{"id":14455,"date":"2023-08-25T00:01:11","date_gmt":"2023-08-24T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14455"},"modified":"2022-02-25T19:09:17","modified_gmt":"2022-02-25T18:09:17","slug":"das-verhaltnis-der-schopenhauerschen-philosophie-zu-einer-deutschen-kultur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/25\/das-verhaltnis-der-schopenhauerschen-philosophie-zu-einer-deutschen-kultur\/","title":{"rendered":"Das Verh\u00e4ltnis der schopenhauerschen Philosophie zu einer deutschen Kultur"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im lieben niedertr\u00e4chtigen Deutschland liegt jetzt die Bildung so verkommen auf den Stra\u00dfen, regiert die Scheelsucht auf alles Gro\u00dfe so schamlos und t\u00f6nt der allgemeine Tumult der zum \u00bbGl\u00fccke\u00ab Rennenden so ohrbet\u00e4ubend, da\u00df man einen starken Glauben, fast im Sinne des\u00a0<em>credo quia absurdum est,<\/em>\u00a0haben mu\u00df, um hier auf eine werdende Kultur doch noch hoffen und vor allem f\u00fcr dieselbe \u2013 \u00f6ffentlich lehrend, im Gegensatze zu der \u00bb\u00f6ffentlich meinenden\u00ab Presse \u2013 arbeiten zu k\u00f6nnen. Mit Gewalt m\u00fcssen die, denen die unsterbliche Sorge um das Volk am Herzen liegt, sich von den auf sie einst\u00fcrmenden Eindr\u00fccken des gerade jetzt Gegenw\u00e4rtigen und Geltenden befreien und den Schein erregen, als ob sie dasselbe den gleichg\u00fcltigen Dingen zurechneten. Sie m\u00fcssen so scheinen, weil sie denken wollen und weil ein widerlicher Anblick und ein verworrener, wohl gar mit den Trompetenst\u00f6\u00dfen des Kriegsruhms gemischter L\u00e4rm ihr Denken st\u00f6rt, vor allem aber, weil sie an das Deutsche\u00a0<em>glauben<\/em>\u00a0wollen und mit diesem Glauben ihre Kraft verlieren w\u00fcrden. Verargt es diesen Gl\u00e4ubigen nicht, wenn sie sehr aus der Entfernung und von oben herab nach dem Lande ihrer Verhei\u00dfungen hinschauen! Sie scheuen sich vor den Erfahrungen, denen der wohlwollende Ausl\u00e4nder sich preisgibt, wenn er jetzt unter Deutschen lebt und sich verwundern mu\u00df, wie wenig das deutsche Leben jenen gro\u00dfen Individuen, Werken und Handlungen entspricht, die er, in seinem Wohlwollen, als das eigentlich Deutsche zu verehren gelernt hat. Wo sich der Deutsche nicht ins Gro\u00dfe erheben kann, macht er einen weniger als mittelm\u00e4\u00dfigen Eindruck. Selbst die ber\u00fchmte deutsche Wissenschaft, in der eine Anzahl der n\u00fctzlichsten h\u00e4uslichen und familienhaften Tugenden, Treue, Selbstbeschr\u00e4nkung, Flei\u00df, Bescheidenheit, Reinlichkeit, in eine freiere Luft versetzt und gleichsam verkl\u00e4rt erscheint, ist doch\u00a0keineswegs das Resultat dieser Tugenden; aus der N\u00e4he betrachtet sieht das zu unbeschr\u00e4nktem Erkennen antreibende Motiv in Deutschland einem Mangel, einem Defekt, einer L\u00fccke viel \u00e4hnlicher als einem \u00dcberflu\u00df von Kr\u00e4ften, fast wie die Folge eines d\u00fcrftigen formlosen unlebendigen Lebens und selbst wie eine Flucht vor der moralischen Kleinlichkeit und Bosheit, denen der Deutsche, ohne solche Ableitungen, unterworfen ist und die auch, trotz der Wissenschaft, ja noch in der Wissenschaft des \u00f6fteren hervorbrechen. Auf die Beschr\u00e4nktheit, im Leben, Erkennen und Beurteilen, verstehen sich die Deutschen als wahre Virtuosen des Philisterhaften; will sie einer \u00fcber sie hinaus ins Erhabene tragen, so machen sie sich schwer wie Blei, und als solche Bleigewichte h\u00e4ngen sie an ihren wahrhaft Gro\u00dfen, um diese aus dem \u00c4ther zu sich und zu ihrer d\u00fcrftigen Bed\u00fcrftigkeit herabzuziehen. Vielleicht mag diese Philister-Gem\u00fctlichkeit nur Entartung einer echten deutschen Tugend sein \u2013 einer innigen Versenkung in das Einzelne, Kleine, N\u00e4chste und in die Mysterien des Individuums \u2013 aber diese verschimmelte Tugend ist jetzt schlimmer als das offenbarste Laster; besonders seitdem man sich nun gar dieser Eigenschaft, bis zur literarischen Selbstglorifikation, von Herzen froh bewu\u00dft geworden ist. Jetzt