{"id":14172,"date":"2023-12-01T00:01:36","date_gmt":"2023-11-30T23:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14172"},"modified":"2022-02-26T13:25:04","modified_gmt":"2022-02-26T12:25:04","slug":"denkrede-auf-jean-paul","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/01\/denkrede-auf-jean-paul\/","title":{"rendered":"Denkrede auf Jean Paul"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Stern ist untergegangen, und das Auge dieses Jahrhunderts wird sich schlie\u00dfen, bevor er wieder erscheint; denn in weiten Bahnen zieht der leuchtende Genius, und erst sp\u00e4te Enkel hei\u00dfen freudig willkommen, von\u00a0dem trauernde V\u00e4ter einst weinend geschieden. Und eine Krone ist gefallen von dem Haupte eines K\u00f6nigs! Und ein Schwert ist gebrochen in der Hand eines Feldherrn; und ein hoher Priester ist gestorben! Wohl m\u00f6gen wir den beweinen, der uns Ersatz gewesen und uns nun unersetzlich geworden. Jedem Lande ward f\u00fcr jedes tr\u00fcbe Entbehren irgendeine freundliche Verg\u00fctung. Der Norden ohne Herz hat seine eiserne Kraft; der kr\u00e4nkelnde S\u00fcden seine goldene Sonne; das finstere Spanien seinen Glauben; die darbenden Franzosen erquickt der spendende Witz, und Englands Nebel verkl\u00e4rt die Freiheit.\u00a0<em>Wir<\/em>\u00a0hatten Jean Paul, und wir haben ihn nicht mehr, und in ihm verloren wir, was wir nur in ihm besa\u00dfen: Kraft und Milde und Glauben und heitern Scherz und entfesselte Rede. Das ist der Stern, der untergegangen: der himmlische Glaube, der in dem Erloschenen uns geleuchtet. Das ist die Krone, die herabgefallen: die Krone der Liebe, die den beherrschte, der sie getragen, wie alle, die ihm untertan gewesen. Das ist das Schwert, das gebrochen: der Spott in scharfer Hand, vor dem K\u00f6nige zittern und der blutleere H\u00f6flinge err\u00f6ten macht. Und das ist der hohe Priester, der f\u00fcr uns gebetet im Tempel der Natur \u2013 er ist dahingeschieden, und unsere Andacht hat keinen Dolmetscher mehr. Wir wollen trauern um ihn, den wir verloren, und um die andern, die ihn nicht verloren. Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen. Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet l\u00e4chelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme. Dann f\u00fchrt er die M\u00fcden und Hungrigen ein in die Stadt seiner Liebe; er f\u00fchrt sie unter ein wirtliches Dach: die Vornehmen, verz\u00e4rtelten Geschmacks, in den Palast des hohen Albano; die Unverw\u00f6hnten aber in seines Siebenk\u00e4s enge Stube, wo die gesch\u00e4ftige Lenette am Herde\u00a0waltet und der hei\u00dfe bei\u00dfende Wirt mit Pfefferk\u00f6rnern deutsche Sch\u00fcsseln w\u00fcrzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jahrhunderte ziehen hinab, die Jahreszeiten rollen vor\u00fcber, es wechselt die Witterung des Gl\u00fccks; die Stufen des Alters steigen auf und steigen nieder. Nichts ist dauernd als der Wechsel, nichts best\u00e4ndig als der Tod. Jeder Schlag des Herzens schl\u00e4gt uns eine Wunde, und das Leben w\u00e4re ein ewiges Verbluten, wenn nicht die Dichtkunst w\u00e4re. Sie gew\u00e4hrt uns, was uns die Natur versagt: eine goldene Zeit, die nicht rostet, einen Fr\u00fchling, der nicht abbl\u00fcht, wolkenloses Gl\u00fcck und ewige Jugend. Der Dichter ist der Tr\u00f6ster der Menschheit; er ist es, wenn der Himmel selbst ihn bevollm\u00e4chtigt, wenn ihm Gott sein Siegel auf die Stirne gedr\u00fcckt und wenn er nicht um schn\u00f6den Botenlohn die himmlische Botschaft bringt. So war Jean Paul. Er sang nicht in den Pal\u00e4sten der Gro\u00dfen, er scherzte nicht mit seiner Leier an den Tischen der Reichen. Er war der Dichter der Niedergebornen, er war der S\u00e4nger der Armen, und wo Betr\u00fcbte weinten, da vernahm