{"id":14142,"date":"2013-12-29T00:01:39","date_gmt":"2013-12-28T23:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14142"},"modified":"2022-06-11T05:52:23","modified_gmt":"2022-06-11T03:52:23","slug":"dichter-der-junglingsgefuhle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/29\/dichter-der-junglingsgefuhle\/","title":{"rendered":"Erschriebene Unendlichkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Er aber steht geduldig an der Pforte des 20. Jahrhunderts und wartet l\u00e4chelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">aus der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14172\">Denkrede<\/a> von Ludwig B\u00f6rne<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Johann Paul Friedrich Richter, als Schriftsteller Jean Paul genannt, der aus \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen kam und zum ber\u00fchmten Mann wurde, dessen Ruhm einst den von Goethe und Schiller \u00fcberschattete, der als erster das ungewisse Schicksal <em>freien<\/em> Schriftstellertums wagte, h\u00e4ufig um den Preis bitterster Armut, der von Frauen umschw\u00e4rmte <em>Dichter der J\u00fcnglingsgef\u00fchle<\/em>, der gro\u00dfe Satiriker und der unvergleichliche Gestalter der Lebensprobleme der <em>kleinen Leute<\/em>, ihres Alltags und ihrer Gef\u00fchlswelt, der von Herder und Wieland gefeiert wurde und \u00fcber B\u00f6rne und Heine bis zu George und Hesse und J\u00fcngeren immerzu bewundernde F\u00fcrsprecher fand: Jean Paul und seine Zeit macht G\u00fcnter de Bruyn in seiner kunstvollen farbigen Darstellung lebendig. Diese Jean-Paul-Biographie ist ein Kabinettst\u00fcck biographischer Erz\u00e4hlkunst und zugleich ein literarisch aufgearbeitetes St\u00fcck Geschichte. F\u00fcr de Bruyn ist Jean Paul ein unklassischer Klassiker in der <em>Zeit der schweren Not<\/em> zwischen Franz\u00f6sischer Revolution und Restauration, umschw\u00e4rmt und vielverehrt, zumal von Leserinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Man hat ihn liebevoll filettiert in hundertachtzig Aphorismen auf Tafeln des zweihundert Kilometer langen Jean-Paul-Wanderwegs, welch selbiger ganze V\u00f6lkerwanderungen aus Jean-Paul-Verehrern sinnvoll aktiviert, besch\u00e4ftigt und lecker verk\u00f6stigt, ganz im Sinne des Oberfranken Jean Paul: \u2018Hier speist der Poet.\u2019 Der Goethe-Wanderweg bei Ilmenau hingegen ist blo\u00df schlappe achtzehn Kilometer lang.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Ulrich Holbein<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jean Pauls Romane sind in jeder Hinsicht ma\u00dflos. Wer der \u00fcberbordenden Phantasie dieses Schriftstellers folgen will, muss zu allem bereit sein. Das verschroben Komische steht neben empfindsamen Gef\u00fchlserkundungen, wie sie in deutscher Sprache noch nicht zu lesen waren. Er nimmt in der deutschen Literatur eine Sonderstellung ein und hat das Lesepublikum schon immer gespalten. Bei den einen erntete er h\u00f6chste Verehrung, bei anderen Kopfsch\u00fctteln und Desinteresse. Er trieb die zerflie\u00dfende Formlosigkeit des Romans der Romantiker auf die Spitze; August Wilhelm Schlegel nannte seine Romane <em>Selbstgespr\u00e4che<\/em>, an denen er den Leser teilnehmen lasse (insofern eine \u00dcbersteigerung dessen, was Laurence Sterne im Tristram Shandy begonnen hatte). Jean Paul spielte st\u00e4ndig mit einer Vielzahl witziger und skurriler Einf\u00e4lle; seine Werke sind gepr\u00e4gt von wilder Metaphorik sowie abschweifenden, teilweise labyrinthischen Handlungen. In ihnen mischte Jean Paul Reflexionen mit poetologischen Kommentaren; neben geistreicher Ironie stehen unvermittelt bittere Satire und milder Humor, neben n\u00fcchternem Realismus finden sich verkl\u00e4rende, oft ironisch gebrochene Idyllen, auch Gesellschaftskritik und politische Stellungnahmen sind enthalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Das begreif ich nicht! Der ist ja noch \u00fcber Goethe, das ist was ganz Neues.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Karl Philipp Moritz 1792 nach der Lekt\u00fcre von Jean Pauls Roman &#8222;Die unsichtbare Loge&#8220;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einem so kaprizi\u00f6sen Autor ist es kaum verwunderlich, dass sein Verh\u00e4ltnis zu den Weimarer Klassikern Goethe und Schiller immer zwiesp\u00e4ltig war (so sagte Schiller, Jean Paul sei ihm <em>fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist<\/em>). Herder und Wieland allerdings haben ihn gesch\u00e4tzt und unterst\u00fctzt. Obwohl er immer auf Distanz zu den die Kunst verabsolutieren wollenden Klassikern blieb und obwohl in seinem theoretischen Ansatz \u2013 etwa in seiner Vorschule der \u00c4sthetik \u2013 deutliche Einfl\u00fcsse der Romantik festzustellen sind, ist er nicht zu den Romantikern zu rechnen. Er hielt auch hier kritischen Abstand; denn bei allem Subjektivismus verabsolutierte er das Ich des Autors nicht: Er besa\u00df, was zwischen klassischem Ernst und romantischer Ironie selten geworden war: Humor (mit dessen Wesen er sich auch als Erster eingehend auseinandersetzte). Sowohl die Aufkl\u00e4rung als auch die Metaphysik waren f\u00fcr ihn gescheitert, gleichwohl hatten sie ihren Platz in seinem Weltbild. So gelangte er zu einer Weltanschauung ohne Illusionen, verbunden mit humorvoller Resignation.