{"id":14300,"date":"2013-01-02T00:01:58","date_gmt":"2013-01-01T23:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14300"},"modified":"2022-12-29T17:15:09","modified_gmt":"2022-12-29T16:15:09","slug":"mit-essays-licht-ins-dasein-bringen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/","title":{"rendered":"Mit Essays Licht ins Dasein bringen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Im Blick auf den Geistreichtum eines guten Essays kann man den Essay als den gro\u00dfen Bruder der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/03\/21\/twitteratur\/\"><span style=\"color: #ff0000;\">Twitteratur<\/span><\/a> auffassen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Apodiktische Postulate sollte man mit gr\u00f6\u00dfter Vorsicht genie\u00dfen. Die These <em>Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch<\/em> entstammt dem Aufsatz Kulturkritik und Gesellschaft, den Theodor W. Adorno 1949 schrieb und 1951 erstmals im Rahmen einer Festschrift f\u00fcr den Soziologen Leopold von Wiese ver\u00f6ffentlichte. Vergleichbar ist die Situation fast drei\u00dfig Jahre nachdem Philip Larkin den Tod des Essays verk\u00fcndet hat, es erscheinen mehr Essayb\u00e4nde als je zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Aber sind es wirklich Essays?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage ist nicht neu, die Redaktion <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">stellte sie bereits vor 10 Jahren<\/a>. Wiederholt versucht KUNO den Bestand der Gegenwartssprache zu sichten. Der Essay vollzieht eine Bewegung, die durch die Erinnerung hindurch zugleich ins Offene, Unbegrenzte, Ungebundene, vom 16. ins 21. Jahrhundert hinein f\u00fchrt. Das KUNO-Online-Archiv zeigt Wegmarken in der Biographie von Nonkonformisten auf. \u00a0Ein Essayist beherrscht die Technik des sezierenden Chirurgen, so lesen wir <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/03\/20\/hyperion\/\">Hyperions Rede<\/a> wie einen Gegenbrief zu Schillers Briefen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/05\/09\/ueber-naive-und-sentimentalische-dichtung\/\"><em>\u00dcber die \u00e4sthetische Erziehung<\/em><\/a> des Menschen mit ihrer Autonomieerkl\u00e4rung und Ganzheitsbestimmung des Menschen. Die Reflexion ist eine Erinnerung in doppelter Faktur, sie erinnert nicht nur Erlebtes, Verlorenes, sondern erinnert sich, an was einst war und sein wird. Sie ahnt das Zuk\u00fcnftige. Erinnerung und Ahnung, das k\u00f6nnen wir seit 500 Jahren in Essays lesen. In diesem Jahr versuchen wir abermals die Evolutionsgeschichte des Essays zu vervollst\u00e4ndigen. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> \u201eBiby\u201c Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Seit jeher versuche ich, erz\u00e4hlerische Momente mit essayistischen Momenten zu verkn\u00fcpfen, weil sie ohnehin zusammengeh\u00f6ren, und mit den richtigen Tentakeln w\u00e4re es gut m\u00f6glich, sich zu den Gedichten oder zu szenischen Begebenheiten hin\u00fcberzuhangeln. Es w\u00e4re ein Traum, nicht unentwegt von neuen Gattungen zu reden. Slam und Spoken Words sind neue Gatter, Abz\u00e4unungen, Fixierungen gegen andere M\u00f6glichkeiten, und ich will auf das Gegenteil hinaus. Ich will Abgrenzungen nicht akzeptieren.