man die s\u00fc\u00dfen T\u00f6ne seiner Harfe. M\u00f6gen wir der stolzen Glocke, die an seltenen Festtagen majest\u00e4tisch schallt, unsere Ehrfurcht zollen \u2013 unsere Liebe wird der vertrauten Uhr, die jeden Pulsschlag unsers Herzens begleitet, die jede Viertelstunde unserer Freude nacht\u00f6nt und alle unsere Schmerzen Minute nach Minute von uns nimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den L\u00e4ndern werden nur die St\u00e4dte gez\u00e4hlt; in den St\u00e4dten nur die T\u00fcrme, Tempel und Pal\u00e4ste, in den H\u00e4usern ihre Herren; im Volke die Kameradschaften; in diesen ihre Anf\u00fchrer. Vor allen Jahreszeiten wird der Fr\u00fchling geliebkost; der Wanderer staunt breite Wege und Str\u00f6me und Alpen an; und was die Menge bewundert, preisen die gef\u00e4lligen Dichter. Jean Paul war kein Schmeichler der Menge, kein Diener der Gewohnheit. Durch enge, verwachsene Pfade suchte er das verschm\u00e4hte\u00a0D\u00f6rfchen auf. Er z\u00e4hlte im Volke die Menschen, in den St\u00e4dten die D\u00e4cher und unter jedem Dache jedes Herz. Alle Jahreszeiten bl\u00fchten ihm, sie brachten ihm\u00a0<em>alle<\/em>\u00a0Fr\u00fcchte. Auch der \u00e4rmste Dichter, und schlotterte ihm nur\u00a0<em>eine<\/em>\u00a0Saite noch auf seiner k\u00fcmmerlichen Leier, hat die Feiertage der ersten Liebe besungen. Jean Paul wartet diese heilige Flamme, bis sie mit dem Tode verlischt. Bei jeder goldenen Hochzeit ist er der trauende Priester, der die alten Herzen noch einmal aneinanderlegt und die zitternden H\u00e4nde zum letzten Male paart, bevor der Tod sie trennt. Durch Nebel und St\u00fcrme und \u00fcber gefrorne B\u00e4che dringt er in das eingeschneite H\u00e4uschen eines Dorfschulmeisters, die Christnachtfreuden seiner Kinder zu teilen. Mit vollen Kl\u00e4ngen besingt er die k\u00f6nigliche Lust auf den Wonneinseln des Lago Maggiore; aber mit leisern und w\u00e4rmern T\u00f6nen das enge Gl\u00fcck eines deutschen Jubelseniors und die Freuden eines schwedischen Pfarrers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Freiheit des Denkens k\u00e4mpfte Jean Paul mit andern; im Kampfe f\u00fcr die Freiheit des F\u00fchlens steht er allein. Seltsame, wunderliche Menschen, die wir sind! Fast sorglicher noch als unsern Ha\u00df suchen wir unsere Liebe zu verbergen, und wir fliehen so \u00e4ngstlich den Schein der G\u00fcte, als wir unter Dieben den Schein des Reichtums meiden. Wie oft geschieht es, da\u00df wir auf dem Markte des t\u00e4glichen Treibens oder in den S\u00e4len allt\u00e4glichen Geschw\u00e4tzes all den wichtigen, vollj\u00e4hrigen Dingen, die hier getrieben, dort besprochen werden, erlogene Aufmerksamkeit schenken! Wir scheinen gelassen und sind bewegt, scheinen ernst und sind weich, scheinen wach und sind von s\u00fc\u00dfer Lust gewiegt, gehen bed\u00e4chtigen Schrittes, und unser Herz taumelt von Erinnerung zu Erinnerung, und wir wandeln mit breitem Fu\u00dfe zwischen den Blumenbeeten unserer Kindheit und erheben uns auf den Fl\u00fcgeln der Phantasie zu den roten Abendwolken unsrer hinabgesunkenen Jugend. Wie \u00e4ngstlich lauschest du dann umher, ob kein Auge dich ertappt, ob kein Ohr die stillen Seufzer deiner Brust vernommen! Dann tritt Jean Paul nahe an dich heran und sagt dir leise und l\u00e4chelnd: \u00bbIch kenne dich!\u00ab Du verbirgst deine Freuden, weil sie dir zu kindlich scheinen f\u00fcr die Teilnahme der W\u00fcrdigen; du verheimlichst deine Schmerzen, weil sie dir zu klein d\u00fcnken f\u00fcr das Mitleid. Jean Paul findet dich auf und deine verstohlene Lust und spricht: \u00bbKomm, spiele mit mir!\u00ab Er schleicht sich in die Kammer, wo du einsam weinest, wirft sich an dein Herz und sagt: \u00bbIch komme, mit dir zu weinen!