geht bis ins Unheimliche, wie sein Instinkt, die h\u00f6here Gesetzlichkeit, den\u00a0<em>Stil<\/em>\u00a0gar nicht n\u00f6tig zu haben. Das Elementarische\u00a0<em>gen\u00fcgt<\/em>\u00a0\u2013 Klang, Bewegung, Farbe, kurz die Sinnlichkeit der Musik. Wagner rechnet nie als Musiker, von irgendeinem Musiker-Gewissen aus: er will die Wirkung, er will nichts als die Wirkung. Und er kennt das, worauf er zu wirken hat! \u2013 Er hat darin die Unbedenklichkeit, die Schiller hatte, die jeder Theatermensch hat, er hat auch dessen Verachtung der Welt, die er sich zu F\u00fc\u00dfen legt!&#8230; Man ist Schauspieler damit, da\u00df man<em>\u00a0eine<\/em>\u00a0Einsicht vor dem Rest der Menschen voraus hat: was als wahr wirken soll, darf nicht wahr sein. Der Satz ist von Talma formuliert: er enth\u00e4lt die ganze Psychologie des Schauspielers, er enth\u00e4lt \u2013 zweifeln wir nicht daran! \u2013 auch dessen Moral. Wagners Musik ist niemals wahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Aber\u00a0<em>man h\u00e4lt sie daf\u00fcr:<\/em>\u00a0und so ist es in Ordnung. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solang man noch kindlich ist und Wagnerianer dazu, h\u00e4lt man Wagner selbst f\u00fcr reich, selbst f\u00fcr einen Ausbund von Verschwender, selbst f\u00fcr einen Gro\u00dfgrundbesitzer im Reich des Klangs. Man bewundert an ihm, was junge Franzosen an Victor Hugo bewundern, die \u00bbk\u00f6nigliche Freigebigkeit\u00ab. Sp\u00e4ter bewundert man den einen wie den andern aus umgekehrten Gr\u00fcnden: als Meister und Muster der \u00d6konomie, als\u00a0<em>kluge<\/em>\u00a0Gastgeber. Niemand kommt ihnen darin gleich, mit bescheidenem Aufwand eine f\u00fcrstliche Tafel zu repr\u00e4sentieren. \u2013 Der Wagnerianer, mit seinem gl\u00e4ubigen Magen, wird sogar satt bei der Kost, die ihm sein Meister vorzaubert. Wir anderen, die wir in B\u00fcchern wie in Musik vor allem\u00a0<em>Substanz<\/em>\u00a0verlangen, und denen mit blo\u00df \u00bbrepr\u00e4sentierten\u00ab Tafeln kaum gedient ist, sind viel schlimmer dran. Auf deutsch: Wagner gibt uns nicht genug zu bei\u00dfen. Sein\u00a0<em>recitativo<\/em>\u00a0\u2013 wenig Fleisch, schon mehr Knochen und sehr viel Br\u00fche \u2013 ist von mir\u00a0<em>\u00bballa genovese<\/em>\u00ab getauft: womit ich durchaus den Genuesen nicht geschmeichelt haben will, wohl aber dem\u00a0<em>\u00e4lteren recitativo<\/em>, dem\u00a0<em>recitativo secco<\/em>. Was gar das Wagnersche \u00bbLeitmotiv\u00ab betrifft, so fehlt mir daf\u00fcr alles kulinarische Verst\u00e4ndnis. Ich w\u00fcrde es, wenn man mich dr\u00e4ngt, vielleicht als idealen Zahnstocher gelten lassen, als Gelegenheit,\u00a0<em>Reste\u00a0<\/em>von Speisen loszuwerden. Bleiben die \u00bbArien\u00ab Wagners. \u2013 Und nun sage ich kein Wort mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">9<\/p>\n<div id=\"attachment_14493\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Paul_von_Joukowsky_-_Bu\u0308hnenbild_Parsifal_-_Gralstempel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14493\" class=\"size-full wp-image-14493\" title=\"220px-Paul_von_Joukowsky_-_Bu\u0308hnenbild_Parsifal_-_Gralstempel\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Paul_von_Joukowsky_-_Bu\u0308hnenbild_Parsifal_-_Gralstempel.