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zsuzsanna Gahse<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer hats erfunden? Mit seinem Hauptwerk, den <em>Essais<\/em> (1572\u20131592), begr\u00fcndete Michel Eyquem de Montaigne eine neue literarische Form. Seine <em>Essais<\/em> folgen dem Bewusstseinsstrom des Autors in die verschiedensten Lebensbereiche. In seiner \u00c4sthetisierung der Subjektivit\u00e4t \u00e4u\u00dfert der Franzose Skepsis gegen\u00fcber jeglichen Dogmen, stoische Geringsch\u00e4tzung von \u00c4u\u00dferlichkeiten sowie Ablehnung menschlicher \u00dcberheblichkeit gegen\u00fcber anderen Naturgesch\u00f6pfen kennzeichnen diese <em>Essais<\/em>, in denen sich der Autor mit Bereichen wie Literatur, Philosophie, Sittlichkeit, Erziehung und vielem anderem auseinandersetzt. Ihm ging es in erster Linie um den Wert konkreter Erfahrung und unabh\u00e4ngigen Urteilens als wichtigstem Bildungsziel. Darum besch\u00e4ftigte er sich mit herausragenden antiken Philosophen und Literaten. W\u00fcrde Montaigne im 21. Jahrhundert leben, so er w\u00e4re wahrscheinlich der beliebteste Blogger. Nicht nur in Frankreich. Wir kommen ihm n\u00e4her, indem wir seine <em>Essais<\/em> lesen. Und zwar Wort f\u00fcr Wort. Oder wir nehmen einen charmanten Umweg und lesen Sarah Bakewells <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/\">Wie soll ich leben?<\/a> Dies ist nicht nur der Titel ihrer ungew\u00f6hnlichen Biographie, sondern zeigt zugleicht die Methode an, mit der sich die Autorin dem Denken Montaignes n\u00e4hert. Von dem Franzosen hat KUNO gelernt, dass <em>Essai <\/em>Probe, aber auch literarischer Versuch bedeutet. Unter einem Essay verstehen wir eine Abhandlung, in dem der Autor ein Thema diskutiert. Im Essay vertritt der Autor eine Haltung zu einem bestimmten Thema. Diese Gattung ist keine fest umrissene Textsorte. Er bietet einen gro\u00dfen Spielraum f\u00fcr Ausdrucks- und Gestaltungsm\u00f6glichkeiten. Kein gelungener Essay gleicht einem anderen. Insofern ist der Essay frei von Strukturvorschriften und vorgefertigten Mustern. Essays verzichten auf wissenschaftlich genaue Analytik ebenso wie auf strenge Systematik der Gedankenfolge. Vielmehr ist der Essay ein assoziativ-vernetzender Gedankenspaziergang. Kaum eine andere literarische Form ist in gleicher Genauigkeit bis in ihren Gattungsansatz hinein verfolgbar, keine andere Form entzieht sich aber auch so sehr einer definitorischen und selbst der deskriptiven Erfassung wie der Essay.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wie mein Geist m\u00e4andert, so auch mein Stil.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Michel de Montaigne: Essais<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Apodiktische Postulate sollte man mit gr\u00f6\u00dfter Vorsicht genie\u00dfen. Die These <em>Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch<\/em> entstammt dem Aufsatz Kulturkritik und Gesellschaft, den Theodor W. Adorno 1949 schrieb und 1951 erstmals im Rahmen einer Festschrift f\u00fcr den Soziologen Leopold von Wiese ver\u00f6ffentlichte. Vergleichbar ist die Situation fast drei\u00dfig Jahre nachdem Philip Larkin den Tod des Essays verk\u00fcndet hat, es erscheinen mehr Essayb\u00e4nde als je zuvor. Diese Gattung ist eine Abhandlung, die eine literarische oder wissenschaftliche Frage in knapper und anspruchsvoller Form behandelt. Die wichtigsten Charakteristika des Essays sind die Offenheit des Denkens, die Methode des Fragens und Suchens, die einerseits der Komplexit\u00e4t der Erfahrungswirklichkeit gerecht werden will und andererseits alle Dogmen des Glaubens und Systemen des Wissens skeptisch entgegentritt. Der Autor des Essays kann seine Ausf\u00fchrungen subjektiveren und individualisieren. Das wissenschaftliche Interesse an der Gattung Essay war im letzten Jahrhundert besonders hoch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Es ist zu hoffen, dass diese Stadt Wuppertal langsam begreift, welches Kind der Sterne in diesen Mauern zur Welt kam.