sch\u00fctteln sich die\u00a0<em>\u00bbGebildeten<\/em>\u00ab unter den bekanntlich so kultivierten Deutschen und die<em>\u00bbPhilister<\/em>\u00ab unter den bekanntlich so unkultivierten Deutschen \u00f6ffentlich die H\u00e4nde und treffen eine Abrede miteinander, wie man f\u00fcrderhin schreiben, dichten, malen, musizieren und selbst philosophieren, ja regieren m\u00fcsse, um weder der \u00bbBildung\u00ab des einen zu ferne zu stehen noch der \u00bbGem\u00fctlichkeit\u00ab des andern zu nahe zu treten. Dies nennt man jetzt \u00bbdie deutsche Kultur der Jetztzeit\u00ab; wobei nur noch zu erfragen w\u00e4re, an welchem Merkmale jener \u00bbGebildete\u00ab zu erkennen ist, nachdem wir wissen, da\u00df sein Milchbruder, der deutsche Philister, sich jetzt selbst, ohne Versch\u00e4mtheit, gleichsam nach verlorner Unschuld, aller Welt als solchen zu erkennen gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gebildete ist jetzt vor allem\u00a0<em>historisch<\/em>\u00a0gebildet: durch sein historisches Bewu\u00dftsein rettet er sich vor dem Erhabenen; was dem Philister durch seine \u00bbGem\u00fctlichkeit\u00ab gelingt. Nicht mehr der Enthusiasmus, den die Geschichte erregt \u2013 wie doch Goethe vermeinen durfte \u2013, sondern gerade die Abstumpfung alles Enthusiasmus ist jetzt das Ziel\u00a0dieser Bewunderer des\u00a0<em>nil admirari,<\/em>\u00a0wenn sie alles historisch zu begreifen suchen; ihnen m\u00fc\u00dfte man aber zurufen: \u00bbIhr seid die Narren aller Jahrhunderte! Die Geschichte wird euch nur die Bekenntnisse machen, die eurer w\u00fcrdig sind! Die Welt ist zu allen Zeiten voll von Trivialit\u00e4ten und Nichtigkeiten gewesen: eurem historischen Gel\u00fcste entschleiern sich eben diese und gerade nur diese. Ihr k\u00f6nnt zu Tausenden \u00fcber eine Epoche herfallen \u2013 ihr werdet nachher hungern wie zuvor und euch eurer Art angehungerter Gesundheit r\u00fchmen d\u00fcrfen.\u00a0<em>Illam ipsam quam iactant sanitatem non firmitate sed ieiunio consequuntur (Dial. de orator. c. 25)<\/em>. Alles Wesentliche hat euch die Geschichte nicht sagen m\u00f6gen, sondern h\u00f6hnend und unsichtbar stand sie neben euch, dem eine Staatsaktion, jenem einen Gesandtschaftsbericht, einem andern eine Jahreszahl oder eine Etymologie oder ein pragmatisches Spinnengewebe in die Hand dr\u00fcckend. Glaubt ihr wirklich, die Geschichte zusammenrechnen zu k\u00f6nnen wie ein Additionsexempel und haltet ihr daf\u00fcr euren gemeinen Verstand und eure mathematische Bildung f\u00fcr gut genug? Wie mu\u00df es euch verdrie\u00dfen, zu h\u00f6ren, da\u00df andre von Dingen erz\u00e4hlen, aus den allerbekanntesten Zeiten heraus, die ihr nie und nimmer begreifen werdet!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn nun zu dieser historisch sich nennenden, der Begeisterung baren Bildung und zu der gegen alles Gro\u00dfe feindseligen und geifernden Philistert\u00e4tigkeit noch jene dritte brutale und aufgeregte Genossenschaft kommt \u2013 derer, die zum \u00bbGl\u00fccke\u00ab rennen \u2013, so gibt das\u00a0<em>in summa<\/em>\u00a0ein so verwirrtes Geschrei und ein so gliederverrenkendes Get\u00fcmmel, da\u00df der Denker mit verstopften Ohren und verbundenen Augen in die einsamste Wildnis fl\u00fcchtet \u2013 dorthin, wo er sehen darf, was jene nie sehen werden, wo er h\u00f6ren mu\u00df, was aus allen Tiefen der Natur und von den Sternen her zu ihm t\u00f6nt. Hier beredet er sich mit den an ihn heranschwebenden gro\u00dfen Problemen, deren Stimmen freilich ebenso ungem\u00fctlich-furchtbar als unhistorisch-ewig erklingen. Der Weichliche flieht vor ihrem kalten Atem zur\u00fcck, und der Rechnende l\u00e4uft durch sie hindurch, ohne sie zu sp\u00fcren. Am schlimmsten aber ergeht es mit ihnen dem \u00bbGebildeten\u00ab, der sich mitunter in seiner Art ernstliche M\u00fche um sie gibt. F\u00fcr ihn verwandeln sich diese Gespenster in Begriffsgespinste und hohle Klangfiguren. Nach ihnen greifend, w\u00e4hnt er die Philosophie zu haben, nach ihnen zu suchen,\u00a0klettert er an der sogenannten Geschichte