{"id":13866,"date":"2013-03-13T00:03:38","date_gmt":"2013-03-12T23:03:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13866"},"modified":"2013-02-28T10:43:46","modified_gmt":"2013-02-28T09:43:46","slug":"da-lachen-nicht-nur-die-huhner","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/03\/13\/da-lachen-nicht-nur-die-huhner\/","title":{"rendered":"Da lachen nicht nur die H\u00fchner"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-13870\" style=\"border: 1px solid black;\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover1-186x300.jpg\" alt=\"\" width=\"149\" height=\"240\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover1-186x300.jpg 186w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover1.jpg 250w\" sizes=\"auto, (max-width: 149px) 100vw, 149px\" \/><\/a>In Zeiten, in denen sich die Ent-Sinnlichung der Dinge bis hin zu ihrem vielleicht baldigen Verschwinden vollzieht (Glaser am 05.01.2013 in <em>Kulturnotizen<\/em>), kann eine revoltierende H\u00fchner-Menschen-Gemeinschaft als Helden und Anti-Helden eines Romans am\u00fcsierter Aufmerksamkeit sicher sein. Diese Gemeinschaft lebt und agiert in einem nur noch durch milit\u00e4rische Macht gest\u00fctzten, ultra-normativen Staat, dessen nieselpriemelige Vertreter mit Sicherheit zu den humorlosesten Menschen der Welt geh\u00f6rten. Nahezu \u203anaturgem\u00e4\u00df\u2039 offenbart sich, dass hier von einem Staat die Rede ist, der sich Deutsche Demokratische Republik nannte, der von seinem westdeutschen Nachbarn als DDR \u2013 zuerst mit, sp\u00e4ter ohne Anf\u00fchrungszeichen geschrieben \u2013 bezeichnet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesem sich selbst \u00fcberlebt habenden Staatsgebilde mit seinen in der Endphase nur noch skurril-b\u00f6sartig um sich schlagenden \u203aOrganen\u2039 eine bierernste, realistisch-vorf\u00fchrende Darstellung versagt, statt dessen ihn mit phantasievoll-komischen, oft parodistischen Mitteln zum literarischen Leben erweckt zu haben, ist Wolfgang Schlott gelungen. Das Ergebnis erf\u00fcllt mich mit unverhohlener Schadenfreude.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schadenfreude? Darauf wird zur\u00fcckzukommen sein. Zun\u00e4chst einige Worte zum Inhalt von Schlotts Roman, der unter dem Titel <em style=\"text-align: justify;\">Leben in Zeiten der Revolte<\/em> Ende 2012 im Berliner Patchworldverlag erschienen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beginnen wir mit den Anti-Helden \u2013 und schon sitzt man in dem Dilemma, ob nun zuerst der Legehennenbatterie-Betreiber Karl Seidelwitz, ein harmloser, wenn auch eigensinniger, im grenznahen St\u00e4dtchen Rabal lebender DDR-B\u00fcrger zu nennen sei oder seine H\u00fchner-Brigade, angef\u00fchrt von der sprechenden, klugen, verschmusten Althenne Luise, oder gar Franz, der eitle Hahn. Wie auch immer, geh\u00f6ren sie doch alle zusammen zur sozialistische Eier produzierenden H\u00fchnerfarm\u00a0<em>Morgend\u00e4mmerung<\/em>, deren Legeleistungen Seidelwitz, wie in DDR-Betrieben \u00fcblich, in eindrucksvollen Zahlenkolonnen am Schwarzen Brett anzuzeigen pflegt, in Zahlen, die mit den Namen der flei\u00dfigsten und erfolgreichsten Hennen garniert sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eher ein Held, wenn auch kein reiner, ist der Ich-Erz\u00e4hler Christian, Seidelwitz\u2019 Sohn und von Beruf aufkl\u00e4render Penn\u00e4ler mit einigen altersgem\u00e4\u00dfen Liebschaften und starkem Widerstand gegen die verpesteten, regelm\u00e4\u00dfig von Norden her einfallenden Winde, die von den Abgasen nahegelegener Bleih\u00fctten