{"id":14348,"date":"2022-05-02T00:01:07","date_gmt":"2022-05-01T22:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14348"},"modified":"2022-08-20T09:47:08","modified_gmt":"2022-08-20T07:47:08","slug":"hymnen-an-die-nacht-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/02\/hymnen-an-die-nacht-1\/","title":{"rendered":"Hymnen an die Nacht"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn, das allerfreuliche Licht \u2013 mit seinen Farben, seinen Stralen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele athmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut \u2013 athmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Thier \u2013 vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. Wie ein K\u00f6nig der irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, kn\u00fcpft und l\u00f6st unendliche B\u00fcndnisse, h\u00e4ngt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. \u2013 Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abw\u00e4rts wend ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimni\u00dfvollen Nacht. Fernab liegt die Welt \u2013 in eine tiefe Gruft versenkt \u2013 w\u00fcst und einsam ist ihre Stelle. In den Sayten der Brust weht tiefe Wehmuth. In Thautropfen will ich hinuntersinken und mit der Asche mich vermischen. \u2013 Fernen der Erinnerung, W\u00fcnsche der Jugend, der Kindheit Tr\u00e4ume, des ganzen langen Lebens kurze Freuden und vergebliche Hoffnungen kommen in grauen Kleidern, wie Abendnebel nach der Sonne Untergang. In andern R\u00e4umen schlug die lustigen Gezelte das Licht auf. Sollte es nie zu seinen Kindern wiederkommen, die mit der Unschuld Glauben seiner harren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was quillt auf einmal so ahndungsvoll unterm Herzen, und verschluckt der Wehmuth weiche Luft? Hast auch du ein Gefallen an uns, dunkle Nacht? Was h\u00e4ltst du unter deinem Mantel, das mir unsichtbar kr\u00e4ftig an die Seele geht? K\u00f6stlicher Balsam tr\u00e4uft aus deiner Hand, aus dem B\u00fcndel Mohn. Die schweren Fl\u00fcgel des Gem\u00fcths hebst du empor.\u00a0Dunkel und unaussprechlich f\u00fchlen wir uns bewegt \u2013 ein ernstes Antlitz seh ich froh erschrocken, das sanft und andachtsvoll sich zu mir neigt, und unter unendlich verschlungenen Locken der Mutter liebe Jugend zeigt. Wie arm und kindisch d\u00fcnkt mir das Licht nun \u2013 wie erfreulich und gesegnet des Tages Abschied \u2013 Also nur darum, weil die Nacht dir abwendig macht die Dienenden, s\u00e4etest du in des Raumes Weiten die leuchtenden Kugeln, zu verk\u00fcnden deine Allmacht \u2013 deine Wiederkehr \u2013 in den Zeiten deiner Entfernung. Himmlischer, als jene blitzenden Sterne, d\u00fcnken uns die unendlichen Augen, die die Nacht in uns ge\u00f6ffnet. Weiter sehn sie, als die bl\u00e4ssesten jener zahllosen Heere \u2013 unbed\u00fcrftig des Lichts durchschaun sie die Tiefen eines liebenden Gem\u00fcths \u2013 was einen h\u00f6hern Raum mit uns\u00e4glicher Wollust f\u00fcllt. Preis der Weltk\u00f6niginn, der hohen Verk\u00fcndigerinn heiliger Welten, der Pflegerinn seliger Liebe \u2013 sie sendet mir dich \u2013 zarte Geliebte \u2013 liebliche Sonne der Nacht, \u2013 nun wach ich \u2013 denn ich bin Dein und Mein \u2013 du hast die Nacht mir zum Leben verk\u00fcndet \u2013 mich zum Menschen gemacht \u2013 zehre mit Geisterglut meinen Leib, da\u00df ich luftig mit dir inniger mich mische und dann ewig die Brautnacht w\u00e4hrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99790\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Novalis-e1645610465288.jpg\" alt=\"\" width=\"281\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich Schlegel und Friedrich von Hardenberg wurden 1772 geboren. Zum 250.Geburtstag der beiden Fr\u00fchromantiker zeigt das Deutsche Romantik-Museum eine sechsteilige Ausstellung, in deren Zentrum einer der gro\u00dfen Sch\u00e4tze des Freien Deutschen Hochstifts steht: der fast vollst\u00e4ndig erhaltene Briefwechsel der beiden, von der ersten Begegnung in der Studienzeit in Leipzig 1792 bis zu Hardenbergs Tod im Jahr 1801.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch liebe Deine Liebe\u201c. So schreibt Schlegel 1797 an seinen Freund, den sp\u00e4teren \u201eNovalis\u201c. Das ist f\u00fcr einen solchen Briefwechsel, selbst unter Poeten, ein ganz neuer Umgangston. Wie kam es dazu? Die Ausstellung der Briefe, die Schlegel und Hardenberg miteinander gewechselt haben, versucht diese Frage zu beantworten, indem sie die kultur- und bewusstseinsgeschichtliche Bedeutung ihres Verh\u00e4ltnisses ins Zentrum stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier geht es nicht um empfindsame Herzensergie\u00dfungen im Stil des Werther, auch nicht um den ausgewogenen Ton der deutschen Klassik, sondern um die Suche nach dem eigenen Ich, das biographisch geworden, aber auch philosophisch und literarisch erfunden ist. Schlegel und Hardenberg erkunden sich gegenseitig, konstruieren sich in selbstreflexiven Sprachspielen (\u201eIch liebe Deine \u2026\u201c), und erforschen gemeinsam die Kunst und die Welt. Trotz h\u00e4ufiger Verstimmungen kommt es zur Symphilosophie und Sympoesie: Briefe werden zu Kunstwerken, die Grenze zwischen Leben und Poesie verschwindet. Aus getrennten Identit\u00e4ten werden erst viele und dann ein neues, romantisches Ich, das sich mit dem anderer fr\u00fchromantischer Freunde und Verwandten zu einer sch\u00f6pferischen Familie, zur Keimzelle einer neuen, poetischen Welt verb\u00fcndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>\u201eIch liebe Deine Liebe<\/em><\/strong><strong>.\u201c <\/strong>Der Briefwechsel zwischen Friedrich Schlegel und Friedrich von Hardenberg (Novalis)<strong>.<\/strong> Bis 28. August im Deutschen Romantik\u00ad\u00ad- Museum Frankfurt am Main.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO widmet dem Gedicht auch in diesem Jahr den genauen Blick, das aufmerksame, geduldige, ins Denken gedrehte Lesen und Wiederlesen, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn, das allerfreuliche Licht \u2013 mit seinen Farben, seinen Stralen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. 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