{"id":14131,"date":"2013-03-27T00:01:59","date_gmt":"2013-03-26T23:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14131"},"modified":"2022-06-13T08:55:57","modified_gmt":"2022-06-13T06:55:57","slug":"aufmunternde-nachrichten-von-beschadigten-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/03\/27\/aufmunternde-nachrichten-von-beschadigten-leben\/","title":{"rendered":"Aufmunternde Nachrichten von besch\u00e4digten Leben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover7.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-14135\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover7-230x300.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover7-230x300.jpg 230w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover7.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/a>In dem Satz, dass die Welt aus den Fugen sei, steckt zumindest die Behauptung, dass die Welt einmal gef\u00fcgt war. Aber das war sie nie, von Anfang an zeigt sie sich als Gegen\u00fcber, mit dem man irgendwie verbunden ist. Man ist sein Teil und ist es nicht. Und die Frage der Orientierungslosigkeit, ist eine Frage der ordnungsgebenden Instanz, die wir fraglos selber sind, in deren Funktion wir noch immer versagten, \u201edrau\u00dfen im Leben\u201c. Wir versagten immer, h\u00e4tten wir nicht die Kunst, um diesen Zustand zu betrauern und in der Trauerarbeit eine Form zu entwickeln, die aufgeht, einen Abguss der Welt, der funktioniert, und der deshalb nie realistisch sein kann. Einen solchen furiosen Weltentwurf legt Swantje Lichtenstein mit Horae vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sechs Kapitel, jedes einem Widerstand gewidmet, er\u00f6ffnet von einem Gedicht, das aus sechs Zweizeilern besteht, denen sich zw\u00f6lf Gedichte anschlie\u00dfen, die mit einem Vers aus den Zweizeilern er\u00f6ffnen und jeweils zw\u00f6lf Verse aufweisen, die in vier Strophen gegliedert sind. Eine fast Sch\u00f6nbergsche Ordnung, denn wie in der Zw\u00f6lftonmusik kehrt alles was aufgerufen ist, irgendwann wieder, nichts wird preisgegeben, eine Ordnung der Beschw\u00f6rung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Vorsatz und ein Nachsatz, der die Behauptung aufstellt, dass man auch von hinten beginnen k\u00f6nne. Gewisserma\u00dfen ist die textliche Anordnung eine Form der Harmonie, die durch ihre Kugeligkeit eine gewisse Hermetik ant\u00e4uscht. Die Sprache aber ist furios und man kann in jedem Moment einsetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist es gut, wenn man sich zun\u00e4chst den Illustrationen von Lisa Wilkens widmet. Wobei das Wort Illustration den Kern der Sache verkennt. Man muss eigentlich sagen, dass dem Lichtensteinschen Gedichtgebilde ein herrlicher Zyklus Wilkenscher Radierungen beigegeben ist. Der Verlag begr\u00fcndet das mit dem sich \u00c4hneln der Arbeitsweisen und Techniken, immer wieder werde die Oberfl\u00e4che der Gebilde aufgeraut, angekratzt, gewisserma\u00dfen zerst\u00f6rt, um letztlich zum Kern der Arbeit zu kommen, der ja auch wieder Oberfl\u00e4che ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn nur auf Oberfl\u00e4chen herrscht Kunst. Es handelt sich also um sechs Radierungen, die das Werk einerseits erg\u00e4nzen, die es mir aber auch er\u00f6ffnet haben, denn wie ein Kind habe ich zuerst die Bilder angeschaut, und eines zeigt einen Hirsch, aufgeh\u00e4ngt wahrscheinlich nach seiner T\u00f6tung. Besonders lange blieb ich an diesem Bild h\u00e4ngen, an der Darstellung eines vergangenen Lebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Horae ist die griechische G\u00f6ttin der Natur und der Jahreszeiten, die im Verlaufe eines Jahres altert und verj\u00fcngt im Fr\u00fchling erneut die B\u00fchne betritt. Im Vergehen bildet sie zugleich den Widerstand gegen das Verg\u00e4ngnis, und so geht auch der Gedichtband vor. Indem er eine Ordnung schafft, bildet er Widerstand gegen Ordnung. Vielleicht w\u00e4re das der Weg in eine herrschaftsfreie Gesellschaft, in Freiheit, die als Traum fortexistiert, die in der Kunde von Unfreiheit und Verletzung angemahnt wird. Denn im Halten an die Form, was im strengen Sinne ja einer Unterwerfung gleichkommt, gelingen Lichtenstein sprachliche Konstrukte, die man nur als frei beschreiben kann. Unbedingt lesen, bitte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<strong><em>***<\/em><\/strong><\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Horae\/\/Gedichte\/\/Quartheft 33\/ <\/strong>von Swantje Lichtenstein \/Edition Belletristik\/\/116 Verlagshaus J. Frank\/\/Berlin 2012<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99694\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/hungertuch-1-e1645591562285.jpg\" alt=\"\" width=\"231\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>Das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/03\/08\/das-hungertuch-fur-literatur-2013-an-swantje-lichtenstein\/\">Hungertuch f\u00fcr Literatur 2013<\/a> geht an Swantje Lichtenstein<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/06\/recap-hungertuchpreis\/\">Recap<\/a> des Hungertuchpreises. Eine Liste der bisherigen Preistr\u00e4ger finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?page_id=368\">hier<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title\"><\/h1>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem Satz, dass die Welt aus den Fugen sei, steckt zumindest die Behauptung, dass die Welt einmal gef\u00fcgt war. Aber das war sie nie, von Anfang an zeigt sie sich als Gegen\u00fcber, mit dem man irgendwie verbunden ist. 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