{"id":14017,"date":"2009-03-25T00:01:00","date_gmt":"2009-03-24T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14017"},"modified":"2022-02-24T11:19:18","modified_gmt":"2022-02-24T10:19:18","slug":"bluthenstaub","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/03\/25\/bluthenstaub\/","title":{"rendered":"Bl\u00fcthenstaub"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. Wir suchen \u00fcberall das Unbedingte, und finden immer nur Dinge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. Die Bezeichnung durch T\u00f6ne und Striche ist eine bewundernsw\u00fcrdige Abstrakzion. Vier Buchstaben bezeichnen mir Gott; einige Striche eine Million Dinge. Wie leicht wird hier die Handhabung des Universums, wie anschaulich die Konzentrizit\u00e4t der Geisterwelt! Die Sprachlehre ist die Dynamik des Geisterreichs. Ein Kommandowort bewegt Armeen; das Wort Freyheit Nazionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. Der Weltstaat ist der K\u00f6rper, den die sch\u00f6ne Welt, die gesellige Welt, beseelt. Er ist ihr nothwendiges Organ.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4. Lehrjahre sind f\u00fcr den poetischen, akademische Jahre f\u00fcr den philosophischen J\u00fcnger. Akademie sollte ein durchaus philosophisches Institut seyn: nur Eine Facult\u00e4t; die ganze Einrichtung zur Erregung und zweckm\u00e4\u00dfigen \u00dcbung der Denkkraft organisirt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5. Lehrjahre im vorz\u00fcglichen Sinn sind die Lehrjahre der Kunst zu leben. Durch planm\u00e4\u00dfig geordnete Versuche lernt man ihre Grunds\u00e4tze kennen und erh\u00e4lt die Fertigkeit nach ihnen beliebig zu verfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6. Ganz begreifen werden wir uns nie, aber wir werden und k\u00f6nnen uns weit mehr, als begreifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">7. Gewisse Hemmungen gleichen den Griffen eines Fl\u00f6tenspielers, der um verschiedene T\u00f6ne hervorzubringen, bald diese bald jene \u00d6ffnung zuh\u00e4lt, und willk\u00fchrliche Verkettungen stummer und t\u00f6nender \u00d6ffnungen zu machen scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">8. Der Unterschied zwischen Wahn und Wahrheit liegt in der Differenz ihrer Lebensfunkzionen. Der Wahn lebt von der Wahrheit; die Wahrheit lebt ihr Leben in sich. Man vernichtet den Wahn, wie man Krankheiten vernichtet, und der Wahn ist also nichts, als logische Entz\u00fcndung oder Verl\u00f6schung, Schw\u00e4rmerey und Philisterey. Jene hinterl\u00e4\u00dft gew\u00f6hnlich einen scheinbaren Mangel an Denkkraft, der durch nichts zu heben ist, als eine abnehmende Reihe von Inzitamenten, Zwangsmitteln. Diese geht oft in eine tr\u00fcgliche Lebhaftigkeit \u00fcber, deren gef\u00e4hrliche Revoluzionssymptome nur durch eine zunehmende Reihe gewaltsamer Mittel vertrieben werden k\u00f6nnen. Beyde Disposizionen k\u00f6nnen nur durch chronische, streng befolgte Kuren ver\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">9. Unser s\u00e4mtliches Wahrnehmungsverm\u00f6gen gleicht dem Auge. Die Objekte m\u00fc\u00dfen durch entgegengesetzte Media durch, um richtig auf der Pupille zu erscheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">10. Die Erfahrung ist die Probe des Razionalen, und so umgekehrt. Die Unzul\u00e4nglichkeit der blo\u00dfen Theorie in der Anwendung, \u00fcber die der Praktiker oft kommentirt, findet sich gegenseitig in der razionalen Anwendung der blo\u00dfen Erfahrung, und wird von den \u00e4chten Philosophen, jedoch mit Selbstbescheidung der Nothwendigkeit dieses Erfolgs, vernehmlich genug bemerkt. Der Praktiker verwirft deshalb die blo\u00dfe Theorie ganz, ohne zu ahnden, wie problematisch die Beantwortung der Frage seyn d\u00fcrfte: \u00bbOb die Theorie f\u00fcr die Anwendung, oder die Anwendung um der Theorie willen sey?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">11. Das H\u00f6chste ist das Verst\u00e4ndlichste, das N\u00e4chste, das Unentbehrlichste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">12. Wunder stehn mit naturgesetzlichen Wirkungen in Wechsel: sie beschr\u00e4nken einander gegenseitig, und machen zusammen ein Ganzes aus. Sie sind vereinigt, indem sie sich gegenseitig aufheben. Kein Wunder ohne Naturbegebenheit und umgekehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">13. Die Natur ist Feindin ewiger Besitzungen. Sie zerst\u00f6rt nach festen Gesetzen alle Zeichen des Eigenthums, vertilgt alle Merkmale der Formazion. Allen Geschlechtern geh\u00f6rt die Erde; jeder hat Anspruch auf alles. Die Fr\u00fchern d\u00fcrfen diesem Primogeniturzufalle keinen Vorzug verdanken. \u2013 Das Eigenthumsrecht erlischt zu bestimmten Zeiten. Die Ameliorazion und Deteriorazion steht unter unab\u00e4nderlichen Bedingungen. Wenn aber der K\u00f6rper ein Eigenthum ist, wodurch ich nur die Rechte eines aktiven Erdenb\u00fcrgers erwerbe, so kann ich durch den Verlust dieses Eigenthums nicht mich selbst einb\u00fc\u00dfen. Ich verliere nichts, als die Stelle in dieser F\u00fcrstenschule, und trete in eine h\u00f6here Korporazion, wohin mir meine geliebten Mitsch\u00fcler nachfolgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">14. Leben ist der Anfang des Todes. Das Leben ist um des Todes willen. Der Tod ist Endigung und Anfang zugleich, Scheidung und n\u00e4here Selbstverbindung zugleich. Durch den Tod wird die Redukzion vollendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">15. Auch die Philosophie hat ihre Bl\u00fcthen. Das sind die Gedanken, von denen man immer nicht wei\u00df, ob man sie sch\u00f6n oder witzig nennen soll. [Friedrich Schlegel]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">16. Die Fantasie setzt die k\u00fcnftige Welt entweder in die H\u00f6he, oder in die Tiefe, oder in der Metempsychose zu uns. Wir tr\u00e4umen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht. \u2013 Nach Innen geht der geheimni?volle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Au\u00dfenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freylich innerlich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns d\u00fcnken, wenn diese Verfinsterung vorbey, und der Schattenk\u00f6rper hinwegger\u00fcckt ist. Wir werden mehr genie\u00dfen als je, denn unser Geist hat entbehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">17. Darwin macht die Bemerkung, da\u00df wir weniger vom Lichte beym Erwachen geblendet werden, wenn wir von sichtbaren Gegenst\u00e4nden getr\u00e4umt haben. Wohl also denen, die hier schon von Sehen tr\u00e4umten! Sie werden fr\u00fcher die Glorie jener Welt ertragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">18. Wie kann ein Mensch Sinn f\u00fcr etwas haben, wenn er nicht den Keim davon in sich hat? Was ich verstehn soll, mu\u00df sich in mir organisch entwickeln; und was ich zu lernen scheine, ist nur Nahrung, Inzitament des Organismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">19. Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Au\u00dfenwelt ber\u00fchren. Wo sie sich durchdringen, ist er in jedem Punkte der Durchdringung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">20. Wenn man in der Mittheilung der Gedanken zwischen absolutem Verstehen und absolutem Nichtverstehen abwechselt, so darf das schon eine philosophische Freundschaft genannt werden. Geht es uns doch mit uns selbst nicht besser. Und ist das Leben eines denkenden Menschen wohl etwas andres als eine stete innere Symphilosophie? [Friedrich Schlegel]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">21. Genie ist das Verm\u00f6gen von eingebildeten Gegenst\u00e4nden, wie von wirklichen zu handeln, und sie auch wie diese zu behandeln. Das Talent darzustellen, genau zu beobachten, zweckm\u00e4\u00dfig die Beobachtung zu beschreiben, ist also vom Genie verschieden. Ohne dieses Talent sieht man nur halb, und ist nur ein halbes Genie; man kann genialische Anlage haben, die in Ermangelung jenes Talents nie zur Entwickelung kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">22. Das willk\u00fchrlichste Vorurtheil ist, da\u00df dem Menschen das Verm\u00f6gen au\u00dfer sich zu seyn, mit Bewu\u00dftseyn jenseits der Sinne zu seyn, versagt sey. Der Mensch vermag in jedem Augenblicke ein \u00fcbersinnliches Wesen zu seyn. Ohne dies w\u00e4re er nicht Weltb\u00fcrger, er w\u00e4re ein Thier. Freylich ist die Besonnenheit, Sichselbstfindung, in diesem Zustande sehr schwer, da er so unaufh\u00f6rlich, so nothwendig mit dem Wechsel unsrer \u00fcbrigen Zust\u00e4nde verbunden ist. Je mehr wir uns aber dieses Zustandes bewu\u00dft zu seyn verm\u00f6gen, desto lebendiger, m\u00e4chtiger, gen\u00fcgender ist die \u00dcberzeugung, die daraus entsteht; der Glaube an \u00e4chte Offenbarungen des Geistes. Es ist kein Schauen, H\u00f6ren, F\u00fchlen; es ist aus allen dreyen zusammengesezt, mehr als alles Dreyes: eine Empfindung unmittelbarer Gewi\u00dfheit, eine Ansicht meines wahrhaftesten, eigensten Lebens. Die Gedanken verwandeln sich in Gesetze, die W\u00fcnsche in Erf\u00fcllungen. F\u00fcr den Schwachen ist das Faktum dieses Moments ein Glaubensartikel. Auffallend wird die Erscheinung besonders beym Anblick mancher menschlichen Gestalten und Gesichter, vorz\u00fcglich bey der Erblickung mancher Augen, mancher Minen, mancher Bewegungen, beym H\u00f6ren gewisser Worte, beym Lesen gewisser Stellen, bey gewissen Hinsichten auf Leben, Welt und Schicksal. Sehr viele Zuf\u00e4lle, manche Naturereignisse, besonders Jahrs- und Tageszeiten, liefern uns solche Erfahrungen. Gewisse Stimmungen sind vorz\u00fcglich solchen Offenbarungen g\u00fcnstig. Die meisten sind augenblicklich, wenige verweilend, die wenigsten bleibend. Hier ist viel Unterschied zwischen den Menschen. Einer hat mehr Offenbarungsf\u00e4higkeit, als der andere. Einer hat mehr Sinn, der andere mehr Verstand f\u00fcr dieselbe. Der letzte wird immer in ihrem sanften Lichte bleiben, wenn der erste nur abwechselnde Erleuchtungen, aber hellere und mannichfaltigere hat. Dieses Verm\u00f6gen ist ebenfalls Krankheitsf\u00e4hig, die entweder \u00dcberflu\u00df an Sinn und Mangel an Verstand, oder \u00dcberflu\u00df an Verstand und Mangel an Sinn bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">23. Scham ist wohl ein Gef\u00fchl der Profanazion. Freundschaft, Liebe und Piet\u00e4t sollten geheimni\u00dfvoll behandelt werden. Man sollte nur in seltnen, vertrauten Momenten davon reden, sich stillschweigend dar\u00fcber einverstehen. Vieles ist zu zart um gedacht, noch mehres um besprochen zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">24. Selbstent\u00e4u\u00dferung ist die Quelle aller Erniedrigung, so wie im Gegentheil der Grund aller \u00e4chten Erhebung. Der erste Schritt wird Blick nach Innen, absondernde Beschauung unsers Selbst. Wer hier stehn bleibt, ger\u00e4th nur halb. Der zweyte Schritt mu\u00df wirksamer Blick nach Au\u00dfen, selbstth\u00e4tige, gehaltne Beobachtung der Au\u00dfenwelt seyn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">25. Derjenige wird nie als Darsteller etwas vorz\u00fcgliches leisten, der nichts weiter darstellen mag, als seine Erfahrungen, seine Lieblingsgegenst\u00e4nde, der es nicht \u00fcber sich gewinnen kann, auch einen ganz fremden, ihm ganz uninteressanten Gegenstand, mit Flei\u00df zu studiren und mit Mu\u00dfe darzustellen. Der Darsteller mu\u00df alles darstellen k\u00f6nnen und wollen. Dadurch entsteht der gro\u00dfe Styl der Darstellung, den man mit Recht an Goethe so sehr bewundert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">26. Hat man nun einmal die Liebhaberey f\u00fcrs Absolute und kann nicht davon lassen: so bleibt einem kein Ausweg, als sich selbst immer zu widersprechen, und entgegengesetzte Extreme zu verbinden. Um den Satz des Widerspruchs ist es doch unvermeidlich geschehen, und man hat nur die Wahl, ob man sich dabey leidend verhalten will, oder ob man die Nothwendigkeit durch Anerkennung zur freyen Handlung adeln will. [Friedrich Schlegel]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">27. Eine merkw\u00fcrdige Eigenheit Goethe&#8217;s bemerkt man in seinen Verkn\u00fcpfungen kleiner, unbedeutender Vorf\u00e4lle mit wichtigern Begebenheiten. Er scheint keine andre Absicht dabey zu hegen, als die Einbildungskraft auf eine poetische Weise mit einem mysteri\u00f6sen Spiel zu besch\u00e4ftigen. Auch hier ist der sonderbare Genius der Natur auf die Spur gekommen, und hat ihr einen artigen Kunstgriff abgemerkt. Das gew\u00f6hnliche Leben ist voll \u00e4hnlicher Zuf\u00e4lle. Sie machen ein Spiel aus, das wie alles Spiel auf \u00dcberraschung und T\u00e4uschung hinausl\u00e4uft. Mehre Sagen des gemeinen Lebens beruhn auf einer Bemerkung dieses verkehrten Zusammenhangs. So z.B. bedeuten b\u00f6se Tr\u00e4ume Gl\u00fcck; todtsagen langes Leben; ein Hase, der \u00fcber&#8217;n Weg l\u00e4uft, Ungl\u00fcck. Fast der ganze Aberglaube des gemeinen Volks beruht auf Deutungen dieses Spiels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">28. Die h\u00f6chste Aufgabe der Bildung ist, sich seines transcendentalen Selbst zu bem\u00e4chtigen, das Ich seines Ich&#8217;s zugleich