{"id":14271,"date":"2013-12-01T00:01:32","date_gmt":"2013-11-30T23:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14271"},"modified":"2023-02-28T10:33:11","modified_gmt":"2023-02-28T09:33:11","slug":"michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Michel de Montaigne, ein Blogger aus dem 16. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Nein. Lesen Sie ihn, um zu leben!<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><span style=\"color: #888888;\">Flaubert<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00fcrde Michel de Montaigne im 21. Jahrhundert leben, so er w\u00e4re wahrscheinlich der beliebteste Blogger. Nicht nur in Frankreich. Wir kommen ihm n\u00e4her, indem wir seine <em>Essais<\/em> lesen. Und zwar Wort f\u00fcr Wort. Oder wir nehmen einen charmanten Umweg und lesen Sarah Bakewells &#8222;Wie soll ich leben?&#8220;. Dies ist nicht nur der Titel ihrer ungew\u00f6hnlichen Biographie, sondern zeigt zugleicht die Methode an, mit der sich die Autorin dem Denken Montaignes n\u00e4hert. An Variationen dieser Frage hangelt sie sich in folgenden Kapiteln entlang: &#8222;Wie entgehe ich der Todesangst?&#8220;, oder &#8222;Wie vermeide ich die T\u00fccken der Mitmenschen, ohne ungesellig zu werden?&#8220;. Das Ich in diesen Fragen ist etwas irritierend, denn der Anspruch nach Allgemeing\u00fcltigkeit war Montaigne eher fremd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Richtig<\/em> lebt man dann, wenn man der allt\u00e4glichen Lebenspraxis m\u00f6glichst viel Aufmerksamkeit schenkt und Schicksalsergebenheit, lernt. Wie der Stoiker Epiktet schrieb:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Verlange nicht, da\u00df alles so geschieht, wie du es w\u00fcnschest, sondern sei zufrieden, da\u00df es so geschieht, wie es geschieht, und du wirst in Ruhe leben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Tradition der literarischen Selbstbeobachtung<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Montaignes <em>Versuche<\/em> zogen Generationen von Lesern in den Bann. Diese Faszination ist leicht nachzuvollziehen, schwieriger ist es dagegen, den Ursachen f\u00fcr dieses Interesse auf die Spur zu kommen. Die amerikanische Autorin Sarah Bakewell versucht in &#8222;Wie soll ich leben?&#8220; das Leben und Denken Montaignes mit leichter Hand in die Gegenwart zu transformieren. Immer noch ist es ein gro\u00dfes Projekt sich selbst befragen und betrachten, das Schwanken der Gedanken, den Zustrom der Erfahrungen und der Lekt\u00fcren. Nicht das Sein darstellen, sondern das Unterwegs-Sein, von Stunde zu Stunde. Einen Menschen schildern, in allen seinen Widerspr\u00fcchen. So wuchsen Montaignes <em>Essais<\/em> wie ein Korallenriff, so begr\u00fcndete der Schriftsteller und Philosoph nebenher eine Tradition der literarischen Selbstbeobachtung. Denn die &#8222;Essais&#8220; sind beides zugleich: ein Handbuch des Lebenspraxis und gro\u00dfe Literatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Die Essais sind der Schl\u00fcsseltext \u00fcber die moderne Einsamkeit.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_14278\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Montaignes_Motto.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14278\" class=\"size-medium wp-image-14278\" title=\"Montaignes_Motto\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Montaignes_Motto-300x158.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"158\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Montaignes_Motto-300x158.png 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Montaignes_Motto.png 734w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14278\" class=\"wp-caption-text\">Vignette mit Michel de Montaignes Wahlspruch \u201eQue sais-je?\u201c (Was wei\u00df ich?)