{"id":14227,"date":"2020-08-15T00:01:00","date_gmt":"2020-08-14T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14227"},"modified":"2022-02-20T16:00:27","modified_gmt":"2022-02-20T15:00:27","slug":"unterschied-der-dichtarten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/15\/unterschied-der-dichtarten\/","title":{"rendered":"\u00dcber den Unterschied der Dichtarten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das lyrische, dem Schein nach idealische Gedicht ist in seiner Bedeutung naiv. Es ist eine fortgehende Metapher <i>Eines<\/i> Gef\u00fchls.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\">Das epische, dem Schein nach naive Gedicht ist in seiner Bedeutung heroisch. Es ist die Metapher gro\u00dfer Bestrebungen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\">Das tragische, dem Schein nach heroische Gedicht ist in seiner Bedeutung idealisch. Es ist die Metapher<i> Einer<\/i> intellektuellen Anschauung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das lyrische Gedicht ist in seiner Grundstimmung das sinnlichere, indem diese eine Einigkeit enth\u00e4lt, die am leichtesten sich gibt, eben darum strebt es im \u00e4u\u00dfern Schein nicht sowohl nach Wirklichkeit und Heiterkeit und Anmut, es gehet der sinnlichen Verkn\u00fcpfung und Darstellung so sehr aus dem Wege (weil der reine Grundton eben dahin sich neigen m\u00f6chte), da\u00df es in seinen Bildungen und der Zusammenstellung derselben gerne wunderbar und \u00fcbersinnlich ist, und die heroischen energischen Dissonanzen, wo es weder seine Wirklichkeit, sein Lebendiges, wie im idealischen Bilde, noch seine Tendenz zur Erhebung, wie im unmittelbareren Ausdruck verliert, diese energischen heroischen Dissonanzen, die Erhebung und Leben vereinigen, sind die Aufl\u00f6sung des Widerspruchs, in den es ger\u00e4t, indem es von einer Seite nicht ins Sinnliche fallen, von der andern seinen Grundton, das innige Leben nicht verleugnen kann und will. Ist sein Grundton jedoch heroischer, gehaltreicher, wie z.B. der einer Pindarischen Hymne, an den Fechter Diagoras, hat er also an Innigkeit weniger zu verlieren, so f\u00e4ngt es naiv an, ist er idealischer, dem Kunstcharakter, dem uneigentlichen Tone verwandter, hat er also an Leben weniger zu verlieren, so f\u00e4ngt es heroisch an, ist er am innigsten, hat er an Gehalt, noch mehr aber an Erhebung, Reinheit des Gehalts zu verlieren, so f\u00e4ngt es idealisch an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In lyrischen Gedichten f\u00e4llt der Nachdruck auf die unmittelbarere Empfindungssprache, auf das Innigste, das Verweilen, die Haltung auf das Heroische, die Richtung auf das Idealische hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das epische, dem \u00e4u\u00dfern Scheine nach naive Gedicht ist in seiner Grundstimmung das pathetischere, das heroischere, aorgischere; es strebt deswegen in seiner Ausf\u00fchrung, seinem Kunstcharakter nicht sowohl nach Energie und Bewegung und Leben, als nach Pr\u00e4zision und Ruhe und Bildlichkeit. Der Gegensatz seiner Grundstimmung mit seinem Kunstcharakter, seines eigentlichen Tons mit seinem uneigentlichen, metaphorischen l\u00f6st sich im Idealischen auf, wo es von einer Seite nicht soviel an Leben verliert, wie in seinem engbegrenzenden Kunstcharakter, noch an Moderation soviel wie bei der unmittelbareren \u00c4u\u00dferung seines Grundtones. Ist sein Grundton, der wohl auch verschiedener Stimmung sein kann, idealischer, hat er weniger an Leben zu verlieren, und hingegen mehr Anlage zur Organisation, Ganzheit, so kann das Gedicht mit seinem Grundtone, dem heroischen, anfangen, \u03bc\u03b7\u03bd\u03b9\u03bd \u03b1\u03b5\u03b9\u03b4\u03b5 \u03d1\u03b5\u03b1 \u2013 und heroischepisch sein. Hat der energische Grundton weniger idealische Anlage, hingegen mehr Verwandtschaft mit dem Kunstcharakter, welcher der naive ist, so f\u00e4ngt es idealisch an; hat der Grundton seinen eigentlichen Charakter so sehr, da\u00df er dar\u00fcber an Anlage zum Idealen, noch mehr aber zur Naivet\u00e4t verlieren mu\u00df, so fangt es naiv an. Wenn das, was den Grundton und den Kunstcharakter eines Gedichts vereiniget