{"id":14117,"date":"2013-05-10T00:01:38","date_gmt":"2013-05-09T22:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14117"},"modified":"2021-07-22T13:13:27","modified_gmt":"2021-07-22T11:13:27","slug":"obermundigen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/05\/10\/obermundigen\/","title":{"rendered":"Am Rande von Obermundigen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anschaulich, r\u00e4tselhaft, hinterlistig und umtriebig sind die meisten der 43 Erz\u00e4hlungen, die in diesem Band aus Anlass des 70. Geburtstags des renommierten Schweizer Autors vereint sind. Geb\u00fcndelt in sechs gro\u00dfen Abschnitten, die ebenso eigenartige \u00dcberschriften tragen wie die Erz\u00e4hlungen selbst, wird der Leser gleich zu Beginn mit einer beinahe absurden Situation konfrontiert. In der Auftakterz\u00e4hlung <em>Der Rand von Obermundigen<\/em> klingelt das Telefon am Rande von Obermundigen und ein Mann, der neben dem Telefon sitzt, teilt einem mit: \u201eDas ist der Rand von Obermundigen\u201c, widerspricht jeder andersartigen Behauptung der Teilnehmer und h\u00e4ngt auf. Doch diesen Mann, so der Erz\u00e4hler, kenne niemand, um seine Leser im n\u00e4chsten Augenblick wieder zu beunruhigen, indem er sein hypothetisches Spielchen weiter treibt. Ist das nicht albern? Im Gegenteil, der Erz\u00e4hler hat Recht! Die Meldungen, dass sich dieser Mann mit seiner Stimme in Rundfunk- und Fernsehprogramme einschalte, ja sogar in Zeitungen mit der Nachricht \u201cDas ist der Rand von Obermundigen\u201c die \u00d6ffentlichkeit \u00fcberrasche, h\u00e4ufen sich. Und die Vertreter von Politik, Wirtschaft und Kultur? Sie beginnen ihre Reden mit diesem Satz, um der Meldung zuvorzukommen, dass \u2026 Und welchen Ausweg schl\u00e4gt der Erz\u00e4hler vor? \u201eDieser Satz muss zum Schweigen gebracht werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch im weiteren Umkreis von Obermundigen bewegen sich, angeregt durch die dichten Assoziationsfelder des Erz\u00e4hlers, noch andere Figuren. Wie zum Beispiel der Mann, der gerne ein Kauz sein m\u00f6chte und \u2026 es tats\u00e4chlich ist. Seine Wohnung ist mit allerlei skurrilen Gebrauchsgegenst\u00e4nden und Abbildungen mit komischen Motiven best\u00fcckt. Und manche \u00dcberraschung wartet auf einen Gast, wie z.B. ein Skelett, das \u2026 Doch bleiben Sie nicht zu lange in der Wohnung des Kauzes, warnt der Erz\u00e4hler, denn er k\u00f6nnte sich schnell in ein anderes Wesen verwandeln. Und dann, Gnade Gott! Und weil von Gott die Rede ist: Das Haustier, das der einsame Erz\u00e4hler in einer Tierhandlung erwirbt, das von au\u00dfen wie ein seltsamer Affe aussieht, entpuppt sich nach einer l\u00e4ngeren Betrachtung des pelzigen Wesens und dessen Weigerung, irgend etwas zu essen als \u2026 ein kleiner Teufel mit seltsamen Eigenschaften. Er hat eine Figur, die zum Aufrechtgehen gemacht ist, die sich nicht wie ein Hund hinlegt, nicht richtig sitzen kann. Sein Besitzer baut ihm deshalb einen kleinen Stuhl, was dem Teufel nicht gef\u00e4llt. Deshalb erh\u00e4lt er eine H\u00e4ngematte, auf der er ganze Tage mit gro\u00dfer Begeisterung schaukelt. Seltsam, dass er zun\u00e4chst nur trinkt und als er essen m\u00f6chte, beginnt das t\u00e4gliche Ungemach. Er ist au\u00dferordentlich w\u00e4hlerisch, isst nur das beste Fleisch, und wenn ihm der geduldige Haustierbesitzer nur billige Kutteln vorsetzt, faucht er. Doch was dann passiert, ist ekelhaft: Er f\u00e4ngt an, kleine Haufen zu schei\u00dfen, die noch dazu fl\u00fcssig sind. Mehr noch: der kleine Teufel erweist sich als allergisch gegen\u00fcber allen religi\u00f6sen Bildmotiven und dem Gel\u00e4ut der hausnahen Kirche. Die Komplikationen und die Geruchsbel\u00e4stigungen h\u00e4ufen sich, doch nach Pr\u00fcfung aller Alternativen kommt der Besitzer des eigenwilligen Teufels zu einem auch f\u00fcr den Leser beruhigenden Ergebnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der Geisterfahrer? Zun\u00e4chst beginnt alles wieder sehr harmlos. Wie behaglich eine Autofahrt zu zweit des Nachts sei. Man m\u00fcsse sich nicht in die Augen sehen, k\u00f6nne sich spannende Geschichten erz\u00e4hlen, wie zum Beispiel von der schwarzen Frau, die in der ganzen Alpengegend bekannt ist. In ihren schwarzen Kleidern steht sie an der Kurve einer Bergstra\u00dfe, hebt die Hand. Und dann passiert etwas Mysteri\u00f6ses. Wer sie mitnimmt, der stellt nach einer Weile