der Philosophie herum \u2013 und wenn er sich endlich eine ganze Wolke von solchen Abstraktionen und Schablonen zusammengesucht und aufget\u00fcrmt hat, so mag es ihm begegnen, da\u00df ein wahrer Denker ihm in den Weg tritt und sie \u2013 wegbl\u00e4st. Verzweifelte Ungelegenheit, sich als \u00bbGebildeter\u00ab mit Philosophie zu befassen! Von Zeit zu Zeit scheint es ihm zwar, als ob die unm\u00f6gliche Verbindung der Philosophie mit dem, was sich jetzt als \u00bbdeutsche Kultur\u00ab br\u00fcstet, m\u00f6glich geworden sei; irgendein Zwittergesch\u00f6pf t\u00e4ndelt und lieb\u00e4ugelt zwischen beiden Sph\u00e4ren herum und verwirrt h\u00fcben und dr\u00fcben die Phantasie. Einstweilen ist aber den Deutschen, wenn sie sich nicht verwirren lassen wollen,\u00a0<em>ein<\/em>\u00a0Rat zu geben. Sie m\u00f6gen bei allem, was sie jetzt \u00bbBildung\u00ab nennen, sich fragen: ist\u00a0<em>dies<\/em>\u00a0die erhoffte deutsche Kultur, so ernst und sch\u00f6pferisch, so erl\u00f6send f\u00fcr den deutschen Geist, so reinigend f\u00fcr die deutschen Tugenden, da\u00df sich ihr einziger Philosoph in diesem Jahrhundert, Arthur Schopenhauer, zu ihr bekennen m\u00fc\u00dfte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier habt ihr den Philosophen \u2013 nun sucht die zu ihm geh\u00f6rige Kultur! Und wenn ihr ahnen k\u00f6nnt, was das f\u00fcr eine Kultur sein m\u00fc\u00dfte, die einem solchen Philosophen entspr\u00e4che, nun, so habt ihr, in dieser Ahnung, bereits \u00fcber alle eure Bildung und \u00fcber euch selbst\u00a0<em>\u2013 gerichtet!<\/em>\u00a0\u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_17303\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-17303\" class=\"size-full wp-image-17303\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze1.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-17303\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze<\/p><\/div>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um den B\u00fccherberg nicht zu vergr\u00f6ssern war dieses Buch als Printing on demand erh\u00e4ltlich. Die digitalisierten Daten konnten\u00a0 abgerufen und in kleineren St\u00fcckzahlen gedruckt werden.<br \/>\nDieser Band war als bibliophile, limitierte Vorzugsausgabe erh\u00e4ltlich \u00fcber: Ventil-Verlag, 55116 Mainz<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus Recherchegr\u00fcnden hat der vordenker die <em>Kollegengespr\u00e4che<\/em> zuerst ins Netz gestellt. Sie k\u00f6nnen <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kollegen.htm\">hier<\/a> abgerufen werden. Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) haben diese Reihe in loser Folge ab 2011 fortgesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Im lieben niedertr\u00e4chtigen Deutschland liegt jetzt die Bildung so verkommen auf den Stra\u00dfen, regiert die Scheelsucht auf alles Gro\u00dfe so schamlos und t\u00f6nt der allgemeine Tumult der zum \u00bbGl\u00fccke\u00ab Rennenden so ohrbet\u00e4ubend, da\u00df man einen starken Glauben, fast im&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/25\/das-verhaltnis-der-schopenhauerschen-philosophie-zu-einer-deutschen-kultur\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":93,"featured_media":99342,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[447],"class_list":["post-14455","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-nietzsche"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14455","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/93"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14455"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14455\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100695,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14455\/revisions\/100695"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99342"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14455"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14455"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14455"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}