{"id":14190,"date":"2023-09-16T00:01:56","date_gmt":"2023-09-15T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14190"},"modified":"2022-02-25T19:50:38","modified_gmt":"2022-02-25T18:50:38","slug":"das-kathchen-von-heilbronn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/16\/das-kathchen-von-heilbronn\/","title":{"rendered":"Das K\u00e4thchen von Heilbronn"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcrwahr, es ist Mark darin und Geist und Sch\u00f6nheit. Von der dunkeln Tiefe des Gem\u00fcts bis hinauf zu jener heitern H\u00f6he, auf welcher die Sch\u00f6pfungskraft frei und besonnen waltet, f\u00fchrt uns ein lockender Weg, mit abwechselndem Reize, bald zwischen lieblichen Winden, blumigen Auen und besonnten Feldern, bald zwischen st\u00fcrzenden Wetterb\u00e4chen, erhabenen Wildnissen und W\u00e4ldern voll Sturm und Brausen. Gleich anmutig ist Wanderung und Ziel. Warum haben die t\u00fcckischen Parzen dieses bl\u00fchende Dichterhaupt so fr\u00fche in das Grab gebeugt?<\/p>\n<div id=\"attachment_21158\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/755px-Kleist-das_ka\u0308thchen_von_heilbronn_erstausgabe_1810.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-21158\" class=\"size-medium wp-image-21158\" title=\"755px-Kleist-das_ka\u0308thchen_von_heilbronn_erstausgabe_1810\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/755px-Kleist-das_ka\u0308thchen_von_heilbronn_erstausgabe_1810-300x238.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"238\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/755px-Kleist-das_ka\u0308thchen_von_heilbronn_erstausgabe_1810-300x238.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/755px-Kleist-das_ka\u0308thchen_von_heilbronn_erstausgabe_1810.jpg 755w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-21158\" class=\"wp-caption-text\">Erstdruck von 1810<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welch ein Unternehmen, so k\u00fchn als unbesonnen, den Schleier der Isis wegzuheben, hinter welchem der Tod lauscht! Nur Priestern frommt ein solcher Anblick, nicht der Menge, welcher mit der letzten T\u00e4uschung auch das letzte Gl\u00fcck entschwindet.\u00a0<em>Das<\/em>\u00a0w\u00e4re die so gepriesene Liebe, von Kindern angelallt, von Greisen angestottert, und das w\u00e4re ihr Band? H\u00e4tten wir&#8217;s nie erfahren!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Graf\u00a0<em>Wetter von Strahl,<\/em>\u00a0reich, im Lande angesehen, edel-stolz, voll des Mutes und der Kraft seines jugendlichen Alters und jener alten Zeit, ein an Seele wie an Leib geharnischter Ritter \u2013 und\u00a0<em>K\u00e4thchen,<\/em>\u00a0Tochter eines B\u00fcrgers von Heilbronn, ein s\u00fc\u00dfes wundersch\u00f6nes M\u00e4dchen, werden, sie, die sich nie gesehen, von einer geheimnisvollen Macht einander im Traume angetraut. Dem todkrank darniederliegenden Grafen erscheint im Wahnsinne des Fiebers ein gl\u00e4nzender Cherub, f\u00fchrt ihn weit weg in die Kammer eines sch\u00f6nen Kindes und zeigt es ihm als die f\u00fcr ihn bestimmte Braut, sagend, es sei die Tochter des Kaisers. Dieselbe Nacht sieht K\u00e4thchen im gesunden\u00a0Traume (das gesunde Weib\u00a0<em>erhebt<\/em>\u00a0sich zum kranken Manne wie das wache zum schlafenden) einen schimmernden Ritter eintreten, der sie als seine Braut begr\u00fc\u00dft. So sich angelobt, bringt sp\u00e4ter ein Zufall den Grafen in K\u00e4thchens Vaterhaus. Diese, ihn erblickend, erkennt allsogleich die Traumgestalt. Da st\u00fcrzt pl\u00f6tzlich ihres K\u00f6rpers und ihrer Seele Bau und eigene Haltung zusammen, sie fliegt ihrem Pole zu und bleibt ohne Willen und Bewegung an ihm hangen. Vergebens wird sie