{"id":14417,"date":"2021-07-25T00:01:00","date_gmt":"2021-07-24T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14417"},"modified":"2022-06-13T05:50:47","modified_gmt":"2022-06-13T03:50:47","slug":"an-richard-wagner-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/25\/an-richard-wagner-2\/","title":{"rendered":"Wie ich von Wagner loskam"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Immer wenn ich Wagner h\u00f6re, \u00fcberkommt mich das Bed\u00fcrfnis, in Polen einzumarschieren!<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Woody Allen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1<\/p>\n<div id=\"attachment_14651\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-RichardWagner.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14651\" class=\"size-full wp-image-14651\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-RichardWagner.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"306\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-RichardWagner.jpg 220w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-RichardWagner-215x300.jpg 215w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14651\" class=\"wp-caption-text\">Richard Wagner<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon im Sommer 1876, mitten in der Zeit der ersten Festspiele, nahm ich bei mir von Wagner Abschied. Ich vertrage nichts Zweideutiges; seitdem Wagner in Deutschland war, kondeszendierte er Schritt f\u00fcr Schritt zu allem, was ich verachte \u2013 selbst zum Antisemitismus&#8230; Es war in der Tat damals die h\u00f6chste Zeit, Abschied zu nehmen: alsbald schon bekam ich den Beweis daf\u00fcr. Richard Wagner, scheinbar der Siegreichste, in Wahrheit ein morsch gewordener verzweifelnder d\u00e9cadent, sank pl\u00f6tzlich, hilflos und zerbrochen, vor dem christlichen Kreuze nieder&#8230; Hat denn kein Deutscher f\u00fcr dies schauerliche Schauspiel damals Augen im Kopfe, Mitgef\u00fchl in seinem Gewissen gehabt? War ich der einzige, der an ihm \u2013 litt? \u2013 Genug, mir selbst gab das unerwartete Ereignis wie ein Blitz Klarheit \u00fcber den Ort, den ich verlassen hatte \u2013 und auch jenen nachtr\u00e4glichen Schauder, den jeder empfindet, der unbewu\u00dft durch eine ungeheure Gefahr gelaufen ist. Als ich allein weiter ging, zitterte ich; nicht lange darauf war ich krank, mehr als krank, n\u00e4mlich m\u00fcde \u2013 m\u00fcde aus der unaufhaltsamen Entt\u00e4uschung \u00fcber alles, was uns modernen Menschen zur Begeisterung \u00fcbrigblieb, \u00fcber die allerorts vergeudete Kraft, Arbeit, Hoffnung, Jugend, Liebe, m\u00fcde aus Ekel vor der ganzen idealistischen L\u00fcgnerei und Gewissens-Verweichlichung, die hier wieder einmal den Sieg \u00fcber einen der Tapfersten davongetragen hatte; m\u00fcde endlich, und nicht am wenigsten, aus dem Gram eines unerbittlichen Arg- wohns \u2013 da\u00df ich nunmehr verurteilt sei, tiefer zu mi\u00dftrauen, tiefer zu verachten, tiefer allein zu sein als je vorher. Denn ich hatte niemanden gehabt als Richard Wagner&#8230; Ich war immer verurteilt zu Deutschen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Nicht Nietzsche hat den Faschismus gemacht, sondern der Faschismus ihn.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Rolf Zimmermann<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2<\/p>\n<div id=\"attachment_14422\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14422\" class=\"size-full wp-image-14422\" title=\"Friedrich Nietzsche, 1882 (Photographie von Gustav Adolf Schultze)\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14422\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Nietzsche, 1882 (Photographie von Gustav Adolf Schultze)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einsam nunmehr und schlimm mi\u00dftrauisch gegen mich, nahm ich, nicht ohne Ingrimm, damals Partei gegen mich und f\u00fcr alles, was gerade mir wehtat und hart fiel: so fand ich den Weg zu jenem tapferen Pessimismus wieder, der der Gegensatz aller idealistischen Verlogenheit ist, und auch, wie mir scheinen will, den Weg zu mir \u2013 zu meiner Aufgabe&#8230; Jenes verborgene und herrische Etwas, f\u00fcr das wir lange keinen Namen haben, bis es sich endlich als unsre Aufgabe erweist \u2013 dieser Tyrann in uns nimmt eine schreckliche Wiedervergeltung f\u00fcr jeden Versuch, den wir machen, ihm auszuweichen oder zu entschl\u00fcpfen, f\u00fcr jede vorzeitige Bescheidung, f\u00fcr jede Gleichsetzung mit solchen, zu denen wir nicht geh\u00f6ren, f\u00fcr jede noch so achtbare T\u00e4tigkeit, falls sie uns von unsrer Hauptsache ablenkt \u2013 ja f\u00fcr jede Tugend selbst, welche uns gegen die H\u00e4rte der eigensten Verantwortlichkeit sch\u00fctzen m\u00f6chte. Krankheit ist jedesmal die Antwort, wenn wir an unsrem Recht auf unsre Aufgabe zweifeln wollen, wenn wir anfangen, es uns irgendworin leichter zu machen. Sonderbar und furchtbar zugleich! Unsre Erleichterungen sind es, die wir am h\u00e4rtesten b\u00fc\u00dfen m\u00fcssen! Und wollen wir hinterdrein zur Gesundheit zur\u00fcck, so bleibt uns keine Wahl: wir m\u00fcssen uns schwerer belasten, als wir je vorher belastet waren&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Der kleine Wagnerianer<\/strong>: Zehn Lektionen f\u00fcr Anf\u00e4nger und Fortgeschrittene, von <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Enrik+Lauer%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Enrik Lauer<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Regine+M%C3%BCller%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Regine M\u00fcller, <\/a>Beck C. H., 2013<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103660 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Wagner-191x300.jpg\" alt=\"\" width=\"191\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flankierend zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12589\">Kollegengespr\u00e4ch <\/a>eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/11\/leseprobe-2\/\">Leseprobe<\/a> aus Der kleine Wagnerianer, die der Beck-Verlag aus dem Buch zur Verf\u00fcgung stellt. Eine andere <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/02\/13\/unbewust-hochste-lust\/\">Lesart<\/a> pr\u00e4sentiert Ulrich Bergmann auf KUNO.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wenn ich Wagner h\u00f6re, \u00fcberkommt mich das Bed\u00fcrfnis, in Polen einzumarschieren! Woody Allen 1 Schon im Sommer 1876, mitten in der Zeit der ersten Festspiele, nahm ich bei mir von Wagner Abschied. 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