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"163\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14493\" class=\"wp-caption-text\">Parsifal, der Gralstempel. B\u00fchnenbild der Urauff\u00fchrung<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch im Entwerfen der Handlung ist Wagner vor allem Schauspieler. Was zuerst ihm aufgeht, ist eine Szene von unbedingt sichrer Wirkung, eine wirkliche<em>\u00a0actio\u00a0<\/em>mit einem\u00a0<em>hautrelief<\/em>\u00a0der Geb\u00e4rde, eine Szene, die\u00a0<em>umwirft<\/em>\u00a0\u2013 diese denkt er in die Tiefe, aus ihr zieht er erst die Charaktere. Der ganze Rest folgt daraus, einer technischen \u00d6konomik gem\u00e4\u00df, die keine Gr\u00fcnde hat, subtil zu sein. Es ist\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0das Publikum Corneilles, das Wagner zu schonen hat: blo\u00dfes neunzehntes Jahrhundert. Wagner w\u00fcrde \u00fcber \u00bbdas eine, was not tut\u00ab ungef\u00e4hr urteilen, wie jeder andre Schauspieler heute urteilt: eine Reihe starker Szenen, eine st\u00e4rker als die andre \u2013 und, dazwischen, viel\u00a0<em>kluge<\/em>\u00a0Stupidit\u00e4t. Er sucht sich selbst zuerst die Wirkung seines Werkes zu garantieren, er beginnt mit dem dritten Akte, er\u00a0<em>beweist<\/em>\u00a0sich sein Werk mit dessen letzter Wirkung. Mit einem solchen Theaterverstande als F\u00fchrer ist man nicht in Gefahr, unversehens ein Drama zu schaffen. Das Drama verlangt die\u00a0<em>harte<\/em>\u00a0Logik: aber was lag Wagner \u00fcberhaupt an der Logik! Nochmals gesagt: es ist\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0das Publikum Corneilles, das er zu schonen hatte: blo\u00dfe Deutsche! Man wei\u00df, bei welchem technischen Problem der Dramatiker alle seine Kraft ansetzt und oft Blut schwitzt: dem Knoten\u00a0<em>Notwendigkeit<\/em>\u00a0zu geben und ebenso der L\u00f6sung, so da\u00df beide nur auf eine einzige Art m\u00f6glich sind, beide den Eindruck der Freiheit machen (Prinzip des kleinsten Aufwandes von Kraft). Nun, dabei schwitzt Wagner am wenigsten Blut; gewi\u00df ist, da\u00df er f\u00fcr Knoten und L\u00f6sung den kleinsten Aufwand von Kraft macht. Man nehme irgendeinen \u00bbKnoten\u00ab Wagners unter das Mikroskop \u2013 man wird dabei zu lachen haben, das verspreche ich. Nichts erheiternder als der Knoten des\u00a0Tristan, es m\u00fc\u00dfte denn der Knoten der Meistersinger sein. Wagner ist\u00a0<em>kein<\/em>\u00a0Dramatiker, man lasse sich nichts vormachen. Er liebte das Wort \u00bbDrama\u00ab: das ist alles \u2013 er hat immer die sch\u00f6nen Worte geliebt. Das Wort \u00bbDrama\u00ab in seinen Schriften ist trotzdem blo\u00df ein Mi\u00dfverst\u00e4ndnis (\u2013\u00a0<em>und<\/em>\u00a0eine Klugheit: Wagner tat immer vornehm gegen das Wort \u00bbOper\u00ab\u2013); ungef\u00e4hr wie das Wort \u00bbGeist\u00ab im Neuen Testament blo\u00df ein Mi\u00dfverst\u00e4ndnis ist. \u2013 Er war schon nicht Psychologe genug zum Drama; er wich instinktiv der psychologischen Motivierung aus \u2013 womit? damit, da\u00df er immer die Idiosynkrasie an deren Stelle r\u00fcckte&#8230; Sehr modern, nicht wahr? sehr pariserisch! sehr<em>d\u00e9cadent<\/em>!&#8230; Die\u00a0<em>Knoten<\/em>, anbei gesagt, die tats\u00e4chlich Wagner mit Hilfe dramatischer Erfindungen zu l\u00f6sen wei\u00df, sind ganz andrer Art. Ich gebe ein Beispiel. Nehmen wir den Fall, da\u00df Wagner eine Weiberstimme n\u00f6tig hat. Ein ganzer Akt\u00a0<em>ohne<\/em>\u00a0Weiberstimme \u2013 das geht nicht! Aber die \u00bbHeldinnen\u00ab sind im Augenblick alle nicht frei. Was tut Wagner? Er emanzipiert das \u00e4lteste Weib der Welt, die Erda: \u00bbHerauf, alte Gro\u00dfmutter! Sie m\u00fcssen singen!