vom Ritter weggerissen, von diesem selbst mit F\u00fc\u00dfen zur\u00fcckgesto\u00dfen, wie ein Tier, wie eine Sache behandelt, sie ist immer wieder da und folget ihm auf allen seinen Z\u00fcgen. Wohl lernt er das B\u00fcrgerm\u00e4dchen lieben, aber werter bleibt ihm sein Ritteradel. Endlich bis in den Grund des Herzens ger\u00fchrt, forscht er K\u00e4thchens Inneres aus, da sie einst im magnetischen Schlummer sich befand, wo die Seele, zwischen der Nacht der Erde und dem Tage des Himmels in der d\u00e4mmernden Mitte schwebend, mit<em>\u00a0einem<\/em>\u00a0Blicke beide umfa\u00dft, und da ward ihm kund, was er im Ger\u00e4usche eines tatenvollen Lebens nicht fr\u00fcher erhorchen konnte, da\u00df\u00a0<em>sie<\/em>\u00a0die Verhei\u00dfene sei, die ihm im Traume gezeigt worden. Sp\u00e4ter tritt auch der Kaiser auf, gibt sich als K\u00e4thchens nat\u00fcrlicher Vater zu erkennen und diese, nachdem er sie zur F\u00fcrstin erhoben, dem Grafen zum Weibe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Schauspiel ist ein Edelstein, nicht unwert an der Krone des britischen Dichterk\u00f6nigs zu gl\u00e4nzen. Man braucht nur den herrlichen Monolog des Grafen, womit der zweite Akt beginnt, gelesen zu haben, um das Lob gerecht zu finden. Um so deutlicher fallen zwei Flecken in das Auge. Die wirkliche Erscheinung des Cherubs beim Sinken des brennenden Schlosses Thurneck konnte nicht unzeitiger geschehen. Die Seele, die so tief geneigt war, sich dem Anwehen einer verborgenen Geisterwelt, die im Traume sich offenbarte, gl\u00e4ubig hinzugeben, wird durch das sinnliche Wunder, das sich im Wachen ergibt, entt\u00e4uscht\u00a0und wendet sich, n\u00fcchtern gemacht, vom Unbegreiflichen kalt hinweg. Zweitens spielt das Fr\u00e4ulein Kunigunde, ohne Willen des Dichters, die Rolle der N\u00e4rrin in diesem\u00a0<em>ernsten<\/em>\u00a0Schauspiele. Gibt es eine tollere Erfindung als dieses Fr\u00e4ulein, welches durch Sch\u00f6nheit und Liebreiz allen Rittern des Landes den Kopf verr\u00fcckt und am Ende sich als eine garstige Hexe kundgibt, die mit falschen Z\u00e4hnen, aufgelegter Schminke und einem schlankmachenden Blechhemde die G\u00f6ttin Venus vorzul\u00fcgen verstand?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie haben sie dieses St\u00fcck wieder zugerichtet, damit es in ihren Raum, ihre Zeit und ihre Umst\u00e4nde sich f\u00fcge! Das ist ein ganz eignes Kapitel des Jammers. Wie wehe gar mu\u00df es dem K\u00fcnstler selbst tun, der die sch\u00f6nsten Teile seines Gem\u00e4ldes wegschneiden sieht, damit es nur in den engen Rahmen passe. Zuv\u00f6rderst ist in der Femgerichtsszene vieles ganz unbedachtsam ausgelassen worden. Es ist wahr, da\u00df einige Reden darin etwas lang sind, allein es durfte dennoch kein Wort fehlen, damit es klar und verst\u00e4ndlich werde, wie durch einen arbeitsamen Trieb der Natur sich Faden an Faden gereiht, um das sympathetische Netz zu flechten, das zwei Herzen unzertrennlich machte. Zweitens hatte man unerkl\u00e4rt gelassen, auf welche Weise der Kaiser K\u00e4thchens Vater geworden sei. Das war wieder einmal aus jener entnervten Sittsamkeit geschehen, welche der Verf\u00fchrung heuchlerische, vermaledeite Kupplerin ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u203aGraf von Strahl, Herr ***. Beim Himmel, die Rolle ist schwer, und ich m\u00f6chte den Schauspieler sehen, der sie tr\u00e4gt, leicht aber doch so, da\u00df die Kraft nicht die Last verschlinge und man wahrnehme, wieviel er zu tragen habe. Vor dem Femgerichte: alle die mannigfaltigen Reden mit ihren Cham\u00e4leonsfarben, \u2013 Erz\u00e4hlungston, \u2013 Nachahmung fremder Stimme, \u2013 unb\u00e4ndige Kraft an die Schranke