und vermittelt, der Geist des Gedichts ist, und dieser am meisten gehalten werden mu\u00df, und dieser Geist im epischen Gedichte das Idealische ist, so mu\u00df das epische Gedicht bei diesem am meisten verweilen, da hingegen auf den Grundton, der hier der energische ist, am meisten Nachdruck, und auf das Naive, als den Kunstcharakter, die Richtung fallen, und alles darin sich konzentrieren, und darin sich auszeichnen und individualisieren mu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das tragische, in seinem \u00e4u\u00dferen Scheine heroische Gedicht ist, seinem Grundtone nach, idealisch, und allen Werken dieser Art mu\u00df Eine intellektuale Anschauung zum Grunde liegen, welche keine andere sein kann, als jene Einigkeit mit allem, was lebt, die zwar von dem beschr\u00e4nkteren Gem\u00fcte nicht gef\u00fchlt, die in seinen h\u00f6chsten Bestrebungen nur geahndet, aber vom Geiste erkannt werden kann und aus der Unm\u00f6glichkeit einer absoluten Trennung und Vereinzelung hervorgeht, und am leichtesten sich ausspricht dadurch, da\u00df man sagt, die wirkliche Trennung, und mit ihr alles wirklich Materielle Verg\u00e4ngliche, so auch die Verbindung und mit ihr alles wirklich Geistige Bleibende, das Objektive, als solches, so auch das Subjektive als solches, seien nur ein Zustand des Urspr\u00fcnglicheinigen, in dem es sich befinde, weil es aus sich herausgehen m\u00fcsse, des Stillstands wegen, der darum in ihm nicht stattfinden k\u00f6nne, weil die Art der Vereinigung in ihm nicht immer dieselbe bleiben d\u00fcrfe, der Materie nach, weil die Teile des Einigen nicht immer in derselben n\u00e4heren und entfernteren Beziehung bleiben d\u00fcrfen, damit alles allem begegene, und jeden ihr ganzes Recht, ihr ganzes Ma\u00df von Leben werde, und jeder Teil im Fortgang dem Ganzen gleich sei an Vollst\u00e4ndigkeit, das Ganze hingegen im Fortgang den Teilen gleich werde an Bestimmtheit, jenes an Inhalt gewinne, diese an Innigkeit, jenes an Leben, diese an Lebhaftigkeit, jenes im Fortgange mehr sich f\u00fchle, diese im Fortgang sich mehr erf\u00fcllen; denn es ist ewiges Gesetz, da\u00df das gehaltreiche Ganze in seiner Einigkeit nicht mit der Bestimmtheit und Lebhaftigkeit sich f\u00fchlt, nicht in dieser sinnlichen Einheit, in welcher seine Teile, die auch ein Ganzes, nur leichter verbunden sind, sich f\u00fchlen, so da\u00df man sagen kann, wenn die Lebhaftigkeit, Bestimmtheit, Einheit der Teile, wo sich ihre Ganzheit f\u00fchlt, die Grenze f\u00fcr diese \u00fcbersteige, und zum Leiden, und m\u00f6glichst absoluter Entschiedenheit und Vereinzelung werde, dann f\u00fchle das Ganze in diesen Teilen sich erst so lebhaft und bestimmt, wie jene sich in einem ruhigern, aber auch bewegten Zustande, in ihrer beschr\u00e4nkteren Ganzheit f\u00fchlen (wie z.B. die lyrische (individuellere) Stimmung ist, wo die individuelle Welt in ihrem vollendetsten Leben und reinsten Einigkeit sich aufzul\u00f6sen strebt, und in dem Punkte, wo sie sich individualisiert, in dem Teile, worin ihre Teile zusammenlaufen, zu vergehen scheint, im innigsten Gef\u00fchle, wie da erst die individuelle Welt in ihrer Ganzheit sich f\u00fchlt, wie da erst, wo sich F\u00fchlender und Gef\u00fchltes scheiden wollen, die individuellere Einigkeit am lebhaftesten und bestimmtesten gegenw\u00e4rtig ist, und widert\u00f6nt). Die F\u00fchlbarkeit des Ganzen schreitet also in eben dem Grade und Verh\u00e4ltnisse fort, in welchem die Trennung in den Teilen und in ihrem Zentrum, worin die Teile und das Ganze am f\u00fchlbarsten sind, fortschreitet. Die in der intellektualen Anschauung vorhandene Einigkeit versinnlichet sich in eben dem Ma\u00dfe, in welchem sie aus sich herausgehet, in welchem die Trennung ihrer Teile statt findet, die denn auch nur darum sich trennen, weil sie sich zu einig f\u00fchlen, wenn sie im Ganzen dem Mittelpunkte n\u00e4her sind, oder weil sie sich nicht einig genug f\u00fchlen der Vollst\u00e4ndigkeit nach, wenn sie Nebenteile sind, vom Mittelpunkte entfernter liegen, oder, der Lebhaftigkeit nach, wenn sie weder Nebenteile, im genannten Sinne, noch wesentliche Teile im genannten Sinne