\u00ab Erda singt. Wagners Absicht ist erreicht. Sofort schafft er die alte Dame wieder ab. \u00bbWozu kamen Sie eigentlich? Ziehn Sie ab! Schlafen Sie gef\u00e4lligst weiter!\u00ab \u2013\u00a0<em>In summa:<\/em>\u00a0eine Szene voller mythologischer Schauder, bei der der Wagnerianer\u00a0<em>ahnt&#8230;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 \u00bbAber der\u00a0<em>Gehalt<\/em>\u00a0der Wagnerschen Texte! ihr mythischer Gehalt! ihr ewiger Gehalt!\u00ab \u2013 Frage: wie pr\u00fcft man diesen Gehalt, diesen ewigen Gehalt? \u2013 Der Chemiker antwortet: man \u00fcbersetzt Wagner ins Reale, ins Moderne \u2013 seien wir noch grausamer! ins B\u00fcrgerliche! Was wird dabei aus Wagner? \u2013 Unter uns, ich habe es versucht. Nichts unterhaltender, nichts f\u00fcr Spazierg\u00e4nge mehr zu empfehlen, als sich Wagner in<em>\u00a0verj\u00fcngten<\/em>Proportionen zu erz\u00e4hlen: zum Beispiel Parsifal als Kandidaten der Theologie, mit Gymnasialbildung (\u2013 letztere als unentbehrlich zur\u00a0<em>reinen Torheit<\/em>). Welche \u00dcberraschungen man dabei erlebt! W\u00fcrden Sie es glauben, da\u00df die Wagnerschen Heroinen samt und sonders, sobald man nur erst den heroischen Balg abgestreift hat, zum Verwechseln Madame Bovary \u00e4hnlich sehn! \u2013 wie man umgekehrt auch begreift, da\u00df es Flaubert\u00a0<em>freistand<\/em>, seine Heldin ins Skandinavische oder Karthagische zu \u00fcbersetzen und sie dann, mythologisiert, Wagner als Textbuch anzubieten. Ja, ins Gro\u00dfe gerechnet, scheint Wagner sich f\u00fcr keine andern Probleme interessiert zu haben,\u00a0als die, welche heute die kleinen Pariser\u00a0<em>d\u00e9cadents<\/em>\u00a0interessieren. Immer f\u00fcnf Schritte weit vom Hospital! Lauter ganz moderne, lauter ganz\u00a0<em>gro\u00dfst\u00e4dtische<\/em>\u00a0Probleme! zweifeln Sie nicht daran!&#8230; Haben Sie bemerkt (es geh\u00f6rt in diese Ideen-Assoziation), da\u00df die Wagnerschen Heldinnen keine Kinder bekommen? \u2013 Sie<em>\u00a0k\u00f6nnen&#8217;s<\/em>\u00a0nicht&#8230; Die Verzweiflung, mit der Wagner das Problem angegriffen hat, Siegfried \u00fcberhaupt geboren werden zu lassen, verr\u00e4t,\u00a0<em>wie<\/em>\u00a0modern er in diesem Punkte f\u00fchlte. \u2013 Siegfried \u00bbemanzipiert das Weib\u00ab \u2013 doch ohne Hoffnung auf Nachkommenschaft. \u2013 Eine Tatsache endlich, die uns fassungslos l\u00e4\u00dft: Parsifal ist der Vater Lohengrins! Wie hat er das gemacht? \u2013 Mu\u00df man sich hier daran erinnern, da\u00df \u00bbdie Keuschheit\u00a0<em>Wunder<\/em>\u00a0tut\u00ab?..<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wagnerus dixit princeps in castitate auctoritas.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">10<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anbei noch ein Wort \u00fcber die Schriften Wagners: sie sind, unter anderem, eine Schule der\u00a0<em>Klugheit<\/em>. Das System von Prozeduren, das Wagner handhabt, ist auf hundert andre F\u00e4lle anzuwenden \u2013 wer Ohren hat, der h\u00f6re. Vielleicht habe ich einen Anspruch auf \u00f6ffentliche Erkenntlichkeit, wenn ich den drei wertvollsten Prozeduren einen pr\u00e4zisen Ausdruck gebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles, was Wagner\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0kann, ist verwerflich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagner k\u00f6nnte noch vieles: aber er will es nicht, aus Rigorosit\u00e4t im Prinzip.