zu seyn. Um so weniger befremdlich ist der Mangel an vollst\u00e4ndigem Sinn und Verstand f\u00fcr Andre. Ohne vollendetes Selbstverst\u00e4ndni\u00df wird man nie andere wahrhaft verstehn lernen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">29. Humor ist eine willk\u00fchrlich angenommene Manier. Das Willk\u00fchrliche ist das Pikante daran: Humor ist Resultat einer freyen Vermischung des Bedingten und Unbedingten. Durch Humor wird das eigenth\u00fcmlich Bedingte allgemein interessant, und erh\u00e4lt objektiven Werth. Wo Fantasie und Urtheilskraft sich ber\u00fchren, entsteht Witz; wo sich Vernunft und Willk\u00fchr paaren, Humor. Persifflage geh\u00f6rt zum Humor, ist aber um einen Grad geringer: es ist nicht mehr rein artistisch, und viel beschr\u00e4nkter. Was Fr. Schlegel als Ironie karakterisirt, ist meinem Bed\u00fcnken nach nichts anders als die Folge, der Karakter der Besonnenheit, der wahrhaften Gegenwart des Geistes. Schlegels Ironie scheint mir \u00e4chter Humor zu seyn. Mehre Nahmen sind einer Idee vortheilhaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">30. Das Unbedeutende, Gemeine, Rohe, H\u00e4\u00dfliche, Ungesittete, wird durch Witz allein Gesellschaftf\u00e4hig. Es ist gleichsam nur um des Witzes willen: seine Zweckbestimmung ist der Witz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">31. Um das Gemeine, wenn man nicht selbst gemein ist, mit der Kraft und mit der Leichtigkeit zu behandeln, aus der die Anmuth entspringt, mu\u00df man nichts sonderbarer finden als das Gemeine, und Sinn f\u00fcrs Sonderbare haben, viel darin suchen und ahnden. Auf die Art kann auch wohl ein Mensch, der in ganz andern Sph\u00e4ren lebt, gew\u00f6hnliche Naturen so befriedigen, da\u00df sie gar kein Arg aus ihm haben, und ihn f\u00fcr nichts weiter halten, als was sie unter sich liebensw\u00fcrdig nennen. [Friedrich Schlegel]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">32. Wir sind auf einer Mi\u00dfion: zur Bildung der Erde sind wir berufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">33. Wenn uns ein Geist erschiene, so w\u00fcrden wir uns sogleich unsrer eignen Geistigkeit bem\u00e4chtigen: wir w\u00fcrden inspirirt seyn durch uns und den Geist zugleich. Ohne Inspirazion keine Geistererscheinung. Inspirazion ist Erscheinung und Gegenerscheinung, Zueignung, und Mittheilung zugleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">34. Der Mensch lebt, wirkt nur in der Idee fort, durch die Erinnerung an sein Daseyn. Vor der Hand giebts kein anderes Mittel der Geisterwirkungen auf dieser Welt. Daher ist es Pflicht an die Verstorbenen zu denken. Es ist der einzige Weg in Gemeinschaft mit ihnen zu bleiben. Gott selbst ist auf keine andere Weise bey uns wirksam als durch den Glauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">35. Interesse ist Theilnahme an dem Leiden und der Th\u00e4tigkeit eines Wesens. Mich interessirt etwas, wenn es mich zur Theilnahme zu erregen wei\u00df. Kein Interesse ist interessanter, als was man an sich selbst nimmt; so wie der Grund einer merkw\u00fcrdigen Freundschaft und Liebe die Theilnahme ist, zu der mich ein Mensch reizt, der mit sich selbst besch\u00e4ftigt ist, der mich durch seine Mittheilung gleichsam einladet, an seinem Gesch\u00e4fte Theil zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">36. Wer den Witz erfunden haben mag? Jede zur Besinnung gebrachte Eigenschaft, Handlungsweise unsers Geistes ist im eigentlichsten Sinn eine neuentdeckte Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">37. Der Geist erscheint immer nur in fremder, luftiger Gestalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">38. Jetzt regt sich nur hie und da Geist: wann wird der Geist sich im Ganzen regen? wann wird die Menschheit in Masse sich selbst zu besinnen anfangen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">39. Der Mensch besteht in der Wahrheit. Giebt er die Wahrheit preis, so giebt er sich selbst preis. Wer die Wahrheit verr\u00e4th, verr\u00e4th sich selbst. Es ist hier nicht die Rede vom L\u00fcgen, sondern vom Handeln gegen \u00dcberzeugung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">40. In heitern Seelen giebts keinen Witz. Witz zeigt ein gest\u00f6rtes Gleichgewicht an: er ist die Folge der St\u00f6rung und zugleich das Mittel der Herstellung. Den st\u00e4rksten Witz hat die Leidenschaft. Der Zustand der Aufl\u00f6sung aller Verh\u00e4ltnisse, die Verzweiflung oder das geistige Sterben ist am f\u00fcrchterlichsten witzig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">41. Von einem liebenswerthen Gegenstande k\u00f6nnen wir nicht genug h\u00f6ren, nicht genug sprechen. Wir freuen uns \u00fcber jedes neue, treffende, verherrlichende Wort. Es liegt nicht an uns, da\u00df er nicht Gegenstand aller Gegenst\u00e4nde wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">42. Wir halten einen leblosen Stoff wegen seiner Beziehungen, seiner Formen fest. Wir lieben den Stoff, in so fern er zu einem geliebten Wesen geh\u00f6rt, seine Spur tr\u00e4gt, oder \u00c4hnlichkeit mit ihm hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">43. Ein \u00e4chter Klub ist eine Mischung von Institut und Gesellschaft. Er hat einen Zweck, wie das Institut; aber keinen bestimmten, sondern einen unbestimmten, freyen: Humanit\u00e4t \u00fcberhaupt. Aller Zweck ist ernsthaft; die Gesellschaft ist durchaus fr\u00f6hlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">44. Die Gegenst\u00e4nde der gesellschaftlichen Unterhaltung sind nichts, als Mittel der Belebung. Die\u00df bestimmt ihre Wahl, ihren Wechsel, ihre Behandlung. Die Gesellschaft ist nichts, als gemeinschaftliches Leben: eine untheilbare denkende und f\u00fchlende Person. Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">45. In sich zur\u00fcckgehn, bedeutet bey uns, von der Au\u00dfenwelt abstrahiren. Bey den Geistern hei\u00dft analogisch, das irdische Leben eine innere Betrachtung, ein in sich Hineingehn, ein immanentes Wirken. So entspringt das irdische Leben aus einer urspr\u00fcnglichen Reflexion, einem primitiven Hineingehn, Sammeln in sich selbst, das so frey ist, als unsre Reflexion. Umgekehrt entspringt das geistige Leben in dieser Welt aus einem Durchbrechen jener primitiven Reflexion. Der Geist entfaltet sich wiederum, geht aus sich selbst wieder heraus, hebt zum Theil jene Reflexion wieder auf, und in diesem Moment sagt er zum erstenmal Ich. Man sieht hier, wie relativ das Herausgehn und Hineingehn ist. Was wir Hineingehn nennen, ist eigentlich Herausgehn, eine Wiederannahme der anf\u00e4nglichen Gestalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">46. Ob sich nicht etwas f\u00fcr die neuerdings so sehr gemi\u00dfhandelten Alltagsmenschen sagen lie\u00dfe? Geh\u00f6rt nicht zur beharrlichen Mittelm\u00e4\u00dfigkeit die meiste Kraft? und soll der Mensch mehr als einer aus dem Popolo seyn?