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Wenn man fragt, warum ein Werk nicht vollendet worden, so ist es noch gut, wenn man nur nicht fragt, warum es angefangen. Welches Leben in der Welt sehen wir denn nicht unterbrochen? So tr\u00f6ste man sich damit, dass der Mensch rund herum in seiner Gegenwart nichts sieht als Knoten, &#8211; und erst hinter seinem Grabe liegen die Aufl\u00f6sungen; &#8211; und die ganze Weltgeschichte ist ihm ein unvollendeter Roman.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Jean Paul ist das fertige Werk eher uninteressant. Ihm geht es um das dauernde Schreiben, um das dauernde Weiterschreiben. Er scheint mit diesem <em>Work in Progress<\/em> verzweifelt und heiter zugleich gegen den Tod anzuschreiben. Wenn etwas nicht abgeschlossen ist, ist auch das Leben nicht zu Ende.\u00a0Jean Paul bem\u00fchte sich zeitlebens um Originalit\u00e4t in seinen Werken. das ging bis in die Orthografie. Am\u00fcsant sind Bruyns Ausf\u00fchrungen zu Jean Paul und dem darin radikaleren Christian Hinrich Wolke. Das Zwischen-S bei zusammengesetzten deutschen W\u00f6rtern erfolgt v\u00f6llig regellos. Beispiele sind: <em>Nachttraum<\/em>, aber <em>Sommernachtstraum<\/em>; <em>Kaiserkrone<\/em>, aber <em>K\u00f6nigskrone<\/em> (S. 343). Jean Paul und Wolke, wollten dies verbessern. Es ist ihnen nicht gelungen. \u00d6sterreicher sagen <em>Antwortszeiten<\/em>, wir aber <em>Antwortzeiten<\/em>. Jean Paul hat sich eine richtige Schreibwerkstatt, eine Textwerkstatt eingerichtet. Mit dem Exzerpieren von theologischen, philosophischen und anderen Werken beginnt er schon als 15-J\u00e4hriger. Die Exzerpte sind bis zum Ende seines Lebens auf \u00fcber 12.000 Seiten angewachsen \u2013 Die Universit\u00e4t W\u00fcrzburg hat dieses <a href=\"http:\/\/www.jp-exzerpte.uni-wuerzburg.de\/\">Konvolut transkribiert und ins Internet gestellt<\/a>. Jean Paul war einer der wenigen humorbeseelten Autoren der deutschen Literatur, der der Humor nicht in die Wiege gelegt worden ist, ein gottgl\u00e4ubiger Aufkl\u00e4rer, ein Weltb\u00fcrger in Bayreuth.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade als gro\u00dfer Unzeitgem\u00e4\u00dfer ist Jean Paul heute wieder zu entdecken: Ein h\u00f6chst eigensinniger W\u00f6rtersammler, besessen von der Idee, sein Leben in Schrift zu verwandeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_14165\" style=\"width: 205px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14165\" class=\"wp-image-14165 size-medium\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover3-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover3-195x300.jpg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover3.jpg 521w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14165\" class=\"wp-caption-text\">G\u00fcnter de Bruyns gro\u00dfe Jean-Paul-Biographie in einer \u00fcberarbeiteten Neufassung.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">G\u00fcnter de Bruyn, <strong>Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter<\/strong>. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, 352 Seiten, 21,99 Euro<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jean Paul, <strong>Erschriebene Unendlichkeit. Briefe<\/strong>. Hanser Verlag, M\u00fcnchen 2013, 783 Seiten, 34,90 Euro<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jean Paul, <strong>Ideengewimmel. Texte und Aufzeichnungen aus dem unver\u00f6ffentlichten Nachlass<\/strong>. Andere Bibliothek, Berlin 2013, 301 Seiten, 19 Euro<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jean Paul, <strong>Das gro\u00dfe Lesebuch<\/strong>. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, 463 Seiten, 12,99 Euro<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jean Paul, <strong>Leben des vergn\u00fcgten Schulmeisterlein Maria Witz<\/strong>. C. H. Beck, M\u00fcnchen 2012, 90 Seiten, 12,95 Euro<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Petra Kabus, Bernhard Echte (Hrsg.), <strong>Das Wort und die Freiheit. Jean-Paul-Bildbiografie<\/strong>. Nimbus Verlag, W\u00e4denswil 2013, 420 Seiten, 39 Euro<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieter Richter, <strong>Jean Paul. Eine Reise-Biographie<\/strong>. Transit Verlag, Berlin 2012, 144 Seiten, 16,80 Euro<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beatrix Langner, <strong>Jean Paul. Meister der zweiten Welt. Eine Biographie<\/strong>. C. H. Beck, M\u00fcnchen 2013, 608 Seiten, 27,95 Euro<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christian Thanh\u00e4user und Bernhard Setzwein, <strong>Jean Paul von Adam bis Zucker. Ein Abecedarium<\/strong>. Haymon Verlag, Innsbruck 2013, 255 Seiten, 19,90 Euro<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Helmut Pfotenhauer, <strong>Jean Paul. Das Leben als Schreiben<\/strong>. Hanser Verlag, M\u00fcnchen 2013, 511 Seiten, 27,90 Euro<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Michael Zaremba, <strong>Jean Paul. Dichter und Philosoph. Eine Biografie<\/strong>. B\u00f6hlau Verlag, K\u00f6ln 2012, 335 Seiten, 24,90 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er aber steht geduldig an der Pforte des 20. 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