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles, was Wagner\u00a0<em>kann<\/em>, wird ihm niemand nachmachen, hat ihm keiner vorgemacht,\u00a0<em>soll<\/em>\u00a0ihm keiner nachmachen&#8230; Wagner ist g\u00f6ttlich&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese drei S\u00e4tze sind die Quintessenz von Wagners Literatur; der Rest ist \u2013 \u00bbLiteratur\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Nicht jede Musik hat bisher Literatur n\u00f6tig gehabt: man tut gut, hier nach dem zureichenden Grund zu suchen. Ist es, da\u00df Wagners Musik zu schwer verst\u00e4ndlich ist? Oder f\u00fcrchtete er das Umgekehrte, da\u00df man sie zu leicht versteht \u2013 da\u00df man sie\u00a0<em>nicht schwer genug<\/em>\u00a0versteht? \u2013 Tats\u00e4chlich hat er sein ganzes Leben\u00a0<em>einen<\/em>\u00a0Satz wiederholt: da\u00df seine Musik nicht nur Musik bedeute! Sondern mehr! Sondern unendlich\u00a0viel mehr!&#8230; \u00bb<em>Nicht nur<\/em>\u00a0Musik\u00ab \u2013 so redet kein Musiker. Nochmals gesagt, Wagner konnte nicht aus dem Ganzen schaffen, er hatte gar keine Wahl, er mu\u00dfte St\u00fcckwerk machen, \u00bbMotive\u00ab, Geb\u00e4rden, Formeln, Verdopplungen und Verhundertfachungen, er blieb Rhetor als Musiker \u2013 er\u00a0<em>mu\u00dfte<\/em>\u00a0grunds\u00e4tzlich deshalb das \u00bbes bedeutet\u00ab in den Vordergrund bringen. \u00bbDie Musik ist immer nur ein Mittel\u00ab: das war seine Theorie, das war vor allem die einzige ihm \u00fcberhaupt m\u00f6gliche\u00a0<em>Praxis<\/em>. Aber so denkt kein Musiker. \u2013 Wagner hatte Literatur n\u00f6tig, um alle Welt zu \u00fcberreden, seine Musik ernst zu nehmen, tief zu nehmen, \u00bbweil sie Unendliches\u00a0<em>bedeute<\/em>\u00ab; er war zeitlebens der Kommentator der \u00bbIdee\u00ab. \u2013 Was bedeutet Elsa? Aber kein Zweifel: Elsa ist \u00bbder unbewu\u00dfte\u00a0<em>Geist des Volks<\/em>\u00ab (\u2013 \u00bbmit dieser Erkenntnis wurde ich notwendig zum vollkommnen Revolution\u00e4r\u00ab \u2013).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erinnern wir uns, da\u00df Wagner in der Zeit, wo Hegel und Schelling die Geister verf\u00fchrten, jung war; da\u00df er erriet, da\u00df er mit H\u00e4nden griff, was allein der Deutsche ernst nimmt \u2013 \u00bbdie Idee\u00ab, will sagen etwas, das dunkel, ungewi\u00df, ahnungsvoll ist; da\u00df Klarheit unter Deutschen ein Einwand, Logik eine Widerlegung ist. Schopenhauer hat, mit H\u00e4rte, die Epoche Hegels und Schellings der Unredlichkeit geziehn \u2013 mit H\u00e4rte, auch mit Unrecht: er selbst, der alte pessimistische Falschm\u00fcnzer, hat es in nichts \u00bbredlicher\u00ab getrieben als seine ber\u00fchmteren Zeitgenossen. Lassen wir die Moral aus dem Spiele: Hegel ist ein\u00a0<em>Geschmack&#8230;<\/em>\u00a0Und nicht nur ein deutscher, sondern ein europ\u00e4ischer Geschmack! \u2013 Ein Geschmack, den Wagner begriff! \u2013 dem er sich gewachsen f\u00fchlte! den er verewigt hat! \u2013 Er machte blo\u00df die Nutzanwendung auf die Musik \u2013 er erfand sich einen Stil, der \u00bbUnendliches bedeutet\u00ab, \u2013 er wurde der\u00a0<em>Erbe Hegels&#8230;<\/em>\u00a0Die Musik als \u00bbIdee\u00ab \u2013 \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wie man Wagner verstand! \u2013 Dieselbe Art Mensch, die f\u00fcr Hegel geschw\u00e4rmt, schw\u00e4rmt heute f\u00fcr Wagner; in seiner Schule\u00a0<em>schreibt<\/em>\u00a0man sogar Hegelisch! \u2013 Vor allen verstand ihn der deutsche J\u00fcngling. Die zwei Worte \u00bbunendlich\u00ab und \u00bbBedeutung\u00ab gen\u00fcgten bereits: ihm wurde dabei auf eine unvergleichliche Weise wohl. Es ist\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0die Musik, mit der Wagner sich die J\u00fcnglinge erobert hat, es ist die \u00bbIdee\u00ab \u2013 es ist das R\u00e4tselreiche seiner Kunst, ihr Versteckspielen unter hundert Symbolen, ihre Polychromie des Ideals, was diese J\u00fcnglinge\u00a0zu Wagner f\u00fchrt und lockt; es ist Wagners Genie der Wolkenbildung, sein Greifen, Schweifen und Streifen durch die L\u00fcfte, sein \u00dcberall und Nirgendswo, genau dasselbe, womit sie seinerzeit Hegel verf\u00fchrt und verlockt hat! \u2013 Inmitten von Wagners Vielheit, F\u00fclle und Willk\u00fcr sind sie wie bei sich selbst gerechtfertigt \u2013 \u00bberl\u00f6st\u00ab \u2013. Sie h\u00f6ren mit Zittern, wie in seiner Kunst\u00a0<em>die gro\u00dfen Symbole<\/em>\u00a0aus vernebelter Ferne mit sanftem Donner laut werden; sie sind nicht ungehalten, wenn es zeitweilig grau, gr\u00e4\u00dflich und kalt in ihr zugeht. Sind sie doch samt und sonders, gleich Wagner selbst,\u00a0<em>verwandt<\/em>\u00a0mit dem schlechten Wetter, dem deutschen Wetter! Wotan ist ihr Gott: aber Wotan ist der Gott des schlechten Wetters&#8230; Sie haben recht, diese deutschen J\u00fcnglinge, so wie sie nun einmal sind: wie<em>\u00a0k\u00f6nnten<\/em>\u00a0sie vermissen, was wir andern, was\u00a0<em>wir Halkyonier<\/em>\u00a0bei Wagner vermissen \u2013\u00a0<em>la gaya scienza<\/em>; die leichten F\u00fc\u00dfe; Witz, Feuer, Anmut; die gro\u00dfe Logik; den Tanz der Sterne; die \u00fcberm\u00fctige Geistigkeit; die Lichtschauder des S\u00fcdens; das\u00a0<em>glatte<\/em>\u00a0Meer \u2013 Vollkommenheit&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">11<\/p>\n<div id=\"attachment_14494\" style=\"width: 157px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Liszt_1858.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14494\" class=\"size-medium wp-image-14494\" title=\"220px-Liszt_1858\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Liszt_1858-147x300.jpg\" alt=\"\" width=\"147\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14494\" class=\"wp-caption-text\">Franz Liszt, Fotografie von Franz Hanfstaeng<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Ich habe erkl\u00e4rt, wohin Wagner geh\u00f6rt \u2013\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0in die Geschichte der Musik. Was bedeutet er trotzdem in deren Geschichte?\u00a0<em>Die Heraufkunft des Schauspielers in der Musik:<\/em>\u00a0ein kapitales Ereignis, das zu denken, das vielleicht auch zu f\u00fcrchten gibt. In Formel: \u00bbWagner und Liszt\u00ab. \u2013 Noch nie wurde die Rechtschaffenheit der Musiker, ihre \u00bbEchtheit\u00ab gleich gef\u00e4hrlich auf die Probe gestellt. Man greift es mit H\u00e4nden: der gro\u00dfe Erfolg, der Massen-Erfolg ist nicht mehr auf Seite der Echten \u2013man mu\u00df Schauspieler sein, ihn zu haben! \u2013 Victor Hugo und Richard Wagner \u2013 sie bedeuten ein und dasselbe: da\u00df in Niedergangs-Kulturen, da\u00df \u00fcberall, wo den Massen die Entscheidung in die H\u00e4nde f\u00e4llt, die Echtheit \u00fcberfl\u00fcssig, nachteilig, zur\u00fccksetzend wird. Nur der Schauspieler weckt noch die\u00a0<em>gro\u00dfe<\/em>\u00a0Begeisterung. \u2013 Damit kommt f\u00fcr den Schauspieler das\u00a0<em>goldene Zeitalter<\/em>\u00a0herauf \u2013 f\u00fcr ihn und f\u00fcr alles, was seiner Art verwandt ist. Wagner marschiert mit Trommeln und Pfeifen an der Spitze aller K\u00fcnstler des Vortrags, der