\u00ab Schlummert und tr\u00e4umt irgendeine kindliche Neigung in deiner Brust, und sie erwacht, steht Jean Paul vor ihrer Wiege, und viel leicht waren es nur seine Lieder, die dein Herz in solchen Schlaf und in solche Tr\u00e4ume gelullt. Nicht wie andere es getan, sp\u00fcrt er nach den verborgenen Ein\u00f6den im menschlichen Herzen, er sucht darin die versteckten Paradiese auf. Er l\u00f6set die Rinde von der verh\u00e4rteten Brust und zeigt den weichen Bast darunter; und in der Asche eines ausgebrannten Herzens findet er den letzten, halbtoten Funken und facht ihn zur hellen Liebesflamme an. Darin hat er seinem Volke wohlgetan, darin war er sein Retter! Es gab eine Zeit, wo kein deutscher J\u00fcngling, wenn er liebte, zu sagen wagte: \u00bbIch liebe dich\u00ab. Z\u00fcnftig und bescheiden, wie er war, sagte er: \u00bbWir lieben dich, M\u00e4dchen!\u00ab Hinangezogen am Spalier der Staatsmauer, hinaufgerankt an der Stange des Herkommens, hatte er verlernt, seinen eignen Wurzeln zu trauen. Jean Paul munterte die bl\u00f6den Herzen auf; er zuerst wagte das jedem Deutschen so grause Wort\u00a0<em>Ich<\/em>\u00a0auszusprechen, und wenn die Freiheit nicht darin besteht, da\u00df man ohne Gesetze lebe, sondern da\u00df jeder sein eigner Gesetzgeber sei, so war es Jean Paul, der f\u00fcr unsere Enkel die Saat der deutschen Freiheit ausgestreut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jean Paul war der Dichter der Liebe auf die sch\u00f6nste und erhabenste Weise, wie man dieses Wort nur deuten mag. Einst in seiner Jugend hatte er folgenden Eid geschworen: \u00bbGro\u00dfer Genius der Liebe! ich achte dein heiliges Herz, in welcher toten oder lebenden Sprache, mit welcher Zunge, mit der feurigen Engelszunge oder mit einer schweren, es auch spreche, und will dich nie verkennen, du magst wohnen im engen Alpental oder in der Schottenh\u00fctte, mitten im Glanze der Welt; und du magst den Menschen Fr\u00fchlinge schenken oder hohe Irrt\u00fcmer oder einen kleinen Wunsch oder ihnen alles, alles nehmen!\u00ab Er hat den Eid geschworen, und er hat ihn gehalten bis in den Tod. Doch was ist Liebe ohne Gerechtigkeit? Die Milde des R\u00e4ubers, der dem einen schenkt, was er dem andern genommen. Jean Paul war auch ein Priester des Rechts. Die Liebe war ihm eine heilige Flamme und das Recht der Altar, auf dem sie brannte, und nur reine Opfer brachte er ihr. Er war ein sittlicher S\u00e4nger. Nie schm\u00fcckte er h\u00e4\u00dfliche S\u00fcnde mit den Blumen seiner Worte aus; nie bedeckte er eine unedle Regung mit dem Golde seiner Reden. Er h\u00e4tte es vermocht, wenn er gewollt; auch er h\u00e4tte vermocht, mit seinem m\u00e4chtigen Zauber dem frommen Tadler ein L\u00e4cheln abzuschmeicheln; aber er hat es nicht getan. Er stritt f\u00fcr Wahrheit, f\u00fcr Recht, f\u00fcr Freiheit und Glauben, und nie deckte bei ihm die Flagge eines m\u00e4chtigen Namens s\u00fcndlich-heilloses Gut, es den Ungl\u00e4ubigen zuzuf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Trostbed\u00fcrftigen zu tr\u00f6sten und als befruchtender Himmel d\u00fcrstende Seelen zu erquicken \u2013 dazu allein ward der Dichter nicht gesendet. Er soll auch der Richter der Menschheit sein und Blitz und Sturm, die eine Erde voll Dunst und Moder reinigen. Jean Paul war ein Donnergott, wenn er z\u00fcrnte, eine blutige Gei\u00dfel, wenn er strafte; wenn er verh\u00f6hnte, hatte er einen guten Zahn. Wer seinen Spott zu f\u00fcrchten hatte, mochte ihn fliehen; ihn zu verlachen, wenn er ihm begegnete, war keiner frech genug. Trat der Riese Hochmut ihm noch so keck entgegen, seine Schleuder traf ihn gewi\u00df! Verkroch sich die Schlauheit in ihrer dunkelsten H\u00f6hle, er legte Feuer daran, und der bet\u00e4ubte Betr\u00fcger mu\u00dfte sich selbst \u00fcberliefern. Sein