sind, sondern weil sie noch nicht gewordene, weil sie erst teilbare Teile sind. Und hier, im \u00dcberma\u00df des Geistes in der Einigkeit, und seinem Streben nach Materialit\u00e4t, im Streben des Teilbaren Unendlichern Aorgischern, in welchem alles Organischere enthalten sein mu\u00df, weil alles bestimmter und notwendiger Vorhandene ein Unbestimmteres, unnotwendiger Vorhandenes notwendig macht, in diesem Streben des Teilbaren Unendlichern nach Trennung, welches sich im Zustande der h\u00f6chsten Einigkeit alles Organischen allen in dieser enthaltenen Teilen mitteilt, in dieser notwendigen Willk\u00fcr des Zevs liegt eigentlich der ideale Anfang der wirklichen Trennung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von diesem gehet sie fort bis dahin, wo die Teile in ihrer \u00e4u\u00dfersten Spannung sind, wo diese sich am st\u00e4rksten widerstreben. Von diesem Widerstreit gehet sie wieder in sich selbst zur\u00fcck, n\u00e4mlich dahin, wo die Teile, wenigstens die urspr\u00fcnglich innigsten, in ihrer Besonderheit, als diese Teile, in dieser Stelle des Ganzen sich aufheben, und eine neue Einigkeit entsteht. Der \u00dcbergang von der ersten zur zweiten ist wohl eben jene h\u00f6chste Spannung des Widerstreits. Und der Ausgang bis zu ihm unterscheidet sich vom R\u00fcckgang darin, da\u00df der erste ideeller, der zweite realer ist, da\u00df im ersten das Motiv ideal bestimmend, reflektiert, mehr aus dem Ganzen, als individuell ist, p.p. im zweiten aus Leidenschaft und den Individuen hervorgegangen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Grundton ist weniger lebhaft als der lyrische, individuellere. Deswegen ist er auch, weil er universeller und der universellste ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jubil\u00e4en und Gedenkjahre sind ritualisierte Konstrukte und Ereignisse der Kulturgedenkroutine. Oft \u00fcberlagert die Eventisierung das Anregungspotenzial, das vom gefeierten Klassiker ausgehen k\u00f6nnte. Friedrich H\u00f6lderlins Leben ist die Geschichte eines Einzelg\u00e4ngers, der keinen Halt im Leben fand, obwohl er hingebungsvoll liebte und geliebt wurde. Als Dichter, \u00dcbersetzer, Philosoph, Hauslehrer und Revolution\u00e4r lebte er in zerrei\u00dfenden Spannungen, unter denen er schlie\u00dflich zusammenbrach. Erst das 20. Jahrhundert entdeckte seine tats\u00e4chliche Bedeutung, manche verkl\u00e4rten ihn sogar zu einem Mythos. Doch immer noch ist Friedrich H\u00f6lderlin der gro\u00dfe Unbekannte unter den Klassikern der deutschen Literatur. Es gibt konkur\u00adrierende Gesamtausgaben, die teilweise unterschiedliche Textgestalten pr\u00e4sentieren. In der sogenannten Frankfurter Ausgabe von D. E. Sattler finden sich Reproduktionen der Handschriften. Das Geburtshaus in Laufen am Neckar ist renoviert und zum Museum gestaltet, heute er\u00f6ffnet es mit einer Ausstellung. Im H\u00f6lderlinturm in T\u00fcbingen, in dem der Dichter seine zweite Lebensh\u00e4lfte verbrachte, ist eine neue multimediale Daueraus\u00adstellung zu sehen. Der 250. Geburtstag bewegt sich KUNO entlang der poetischen H\u00f6lderlinie und versucht sich ihm und seinem Geheimnis zu n\u00e4hern.<\/p>\n<div id=\"attachment_98741\" style=\"width: 234px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98741\" class=\"wp-image-98741 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Friedrich-Ho\u0308lderlin-224x300.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98741\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich H\u00f6lderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Ulrich Bergmann hat das St\u00fcck \u201eDer Tod des Empedokles\u201c neu gelesen und fand ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/25\/der-ueberbau-der-freiheit\/\">Gedicht<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Lesen Sie auch Friedrich H\u00f6lderlins Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14232\">\u00dcber die Verfahrungsweise des poetischen Geistes<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das lyrische, dem Schein nach idealische Gedicht ist in seiner Bedeutung naiv. 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