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Teo Otto<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4re sehr einseitig, Else Lasker-Sch\u00fcler auf die Lyrik zu reduzieren. KUNO stellt in diesem Jahr eine Reihe ihrer Essays (meist Portr\u00e4ts befreundeter K\u00fcnstler oder von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/12\/31\/alfred-kerr\/\">Alfred Kerr<\/a>) vor, aber auch ihre Kurzprosa zeigt sie genaue Beobachterin des gro\u00dfst\u00e4dtischen Lebens. Es gibt eine Reihe von Prosatexten und Portr\u00e4ts aus den zehner und zwanziger Jahren, also aus der Zeit, in der Else Lasker-Sch\u00fcler in Berlin lebte, die eine \u00fcberraschend pr\u00e4zise formulierende Autorin zeigen und das Bild korrigieren, das von vielen Interpreten (\u00e0 la \u201eeine ganz nach innen gekehrte Seherin\u201c) gepr\u00e4gt wurde. Sie ist hier als Autorin zu entdecken, die ihre soziale Umgebung mit allen Details und Widerspr\u00fcchen wahrnahm, sie hinrei\u00dfend genau beschreiben konnte und dann mit ihrer einzigartigen Ausdruckskraft zum Leuchten brachte. In einer manchmal ironischen, manchmal ganz sachlich am Gegenstand (Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze, B\u00e4ume, Hotels, Caf\u00e9s etc.) oder an Personen (Portr\u00e4ts von Zeitgenossen, bekannten wie unbekannten) orientierten Sprache hat Else Lasker-Sch\u00fcler etwas \u00fcber die damalige Zeit und das damalige Berlin zu sagen, was \u00fcber die Feuilletons anderer Autoren dieser Zeit hinausgeht und eine ganz eigene Farbe tr\u00e4gt. KUNO empfiehlt daher die von Heidrun Loeper editierte Zusammenstellung \u201eDie kreisende Weltfabrik\u201c, die diese Berliner Ansichten und Portr\u00e4ts zusammenfa\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Der Essay mu\u00df an einem ausgew<\/em><em>\u00e4<\/em><em>hlten oder getrof<\/em><em>f<\/em><em>enen partiellen<\/em><em><br \/>\n<\/em><em>Zug die Totalit<\/em><em>\u00e4<\/em><em>t aufleuchten lassen<\/em><em>,<\/em><em> ohne da\u00df diese als gegenw\u00e4rtig<\/em><em><br \/>\n<\/em><em>behauptet w<\/em><em>\u00fc<\/em><em>rde<\/em><em>. <\/em><em>Er korrigiert das Zuf\u00e4llige und Vereinzelte seiner<\/em><em><br \/>\n<\/em><em>Einsichten<\/em><em>, <\/em><em>indem sie<\/em><em>, <\/em><em>sei es in seinem eigenen Fortgang sei es im<\/em><em><br \/>\n<\/em><em>mosaikhaften Verh\u00e4<\/em><em>l<\/em><em>tnis zu anderen Essays, sich vervielfachen<\/em><em>, <\/em><em>best<\/em><em>\u00e4<\/em><em>tigen<\/em><em>\uff0c<\/em><em> einschr\u00e4nken;<\/em> <em>nicht durch Abstraktion auf die aus ihnen<\/em><em><br \/>\n<\/em><em>abgezogenen Merkmaleinheiten<\/em><em>.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Theodor W. Adorno<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Adorno fasst in seinen Ausf\u00fchrungen <em>Der Essay als Form<\/em> die wichtigsten Merkmale dieser Gattung zusammen. Nach seinem Daf\u00fcrhalten ist der Essay ein Mischprodukt, der die Tradition der Form bricht, und ist vom Fixierten gebannt. Der Essay w\u00e4re somit eine Spekulation \u00fcber spezifische, kulturell bereits vorgeformte Gegenst\u00e4nde, er spricht also immer \u00fcber das Geformte, das schon einmal Dagewesene und hebt keine neuen Dinge aus einem leeren Nichts heraus. Deshalb ist er aber an diesen Gegenst\u00e4nden gebunden. Im Essay findet man Diskontinuit\u00e4t, er ist: \u201eExperimentierend, der Gegenstand w\u00e4lzt hin und her, er befragt, betastet, pr\u00fcft, durchreflektiert\u201c (Max Bense). Der Gegenstand des Essays ist deshalb