Gescho\u00df war gut, sein Auge besser, seine Hand war sicher. Er \u00fcbte sie gern, seinen Witz hinter H\u00f6fe und hinter Deutschland hetzend. Nicht nach der Beute der Jagd gel\u00fcstete ihm, er wollte nur fromm die Felder des B\u00fcrgers und des Landmanns \u00c4cker vor Verw\u00fcstungen sch\u00fctzen. Von der Feder manches Raubvogels, von dem Geweihe und der Klaue manch erlegten Wildes k\u00f6nnten wir erz\u00e4hlen; doch lassen wir uns zu keinen Jagdgeschichtchen verlocken in dieser sehr guten Hegezeit, wo schon strafbar gefunden und bestraft wird, nur die B\u00fcchse von der Wand herabzuholen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freiheit und Gleichheit lehrt der Humor und das Christentum \u2013 beide vergebens. Auch Jean Paul h\u00e4tte vergebens gelehrt und gesungen, w\u00e4re nicht das Recht ein liebes Bild des toten Besitzes und die Hoffnung eine Schmeichlerin des Mangels. Jean Paul hat gut gemalt, er hat uns zart geschmeichelt. Der Humor ist keine Gabe des Geistes, er ist eine Gabe des Herzens, er ist die Tugend selbst, wie ein reichbegabtes Herz sie lehrend \u00fcbt, weil es sie nicht \u00fcbend lehren darf. Der Humorist ist der Hofnarr des K\u00f6nigs der Tiere in einer schlechten Zeit, wo die Wahrheit nicht t\u00f6nen darf wie eine heilige Glocke, wo man ihr nur ihr Schellengel\u00e4ute vergibt, weil man es verachtet, weil man es bel\u00e4chelt. Der Humorist l\u00f6st die Binde von den F\u00fc\u00dfen des Saturns, setzt dem Sklaven den Hut des Herrn auf und verk\u00fcndigt das saturnalische Fest, wo der Geist das Herz bedient und das Herz den Geist verspottet. Einst war eine sch\u00f6nere Zeit, wo man den Humor nicht kannte, weil man nicht die Trauer und nicht die Sehnsucht kannte. Das Leben war\u00a0ein olympisches Spiel, wo jeder durfte seine Kraft und Hurtigkeit erproben. Der Schw\u00e4che war nur das Ziel versperrt, nicht der Weg; der Preis verweigert, nicht der Kampf. Jean Paul war der Jeremias seines gefangenen Volkes. Die Klage ist verstummt, das Leid ist geblieben. Denn jene falschen Propheten wollen wir nicht h\u00f6ren, die ihn begleitet und ihm nachgefolgt; und nur aus Liebe zu dem geliebten Toten wollen wir seiner kranken Nachahmer mit mehr nicht als mit wenigen Worten gedenken. Sie d\u00fcnken sich frei, weil sie mit ihren Ketten rasseln; k\u00fchn, weil sie in ihrem Gef\u00e4ngnisse toben, und freim\u00fctig, weil sie ihre Kerkermeister schelten. Sie springen vom Kopfe zum Herzen, vom Herzen zum Kopfe \u2013 sie sind hier oder dort; aber der Abgrund ist geblieben; sie verstanden keine Br\u00fccke \u00fcber die Trennungen des Lebens zu bauen. Verrenkung ist ihnen Gewandtheit der Glieder, Verzerrung Ausdruck des Gesichts, sie klappern prahlend mit Blechpfennigen, als wenn es Goldst\u00fccke w\u00e4ren, und wirft ihnen ja einmal der Schiffbruch des Zufalls irgendein Kleinod zu, wissen sie es nicht schicklich zu gebrauchen, und man sieht sie, gleich jenem H\u00e4uptling der Wilden, ein Ludwigskreuz am Ohrl\u00e4ppchen tragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bewunderung preist, die Liebe ist stumm. Nicht preisen wollen wir Jean Paul, wir wollen ihn beweinen! Der l\u00fcsterne Gast vergi\u00dft \u00fcber das Mahl den Wirt, der herzlose Kunstfreund den K\u00fcnstler \u00fcber sein Werk. Zwar wird als Dankbarer gelobt, wer von der genossenen Wohltat erz\u00e4hlt; aber der Dankbarste ist, der die Wohltat vergi\u00dft, sich nur des Wohlt\u00e4ters zu erinnern. So wollen wir des seligen Geistes liebend gedenken, nicht der Arbeiten und Werke, womit er unsere Bewunderung verdient. Und wollten wir anders, wir verm\u00f6chten es nicht. Man kann Jean Pauls Werke z\u00e4hlen, nicht sie sch\u00e4tzen. Die Sch\u00e4tze, die er hinterlassen, sind