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">47. Wo \u00e4chter Hang zum Nachdenken, nicht blo\u00df zum Denken dieses oder jenes Gedankens, herrschend ist, da ist auch Progre\u00dfivit\u00e4t. Sehr viele Gelehrte besitzen diesen Hang nicht. Sie haben schlie\u00dfen und folgern gelernt, wie ein Schuster das Schuhmachen, ohne je auf den Einfall zu gerathen, oder sich zu bem\u00fchen, den Grund der Gedanken zu finden. Dennoch liegt das Heil auf keinem andern Wege. Bey vielen w\u00e4hrt dieser Hang nur eine Zeitlang. Er w\u00e4chst und nimmt ab, sehr oft mit den Jahren, oft mit dem Fund eines Systems, das sie nur suchten, um der M\u00fche des Nachdenkens ferner \u00fcberhoben zu seyn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">48. Irrthum und Vorurtheil sind Lasten, indirekt reizende Mittel f\u00fcr den Selbstth\u00e4tigen, jeder Last gewachsenen. F\u00fcr den Schwachen sind sie positiv schw\u00e4chende Mittel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">49. Das Volk ist eine Idee. Wir sollen ein Volk werden. Ein vollkommener Mensch ist ein kleines Volk. \u00c4chte Popularit\u00e4t ist das h\u00f6chste Ziel des Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">50. Jede Stufe der Bildung f\u00e4ngt mit Kindheit an. Daher ist der am meisten gebildete, irdische Mensch dem Kinde so \u00e4hnlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">51. Jeder geliebte Gegenstand ist der Mittelpunkt eines Paradieses.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">52. Das Interessante ist, was mich, nicht um mein selbst willen, sondern nur als Mittel, als Glied, in Bewegung setzt. Das Klassische st\u00f6rt mich gar nicht; es afficirt mich nur indirect durch mich selbst. Es ist nicht f\u00fcr mich da, als klassisch, wenn ich es nicht setze, als ein solches, das mich nicht afficiren w\u00fcrde, wenn ich mich nicht selbst zur Hervorbringung desselben f\u00fcr mich, bestimmte, anregte; wenn ich nicht ein St\u00fcck von mir selbst losrisse, und diesen Keim sich auf eine eigenth\u00fcmliche Weise vor meinen Augen entwickeln lie\u00dfe. Eine Entwickelung, die oft nur einen Moment bedarf, und mit der sinnlichen Wahrnehmung des Objects zusammen f\u00e4llt, so da\u00df ich ein Object vor mir sehe, in welchem das gemeine Object und das Ideal, wechselseitig durchdrungen, nur Ein wunderbares Individuum bilden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">53. Formeln f\u00fcr Kunstindividuen finden, durch die sie im eigentlichsten Sinn erst verstanden werden, macht das Gesch\u00e4ft des artistischen Kritikers aus, dessen Arbeiten die Geschichte der Kunst vorbereiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">54. Je verworrener ein Mensch ist, man nennt die Verworrenen oft Dummk\u00f6pfe, desto mehr kann durch flei\u00dfiges Selbststudium aus ihm werden; dahingegen die geordneten K\u00f6pfe trachten m\u00fcssen, wahre Gelehrte, gr\u00fcndliche Encyklop\u00e4disten zu werden. Die Verworrnen haben im Anfang mit m\u00e4chtigen Hindernissen zu k\u00e4mpfen, sie dringen nur langsam ein, sie lernen mit M\u00fche arbeiten: dann aber sind sie auch Herrn und Meister auf immer. Der Geordnete kommt geschwind hinein, aber auch geschwind heraus. Er erreicht bald die zweyte Stufe: aber da bleibt er auch gew\u00f6hnlich stehn. Ihm werden die letzten Schritte beschwerlich, und selten kann er es \u00fcber sich gewinnen, schon bey einem gewissen Grade von Meisterschaft sich wieder in den Zustand eines Anf\u00e4ngers zu versetzen. Verworrenheit deutet auf \u00dcberflu\u00df an Kraft und Verm\u00f6gen, aber mangelhafte Verh\u00e4ltnisse; Bestimmtheit, auf richtige Verh\u00e4ltnisse, aber sparsames Verm\u00f6gen und Kraft. Daher ist der Verworrne so progressiv, so perfektibel, dahingegen der Ordentliche so fr\u00fch als Philister aufh\u00f6rt. Ordnung und Bestimmtheit allein ist nicht Deutlichkeit. Durch Selbstbearbeitung kommt der Verworrene zu jener himmlischen Durchsichtigkeit, zu jener Selbsterleuchtung, die der Geordnete so selten erreicht. Das wahre Genie verbindet diese Extreme. Es theilt die Geschwindigkeit mit dem letzten und die F\u00fclle mit dem ersten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">55. Das Individuum interessirt nur, daher ist alles Klassische nicht individuell.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">56. Der wahre Brief ist seiner Natur nach poetisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">57. Witz, als Prinzip der Verwandtschaften ist zugleich das menstruum universale. Witzige Vermischungen sind z.B. Jude und Kosmopolit, Kindheit und Weisheit, R\u00e4uberey und Edelmuth, Tugend und Het\u00e4rie, \u00dcberflu\u00df und Mangel an Urtheilskraft in der Naivet\u00e4t und so fort ins Unendliche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">58. Der Mensch erscheint am w\u00fcrdigsten, wenn sein erster Eindruck der Eindruck eines absolut witzigen Einfalls ist: nemlich Geist und bestimmtes Individuum zugleich zu seyn. Einen jeden vorz\u00fcglichen Menschen mu\u00df gleichsam ein Geist zu durchschweben scheinen, der die sichtbare Erscheinung idealisch parodirt. Bey manchen Menschen ist es als ob dieser Geist der sichtbaren Erscheinung ein Gesicht schnitte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">59. Gesellschaftstrieb ist Organisationstrieb. Durch diese geistige Assimilazion entsteht oft aus gemeinen Bestandtheilen eine gute Gesellschaft um einen geistvollen Menschen her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">60. Das Interessante ist die Materie, die sich um die Sch\u00f6nheit bewegt. Wo Geist und Sch\u00f6nheit ist, h\u00e4uft sich in konzentrischen Schwingungen das Beste aller Naturen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">61. Der Deutsche ist lange das H\u00e4nschen gewesen. Er d\u00fcrfte aber wohl bald der Hans aller H\u00e4nse werden. Es geht ihm, wie es vielen dummen Kindern gehn soll: er wird leben und klug seyn, wenn seine fr\u00fchklugen Geschwister l\u00e4ngst vermodert sind, und er nun allein Herr im Hause ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">62. Das beste an den Wissenschaften ist ihr philosophisches Ingrediens, wie das Leben am organischen K\u00f6rper. Man dephilosophire die Wissenschaften: was bleibt \u00fcbrig? Erde, Luft und Wasser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">63. Menschheit ist eine humoristische Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">64. Unsere alte Nazionalit\u00e4t, war, wie mich d\u00fcnkt, \u00e4cht r\u00f6misch. Nat\u00fcrlich, weil wir auf eben dem Wege wie die R\u00f6mer entstanden; und so w\u00e4re der Name, r\u00f6misches Reich, warlich ein artiger, sinnreicher Zufall. Deutschland ist Rom, als Land. Ein Land ist ein gro\u00dfer Ort mit seinen G\u00e4rten. Das Kapitol lie\u00dfe sich vielleicht nach dem G\u00e4nsegeschrey vor den Galliern bestimmen. Die instinktartige Universalpolitik und Tendenz der R\u00f6mer liegt auch im Deutschen Volk. Das Beste, was die Franzosen in der Revoluzion gewonnen haben, ist eine Porzion Deutschheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">65. Gerichtsh\u00f6fe, Theater, Hof, Kirche, Regierung, \u00f6ffentliche Zusammenk\u00fcnfte, Akademieen, Kollegien u.s.w. sind gleichsam die speciellen, innern Organe des mystischen Staatsindividuums.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">66. Alle Zuf\u00e4lle unsers Lebens sind Materialien, aus denen wir machen k\u00f6nnen, was wir wollen. Wer viel Geist hat, macht viel aus seinem Leben. Jede Bekanntschaft, jeder Vorfall, w\u00e4re f\u00fcr den durchaus Geistigen erstes Glied einer unendlichen Reihe, Anfang eines unendlichen Romans.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">67. Der edle Kaufmannsgeist, der \u00e4chte Gro\u00dfhandel, hat nur im Mittelalter und besonders zur Zeit der deutschen Hanse gebl\u00fcht. Die Medicis, die Fugger waren Kaufleute, wie sie seyn sollten. Unsere Kaufleute im Ganzen, die gr\u00f6\u00dften nicht ausgenommen, sind nichts als Kr\u00e4mer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">68. Eine \u00dcbersetzung ist entweder grammatisch, oder ver\u00e4ndernd, oder mythisch. Mythische \u00dcbersetzungen sind \u00dcbersetzungen im h\u00f6chsten Styl. Sie stellen den reinen, vollendeten Karakter des individuellen Kunstwerks dar. Sie geben uns nicht das wirkliche Kunstwerk, sondern das Ideal desselben. Noch existirt wie ich glaube, kein ganzes Muster derselben. Im Geist mancher Kritiken und Beschreibungen von Kunstwerken trifft man aber helle Spuren davon. Es geh\u00f6rt ein Kopf dazu, in dem sich poetischer Geist und philosophischer Geist in ihrer ganzen F\u00fclle durchdrungen haben. Die griechische Mythologie ist zum Theil eine solche \u00dcbersetzung einer Nazionalreligion. Auch die moderne Madonna ist ein solcher Mythus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grammatische \u00dcbersetzungen sind die \u00dcbersetzungen im gew\u00f6hnlichen Sinn. Sie erfordern sehr viel Gelehrsamkeit, aber nur diskursive F\u00e4higkeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den ver\u00e4ndernden \u00dcbersetzungen geh\u00f6rt, wenn sie \u00e4cht seyn sollen, der h\u00f6chste poetische Geist. Sie fallen leicht ins Travestiren, wie B\u00fcrgers Homer in Jamben, Popens Homer, die Franz\u00f6sischen \u00dcbersetzungen insgesamt. Der wahre \u00dcbersetzer dieser Art mu\u00df in der That der K\u00fcnstler selbst seyn, und die Idee des Ganzen beliebig so oder so geben k\u00f6nnen. Er mu\u00df der Dichter des Dichters seyn und ihn also nach seiner und des Dichters eigner Idee zugleich reden lassen k\u00f6nnen. In einem \u00e4hnlichen Verh\u00e4ltnisse steht der Genius der Menschheit mit jedem einzelnen Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht blo\u00df B\u00fccher, alles kann auf diese drey Arten \u00fcbersetzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">69. Im h\u00f6chsten Schmerz tritt zuweilen eine Paralysis der Empfindsamkeit ein. Die Seele zersetzt sich. Daher der t\u00f6dtliche Frost, die freye Denkkraft, der schmetternde unaufh\u00f6rliche Witz dieser Art von Verzweiflung. Keine Neigung ist mehr vorhanden; der Mensch steht wie eine verderbliche Macht allein. Unverbunden mit der \u00fcbrigen Welt verzehrt er sich allm\u00e4hlig selbst, und ist seinem Princip nach Misanthrop und Misotheos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">70. Unsere Sprache ist entweder mechanisch, atomistisch oder dynamisch. Die \u00e4cht poetische Sprache soll aber organisch, lebendig seyn. Wie oft f\u00fchlt man die Armuth an Worten, um mehre Ideen mit Einem Schlage zu treffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">71. Dichter und Priester waren im Anfang Eins, und nur sp\u00e4tere Zeiten haben sie getrennt. Der \u00e4chte Dichter ist aber immer Priester, so wie der \u00e4chte Priester immer Dichter geblieben. Und sollte nicht die Zukunft den alten Zustand der Dinge wieder herbeyf\u00fchren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">72. Schriften sind die Gedanken des Staats, die Archive sein Ged\u00e4chtni\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">73. Je mehr sich unsere Sinne verfeinern, desto f\u00e4higer werden sie zur Unterscheidung der Individuen. Der h\u00f6chste Sinn w\u00e4re die h\u00f6chste Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr eigenth\u00fcmliche Natur. Ihm entspr\u00e4che das Talent der Fixirung des Individuums, dessen Fertigkeit und Energie relativ ist. Wenn der Wille sich in Beziehung auf diesen Sinn \u00e4u\u00dfert, so entstehn die Leidenschaften f\u00fcr oder gegen Individualit\u00e4ten: Liebe und Ha\u00df. Die Meisterschaft im Spiel seiner eignen Rolle verdankt man der Richtung dieses Sinns auf sich selbst bey herrschender Vernunft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">74. Nichts ist zur wahren Religiosit\u00e4t unentbehrlicher als ein Mittelglied, das uns mit der Gottheit verbindet. Unmittelbar kann der Mensch schlechterdings nicht mit derselben in Verh\u00e4ltni\u00df stehn. In der Wahl dieses Mittelglieds mu\u00df der Mensch durchaus frey seyn. Der mindeste Zwang hierin schadet seiner Religion. Die Wahl ist karakteristisch, und es werden mithin die gebildeten Menschen ziemlich gleiche Mittelglieder w\u00e4hlen, dahingegen der Ungebildete gew\u00f6hnlich durch Zufall hier bestimmt werden wird. Da aber so wenig Menschen einer freyen Wahl \u00fcberhaupt f\u00e4hig sind, so werden manche Mittelglieder allgemeiner werden; sey es durch Zufall, durch Associazion, oder ihre besondre Schicklichkeit dazu. Auf diese Art entstehn Landesreligionen. Je selbst\u00e4ndiger der Mensch wird, desto mehr vermindert sich die Quantit\u00e4t des Mittelglieds, die Qualit\u00e4t verfeinert sich, und seine Verh\u00e4ltnisse zu demselben werden mannichfaltiger und gebildeter: Fetische, Gestirne, Thiere, Helden, G\u00f6tzen, G\u00f6tter, Ein Gottmensch. Man sieht bald, wie relativ diese Wahlen sind, und wird unvermerkt auf die Idee getrieben, da\u00df das Wesen der Religion wohl nicht von der Beschaffenheit des Mittlers abhange, sondern lediglich in der Ansicht desselben, in den Verh\u00e4ltnissen zu ihm bestehe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein G\u00f6tzendienst im weitern Sinn, wenn ich diesen Mittler in der That f\u00fcr Gott selbst ansehe. Es ist Irreligion, wenn ich gar keinen Mittler annehme; und in so fern ist Aberglaube und G\u00f6tzendienst, und Unglaube oder Theismus, den man auch \u00e4ltern Judaism nennen kann, beydes Irreligion. Hingegen ist Atheism nur Negazion aller Religion \u00fcberhaupt, und hat also gar nichts mit der Religion zu schaffen. Wahre Religion ist, die jenen Mittler als Mittler annimmt, ihn gleichsam f\u00fcr das Organ der Gottheit h\u00e4lt, f\u00fcr ihre sinnliche Erscheinung. In dieser Hinsicht erhielten die Juden zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft eine \u00e4cht religi\u00f6se Tendenz, eine religi\u00f6se Hoffnung, einen Glauben an eine k\u00fcnftige Religion, der sie auf eine wunderbare Weise von Grund aus umwandelte, und sie in der merkw\u00fcrdigsten Best\u00e4ndigkeit bis auf unsre Zeiten erhielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wahre Religion scheint aber bei einer n\u00e4hern Betrachtung abermals antinomisch getheilt in Pantheismus und Monotheismus. Ich bediene mich hier einer Licenz, indem ich Pantheism nicht im gew\u00f6hnlichen Sinn nehme, sondern darunter die Idee verstehe, da\u00df alles Organ der Gottheit, Mittler seyn k\u00f6nne, indem ich es dazu erhebe: so wie Monotheism im Gegentheil den Glauben bezeichnet, da\u00df es nur Ein solches Organ in der Welt f\u00fcr uns gebe, das allein der Idee eines Mittlers angemessen sey, und wodurch Gott allein sich vernehmen lasse, welches ich also zu w\u00e4hlen durch mich selbst gen\u00f6thigt werde: denn ohnedem w\u00fcrde der Monotheism nicht wahre Religion seyn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So unvertr\u00e4glich auch beyde zu seyn scheinen, so l\u00e4\u00dft sich doch ihre Vereinigung bewerkstelligen, wenn man den monotheistischen Mittler zum Mittler der Mittelwelt des Pantheism macht, und diese gleichsam durch ihn centrirt, so da\u00df beyde einander jedoch auf verschiedene Weise nothwendig machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gebet, oder der religi\u00f6se Gedanke besteht also aus einer dreyfach aufsteigenden, untheilbaren Abstrakzion oder Setzung. Jeder Gegenstand kann dem Religi\u00f6sen ein Tempel im Sinn der Auguren seyn. Der Geist dieses Tempels ist der allgegenw\u00e4rtige Hohepriester, der monotheistische Mittler, welcher allein im unmittelbaren Verh\u00e4ltnisse mit der Gottheit steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">75. Die Basis aller ewigen Verbindung ist eine absolute Tendenz nach allen Richtungen. Darauf beruht die Macht der Hierarchie, der \u00e4chten Ma\u00e7onnerie, und des unsichtbaren Bundes \u00e4chter Denker. Hierin liegt die M\u00f6glichkeit einer Universalrepublik, welche die R\u00f6mer bis zu den Kaisern zu realisiren begonnen hatten. Zuerst verlie\u00df August diese Basis, und Hadrian zerst\u00f6rte sie ganz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">76. Fast immer hat man den Anf\u00fchrer, den ersten Beamten des Staats, mit dem Repr\u00e4sentanten des Genius der Menschheit vermengt, der zur Einheit der Gesellschaft oder des Volks geh\u00f6rt. Im Staat ist alles Schauhandlung, das Leben des Volks ist Schauspiel; mithin mu\u00df auch der Geist des Volks sichtbar seyn. Dieser sichtbare Geist kommt entweder, wie im tausendj\u00e4hrigen Reiche, ohne unser Zuthun, oder er wird einstimmig durch ein lautes oder stilles Einverst\u00e4ndni\u00df gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine unwidersprechliche Thatsache, da\u00df die meisten F\u00fcrsten nicht eigentlich F\u00fcrsten, sondern gew\u00f6hnlich mehr oder minder eine Art von Repr\u00e4sentanten des Genius ihrer Zeit waren, und die Regierung mehrentheils, wie billig, in subalternen H\u00e4nden sich befand. Ein vollkommner Repr\u00e4sentant des Genius der Menschheit d\u00fcrfte leicht der \u00e4chte Priester und der Dichter \u03ba\u03b1\u03c4&#8216; \u03b5\u03be\u03bf\u03c7\u03b7\u03bd seyn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">77. Unser Alltagsleben besteht aus lauter erhaltenden, immer wiederkehrenden Verrichtungen. Dieser Zirkel von Gewohnheiten ist nur Mittel zu einem Hauptmittel, unserm irdischen Daseyn \u00fcberhaupt, das aus mannichfaltigen Arten zu existiren gemischt ist. Philister leben nur ein Alltagsleben. Das Hauptmittel scheint ihr einziger Zweck zu seyn. Sie thun das alles, um des irdischen Lebens willen; wie es scheint und nach ihren eignen \u00c4u\u00dferungen scheinen mu\u00df. Poesie mischen sie nur zur Nothdurft unter, weil sie nun einmal an eine gewisse Unterbrechung ihres t\u00e4glichen Laufs gew\u00f6hnt sind. In der Regel erfolgt diese Unterbrechung alle sieben Tage, und k\u00f6nnte ein poetisches Septanfieber hei\u00dfen. Sonntags ruht die Arbeit, sie leben ein bi\u00dfchen besser als gew\u00f6hnlich und dieser Sonntagsrausch endigt sich mit einem etwas tiefern Schlafe als sonst; daher auch Montags alles noch einen raschern Gang hat. Ihre parties de plaisir m\u00fcssen konvenzionell, gew\u00f6hnlich, modisch seyn, aber auch ihr Vergn\u00fcgen verarbeiten sie, wie alles, m\u00fchsam und f\u00f6rmlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den h\u00f6chsten Grad seines poetischen Daseyns erreicht der Philister bey einer Reise, Hochzeit, Kindtaufe, und in der Kirche. Hier werden seine k\u00fchnsten W\u00fcnsche befriedigt, und oft \u00fcbertroffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre sogenannte Religion wirkt blos, wie ein Opiat: reizend, bet\u00e4ubend, Schmerzen aus Schw\u00e4che stillend. Ihre Fr\u00fch- und Abendgebete sind ihnen, wie Fr\u00fchst\u00fcck und Abendbrot, nothwendig. Sie k\u00f6nnen&#8217;s nicht mehr lassen. Der derbe Philister stellt sich die Freuden des Himmels unter dem Bilde einer Kirme\u00df, einer Hochzeit, einer Reise oder eines Balls vor: der sublimirte macht aus dem Himmel eine pr\u00e4chtige Kirche mit sch\u00f6ner Musik, vielem Gepr\u00e4nge, mit St\u00fchlen f\u00fcr das gemeine Volk parterre, und Kapellen und Emporkirchen f\u00fcr die Vornehmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die schlechtesten unter ihnen sind die revoluzionairen