das Neue als Aktualit\u00e4t, nicht in das Alte der bestehenden Formen Zur\u00fcck\u00fcbersetzbares, und dadurch entsteht die Koordinierung von Gedanken statt Sublimierung. Er nimmt Gedanken reflektierend ins eigene Verfahren hinein. So will der Essay nicht das Ewige im Verg\u00e4nglichen aufsuchen, sondern er verewigt das Verg\u00e4ngliche, wie es Walter Benjamin im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/16\/das-kunstwerk-im-zeitalter-seiner-technischen-reproduzierbarkeit\/\">Gr\u00fcndungsdokument der modernen Medientheorie<\/a> gemacht hat. Anstatt wissenschaftlich etwas leisten oder k\u00fcnstlerisch etwas schaffen, spiegelt der Essay weder seine Anstrengung noch die Mu\u00dfe des Kindlichen wider. Seit Montaigne &#8218;Essais&#8216; behandeln eine fast un\u00fcberschaubare Vielfalt von Themen. Liebe und Freundschaft, Lachen und Weinen, das Nichtstun, die Trunksucht, das Sterben: Bunt gemischt und in leicht verst\u00e4ndlicher Sprache steht Allgemeines neben Privatem, Literatur neben Philosophie, Kurioses neben Allt\u00e4glichem. Montaignes fragende Haltung, seine Klugheit und Weitsicht, haben diese vor \u00fcber 400 Jahren verfassten &#8218;Versuche&#8216; bis heute lebendig gehalten. Auch im 21. Jahrhundert reflektiert diese Gattung das Komplexe und Trashige, Gl\u00fcck und Sprachpiel sind ihm wesentlich, wodurch der Essay auch weiterhin einen spielerischen Charakter haben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><span style=\"color: #ff0000;\">VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von<\/span> <span style=\"color: #ff0000;\">Poesie<\/span><\/a> <span style=\"color: #999999;\"><em>ist ein Essay von A. J. Weigoni, der \u00fcber zeitgeistige Subjektivismen hinaus das Verfertigen von Lyrik thematisiert und Schreiben in einen psychosozialen Kontext stellt. Die Jaynes\u2019sche These aus den 1970er-Jahren von der \u201eSprache als Wahrnehmungsorgan\u201c findet in Weigonis Essay eine neue Entsprechung.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Joachim Paul<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni l\u00e4\u00dft die Literatur gegen ihre eigenen Verfahren antreten, den \u00e4sthetischen Prozess mit seinen Fallen und Untiefen, und macht sie in all seiner Virulenz und k\u00e4mpferischen Anstrengung anschaulich. Das Werk dieses Romanciers ist zweifelsohne ein eminent konsequentes und unkorrumpierbares Beispiel f\u00fcr den Versuch, durch Erz\u00e4hlen, Sammeln, Wiederholen, Variieren und Erg\u00e4nzen eines Reservoirs von Geschichten zum Unverbr\u00fcchlichen vorzudringen. Dabei verliert sich Weigoni nie in blo\u00dfer autobiografischer Selbstvergegenst\u00e4ndlichung. Er hat sich die Einsicht zu eigen gemacht, da\u00df objektive Wahrheiten nicht mehr zu erreichen sind, und diese Einsicht nun sprachliche Form werden l\u00e4\u00dft. <em>VerDichtung<\/em> ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem schreibenden Ich im Verh\u00e4ltnis zur Poesie, der Frage wie sich das alles in Worte fassen l\u00e4sst, die mehr spiegeln als die Schreibenden. Der Antrieb f\u00fcr das Schreiben ist f\u00fcr diesen Romancier die Schaffung eines festen Fundaments seiner Existenz zu sein, die Konstruktion eines transzendentalen Obdachs.