{"id":13964,"date":"2013-12-21T08:14:47","date_gmt":"2013-12-21T07:14:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13964"},"modified":"2019-10-05T18:53:06","modified_gmt":"2019-10-05T16:53:06","slug":"antreten-zum-dichten-lyriker-um-arno-holz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/21\/antreten-zum-dichten-lyriker-um-arno-holz\/","title":{"rendered":"Mittelachsenlyrik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Es ist sozusagen ein negativer Parnass, den er aufstellt und den er dann auch f\u00fcllt. Er hat einen gro\u00dfen Entwurf gemacht, der Risse hat, der aber da als ein gro\u00dfartiger Entwurf immer noch steht und immer noch nicht wahrgenommen wird.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Helmut Hei\u00dfenb\u00fcttel<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_18748\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Holz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18748\" class=\"size-full wp-image-18748\" title=\"Holz\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Holz.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"150\"\/><\/a><p id=\"caption-attachment-18748\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe: Buch der Zeit. Lieder eines Modernen. 2., Auflage von 1892.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Jahr j\u00e4hrte sich der 150. Geburtstag von Arno Holz. KUNO l\u00e4\u00dft daher unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Dieser Lyriker ist ein Sprachspieler, der mit der Kraft eines Berserkers den alten Kanon verwarf. Ihm ging es um nichts weniger, als die Er\u00adneue\u00adrung der deutsche Lyrik. \u00dcber\u00adkommene For\u00admen, Reim, \u00fcberh\u00f6hte Dichter\u00adsprache, all das wollte Holz durch sein Wirken zum Ver\u00adschwinden bringen und durch eine neue Art zu dichten ersetzen, in freien Versen, schlich\u00adter Alltagsprache, in Gedich\u00adten, deren Zeilen nicht mehr links\u00adb\u00fcndig sondern als <em>Mittelachsenlyrik<\/em> gedruckt werden sollen. Nichts mehr von Romantisch-Erhabenem, stattdessen Blicke auf Allt\u00e4gliches, beschrieben in einer Sprache, die zum Beispiel in der Lyrik alles in einen Reim gepresste Prezi\u00f6se mied und einen <em>gew\u00f6hnlichen<\/em> inneren Rhythmus des Sprechenden hervorkehrte. Sein freier Umgang mit W\u00f6rtern zeigte sich oft schon in der Titelwahl:<em> Er klagt, da\u00df der Fr\u00fchling so kortz bl\u00fcht<\/em> nannte er ein von Alban Berg kongenial vertontes Gedicht. Mit &nbsp;Johannes Schlaf entwickelte er in der programmatischen Schrift <em>Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze<\/em> die Theorie eines <em>konsequenten Naturalismus<\/em>, der auf exakte Milieuschilderung unter Einbeziehung umgangssprachlicher Elemente abzielte. Zugleich wollten sie jegliche Subjektivit\u00e4t eliminieren und m\u00f6glichst wissenschaftlich sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Kunst = Natur &#8211; x.&#8220;\u2028\u2028X<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vorgenannte Gleichung stand f\u00fcr den Autor, der sich gef\u00e4lligst klein zu machen habe, damit die Formel <em>Kunst = Natur<\/em> zur Geltung kommen k\u00f6nne. Dies postuliert jemand, der selbst in einem als <em>Autobiographie einer Seele<\/em> konzipierten, 50.000 Verse langen Lyrikband <em>Phantasus<\/em> in der Nachfolge Walt Whitmans den hymnischen <em>Gesang seiner selbst<\/em>anstimmte; zugleich fanden sich in den Gedichten aber auch kritische Bewusstseinsportr\u00e4ts. Dieses Auswuchernde, Verquere und deshalb auch Unbotm\u00e4\u00dfige seiner Texte hat ihn aber gerade zu einem der &#8222;V\u00e4ter der Moderne&#8220; werden lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"> Lyrisches Exer\u00adzieren<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der verdienstvolle Lyrik- und Graphikverleger Robert Wohlleben legt im Verlag Reinecke und Vo\u00df eine sorgf\u00e4ltig edierte Ausgabe vor. Er scheint, als sei der Herausgeber in der Wahrnehmung der Dichtkunst dem Erfinderin in einem durchaus emphatischen Sinne verwandt. Wir verdanken diesem Fachmann, der uns die Texte noch durch einen knappen Kommentar und ein kenntnisreiches und erhel\u00adlendes Nachwort erschlie\u00dft, die Gelegen\u00adheit, uns selbst ein Bild davon zu machen, welche Rolle diese Dichter in der Entwicklung der modernen Lyrik spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Aus: Befreite Fl\u00fcgel<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Die freien Fl\u00fcgel<br \/>\nwollen sie mir abs\u00e4gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Glauben soll ich an ihre Wunder und Dogmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Was mein Herz schl\u00e4gt, ist eitel. Was mein Gewissen schreit, ist Blendwerk.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nur ihr Knecht sein!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Mit dem Kreuz<br \/>\nsegnen sie Mordwaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Der Staat concessioniert sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Du Gott von Golgatha!<br \/>\nLiebe war Deine Lehre, Liebe Dein Leben \u2014 wo bist Du?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Wenn wir \u00fcber die Spielpl\u00e4tze gehn,<br \/>\nund Du die Kinder siehst,<br \/>\nverstummst Du.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Blickst vor Dich hin und l\u00e4chelst \u2014 innig!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ich verstehe.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nein!