fest, dass sie sich aufgel\u00f6st hat. Und wer an ihr vorbeif\u00e4hrt, der bemerkt mit Schrecken, dass sie hinten im Fond seines Wagens sitzt. Viel schlimmer aber sei die wei\u00dfe Frau, die begleitet von vielen M\u00e4nnern in seltsamer, altert\u00fcmlicher Kleidung die Autofahrer erschrickt. Besonders die h\u00e4ufigen Karambolagen auf der Autobahn bei Kestenholz h\u00e4tten dazu gef\u00fchrt, dass &#8230; doch die Schweizer Polizei ist vorsichtig bei ihren Aussagen \u00fcber die Ursachen der schrecklichen Unf\u00e4lle. Selbst wenn es nicht wahr sein sollte, sei es doch wirklich, sagt der n\u00fcchterne Erz\u00e4hler. Auf jeden Fall h\u00e4tten diese Unf\u00e4lle nach der Konsultation von Sagenforschern und Ethnologen dazu gef\u00fchrt, dass die \u00dcberholspur bei Kestenholz gesperrt wurde. Seitdem w\u00e4re auch die wei\u00dfe Frau samt ihren Begleitern nicht mehr zu sehen gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Franz Hohler auf der Klaviatur der unterschiedlichsten Erz\u00e4hlmodelle spielen kann, verdeutlicht der kleine Zyklus \u201eDas verspeiste Buch\u201c. In sieben Kapiteln wird eine seltsame Geschichte \u00fcber den Urgro\u00dfvater des Erz\u00e4hlers gen\u00fcsslich ausgebreitet. Der habe in einem Baseler Restaurant auf eine Wette hin ein Buch verspeist, danach \u00dcbelkeit vorget\u00e4uscht und sich vom Acker gemacht. Beim Lesen solcher Geschichten werde man, wie Roger Willemsen in seinem pointierten Nachwort betont \u201evon einer Suggestion erfasst, die sich dauernd verdichtet, und sollte man selbst den Grundeinfall durchschaut haben, wird man durch die Hakenschl\u00e4ge des Autors doch immer wieder der Banalit\u00e4t der eigenen Vorwegnahmen \u00fcberf\u00fchrt.\u201c (S. 567) \u00dcberf\u00fchrt wird aber nicht nur der Leser dieser Geschichten, wenn er glaubt, er w\u00fcsste doch einen Ausweg aus manchen Labyrinthen. Auch der Erz\u00e4hler selbst irrt durch seine Tr\u00e4ume und sucht \u2013 unter Lebensgefahr \u2013 nach einem Ausgang, wie in <em>Der t\u00fcrkische Traum<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine wundersame und zugleich von Schrecken erf\u00fcllte Geschichte von t\u00fcrkischen Terroristen, mit denen der Erz\u00e4hler handgreiflich in Ber\u00fchrung ger\u00e4t. Autobiografisch ausgeschm\u00fcckte Erinnerungen mischen sich mit Traumfetzen, pseudo-reale Ereignisstr\u00e4nge f\u00fchren mitten in Mordgelage \u2026 am Ende ist nicht nur der Leser froh, mit dem Leben davon gekommen zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den zwischen 1972 und 2011 in unterschiedlichen Sammelb\u00e4nden, Zeitschriften und Tageszeitungen ver\u00f6ffentlichten Texten \u00fcberwiegen narrative Verfahren, in denen das Phantastische in den normierten Alltag so unmerklich einbricht, dass der Erz\u00e4hler, ausger\u00fcstet mit allen F\u00e4higkeiten, die Wirklichkeit zu transzendieren, sich dem Strom der Ereignisse hingibt und dennoch seine Figuren lenkt. Denn eines ist festzuhalten: das Gesp\u00fcr f\u00fcr die Defizite im modernen, hoch technisierten Leben seiner Eidgenossen ist der hohen erz\u00e4hlerischen Begabung von Franz Hohler gleichsam im Schlaf gegeben. Und aus ihm wird der Leser immer wieder herausgerissen. Tr\u00e4umend ist er aufgeschreckt, heilfroh dar\u00fcber, dass er nicht in den Irrungen und Wirrungen der Geisterfahrer verschwunden ist. Wer seine LeserInnen so auf der Achterbahn der phantastischen Realit\u00e4t immer wieder schwindlig erz\u00e4hlen kann, der geh\u00f6rt in die Championsliga der europ\u00e4ischen Literatur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Cover2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-14119\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Cover2.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"312\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Cover2.jpg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Cover2-187x300.jpg 187w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a>Der Geisterfahrer.<\/strong> Die Erz\u00e4hlungen von Franz Hohler. Mit einem Nachwort von Roger Willemsen. M\u00fcnchen (Luchterhand) 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Anschaulich, r\u00e4tselhaft, hinterlistig und umtriebig sind die meisten der 43 Erz\u00e4hlungen, die in diesem Band aus Anlass des 70. Geburtstags des renommierten Schweizer Autors vereint sind. 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