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">In den <em>Mythen des Alltags<\/em> entschl\u00fcsselt Roland Barthes\u2019 Ph\u00e4nomene wie das Gl\u00fccksversprechen der Waschmittelwerbung, das Sehnsuchtspotential von Pommes frites und die g\u00f6ttlichen Qualit\u00e4ten des Citro\u00ebn DS. Die Essays ermuntern dazu, dem scheinbar Selbstverst\u00e4ndlichen kritisch gegen\u00fcberzutreten und den Blick f\u00fcr m\u00f6gliche Ver\u00e4nderungen zu sch\u00e4rfen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat ein Faible f\u00fcr Trash. Dem Begriff <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a><\/span> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. Wie die Redaktion Trivialmythen deutet, so ist diese Rezeption zwangsl\u00e4ufig transhistorisch, transnational und transkulturell. Es geht um die Funktion von Trash im speziellen Kontext der Kulturgeschichte europ\u00e4ischer Irrationalit\u00e4t. Die K\u00fcnstler und Autoren versuchen Trash als Form der Selbstbehauptung des postmodernen Menschen gegen\u00fcber dem Absolutismus der Wirklichkeit zu interpretieren, indem die Entstehung eines Beobachterverh\u00e4ltnisses zwischen \u00e4sthetischem Bewu\u00dftsein und philologischer Erkenntnis rekonstruiert wird. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Au\u00dfenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>. Produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Mit den Novellen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34359\"><em>Cyberspasz, a real virtuality<\/em><\/a> setzte A.J. Weigoni die im Band <a href=\"http:\/\/www.kultura-extra.de\/literatur\/literatur\/rezensionen\/rezension_weigoni_zombies.php\"><em>Zombies<\/em><\/a> begonnenen Erforschungen der Trivialmythen fort. Vertiefend dazu auch den Artikel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> \u00fcber 25 Jahre Gossenhefte. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ich will die Dinge durch \/ meinen Geist beleuchten \/ und den Widerschein auf den fremden Geist fallen lassen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Charles Baudelaire<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rezensionsessays \u00fcber Schriftsteller und Literatur, \u00fcber Bildende K\u00fcnstler und Kunst: Wie spannend das sein kann, f\u00fchrt uns Holger Benkel exemplarisch vor. Er setzt sich sowohl mit Personen als auch Texten auseinander und bedient sich dabei verschiedener literarischer Formen. Dieser Autor betreibt keine Heldenverkl\u00e4rung, sondern ein durchaus kritisches Hinterfragen in einer Sprache, die so klar ist, so schonungslos und so genau, dass es fast schmerzhaft wirkt. Genauigkeit ist seine oberste Maxime. Das enge Ineinander von Kunst und Wissenschaft, von dichterischem Denken und Tatsachenneugier kennzeichnet die Gattung des Essays. Tastend formt sich und entwickelt sich darin der Gedanke; der Schreibprozess ist ein Denkprozess. Die Gattung wird hierzulande noch immer zu wenig gesch\u00e4tzt, m\u00f6glicherweise der losen Enden wegen. Benkel ist ein ungew\u00f6hnlicher Essayist \u2013 einer, der sich seinen jeweiligen Gegenstand weniger von der Spekulation, als von der gr\u00fcndlichen Lekt\u00fcre her aufschlie\u00dft. Seine Rezensionsessays handeln auch von grunds\u00e4tzlichen Fragen, an denen sich bereits manch einer abgearbeitet hat, die jedoch von Benkel beispielhaft, unumwunden und nachvollziehbar beantwortet werden. Er beschreibt, wie sich Zeit und Identit\u00e4t im Lesen und Widerlesen spiegeln, das Gelesene und Gesehene beeinflussen, wie das Gelesene und Gesehene immer wieder auch von den Umst\u00e4nden abh\u00e4ngt, unter denen es geschrieben wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ihre Aufgabe ist es, den Integrationsprozess der Wissenschaft [\u2026] durch eine Analyse des Kunstwerks zu f\u00f6rdern, die in ihm einen integralen, nach keiner Seite gebietsm\u00e4\u00dfig einzuschr\u00e4nkenden Ausdruck der religi\u00f6sen, metaphysischen, politischen, wirtschaftlichen Tendenzen einer Epoche erkennt.