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Besondere ist der Sog seiner Sprache: Der Essayist ist erst bei sich, wenn er ganz in diesem Wasser flie\u00dft. Wenn Montaigne, der als Erster eine Sprache f\u00fcr die Peristaltik der inneren Organe und ihr Mitwirken am Ich gefunden hat, schreibt, dass wir alle nur &#8222;aus buntscheckigen Fetzen bestehen, die so locker und lose aneinanderh\u00e4ngen, dass jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will&#8220;Montaigne setzt in \u201cAn den Leser\u201d zu einer Erl\u00e4uterung seines Projekts an:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>W\u00e4re es mein Anliegen gewesen, um die Gunst der Welt zu buhlen, h\u00e4tte ich mich besser herausgeputzt und k\u00e4me mit einstudierten Schritten daherstolziert. Ich will jedoch, da\u00df man mich hier in meiner einfachen, nat\u00fcrlichen und allt\u00e4glichen Daseinsweise sehe, ohne Besch\u00f6nigung und K\u00fcnstelei, denn ich stelle mich als den dar, der ich bin. Meine Fehler habe ich frank und frei aufgezeichnet, wie auch meine ungezwungene Lebensf\u00fchrung, soweit die R\u00fccksicht auf die \u00f6ffentliche Moral mir dies erlaubte [&#8230;] Ich selber, Leser, bin also der Inhalt meines Buchs: Es gibt keinen vern\u00fcnftigen Grund, da\u00df du deine Mu\u00dfe auf einen so unbedeutenden, so nichtigten Gegenstand verwendest<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"> Freundschaft und Einsamkeit als seelische Aufenthaltsorte au\u00dferhalb der Gesellschaft.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl Montaigne seine Leser gerne mit einem Augenzwinkern auf falsche F\u00e4hrten f\u00fchrt, kann man diesen Auftakt durchaus ernst nehmen. Seine <em>Essais<\/em> geh\u00f6ren zu den erstaunlichsten Selbstportraits der europ\u00e4ischen Literatur. Die meisten <em>Versuche<\/em> beginnen mit dem Wort \u201c\u00dcber\u201d, \u00fcber die Traurigkeit, \u00fcber den M\u00fc\u00dfiggang, \u00fcber die L\u00fcgner, \u00fcber die Schulmeisterei \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Lebensgeschichte wird verdichtet anhand von biographischen Knotenpunkten<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrheit ist f\u00fcr Montaigne nichts Absolutes. Er findet sie gerade in der Bewegung des Geistes. Seine Gedanken folgen keinem thematischen Fahrplan, sondern nutzen jede Gelegenheit zu Abschweifungen und erkenntnistr\u00e4chtigen Umwegen. Auch Bakewells Montaigne-Biographie &#8222;Wie soll ich leben?&#8220; hangelt sich nicht starr chronologisch von der Geburt bis zum Grab. Die Lebensgeschichte wird verdichtet anhand von biographischen Knotenpunkten und literarischen Zentralthemen (Freundschaft, Ehe, Lebensgenuss, Tod, das Amt etc.), jeweils mit philosophisch gestimmten <em>Antworten<\/em> assoziiert. Das k\u00f6nnen eher klassische Maximen sein (&#8222;Lebe den Augenblick!&#8220;), aber auch listige Leitlinien der Lebenskunst (&#8222;Mache deinen Job gut, aber nicht zu gut!&#8220;). Zwar war Montaigne ein Autor, der unerm\u00fcdlich seine eigenen konkreten Erfahrungen verarbeitete (bis hin zu den Nierenkoliken); zugleich bewegt sich das Schiff seiner <em>Essais<\/em> aber auf einem breiten ideengeschichtlichen Strom, allem voran die antiken Schulen der Skepsis, des Epikur\u00e4ertums und des Stoizismus. Mit leichter Hand schildert Bakewell diese philosophischen Hintergr\u00fcnde, und zugleich erz\u00e4hlt sie von der m\u00e4chtigen Nachwirkung der <em>Essais<\/em> im Lauf der Jahrhunderte: ein geliebtes, gehasstes, sehr lange von der r\u00f6mischen Kirche verbotenes und deshalb umso faszinierendes Buch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Ersch\u00fctterung aller geistigen Fundamente<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_14281\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Montaigne_15781.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14281\" class=\"size-full wp-image-14281\" title=\"220px-Montaigne_1578\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Montaigne_15781.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"275\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14281\" class=\"wp-caption-text\">Montaigne auf einem zeitgen\u00f6ssischen Gem\u00e4lde<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich systematisch Montaigne zu n\u00e4hern, ist schwierig. Diese Autobiographie in Versuchen schlie\u00dft das Scheitern im Denken ein. Nicht selten wird ausprobiert, weshalb man zu vielen Fragen keine konsistenten Antworten erwarten darf. Montaigne f\u00fchrt eher eine Art des Denkens vor, die sich nicht nur durch Skeptizismus auszeichnet, sondern auch durch gro\u00dfe Freiheit. Leider gibt es, wie bei anderen Denkern, auch bei ihm eine gro\u00dfe Ausnahme: der katholische Glaube. Bei Montaigne, der \u00e4u\u00dferlich an der katholischen Ordnung der Dinge festhielt, wird die menschliche Existenz erstmals im modernen Sinn zum Problem &#8211; aber sein gelassenes Temperament und seine Ironie verhindern die Zuspitzung ins Tragische. Bakewell verdeutlicht, inmitten