{"id":14112,"date":"2013-05-14T00:01:58","date_gmt":"2013-05-13T22:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14112"},"modified":"2021-07-22T10:22:15","modified_gmt":"2021-07-22T08:22:15","slug":"zwischen-exklusiver-liebe-und-funfhundert-besten-freunden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/05\/14\/zwischen-exklusiver-liebe-und-funfhundert-besten-freunden\/","title":{"rendered":"Zwischen exklusiver Liebe und f\u00fcnfhundert besten Freunden"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen der \u201eexklusiven Liebe\u201c aus dem Jahr 2009 (Luchterhand) und den \u201ef\u00fcnfhundert besten Freunden\u201c aus dem Jahr 2013 zeichnen sich keinerlei verbindende Erz\u00e4hlweisen im Werk von Joanna Adorj\u00e1n ab. Die hingebensvolle Beschreibung ihrer Gro\u00dfeltern, die sich im Jahre 1991 in Budapest gemeinsam das Leben nahmen, ist in den j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichten Geschichten \u00fcber eine staatliche Zahl von Freunden einer lakonisch-distanzierten und oft auch boshaft-zugespitzten Darstellung im gro\u00dfst\u00e4dtischen B\u00fcro- und Liebesdschungel gewichen. Der Begriff \u201aDarstellung\u2019 erweist sich insofern als zutreffend, als die aus der Perspektive der Erz\u00e4hlerin beobachteten \u201ef\u00fcnfhundert Freunde\u201c stets bem\u00fcht sind, irgendeine Rolle zu spielen, um sich im postkapitalistischen Erwerbsbetrieb gegen\u00fcber der \u00fcberall lauernden Konkurrenz zu behaupten. Die Grundmuster wiederholen sich: Da ist es die \u201egute\u201c Freundin, die einer Mitbewerberin die falschen Ratschl\u00e4ge erteilt, damit sie selbst beim attraktiven B\u00fcrovorsteher ankommt und die Konkurrentin ausschaltet; da ist es die Eitelkeit, die den sicheren Anw\u00e4rter auf einen \u00a0Journalisten-Preis blind vor Eigenlob werden l\u00e4sst, und da ist es die st\u00e4ndige Sucht nach dem perfekte Outfit, um die Konkurrenten bei irgendwelchen Gunstzuweisungen auszustechen. Die Kontraste zwischen der geheuchelten Freundlichkeit auf den Gesichtern und den abwehrenden Gef\u00fchlen in den Innenwelten der Gestalten verst\u00e4rken sich und schw\u00e4chen sich wieder ab, sobald die K\u00f6rper kurzweilig zueinander finden. Doch es bleiben die un\u00fcberbr\u00fcckbaren Widerspr\u00fcche, wenn es um die Durchsetzung der eigenen Ambitionen geht. Die Liste der Zeitgenossinnen, die ihre malizi\u00f6sen wie auch liebensw\u00fcrdigen Eigenschaften entwickeln, ist lang. Sie beginnt mit der kleinen Eva, die \u201eM\u00e4ntel mit echten Pelzkragen trug, die sie auszustellen pflegte, als st\u00fcnde sie an einem zugigen Bahnsteig in Moskau und der Zar w\u00e4re eben tot.\u201c Mit ihr trifft sich die Erz\u00e4hlerin sehr oft im mond\u00e4nen und s\u00fcndhaft-teuren Restaurant <em>Borchardt<\/em> an der Franz\u00f6sischen Stra\u00dfe, um Klatschgeschichten auszutauschen, ab und zu einem angeblich ber\u00fchmten und ebenso eitlen Filmregisseur kokette Blicke zuzuwerfen oder sich an dem gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen L\u00e4cheln der Kellner zu erfreuen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine deftige erotisch-sexuelle Variante in den oft kurzlebigen Verh\u00e4ltnissen zwischen den Geschlechtern verk\u00f6rpert Jelena, die \u201eim Bett\u00a0 \u2026 auf die Genfer Menschenrechtskonvention\u201c pfeift, und mit ihrem Lover Christoph etliche hei\u00dfe Nummern abzieht. Solange bis Steffi, die Lebensabschnittsbegleiterin von Christoph, ihre Nebenbuhlerin in flagranti erwischt, und \u2026 mit Jelena ein inniges Verh\u00e4ltnis eingeht, bei dem Christoph Augenzeuge sein darf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Filmstar Anna, die im Edel-Hotel <em>Adlon<\/em> ein ganzt\u00e4giges Interview mit einem Fach-Journalisten wahrnehmen muss, gestaltet sich der Alltag weitaus n\u00fcchterner. Sie