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Walter Benjamin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der Autor einer wissenschaftlichen Analyse gehalten ist, sein Thema systematisch und umfassend darzustellen, wird ein Essay eher dialektisch verfasst: mit Strenge in der Methodik, nicht aber in der Systematik. Der Essay ist keine fest umrissene Textsorte. Er bietet einen gro\u00dfen Spielraum f\u00fcr eigene Ausdrucks- und Gestaltungsm\u00f6glichkeiten, kein gelungener Essay gleicht einem anderen. Essays sind Denkversuche, Deutungen &#8211; unbefangen, oft zuf\u00e4llig scheinend. Damit ein Essay \u00fcberzeugen kann, sollte er im Gedanken scharf, in der Form klar und im Stil \u201egeschmeidig\u201c sein. Viele Essays die wir in diesem Jahr auf KUNO vorstellen, zeichnen sich aus durch eine gewisse Leichtigkeit, stilistische Ausgereiftheit, Verst\u00e4ndlichkeit und Humor. Jeder neue Begriff wird eingef\u00fchrt und vorgestellt. Handlungen werden chronologisch erz\u00e4hlt und Zitate deutlich gekennzeichnet; meist ist er aber befreit von allzu vielen Zitaten, Fu\u00dfnoten und Randbemerkungen. Zuweilen ist es auch schlicht eine stilisierte, \u00e4sthetisierte Plauderei. Die essayistische Methode ist eine experimentelle Art, sich dem Gegenstand der \u00dcberlegungen zu n\u00e4hern und ihn aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Das Wichtigste ist jedoch nicht der Gegenstand der \u00dcberlegungen, sondern das Entwickeln der Gedanken vor den Augen des Lesers.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wo h\u00f6rt die Wirklichkeit auf, wo beginnt die Kunst? Oder ist das die falsche Frage?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Niedergang des Kulturb\u00fcrgertums im 21. Jahrhundert ist eine vorhersehbare Selbstdemontage. In einigen seiner Essays stellt Ulrich Bergmann existentiellen Fragen: Was macht die Generation der Nachkriegsgeborenen im Unterschied zur Enkelgeneration aus? Die erste Friedensgeneration beschreibt sich selbst &#8211; am Beispiel eines konkreten Schicksals. &#8222;In a gadda da vida&#8220; von Iron Butterfly verbindet noch halbwegs mit S\u00f6hnen und T\u00f6chtern &#8211; aber dann? &#8211; Ebenso widmet sich er Autor dem Schicksal: Krebsleiden und fr\u00fcher Tod. Die letzten Wochen einer zum Sterben Verurteilten. Auf der Insel Hiddensee erkundet er das Schicksal der letzten Phase der DDR. Die Insel ist ein Paradies der Einfachheit und zugleich Sehnsucht nach Westen und neuem Leben. Als letztes Beispiel, lesen wir einen Versuch \u00fcber das. Koma: Die Gedanken und Gef\u00fchle angesichts des dem Tode geweihten Freundes, der den gleichen Namen tr\u00e4gt wie der \u00fcberlebende &#8211; darin spiegeln sich Hoffnung und Desillusionierung, zuletzt Niedergang, dies alles f\u00fchrt zu einem letzten Portr\u00e4t des Freundes.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wo die neuen Essayisten die Realit\u00e4t fiktionalisieren, um ein Image aufzubauen, benutzt Heti angeblich reale Menschen und sogar Dokumente &#8211; Emails, mitgeschnittene Unterhaltungen &#8211; um das klassische fiktionale Projekt des Bildungsromans, die Bildung eines genuinen Selbsts, zu forcieren. Die Ernsthaftigkeit ihrer Suche wird belegt durch ihre Bereitschaft, ihrer Romanfigur &#8218;Sheila Heti&#8216; zu erlauben, wirklich &#8211; nicht lustig &#8211; grandios, dumm und narzisstisch zu sein, wie es ein konventioneller Essayist sich niemals trauen w\u00fcrde.