welcher geschichtlichen St\u00fcrme er arbeitete und schrieb. W\u00e4hrend seiner Zeit als B\u00fcrgermeister von Bordeaux raffte die Pest ein Drittel der Einwohner dahin; der schier endlose Krieg der christlichen Konfessionen f\u00fchrte zu zahlreichen Exzessen und Pogromen, darunter die Bartholom\u00e4usnacht, bei der allein in Paris 10.000 Protestanten massakriert wurden. Dem Ton von Montaignes Prosa sind diese Verst\u00f6rungen nicht abzulesen; die Ersch\u00fctterung aller geistigen Fundamente dagegen schon. In den verbissenen religi\u00f6sen Zwistigkeiten nimmt er eine grundsympathische Position ein: Toleranz nach allen Seiten; dabei mehr Neugier auf das Diesseits als Sehnsucht nach dem Jenseits. Montaigne schreibt \u00fcber seine Erfahrungen, seine Gedanken und sein Leben. Ein weiterer roter Faden sind zahlreiche aus seinen B\u00fccher bezogene Beispiele, Geschichte und Geschichten, welche den einen Punkt belegen, dem anderen Aspekt widersprechen, kurz zu verschiedensten rhetorischen Zwecken eingesetzt werden. Wobei es Montaigne mit dem Zitieren nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig genau nimmt. Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen und ab und zu sogar gegen ihre urspr\u00fcngliche Intention verwendet, wenn man sich den Kontext des eingef\u00fcgten Textschnippsels ansieht. Das Ergebnis dieses von Montaigne entwickelten Kompositionsverfahrens ist ein vielschichtiges, originelles und bedenkenswertes Werk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em> Wenn wir uns nun also vornehmen, allein zu leben und uns der Gesellschaft zu entziehen: stellen wir uns so an, dass unsere Zufriedenheit nur von uns abh\u00e4ngt; l\u00f6sen wir uns von den Banden, die uns an andere ketten; gewinnen wir es \u00fcber uns, wirklich allein zu leben und uns dabei wohl zu f\u00fchlen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Ein p\u00e4dadagogisches Anliegen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts der verschmitzten Klugheit des Autors sollte man seine zahlreichen Aussagen, er schreibe ged\u00e4chtnis- und planlos ins Blaue hinein, keinesfalls ernst nehmen. Zumindest verfolgt er ein <em>p\u00e4dadagogisches<\/em> Anliegen und will seine Leser zum kritischen Denken erziehen. Es ist kein Zufall, da\u00df Sokrates einer von Montaignes Geisteshelden ist, auf den er immer wieder referenziert. Neue Wendungen des Blicks, \u00fcberraschende, verunsichernde Perspektiven auf Dinge, die wir gut zu kennen meinen, sind Markenzeichen des Philosophen der franz\u00f6sischen Renaissance. Er zog alles in Zweifel, vor allem sich selbst. Dem Erforscher der Seele erschien das gestaltlose und bedr\u00e4ngend instabile Etwas in uns als unheimlicher denn alle Darbietungen der grausamen Shows seiner Zeit:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich habe auf der ganzen Welt bisher kein ausgepr\u00e4gteres Monster und Mirakel gesehen als mich selbst. Zeit und Gew\u00f6hnung machen einen mit allem Befremdlichen vertraut; je mehr ich aber mit mir Umgang pflege und mich kennenlerne, desto mehr frappiert mich meine Ungestalt, desto weniger werde ich aus mir klug.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Montaigne formuliert die Lehre des guten Ma\u00dfes. Moralische Nonchalance brachte ihm den Ruf des intellektuellen Verf\u00fchrers ein, die Skepsis provozierte die radikalen Denker der n\u00e4chsten Generation. Fesselnd erz\u00e4hlt Bakewell, wie sich der zerknirschte Christ Pascal \u00fcber Montaigne ereifert und wie sich der Wahrheitsfanatiker Descartes \u00fcber das &#8222;Ich wei\u00df nichts, und nicht einmal das ist sicher&#8220;, echauffiert. Geschickt gewinnt Bakewell aus diesen Konfrontationen die These der Aktualit\u00e4t Montaignes heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Die <em>Essais<\/em> als zentrales Werk der Weltliteratur<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_14283\" style=\"width: 240px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/460px-Essais-11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14283\" class=\"size-medium wp-image-14283\" title=\"460px-Essais-1\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/460px-Essais-11-230x300.