Philister, wozu auch der Hefen der fortgehenden K\u00f6pfe, die habs\u00fcchtige Race geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grober Eigennutz ist das nothwendige Resultat armseliger Beschr\u00e4nktheit. Die gegenw\u00e4rtige Sensazion ist die lebhafteste, die h\u00f6chste eines J\u00e4mmerlings. \u00dcber diese kennt er nichts h\u00f6heres. Kein Wunder, da\u00df der durch die \u00e4u\u00dfern Verh\u00e4ltnisse par force dressirte Verstand nur der listige Sklav eines solchen stumpfen Herrn ist, und nur f\u00fcr dessen L\u00fcste sinnt und sorgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">78. In den ersten Zeiten der Entdeckung der Urtheilskraft war jedes neue Urtheil ein Fund. Der Werth dieses Fundes stieg, je anwendbarer, je fruchtbarer dieses Urtheil war. Zu Sentenzen, die uns jetzt sehr gemein vorkommen, geh\u00f6rte damals noch ein ungew\u00f6hnlicher Grad von Leben des Verstandes. Man mu\u00dfte Genie und Scharfsinn aufbieten, um mittelst des neuen Werkzeugs neue Verh\u00e4ltnisse zu finden. Die Anwendung desselben auf die eigenth\u00fcmlichsten, interessantesten und allgemeinsten Seiten der Menschheit mu\u00dfte vorz\u00fcgliche Bewunderung erregen und die Aufmerksamkeit aller guten K\u00f6pfe auf sich ziehn. So entstanden die gnomischen Massen, die man zu allen Zeiten und bey allen V\u00f6lkern so hoch gesch\u00e4tzt hat. Es w\u00e4re leicht m\u00f6glich, da\u00df unsere jetzigen genialischen Entdeckungen im Laufe der Zeiten ein \u00e4hnliches Schicksal tr\u00e4fe. Es k\u00f6nnte leicht eine Zeit kommen, wo das alles so gemein w\u00e4re, wie jetzt Sittenspr\u00fcche, und neue, erhabenere Entdeckungen den rastlosen Geist der Menschen besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">79. Ein Gesetz ist seinem Begriffe nach, wirksam. Ein unwirksames Gesetz ist kein Gesetz. Gesetz ist ein kausaler Begriff, Mischung von Kraft und Gedanken. Daher ist man sich nie eines Gesetzes, als solchen, bewu\u00dft. In so fern man an ein Gesetz denkt, ist es nur ein Satz, d.h. ein Gedanke mit einem Verm\u00f6gen verbunden. Ein widerstehender, ein beharrlicher Gedanke, ist ein strebender Gedanke und vermittelt das Gesetz und den blo\u00dfen Gedanken.<\/p>\n<p title=\"Vorlage\">80. Eine allzugro\u00dfe Dienstfertigkeit der Organe w\u00fcrde dem irdischen Daseyn gef\u00e4hrlich seyn. Der Geist in seinem jetzigen Zustande w\u00fcrde eine zerst\u00f6rende Anwendung davon machen. Eine gewisse Schwere des Organs hindert ihn an allzuwillk\u00fchrlicher Th\u00e4tigkeit, und reizt ihn zu einer regelm\u00e4\u00dfigen Mitwirkung, wie sie sich f\u00fcr die irdische Welt schickt. Es ist unvollkommener Zustand desselben, da\u00df ihn diese Mitwirkung so ausschlie\u00dflich an diese Welt bindet. Daher ist sie ihrem Prinzip nach terminirt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">81. Die Rechtslehre entspricht der Physiologie, die Moral der Psychologie. Die Vernunftgesetze der Rechts- und Sittenlehre in Naturgesetze verwandelt, geben die Grunds\u00e4tze der Physiologie und Psychologie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">82. Flucht des Gemeingeistes ist Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">83. In den meisten Religionssystemen werden wir als Glieder der Gottheit betrachtet, die, wenn sie nicht den Impulsionen des Ganzen gehorchen wenn sie auch nicht absichtlich gegen die Gesetze des Ganzen agiren, sondern nur ihren eignen Gang gehn und nicht Glieder seyn wollen, von der Gottheit \u00e4rztlich behandelt, und entweder schmerzhaft geheilt, oder gar abgeschnitten werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">84. Jede spezifische Inzitazion verr\u00e4th einen spezifischen Sinn. Je neuer sie ist, desto plumper, aber desto st\u00e4rker; je bestimmter, je ausgebildeter, mannichfacher sie wird, desto schw\u00e4cher. So erregte der erste Gedanke an Gott eine gewaltsame Emotion im ganzen Individuum; so die erste Idee von Philosophie, von Menschheit, Weltall, u.s.w.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">85. Innigste Gemeinschaft aller Kenntnisse, scientifische Republik, ist der hohe Zweck der Gelehrten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">86. Sollte nicht die Distanz einer besondern Wissenschaft von der allgemeinen, und so der Rang der Wissenschaften untereinander, nach der Zahl ihrer Grunds\u00e4tze zu rechnen seyn? Je weniger Grunds\u00e4tze, desto h\u00f6her die Wissenschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">87. Man versteht das K\u00fcnstliche gew\u00f6hnlich besser, als das Nat\u00fcrliche.<\/p>\n<p title=\"Vorlage\">Es geh\u00f6rt mehr Geist zum Einfachen, als zum Complizirten, aber weniger Talent.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">88. Werkzeuge armiren den Menschen. Man kann wohl sagen, der Mensch versteht eine Welt hervorzubringen, es mangelt ihm nur am geh\u00f6rigen Apparat, an der verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfigen Armatur seiner Sinneswerkzeuge. Der Anfang ist da. So liegt das Prinzip eines Kriegsschiffes in der Idee des Schiffbaumeisters, der durch Menschenhaufen und geh\u00f6rige Werkzeuge und Materialien diesen Gedanken zu verk\u00f6rpern vermag, indem er durch alles dieses sich gleichsam zu einer ungeheuren Maschine macht. So erforderte die Idee eines Augenblicks oft ungeheure Organe, ungeheure Massen von Materien, und der Mensch ist also, wo nicht actu, doch potentia Sch\u00f6pfer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">89. In jeder Ber\u00fchrung entsteht eine Substanz, deren Wirkung so lange, als die Ber\u00fchrung dauert. Dies ist der Grund aller synthetischen Modifikazionen des Individuums. Es giebt aber einseitige und wechselseitige Ber\u00fchrungen. Jene begr\u00fcnden diese.