spielt im Reigen der geltungss\u00fcchtigen Gro\u00dfstadtbewohner notgedrungen eine ganz andere Rolle. Als st\u00e4ndig gestresste Mutter einer Tochter im schwierigen Alter von zwei Jahren und als Ehegattin eines ambitionierten Gesch\u00e4ftsmanns ist sie auch an diesem Tag \u00fcberfordert. Die Babysitterin sagt kurzfristig ab, ihre gute Freundin ist verhindert und auch ihre eine Mutter, die mal wieder einen dringenden Friseur-Termin hat, kann nicht. Was dann vor und w\u00e4hrend des Interviews abspielt, gleicht einer Filmszene, in der die Hauptdarstellerin, unter Menstruationsschmerzen leidend, ab und zu das Interview unterbrechen muss, weil Lucy im Nebenzimmer nach ihr schreit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erz\u00e4hlerin, die dann und wann die Lust \u00fcberkommt, ber\u00fchmt zu werden, h\u00e4tte durchaus auch die Chance, f\u00fcr wenige Momente ins Rampenlicht der Ber\u00fchmtheit zu treten. Schlie\u00dflich kennt sie die Klatschreporterin Delia Naters, die mit einem Filmregisseur befreundet ist. Auf Zureden von Delia macht der w\u00e4hrend eines Filmfestivals ein paar Probeaufnahmen. Das Filmteam ist begeistert. Ihre Begabung sei einfach gro\u00dfartig. Auch ihr Dialogpartner, der Jahrhundertschauspieler A., lobt sie wegen ihres gro\u00dfen Talents. Ihr Einstieg in die Filmszene sei absehbar. Doch die Ern\u00fcchterung kommt am n\u00e4chsten Tag. Noch nicht einmal in der Zeitung stand etwas dar\u00fcber. Schuld daran, so die Erz\u00e4hlerin, sei sicherlich die \u00fcble Klatschreporterin Naters gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den dreizehn Erz\u00e4hlungen entwickeln sich die Plots aus der Perspektive einer Erz\u00e4hlerin, die langj\u00e4hrige Erfahrungen als Journalistin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gesammelt hat. Ihr beruflicher Umgang mit den kleinen und gro\u00dfen Ber\u00fchmtheiten der unterschiedlichen Kulturszenen zeichnet sich in stilistischen Verfahren ab, die zwischen verknappten Dialogszenen, ironisch gef\u00e4rbten Augenblicksreflexionen, abgebrochenen innigen Monologen und oft auch holzschnittartig montierten Beobachtungen variieren. In der Summe entsteht daraus ein ambitioniertes Feuilleton, das die conditio humana schlaglichtartig beleuchtet, die L\u00e4cherlichkeit und die Eitelkeit der Akteure erfasst und sie sogleich wieder in die Bedeutungslosigkeit versenkt. <em>Depression-Feuilleton<\/em> hei\u00dft eine ihrer Erz\u00e4hlungen. In ihr taucht eine legend\u00e4re Gestalt auf, die als gescheiterter Filmregisseur immer wieder im Blickwinkel der Erz\u00e4hlerin auftaucht und verschwindet, so wie die meisten anderen \u201ef\u00fcnfhundert\u201c Protagonisten. Der postkapitalistische Verwertungsprozess braucht eben st\u00e4ndig neues, journalistisch aufbereitetes Futter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Adorja\u0301n_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-89259\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Adorja\u0301n_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"351\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Adorja\u0301n_Cover.jpg 220w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Adorja\u0301n_Cover-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Adorja\u0301n_Cover-160x255.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a>Meine f\u00fcnfhundert besten Freunde. <\/strong>Stories von Joanna Adorj\u00e1n. 256 S. Leinen. Gebunden mit Leseb\u00e4ndchen. M\u00fcnchen (Luchterhand).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zwischen der \u201eexklusiven Liebe\u201c aus dem Jahr 2009 (Luchterhand) und den \u201ef\u00fcnfhundert besten Freunden\u201c aus dem Jahr 2013 zeichnen sich keinerlei verbindende Erz\u00e4hlweisen im Werk von Joanna Adorj\u00e1n ab. 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