Darstellung, des Virtuosentums; er hat zuerst die Kapellmeister, die Maschinisten und Theaters\u00e4nger \u00fcberzeugt. Nicht zu vergessen die Orchestermusiker \u2013 er \u00bberl\u00f6ste\u00ab diese von der Langeweile&#8230; Die Bewegung, die Wagner schuf, greift selbst in das Gebiet der Erkenntnis \u00fcber: ganze zugeh\u00f6rige Wissenschaften tauchen langsam aus jahrhundertealter Scholastik empor. Ich hebe, um ein Beispiel zu geben, mit Auszeichnung die Verdienste\u00a0<em>Riemanns<\/em>\u00a0um die Rhythmik hervor, des ersten, der den Hauptbegriff der Interpunktion auch f\u00fcr die Musik geltend gemacht hat (leider vermittelst eines h\u00e4\u00dflichen Wortes: er nennt&#8217;s \u00bbPhrasierung\u00ab). \u2013 Dies alles sind, ich sage es mit Dankbarkeit, die Besten unter den Verehrern Wagners, die Achtungsw\u00fcrdigsten \u2013 sie haben einfach recht, Wagner zu verehren. Der gleiche Instinkt verbindet sie miteinander, sie sehen in ihm ihren h\u00f6chsten Typus, sie f\u00fchlen sich zur Macht, zur Gro\u00dfmacht selbst umgewandelt, seit er sie mit seiner eignen Glut entz\u00fcndet hat. Hier n\u00e4mlich, wenn irgendwo, ist der Einflu\u00df Wagners wirklich<em>\u00a0wohlt\u00e4tig<\/em>\u00a0gewesen. Noch nie ist in dieser Sph\u00e4re so viel gedacht, gewollt, gearbeitet worden. Wagner hat allen diesen K\u00fcnstlern ein neues Gewissen eingegeben: was sie jetzt von sich fordern, von sich\u00a0<em>erlangen<\/em>, das haben sie nie vor Wagner von sich gefordert \u2013 sie waren fr\u00fcher zu bescheiden dazu. Es herrscht ein andrer Geist am Theater, seit Wagners Geist daselbst herrscht: man verlangt das Schwerste, man tadelt hart, man lobt selten \u2013 das Gute, das Ausgezeichnete gilt als Regel. Geschmack tut nicht mehr not; nicht einmal Stimme. Man singt Wagner nur mit ruinierter Stimme: das wirkt \u00bbdramatisch\u00ab. Selbst Begabung ist ausgeschlossen. Das\u00a0<em>espressivo<\/em>\u00a0um jeden Preis, wie es das Wagnersche Ideal, das\u00a0<em>d\u00e9cadence<\/em>\u2013Ideal verlangt, vertr\u00e4gt sich schlecht mit Begabung. Dazu geh\u00f6rt blo\u00df\u00a0<em>Tugend<\/em>\u00a0\u2013 will sagen Dressur, Automatismus, \u00bbSelbstverleugnung\u00ab. Weder Geschmack, noch Stimme, noch Begabung: die B\u00fchne Wagners hat nur eins n\u00f6tig \u2013\u00a0<em>Germanen!<\/em>\u00a0Definition des Germanen: Gehorsam und lange Beine&#8230; Es ist voll tiefer Bedeutung, da\u00df die Heraufkunft Wagners zeitlich mit der Heraufkunft des \u00bbReichs\u00ab zusammenf\u00e4llt: beide Tatsachen beweisen ein und dasselbe \u2013 Gehorsam und lange Beine. \u2013 Nie ist besser gehorcht, nie besser befohlen worden. Die Wagnerschen Kapellmeister insonderheit sind eines Zeitalters w\u00fcrdig, das die Nachwelt einmal mit scheuer Ehrfurcht\u00a0<em>das klassische Zeitalter des Kriegs<\/em>\u00a0nennen wird. Wagner verstand zu kommandieren; er war auch damit der gro\u00dfe Lehrer. Er kommandierte als der unerbittliche Wille zu sich, als die lebensl\u00e4ngliche\u00a0Zucht an sich: Wagner, der vielleicht das gr\u00f6\u00dfte Beispiel der Selbstvergewaltigung abgibt, das die Geschichte der K\u00fcnste hat (\u2013 selbst Alfieri, sonst sein N\u00e4chstverwandter, ist noch \u00fcberboten. Anmerkung eines Turiners).