{"id":13893,"date":"2022-03-08T00:01:34","date_gmt":"2022-03-07T23:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13893"},"modified":"2022-02-20T13:04:47","modified_gmt":"2022-02-20T12:04:47","slug":"schwarz-und-weiss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/08\/schwarz-und-weiss\/","title":{"rendered":"SCHWARZ UND WEISS"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der See h\u00e4tte auseinanderbrechen m\u00fcssen wie damals dem Moses und seinem Volk das Rote Meer, um eines Menschen Gedanken da hindurchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Da, in der Mitte, der L\u00e4nge nach, war nicht einmal \u00dcberschwang, nur RISS, das Allerentfernteste, das ein Ich v o r sich entbl\u00f6\u00dfen kann. Das befand sich dort: im, \u00fcber dem, unter dem Wasser. Nat\u00fcrlich war \u00fcberhaupt nichts zu sehen. Das war 1986.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Wir verplauderten uns an Novalis: \u201cDas Sichtbare haftet am Unsichtbaren&#8230;- und \u2013 vielleicht, das Denkbare am Undenkbaren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"> Wir sehen, aber was wir sehen ist falsch.<\/span><\/p>\n<p>Das Wasser h\u00f6rte hier auf, einfach nur das Wasser eines Sees zu sein. Innerhalb des friedlich vom Westwind gekr\u00e4uselten Sees, \u00fcber den Mandarinenten hinwegglitten wie luftige Lampignons, gab es etwas, das dem Nachdenken gew\u00f6hnlicher Erfahrung widersagte,- ja, widersagte wie einem b\u00f6sen D\u00e4mon.<\/p>\n<p>Dieser See dort, \u00fcber den wir e s besser wussten, war eine Analogie &#8211; und dieses \u201ee s\u201c war jene Tatsache, die weder Tat noch \u201eSache\u201c zusammenzuf\u00fchren imstande war. Beides schien unumkehrbar voneinander getrennt zu sein.<\/p>\n<p>Zum ersten mal waren wir mit etwas Sichtbarem, Erfahrbarem, mit Natur schlechthin konfrontiert, inniger als jemals bisher, jawohl, mit einer Idylle konfrontiert, die nichts mehr galt als ein fl\u00fcchtig hin gekritzeltes Wort, Singsang A-na-lo-gie \u2013 wussten wir etwas \u00fcber die Bedeutung des Wortes? Nichts Tr\u00fcgerisches verbarg sich hinter der so gewollten Zusammenschau von Buchstaben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"> Bewegst du dich auff\u00e4llig, so bedroht dich das Wort.<\/span><\/p>\n<p>Wie kann man sich in dieser Idylle auff\u00e4llig bewegen? Nun, warum sollten wir uns auch bewegen? Die Sonne erw\u00e4rmte unsere geschlossenen Lider, wir lagen auf dem h\u00f6lzernen Bootssteg, redeten leise. Wir h\u00e4tten mit dem Wald, der das gegen\u00fcberliegende Ufer s\u00e4umte und hinter dem einige grob verputzte Fassaden ahnbar waren, \u00c4hnliches in Gedanken anstellen m\u00f6gen, auch ihn schloss die Analogie mit ein. Nein, lieber malten wir uns ein Deutschland aus, das ohne den Heimatbegriff nichts weiter, als eine Fl\u00e4che Erde gewesen w\u00e4re, auf dem H\u00e4user in der Landschaft standen und darin Menschen waren, die schliefen und aufwachten, wie es ihre Natur vorschreibt.<\/p>\n<p>Wir ritzten Umrisse in die por\u00f6se Ebene des Vorstellungsgel\u00e4ndes, und was au\u00dferhalb dieser Umrisse lag, das war gemeint. Die Fl\u00e4chen, die drau\u00dfen lagen und die sich nicht zu einer geschlossenen Form entschlie\u00dfen konnten, entschlie\u00dfen durften, weil ihnen jede entschiedene Linie, die zu sich selbst zur\u00fcckf\u00fchren konnte (die bewusste Wendung), die landl\u00e4ufig begriffene Vollendung von Gestalt abnehmen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wir schwimmen. Das uns umgebende Wasser macht unsere Bewegungen und unser Dasein darin m\u00f6glich. Wir setzen uns \u00fcber diese Bagatelle hinweg, \u00fcber die wir uns zun\u00e4chst so begeistert einig gewesen sind, als h\u00e4tten wir die Welt neu in den Griff gezwungen.<\/p>\n<p>Was ist wichtig? Immer sind die Ebenen und R\u00e4ume wichtig, an denen, in denen sich etwas fest machen l\u00e4sst. Das Sichtbare haftet am Unsichtbaren. Wir m\u00f6chten damit nichts anfangen. Wir f\u00fcttern die Enten mit Mohnkuchen. F\u00fcr sie ist das Sichtbare, das am Sichtbaren haftet, allein g\u00fcltig. Sie schwimmen oben aufgrund ihrer Bef\u00e4higung, den selbstproduzierten K\u00f6rpertalg mit dem Schnabel \u00fcber ihr Gefieder zu verteilen, und wir k\u00f6nnen sie s e h e n, von dem Talg wissen wir nur. Wir k\u00f6nnen auf den See schauen, aber von seiner Eigenschaft, kein See mehr zu sein wie man Seen aus den Ferien, der Literatur und von den innerl\u00e4ndlichen Landkarten kennt, k\u00f6nnen wir nicht wissen. Da wir aber behaupten, es doch zu wissen, uns aber den Beweis schenken, indem wir uns nicht auff\u00e4llig bewegen, geraten wir gewisserma\u00dfen vor uns selbst in den Verdacht der Unglaubw\u00fcrdigkeit. Wir setzen der Natur einen gef\u00e4hrlichen Stoff zu, der uns die Erinnerung vergiften wird.