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/460px-Essais-11-230x300.jpg 230w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/460px-Essais-11.jpg 460w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14283\" class=\"wp-caption-text\">Titelbild der Original-Ausgabe<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit guten Gr\u00fcnden z\u00e4hlt man die <em>Essais<\/em> zu den zentralen Werken der Weltliteratur. Die intellektuelle Komplexit\u00e4t ist faszinierend und kann durch eine erste Lekt\u00fcre nicht ann\u00e4hrend ausgesch\u00f6pft werden. Aus analytischen Gr\u00fcnden kann man zwei zentrale Themenbereiche unterscheiden: Die <em>Essais<\/em> als geistige Biographie eines faszinierenden Menschen der fr\u00fchen Neuzeit und das Mosaik h\u00f6chst unterschiedlicher Inhalte. Inwieweit Mosaik eine passende Metapher darstellt, dar\u00fcber scheiden sich die Geister. W\u00e4hrend Vertreter der Postmoderne ihre seltsame Denkschablone dahin gehend \u00fcber den armen Montaigne st\u00fclpen, da\u00df er angeblich ein inkomprehensibles Textsammelsurium hinterlassen hat, weisen Vertreter der traditionelleren Gelehrsamkeit auf die rekonstruierbare subtile Komposition der <em>Essais<\/em> hin. In ruhigen Zeiten mag Montaigne mit seiner Lehre des Mittelma\u00dfes als Langweiler wirken. Aber in Zeiten von Fanatismus und Fundamentalismus ruhiges Ma\u00df in Denken und Politik zu bewahren ist mutige Haltung. Emblematisch ist eine Anekdote, die Bakewell berichtet: Als der K\u00f6nig ihm einen dringlichen Brief schrieb, der ihn erneut in diplomatische Dienste beorderte, legte Montaigne den Schrieb einige Wochen auf den Kaminsims, um Zeit zum Schreiben zu gewinnen. Als der K\u00f6nig ein weiteres Mal schreibt, legt er den Brief erneut f\u00fcr sechs Wochen auf Halde, um in seiner Antwort schlie\u00dflich Distanz zu wahren: &#8222;freim\u00fctig, unbeeindruckt von der Macht und entschlossen, sich seine Freiheit zu bewahren.&#8220; Selten waren Denken und Leben so sehr eins wie bei Montaigne, und seine von Bakewell erz\u00e4hlte Biografie erinnert daran, da\u00df Nachdenken helfen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie soll ic<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover5.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-14274\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover5.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"270\" \/><\/a>h leben? Oder: Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten<\/strong> von Sarah Bakewell, aus dem Englischen von Rita Seu\u00df,\u2028 C.H. Beck, 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Zur Einf\u00fchrung finden sich von Holger Benkel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/01\/gedanken-ueber-das-denken\/\"><em>Gedanken \u00fcber das Denken<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Was den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">Rezensionsessays<\/a> von Holger Benkel die \u00dcberzeugungskraft verleiht, ist die philosophische Anstrengung, denen er sein Material unterwirft, seine Texte zeigen, was der Fokus auf eine Fragestellung sichtbar machen kann, wie diese Konzentration aufdeckt, was dem Schreibenden selbst verborgen blieb, wohl wissend, da\u00df die F\u00fclle der Literatur, der Kunst und des Lebens eben darin liegen, nie alles wissen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 In 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 In 2013 unternahm Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein. Lesen Sie ihn, um zu leben! Flaubert W\u00fcrde Michel de Montaigne im 21. Jahrhundert leben, so er w\u00e4re wahrscheinlich der beliebteste Blogger. Nicht nur in Frankreich. Wir kommen ihm n\u00e4her, indem wir seine Essais lesen. Und zwar Wort f\u00fcr&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":98980,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1083,1172],"class_list":["post-14271","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-michel-de-montaigne","tag-sarah-bakewell"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14271","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14271"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14271\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104502,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14271\/revisions\/104502"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98980"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14271"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14271"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14271"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}