des Gesetzes pochend, \u2013 Verstellung der\u00a0Wahrheit und Wahrheit der Verstellung, \u2013 das Gef\u00fchl unter freiwilliges Joch gebeugt, \u2013 Trotz der Unschuld, \u2013 Spott, \u2013 dastehend mit recht fest zusammengekn\u00e4ulter, nicht allseitig hinausflatternder Kraft; nicht sich br\u00fcstend, den K\u00f6rper leicht tragend mit der Seele, wie das Schwert in einer starken Faust, \u2013 (es ist ein Unverstand vieler Schauspieler, da\u00df sie w\u00e4hnen, Helden m\u00fc\u00dften sich spreizen, gerade\u00a0<em>sie<\/em>\u00a0d\u00fcrfen es am wenigsten; bei kr\u00e4ftigen Menschen lehnt sich der K\u00f6rper leicht am Geiste an, aber bei Schw\u00e4chlingen findet die matte Seele am st\u00e4rkern K\u00f6rper ihre St\u00fctze; nur solche Gewaltsmenschen m\u00f6gen sich spreizen, die keine andere Macht haben als die Meinung, die man hat von ihrer Macht, wie K\u00f6nig Philipp in\u00a0<em>Don Carlos<\/em>). \u2013 Der Dichter l\u00e4\u00dft den verliebten jungen L\u00f6wen Tr\u00e4nen vergie\u00dfen; ich bitte, welcher Schauspieler (der unsrigen) versteht es, als Held zu weinen, ohne sich l\u00e4cherlich zu machen? \u2013 Nun vor allen: die Beschw\u00f6rungsszene, wo der Graf den Geist des schlummernden K\u00e4thchens aus dem K\u00f6rper, seinem dunkeln Sarge, hervorruft und um das Geheimnis \u00fcberirdischer Dinge befragt (das vorgeschriebene Auflegen der Arme um den Leib h\u00e4tte strenger beobachtet werden m\u00fcssen, hierin war die Macht des Zaubers). \u2013 \u2013 So seht, wieviel als Graf von Strahl zu tun war! \u2013 \u2013 \u2013 K\u00e4thchen: Demoiselle\u00a0<em>Lindner.<\/em>\u00a0Gewi\u00df und wahrhaftig, das dem\u00fctige, gottgef\u00e4llige, wunders\u00fc\u00dfe, heimgefallene Kind h\u00e4tte wahrer, lieblicher und r\u00fchrender nicht dargestellt werden k\u00f6nnen. Es war nur ihre Schuld, wenn man es verga\u00df, wie schwer die Schlafrednerin zu\u00a0<em>spielen sei.<\/em>\u00a0Das Insichhineinreden, wo der Mund zugleich Ohr und Lippe ist, der melodische Schmelz der Stimme in den Worten: \u00bbO Schelm.\u00ab \u2013 \u00bbNein, nein, nein.\u00ab \u2013 \u00bbBitte, bitte!\u00ab Man sah den himmlischen Wein der Liebe im goldenen Becher der Sinnlichkeit blinken. Wu\u00dfte Dem. Lindner, was sie tat, dann zeigte sie sich als eine besonnene K\u00fcnstlerin,\u00a0handelte sie nach dunkeln Trieben, auch gut, das Gl\u00fcck ist eine sch\u00f6ne Gabe. \u2013 \u2013 Herr *** spielte K\u00e4thchens Vater, den Waffenschmied Friedeborn. Er war aber nicht der derbe, beg\u00fcterte Handwerksmann, der den Hammer von Eisen zu f\u00fchren gew\u00f6hnt ist und wohl t\u00e4glich seinen guten Humpen Wein trank; der keinen Teufel f\u00fcrchtet und nur weich ist an der Stelle, wo er sein Goldkind liebt; er war \u2013 nichts oder was man will. \u2013 \u2013 Was ist das wieder f\u00fcr ein toller Einfall mit der Puppe gewesen, die man aufhockte und statt Kunigunden in die K\u00f6hlerh\u00fctte trug? Man h\u00e4tte entweder die lebendige tragen, oder die ausgestopfte fortspielen lassen sollen; Einheit mu\u00df sein. \u2013\u2039<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_14208\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14208\" class=\"size-full wp-image-14208\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"380\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1-236x300.jpg 236w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14208\" class=\"wp-caption-text\">Ludwig B\u00f6rne (Gem\u00e4lde von Moritz Oppenheim, 1827)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; F\u00fcrwahr, es ist Mark darin und Geist und Sch\u00f6nheit. 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