<\/p>\n<p>Wir sehen fern. Wir selbst sahen uns in diesem Apparat liegen in der Sonne, wir sahen, wie wir gesehen wurden, wir sahen uns nicht allein dort liegen.<\/p>\n<p>Novalis b\u00e4umte die B\u00e4ume und verw\u00e4sserte das Wasser, als er schrieb:\u201c&#8230;und vielleicht haftet das Denkbare am Undenkbaren.\u201c Hatte er sich vermessen dabei? Wir konnten das Denken mit einer Grenze nicht ausweisen. Vielleicht ist es das Un-M\u00f6gliche, an das sich unser Denken heftet. Das Unm\u00f6gliche glaubten wir sichtbar machen zu k\u00f6nnen, indem wir eine geschlossene Form in eine vage Gegend ohne Himmel und Erde, ohne Ma\u00df und Tiefe hineingestikulierten.<\/p>\n<p>Die Einfalt ist nun tats\u00e4chlich nicht mehr auszugrenzen. Jenseits von ihr verschwendet sich nicht etwa das Unm\u00f6gliche, &#8211; ein angeblich beseeltes Wesen aus Fleisch und Blut. Es ergeht sich in der Analogie statt im Grunewald. Es schwimmt durch die Analogie statt durch den Glienicker See. Auf der Mitte des See will es e s wissen: Schwimme ich in der Mitte eines Sees oder sehe ich mich nur fern in einem Apparat, der seltsam gleichschaltet das Sehen und Wiedersehen?<\/p>\n<p>Novalis h\u00e4tte uns f\u00fcr jenen Moment unserer Erinnerung an Gelesenes schweigen sollen. Das Schweigen zwischen seinen Gedanken und die Idylle hier waren vollkommen. Zu jeder Idylle schlie\u00dflich geh\u00f6rt eine Portion vorgedachter Angst. H\u00e4tte Novalis geschwiegen, w\u00e4re der See vielleicht selbst sein Schweigen gewesen, und der Glienicker See, der brackig war f\u00fcr keine 10 Zentimeter Durchsicht und mit seinen braven Enten aus Asien auf den Kr\u00e4uselwellen das Unsichtbare, woran ein Sichtbares, sein Schweigen, haftete. Nach der Angst h\u00e4tten wir uns gesehnt, vielleicht, weil wir immer etwas gegen uns haben m\u00fcssen, das unseren sicheren Tod bedroht. Das Ende, wo sich Stoff nicht mehr gegen Stoff auflehnt und zerst\u00e4uben muss in dauerhaft begrenzter Reibung.<br \/>\nIm Ende muss das Ungestaltete das Ungeschlachte einfach verschlingen. F\u00fcr das B\u00f6se haben wir immer mehr Worte gewusst als f\u00fcr das Gute. Bevor in die deutsche Sprache der Begriff des Schuldgef\u00fchls seine zerst\u00f6rerische Einkehr hielt, der bis heute sein karnevalistisches mea culpa nicht bei sich behalten kann, haben wir \u201enur\u201c die Scham gekannt. Wer setzte die gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Sicherung dagegen, das Denken schon f\u00fcr Existenz zu halten, um sich mit seinen nach au\u00dfen gewendeten Vereinbarkeiten beschwichtigt ins eigene Fleisch zur\u00fcckziehen zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Wir waren bedient von der Analogie und machten uns auf den Weg nach Steinst\u00fccken, passierten die schmalste Einfassung der Landesgrenze, die Bernhard-Beyer-Stra\u00dfe in sengender Hitze. Es war Mittag, wir waren die Einzigen in dieser Strasse. \u00dcber das \u00f6de Niemandsland hinweg drang aus den hoch aufgeschossenen Kontrollt\u00fcrmen anz\u00fcgliches Lachen gutgelaunter VoPos zu uns her\u00fcber. Ihre Scherzlaute galten uns, sie hatten uns im Visier welcher Apparate? Sicherlich h\u00e4tten sie \u00fcber Hautunreinheiten in unseren Gesichtern mehr aussagen k\u00f6nnen, als wir \u00fcber die Unreinheiten von Spekulation jenseits der Scham, auf der Seite des \u00dcberdrusses, wissen konnten.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Angelika-Janz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-19507 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Angelika-Janz.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"253\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der See h\u00e4tte auseinanderbrechen m\u00fcssen wie damals dem Moses und seinem Volk das Rote Meer, um eines Menschen Gedanken da hindurchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. 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