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Raub ihm nicht seine F\u00fchllosigkeit! La\u00df es ungeboren sein!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ich sehe nur ein Folterbett<br \/>\nund auf ihm,<br \/>\nmit zerrissenen Gliedern,<br \/>\nunser Kind!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohl kaum ein lyrischer Aufbruch wurde so stiefm\u00fctterlich behandelt wie der von Arno Holz und seinen Mitstreitern. Einzig er selbst fristet, verk\u00fcrzt als Naturalist etikettiert, im germanistischen Kanon eine Randexistenz. Der Stil der Dichtergruppe wurde damals sofort von konservativen Geistern als Verirrung abgelehnt. Der Vorwurf wird bis heute ungepr\u00fcft tradiert, w\u00e4hrend sich andererseits ihre Verfahren langsam durchsetzten: Unpathetische Rede ohne metrischen Leierkasten ist heute fast Standard. Die durch Einf\u00fcgung von Dingen aus entlegenen Kontexten und \u00fcberraschende Metaphern erzielte Verfremdung z\u00e4hlt heute als surrealistischer Effekt ebenso zum Grundbestand dichterischer Verfahren wie der Umgang mit hyperbolischen und metonymischen Figuren, Bewusstseinsstrom, pointierte Raffung und profanisierter Symbolismus. Die Entstehungsweise der Texte im Gruppengespr\u00e4ch, in scharfem Gegensatz zur damaligen Verkl\u00e4rung des einsamen Dichtergenies, mutet uns seltsam vertraut an. Auch die weniger bekannten Vertreter sprechen teils mit einer Eigensinnigkeit und gediegenen Sorgfalt, die ihre Texte frischer aussehen l\u00e4sst, als nach der Entstehung im piefigen Wilhelminismus zu vermuten. Diese Dichter sind aber mehr als nur Vorl\u00e4ufer der Heutigen. Insbesondere auch der Radikalit\u00e4t wegen, mit der sie den Wert eines Gedichts von der Gewichtigkeit seines Sujets schieden und einzig an die Pr\u00e4gnanz der sprachlichen Umsetzung banden. Selbst heute eine durchaus nicht immer eingel\u00f6ste Utopie.<br \/>\nEs ist Zeit, diese auch politisch wachen Geister endlich zu lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Rolf Wolfgang Martens<\/p>\n<p>\u2013\u2013\u2013\u2013\u2013\u2013\u2013\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Gedichte von Paul Victor Pan, 4. Jg., 1. H., 1898, S. 7 f.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">I<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Vor meinen Augen w\u00e4chst ein Baum,<br \/>\nein schwarzer Baum,<br \/>\nein Totenbaum.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">In meinen Ohren gellt ein Schrei \u2014<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Sternschnuppen sinken,<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">in meinen N\u00e4chten fliegt<br \/>\nder Totenvogel<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">dreimal um mein Haupt,<br \/>\ndreimal um meinen First,<br \/>\ndreimal um meinen Himmel.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">II<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ich lag im Sarg,<br \/>\nich war gestorben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ein L\u00fcgenprediger<br \/>\nhielt eine Leichenrede<br \/>\nund lobte mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Da sprang ich auf<br \/>\nund trat im wei\u00dfen Leilach<br \/>\nvor ihn<br \/>\nzwischen Lorbeer und Blumen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ich sprach:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Mich sehrte Sehnsucht nach dem H\u00f6chsten<br \/>\nMich qu\u00e4lte Qual des Nie-Vollbringens<br \/>\nMich kreuzigte mein Selbstgericht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lyrikkonzeption von Arno Holz und seiner \u00bbSchule\u00ab bedeutet einen fr\u00fchen Ansatz zur literarischen Methode des \u00bbstream of consciousness\u00ab. 1888 hatte in Frankreich \u00c9douard Dujardin in seinem Roman Les lauriers sont coup\u00e9s erstmals mit Bewu\u00dftseinsstrom als Algorithmus zur Texterzeugung experimentiert. 1901 erschien Arthur Schnitzlers Bewu\u00dftseinsstrom-Novelle Leutnant Gustl. Ein wichtiger Strang der Literatur des 20. Jahrhunderts \u2013 vertreten z. B. durch Alfred D\u00f6blin, James Joyce, Marcel Proust, Virginia Woolf, Arno Schmidt \u2013 k\u00fcndigt sich auch in diesen fr\u00fchen Versuchen der <em>Holz-Schule<\/em> an. Die Lyrik der <em>Arno-Holz-Schule<\/em> ist in laborm\u00e4\u00dfiger Werkstattarbeit entstanden. Das war modellhafter Versuch, Produktionsweisen des Industriezeitalters in die literarische Produktion einzuf\u00fchren. An der Schwelle zur literarischen Moderne krempelte die Gruppe einfach um, was es an gefestigten Vorverst\u00e4ndnissen gab von subjektgebundener Inspiration und vom &#8222;stillen K\u00e4mmerlein&#8220; als Ort des Sch\u00f6pfungsaktes.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert Wohlleben<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover6.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-15039\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover6-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover6-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover6.jpg 296w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a>Antreten zum Dichten!<\/strong>, Lyriker um Arno Holz<br \/>\nRolf Wolfgang Martens | Reinhard Piper | Robert Ress | Georg Stolzenberg | Paul Victor<br \/>\nMit Nachwort herausgegeben von Robert Wohlleben<br \/>\nArno Holz zum 150. Geburtstag, Leipzig: Reinecke &amp; Vo\u00df 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist sozusagen ein negativer Parnass, den er aufstellt und den er dann auch f\u00fcllt. 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