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">12<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dieser Einsicht, da\u00df unsre Schauspieler verehrungsw\u00fcrdiger als je sind, ist ihre Gef\u00e4hrlichkeit nicht als geringer begriffen&#8230; Aber wer zweifelt noch daran,\u00a0<em>was<\/em>\u00a0ich will \u2013 was die\u00a0<em>drei Forderungen<\/em>\u00a0sind, zu denen mir diesmal mein Ingrimm, meine Sorge, meine Liebe zur Kunst den Mund ge\u00f6ffnet hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Da\u00df das Theater nicht Herr \u00fcber die K\u00fcnste wird.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Da\u00df der Schauspieler nicht zum Verf\u00fchrer der Echten wird.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Da\u00df die Musik nicht zu einer Kunst zu l\u00fcgen wird.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div><strong>Der kleine Wagnerianer<\/strong>: Zehn Lektionen f\u00fcr Anf\u00e4nger und Fortgeschrittene, von <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Enrik+Lauer%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Enrik Lauer<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Regine+M%C3%BCller%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Regine M\u00fcller, <\/a>Beck C. H., 2013<\/div>\n<div>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103660 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Wagner-191x300.jpg\" alt=\"\" width=\"191\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p>Flankierend zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12589\">Kollegengespr\u00e4ch <\/a>eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/11\/leseprobe-2\/\">Leseprobe<\/a> aus Der kleine Wagnerianer, die der Beck-Verlag aus dem Buch zur Verf\u00fcgung stellt.<\/p>\n<p><strong>\u2192<\/strong> Eine andere <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/02\/13\/unbewust-hochste-lust\/\">Lesart<\/a> pr\u00e4sentiert Ulrich Bergmann auf KUNO.<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>\u2192 <\/strong>Lesen Sie auch \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51602\">Zarathustra \u2022 Revisited<\/a>\u201e. Z\u00e4hlung, Dichtung, Diagramme. Visualisiert von Hartmut Abendschein. Und Thomas N\u00f6ske versucht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70592\">mit diesem Essay<\/a> mit Nietzsche fertig zu werden.<\/div>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Sommer ohne Bayreuther Festspiele, kaum denkbar. Auch in diesem Jahr sind die begehrten Karten vorbestellt, Hotels ausgebucht &#8211; aber die Festspiele fallen wegen der Pandemie aus. Zum ersten Mal seit Weltkrieg # 2. Ein 25. Juli ohne Fanfaren und&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/25\/der-fall-wagner\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":93,"featured_media":103660,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1065,447,1182,1066,1181],"class_list":["post-14476","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-enrik-lauer","tag-friedrich-nietzsche","tag-georges-bizet","tag-regine-mueller","tag-wagner"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14476","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/93"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14476"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14476\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103669,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14476\/revisions\/103669"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/103660"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14476"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14476"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14476"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}