{"id":14107,"date":"2013-10-03T09:00:29","date_gmt":"2013-10-03T07:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14107"},"modified":"2021-07-22T11:38:58","modified_gmt":"2021-07-22T09:38:58","slug":"uber-die-stille-wut-der-wendegeneration","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/03\/uber-die-stille-wut-der-wendegeneration\/","title":{"rendered":"\u00dcber die stille Wut der Wendegeneration"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer in Eisenh\u00fcttenstadt an der Oder in der DDR aufgewachsen ist und den politischen Umbruch noch w\u00e4hrend der Schulzeit erlebt hat, der ist doppelt und dreifach gebeutelt geworden. F\u00fcr Sabine Rennefanz, die \u201ezu einer Generation geh\u00f6rt, die w\u00e4hrend der Pubert\u00e4t zwischen zwei L\u00e4ndern hing\u201c, Grund genug, um mit einem Vergleich nach den Auswirkungen einer verpfuschten Jugend zu fragen. Warum ist Uwe Mundlos, Unterst\u00fctzer der rechtsradikalen Szene, kriminell geworden? Warum bin ich Mitglied einer radikalen christlichen Sekte geworden und habe mich dennoch von ihr befreit? Sind wir Kinder mit einer ostdeutschen Sozialisation, in einer sozialistischen Diktatur aufgewachsen, besonders anf\u00e4llig f\u00fcr extreme ideologische Lebensmodelle? Warum werden wir, unter schwierigen Bedingungen in eine Bundesrepublik Deutschland hineingewachsen, von den Wessis als besonders empf\u00e4nglich f\u00fcr rechtsradikale Tendenzen abgestempelt? Findet hier nicht ein Verdr\u00e4ngungsprozess statt, der den meist angeblich noch nicht in der Demokratie angekommenen ehemaligen DDR-B\u00fcrgern eigene Fehlleistungen in die Schuhe schieben m\u00f6chte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autorin, nach dem Studium der Politikwissenschaften seit dem Ende der 1990er Jahre als freie Journalistin\u00a0 t\u00e4tig, ist mit ihrer autobiografisch angereicherten \u201eGeschichte einer Jugend zwischen Lenin und Jesus\u201c, so der Klappentext, auf der Suche nach den Ursachen einer posttraumatischen Fehlentwicklung einer Generation. Ihre R\u00fcckkehr nach Eisenh\u00fcttenstadt aus der Distanz einer gereiften Pers\u00f6nlichkeit ist gekoppelt mit den Erinnerungen an ihre Kindheits- und Jugenderlebnisse in der Kaderschmiede einer erweiterten Oberschule. Diese doppelte perspektivische Ausrichtung und die kritische Bewertung dieser Erziehung geh\u00f6ren zu den interessanten Passagen in einem Initiationsbericht, in dem die stille Wut der \u201everlorenen\u201c Generation in n\u00fcchterne Bekenntnisse umschl\u00e4gt. Sie beschreibt anschaulich ihre Lehrer und Erzieher, die auch w\u00e4hrend der politischen Umbruchsphase nur selten ihre Fehler und ihre mangelnde Kritikf\u00e4higkeit gegen\u00fcber dem Staat eingestehen; sie dringt in die Welt der Rattenf\u00e4nger ein, die sich des mangelhaften Selbstbewusstseins junger Erwachsenen bedienen, um f\u00fcr ihre abstruse Missionst\u00e4tigkeit im Baltikum und in Russland mit willigen, unerfahrenen Helfershelfern ihre Gottessuche zu kaschieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei unterschiedliche Lebenswege? fragt sich der Leser, w\u00e4hrend Sabine Rennefanz sich ihrerseits verwundert fragt, warum sie in der Bundesrepublik angekommen ist, andere aber nicht. Sie hat sich aufgrund ihrer Beharrlichkeit durch die Wirren einer postkapitalistischen Gesellschaft gek\u00e4mpft, doch warum sind Uwe Mundlos und hunderte anderer Jugendlicher auf kriminelle Abwege geraten? Ist deren Wut nicht auch aufgrund aussichtsloser Perspektiven in einer Gesellschaft entstanden, in der der homo oeconomicus zum Leitbild einer raffgierigen Gesellschaft geworden ist? In welcher Weise werden sich die \u201eEisenkinder\u201c in der bundesrepublikanischen Gesellschaft durchsetzen? Die Fragen bleiben bislang unbeantwortet. Die anschauliche Beschreibung aber, die Rennefanz mit ihrem lebendigen Bericht \u00fcber ihre Sozialisation im fernen Osten der DDR liefert, bildet eine Quelle f\u00fcr k\u00fcnftige soziologische und politologische Studien. Nicht umsonst hat die Verfasserin der \u201eEisenkinder\u201c f\u00fcr ihren Essay \u201eUwe Mundlos und Ich\u201c im Jahre 2012 den deutschen Reporterpreis erhalten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Cover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-14110\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Cover3.jpg\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"183\" \/><\/a>Eisenkinder. Die stille Wut der Wendegeneration <\/strong>von Sabine Rennefanz M\u00fcnchen (Luchterhand) 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Zur historischen Abfolge, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25344\">Einf\u00fchrung<\/a>.\u00a0Eine Rezension von Jo Wei\u00df findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24394\">hier<\/a>. Einen Essay von Regine M\u00fcller lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\">hier<\/a>. Beim <em>vordenker<\/em> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/09\/lebensabschnittsgefaehrten\/\">entdeckt<\/a> Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/26\/parallelfuehrung-der-liebesverhaeltnisse\/\">Fixpoetry<\/a> arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu <em>Jahrestage<\/em> von Uwe Johnson wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24922\">hier<\/a> gezogen. Die Dualit\u00e4t des Erscheinens mit Lutz Seilers \u201cKruso\u201d wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26315\">hier<\/a> thematisiert. In der Neuen Rheinischen Zeitung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/13\/liebe-sinnlich-ideologisch\/\">w\u00fcrdigt<\/a> Karl Feldkamp wie A.J. Weigoni in seinem ersten Roman den Leser zu Hochgenuss verf\u00fchrt.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer in Eisenh\u00fcttenstadt an der Oder in der DDR aufgewachsen ist und den politischen Umbruch noch w\u00e4hrend der Schulzeit erlebt hat, der ist doppelt und dreifach gebeutelt geworden. 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