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">90. Je unwissender man von Natur ist, desto mehr Kapazit\u00e4t f\u00fcr das Wissen. Jede neue Erkenntni\u00df macht einen viel tiefern, lebendigern Eindruck. Man bemerkt dieses deutlich beym Eintritt in eine Wissenschaft. Daher verliert man durch zu vieles Studiren an Kapazit\u00e4t. Es ist eine der ersten Unwissenheit entgegengesetzte Unwissenheit. Jene ist Unwissenheit aus Mangel, diese aus \u00dcberflu\u00df der Erkenntnisse. Letztere pflegt die Symptome des Skeptizismus zu haben. Es ist aber ein un\u00e4chter Skeptizismus, aus indirekter Schw\u00e4che unsers Erkenntni\u00dfverm\u00f6gens. Man ist nicht im Stande die Masse zu durchdringen, und sie in bestimmter Gestalt vollkommen zu beleben: die plastische Kraft reicht nicht zu. So wird der Erfindungsgeist junger K\u00f6pfe und der Schw\u00e4rmer, so wie der gl\u00fcckliche Griff des geistvollen Anf\u00e4ngers oder Layen leicht erkl\u00e4rbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">91. Welten bauen gen\u00fcgt dem tiefer dringenden Sinn nicht:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ein liebendes Herz s\u00e4ttigt den strebenden Geist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" title=\"Vorlage\">92. Wir stehen in Verh\u00e4ltnissen mit allen Theilen des Universums, so wie mit Zukunft und Vorzeit. Es h\u00e4ngt nur von der Richtung und Dauer unsrer Aufmerksamkeit ab, welches Verh\u00e4ltni\u00df wir vorz\u00fcglich ausbilden wollen, welches f\u00fcr uns vorz\u00fcglich wichtig, und wirksam werden soll. Eine \u00e4chte Methodik dieses Verfahrens d\u00fcrfte nichts weniger, als jene l\u00e4ngstgew\u00fcnschte Erfindungskunst seyn; es d\u00fcrfte wohl mehr noch, als diese seyn. Der Mensch verf\u00e4hrt st\u00fcndlich nach ihren Gesetzen und die M\u00f6glichkeit dieselben durch genialische Selbstbeobachtung zu finden ist unzweifelhaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">93. Der Geschichtschreiber organisirt historische Wesen. Die Data der Geschichte sind die Masse, der der Geschichtschreiber Form giebt, durch Belebung. Mithin steht auch die Geschichte unter den Grunds\u00e4tzen der Belebung und Organisazion \u00fcberhaupt, und bevor nicht diese Grunds\u00e4tze da sind, giebt es auch keine \u00e4chten historischen Kunstgebilde, sondern nichts als hie und da Spuren zuf\u00e4lliger Belebungen, wo unwillk\u00fchrliches Genie gewaltet hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">94. Beynah alles Genie war bisher einseitig, Resultat einer krankhaften Konstituzion. Die eine Klasse hatte zu viel \u00e4u\u00dfern, die andere zu viel innern Sinn. Selten gelang der Natur ein Gleichgewicht zwischen beiden, eine vollendete genialische Konstituzion. Durch Zuf\u00e4lle entstand oft eine vollkommene Proporzion, aber nie konnte diese von Dauer seyn, weil sie nicht durch den Geist aufgefa\u00dft und fixirt ward: es blieb bey gl\u00fccklichen Augenblicken. Das erste Genie, das sich selbst durchdrang, fand hier den typischen Keim einer unerme\u00dflichen Welt; es machte eine Entdeckung, die die merkw\u00fcrdigste in der Weltgeschichte seyn mu\u00dfte, denn es beginnt damit eine ganz neue Epoche der Menschheit, und auf dieser Stufe wird erst wahre Geschichte aller Art m\u00f6glich: denn der Weg, der bisher zur\u00fcckgelegt wurde, macht nun ein eignes, durchaus erkl\u00e4rbares Ganzes aus. Jene Stelle au\u00dfer der Welt ist gegeben, und Archimedes kann nun sein Versprechen erf\u00fcllen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">95. Vor der Abstrakzion ist alles eins, aber eins wie Chaos; nach der Abstrakzion ist wieder alles vereinigt, aber diese Vereinigung ist eine freye Verbindung selbst\u00e4ndiger, selbstbestimmter Wesen. Aus einem Haufen ist eine Gesellschaft geworden, das Chaos ist in eine mannichfaltige Welt verwandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">96. Wenn die Welt gleichsam ein Niederschlag aus der Menschennatur ist, so ist die G\u00f6tterwelt eine Sublimazion derselben. Beyde geschehen uno actu. Keine Pr\u00e4zipitazion ohne Sublimazion. Was dort an Agilit\u00e4t verloren geht, wird hier gewonnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">97. Wo Kinder sind, da ist ein goldnes Zeitalter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">98. Sicherheit vor sich selbst und den unsichtbaren M\u00e4chten, war die Basis der bisherigen geistlichen Staaten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">99. Der Gang der Approximazion ist aus zunehmenden Progressen und Regressen zusammengesetzt. Beide retardiren, beyde beschleunigen, beyde f\u00fchren zum Ziel. So scheint sich im Roman der Dichter bald dem Spiel zu n\u00e4hern, bald wieder zu entfernen, und nie ist es n\u00e4her, als wenn es am entferntesten zu seyn scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">100. Ein Verbrecher kann sich \u00fcber Unrecht nicht beklagen, wenn man ihn hart und unmenschlich behandelt. Sein Verbrechen war ein Eintritt ins Reich der Gewalt, der Tyranney. Ma\u00df und Proporzion giebt es nicht in dieser Welt, daher darf ihn die Unverh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfigkeit der Gegenwirkung nicht befremden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">101. Die Fabellehre enth\u00e4lt die Geschichte der urbildlichen Welt, sie begreift Vorzeit, Gegenwart und Zukunft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99790\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Novalis-e1645610465288.jpg\" alt=\"\" width=\"281\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/03\/25\/bluthenstaub\/\">Bl\u00fcthenstaub-Fragmente<\/a> von Novalis dienten KUNO in 2009 als Leitmotiv von dem ausgehend wir die wichtigsten Stationen der Twitteratur aufzeigten. Friedrich von Hardenberg demonstrierte auf, da\u00df die Erfahrungen von Grenz\u00fcberschreitungen ausserordentlich wichtig sind. Zwar ist klar, da\u00df das Unbedingte grunds\u00e4tzlich nicht zu finden ist, aber im Aphorismus scheint es sich doch f\u00fcr einen Moment auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>Ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; 1. Wir suchen \u00fcberall das Unbedingte, und finden immer nur Dinge. 2. Die Bezeichnung durch T\u00f6ne und Striche ist eine bewundernsw\u00fcrdige Abstrakzion. Vier Buchstaben bezeichnen mir Gott; einige Striche eine Million Dinge. Wie leicht wird hier die Handhabung des&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/03\/25\/bluthenstaub\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":79,"featured_media":99790,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[434],"class_list":["post-14017","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-novalis"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14017","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/79"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14017"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14017\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100132,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14017\/revisions\/100132"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99790"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14017"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14017"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14017"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}