nicht alle gem\u00fcnztes\u00a0Gold, das man nur einzurollen braucht. Wir finden Barren von Gold und Silber, Kleinodien, nackte Edelsteine, Schaum\u00fcnzen, die der Gew\u00fcrzkr\u00e4mer als Bezahlung abweist; aufgespeicherte, ungemahlne Brotfrucht und \u00c4cker genug, worauf noch die sp\u00e4testen Enkel ernten werden. Solcher Reichtum hat manches Urteil arm gemacht. F\u00fclle hat man \u00dcberladung gescholten, Freigebigkeit als Verschwendung! Weil er so viel Gold besa\u00df als andere Zinn, hat man als Prunksucht getadelt, da\u00df er t\u00e4glich aus goldenen Gef\u00e4\u00dfen a\u00df und trank. Hat aber Jean Paul doch hierin gefehlt, wer hat seinen Irrtum verschuldet? Wenn gro\u00dfe Reicht\u00fcmer durch viele Geschlechter einer Familie herab erben, dann f\u00fchrt die Gewohnheit zur M\u00e4\u00dfigkeit des Genusses; die F\u00fclle wird geordnet; alles an schickliche Orte gestellt und um jeden Glanz der Vorhang des Geschmacks geezogen. Der Arme aber, den das Gl\u00fcck \u00fcberrascht, dem es die nackten W\u00e4nde zauberschnell mit hohen Pfeilerspiegeln bedeckt, dem der Gott des Weins pl\u00f6tzlich die leeren F\u00e4sser f\u00fcllt \u2013 der taumelt von Gemach zu Gemach, der berauscht sich im Becher der Freude, teilt unbesonnen mit vollen H\u00e4nden aus und blendet, weil er ist geblendet. Ein solcher Empork\u00f6mmling war Jean Paul; er hatte von seinem Volke nicht geerbt. Der Himmel schenkte ihm seine Gunst; das Gl\u00fcck st\u00fcrzte gutgelaunt sein F\u00fcllhorn um und \u00fcbersch\u00fcttete ihn mit Blumen und Fr\u00fcchten; die Erde gab ihm ihre verborgenen Sch\u00e4tze. Er sah und zeigte sie gerne! Doch was der Neid der Mitlebenden bel\u00e4chelt, dar\u00fcber lachen froh die Erben. Gold bleibt Gold, auch in der Erzstufe, nur von wenigen erkannt, und die Fassung der Edelsteine erh\u00f6ht ihren Preis, nicht ihren Wert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So war Jean Paul! \u2013 Fragt ihr: wo er geboren, wo er gelebt, wo seine Asche ruhe? Vom Himmel ist er gekommen, auf der Erde hat er gewohnt, unser Herz ist\u00a0sein Grab. Wollt ihr h\u00f6ren von den Tagen seiner Kindheit, von den Tr\u00e4umen seiner Jugend, von seinen m\u00e4nnlichen Jahren? Fragt den Knaben Gustav; fragt den J\u00fcngling Albano und den wackern Schoppe. Sucht ihr seine Hoffnungen? Im Kampanertale findet ihr sie. Kein Held, kein Dichter hat von seinem Leben so treue Kunde aufgezeichnet, als Jean Paul es getan. Der Geist ist entschwunden, das Wort ist geblieben! Er ist zur\u00fcckgekehrt in seine Heimat; und in welchem Himmel er auch wandere, auf welchem Sterne er auch wohne, er wird in seiner Verkl\u00e4rung seine traute Erde nicht vergessen, nicht seine lieben Menschen, die mit ihm gespielt und geweint und geliebt und geduldet wie er.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denkrede auf Jean Paul, vorgetragen im Museum zu Frankfurt, am Dezember 1825<\/p>\n<div id=\"attachment_14179\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-RichterJP1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14179\" class=\"size-full wp-image-14179\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-RichterJP1.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"288\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14179\" class=\"wp-caption-text\">Jean Paul, Gem\u00e4lde von Heinrich Pfenninger, 1798<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein Stern ist untergegangen, und das Auge dieses Jahrhunderts wird sich schlie\u00dfen, bevor er wieder erscheint; denn in weiten Bahnen zieht der leuchtende Genius, und erst sp\u00e4te Enkel hei\u00dfen freudig willkommen, von\u00a0dem trauernde V\u00e4ter einst weinend geschieden. 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