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Adam Kirsch beugt sich <a href=\"http:\/\/www.newrepublic.com\/article\/112307\/essay-reality-television-david-sedaris-davy-rothbart\">kritisch<\/a> \u00fcber die neuen B\u00fccher von Davy Rothbart, Sloane Crosley und ihr Vorbild David Sedaris und stellt fest, dass sie eher Humoristen sind, die &#8222;kurze, lustige Klatschgeschichten dar\u00fcber erz\u00e4hlen, was ihnen alles f\u00fcr merkw\u00fcrdige Dinge passiert&#8220; sind. Daf\u00fcr erfinden sie, so Kirsch, ein fiktionales Alter Ego, das ihren Namen tr\u00e4gt und sich nett idiotisch benimmt. Kirsch geht das auf die Nerven. Er empfiehlt als Antidot Sheila Hetis Roman <em>How Should a Person Be?<\/em>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Buecherregal.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-14305\" title=\"Buecherregal\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Buecherregal.jpg\" alt=\"\" width=\"290\" height=\"300\" \/><\/a>\u00bbGibt es eine Zukunft f\u00fcr die Literatur oder werden die Geschichten der Zukunft nur noch per Copy and paste aus Versatzst\u00fccken gebastelt?\u00ab, fragt KUNO im laufenden Essaywettbewerb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnliche Textarten, teilweise auch synonym verwendet, sind Traktat und Aufsatz. Verwandte journalistische Darstellungsformen sind die Glosse, die Kolumne, der journalistische Kommentar und der Leitartikel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO erwartet einen Text, der mindestens 5.000 Zeichen, h\u00f6chsten 10.000 Zeichen haben sollte. Ausgesuchte Essays werden auf KUNO vorgestellt. Die drei mutigsten Essays werden mit einem k\u00fcnstlerisch gestalteten \u201aB\u00fccherregal\u2019 von Haimo Hieronymus + Buchbest\u00fcckung von der Edition Das Labor ausgezeichnet (Marktwert 500,- Euro).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/2013_essaywettbewerb_kuno_5603.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"2013_essaywettbewerb_kuno_560\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/2013_essaywettbewerb_kuno_5603.gif\" alt=\"\" width=\"560\" height=\"100\" \/><\/a><\/p>\n<p>Einsendungen per eMail an: Matthias-Hagedorn@gmx.de<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong>\u2192 In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Blick auf den Geistreichtum eines guten Essays kann man den Essay als den gro\u00dfen Bruder der Twitteratur auffassen. Apodiktische Postulate sollte man mit gr\u00f6\u00dfter Vorsicht genie\u00dfen. Die These Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch entstammt dem Aufsatz&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":98980,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,918,1177,1175,44,1207,94,149,86,2585,202,2867,1083,1174,1178,1176,394,3793,448,866,428],"class_list":["post-14300","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-angelika-janz","tag-david-sedaris","tag-davy-rothbart","tag-haimo-hieronymus","tag-henry-david-thoreau","tag-holger-benkel","tag-j-c-albers","tag-joachim-paul","tag-josef-wintjes","tag-karl-kraus","tag-max-bense","tag-michel-de-montaigne","tag-philip-larkin","tag-sheila-hetis","tag-sloane-crosley","tag-sophie-reyer","tag-teo-otto","tag-theodor-w-adorno","tag-ulrich-bergmann","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14300","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14300"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14300\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104365,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14300\/revisions\/104365"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98980"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}