stammen. Neben den Abgasen plagen nicht wenige<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einwohner, vor allem Christian und die mit ihm verb\u00fcndete Abiturientengruppe, Tr\u00e4ume \u2013 Wachtr\u00e4ume? Albtr\u00e4ume? Tagtr\u00e4ume? \u2013 von ganz nahe gelegenen, riesigen unterirdischen Bunkern, in denen die \u203aOrgane\u2039 der Staatsmacht Grenzdurchbr\u00fcche simulieren und damit bei Fluchtversuchen erwischte B\u00fcrger umzuerziehen versuchen, was einer folternden Gehirnw\u00e4sche gleichkommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man schreibt das Jahr neunundachtzig, und manch ein B\u00fcrger getraut sich bereits, zaghaft Widerstand zu leisten. Christian und seine Freunde vor allem sind dabei, sie f\u00fchren am Ende eine Flugblattaktion gegen die gesundheitssch\u00e4dliche, atemraubende Luftvergiftung durch, werden schon bei der Vorbereitung bespitzelt und &#8230; Nur das sei hier noch verraten: Mit den kritischen \u00c4u\u00dferungen, aufm\u00fcpfigen Aktionen, Querelen und Gegen-Querelen der zunehmend selbstbewusster und kritischer auftretenden Menschen gehen die spitzb\u00fcbischen Schandtaten der manchmal tumb-st\u00f6rrischen, manchmal gewitzt widerst\u00e4ndigen Legehennen-Brigade des B\u00fcrgers Seidelwitz einher; sei es, dass Althenne Luise auf dem Arm von Seidelwitz aufr\u00fchrerische Parolen hinausgackert oder ihm Unerh\u00f6rtes in Hennensprache, die nur er versteht, ins Ohr souffliert, sei es, dass Franz, der Hahn, dem \u00fcbelwollenden staatlichen Hygiene-Inspizienten ans Hosenbein kackt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum gerade Schadenfreude ob all dessen? Ist es nicht bedr\u00fcckend und ernsthafter Verbundenheit w\u00fcrdig, wie authentisch Schlott, der in Rum\u00e4nien und in der DDR wegen versuchter Republikflucht im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, einen durch die eigene Biografie verb\u00fcrgten Diktatur-Alltag gestaltet?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, aber \u2013 Genugtuung bereitet es, mitzuerleben, wie der Autor scheinbar ganz nebenbei die Spielregeln des \u201eSozialistischen Realismus\u201c, auf den auch in der DDR alle Kulturschaffenden immer wieder eingeschworen wurden, konterkariert, ihn scheinbar absichtslos dekuvriert als das, was er war, seit er 1934 auf dem\u00a0Ersten Allunionskongre\u00df der Sowjetischen Schriftsteller verk\u00fcndet wurde. Verk\u00fcndet nicht etwa von einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin, sondern vom Leningrader Parteisekret\u00e4r Andrej Shdanow. Verk\u00fcndet ohne vorangegangene Diskussion, als verbindlich gesetzt in Anwesenheit einer international geachteten Schriftstellergarde, zu der Louis Aragon, Johannes R. Becher, Maxim Gorki, Martin Andersen Nex\u00f6, Klaus Mann, Ernst Toller und viele andere geh\u00f6rten. Diese Doktrin, die fortan als einzig wahre und dem neuen Menschen angemessene Kunstform propagiert werden sollte, verlangte von allen Autoren vor allem eins: die Gestaltung eines positiven Helden, eines Menschen, der seinen Mitmenschen durch alle Widrigkeiten und F\u00e4hrnisse vorangeht, immer und \u00fcberall Parteilichkeit lebt und anderen abverlangt, der den Weg in eine sozialistische Zukunft weist. So wurde im Statut des Verbandes der Sowjetschriftsteller 1934 vom K\u00fcnstler\u00a0<em>die wahrhaftige, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolution\u00e4ren Entwicklung<\/em> gefordert. \u00dcber Phasen mit tr\u00fcgerischen Lockerungen hinweg \u2013 so z.B. in der nach Ilja Ehrenburgs Roman <em style=\"text-align: justify;\">Tauwetter<\/em> (1954) benannten Periode\u00a0 \u2013 wurden auch die SchriftstellerInnen der DDR st\u00e4ndig mit dieser Forderung konfrontiert. Bereits auf dem Vierten Schriftstellerkongress der DDR (1956) beklagten u.a. Autorinnen und Autoren wie Eduard Claudius, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Anna Seghers und Arnold Zweig die aus der Doktrin des \u203aSozialistischen Realismus\u2039 entstandenen Widrigkeiten wie Schematismus, Sterilit\u00e4t und Schurigelei. Und folgerichtig forderte der Leipziger Literaturwissenschaftler Hans Mayer Ende 1956 in einem zun\u00e4chst von der Zensur verhinderten, dann in der Kulturbund-Zeitung\u00a0<em>Sonntag<\/em> abgedruckten Radio-Essay <em style=\"text-align: justify;\">Zur Gegenwartslage unserer Literatur<\/em>, dass sich das literarische Klima \u00e4ndern m\u00fcsse. Er prangerte die schematische Darstellung der Wirklichkeit als <em style=\"text-align: justify;\">rotangestrichene Gartenlauben<\/em> an und mahnte, moderne Literatur sei nicht denkbar ohne die Kenntnis der modernen Literatur. Doch die G\u00e4ngelung der ostdeutschen Schriftstellerinnen und Schriftsteller hielt bis zum Ende der DDR unvermindert an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Schlotts Roman f\u00fchrt kein positiver Held die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger von Rabal aus ihrer Verirrung heraus; statt dessen scharrt sich eine Henne symbolisch an die Spitze der zaghaften B\u00fcrger-Bewegung, gefolgt von einer sich zunehmend radikalisierenden, ihr Lege-Soll parodistisch \u00fcbererf\u00fcllenden, 32k\u00f6pfigen H\u00fchnerschar und einem Hahn. Niemand wei\u00df so recht \u2013 in der H\u00fchnerfarm nicht, in den Schulen, den Zeitungsredaktionen, auf den Stra\u00dfen und in den Betrieben, ja selbst in den Parteib\u00fcros nicht \u2013 wo und wie es durch all den stinkenden Dunst hindurch in die verhei\u00dfene sozialistische Zukunft mit reiner Luft gehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nochmals zur Schadenfreude: Sie sei gestattet dar\u00fcber, dass ein Staat ausgerechnet mit den Mitteln einer Wortkultur, die er den Literaten seines Landes hartn\u00e4ckig und unter Verh\u00e4ngung von Strafen auszutreiben trachtete, gnadenlos seines Nimbus entkleidet, als banales, maulwurf-felliges, schlapphut-durchsetztes Gebilde enttarnt wird, um schlie\u00dflich dem barmherzigen Mantel der Geschichte \u00fcberantwortet zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ausgew\u00e4hlte bibliografische und literaturgeschichtliche Hinweise:<\/em><\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li style=\"text-align: justify;\">\u00a0Wilfried Barner (Hg.): <strong>Geschichte der deutschen Literatur von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart<\/strong>. Begr\u00fcndet v. Helmut de Boor u. Richard Newald. <strong>Band XII: 1945 bis zur Gegenwart<\/strong>, 2. erweiterte Aufl., C.H. Beck\u2019sche Verlagsbuchhandlung, M\u00fcnchen 1994.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Ila Ehrenburg: <strong>Tauwetter<\/strong>, Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin 1957 (Erstdruck in Literaturzeitschrift Snamja, Moskau 1954).<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li style=\"text-align: justify;\">Erster Allunionskongress der Schriftsteller, Moskau, 17.08.- 01.09.1934. S.: Karsten Laske: <strong>1934 \u2013 Zwei Wochen Moskau<\/strong>. In: der Freitag Nr. 4 v. 24.01.2013.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Alfred Klein: <strong>Heimat auf Zeit. Hans Mayer an der Universit\u00e4t Leipzig<\/strong>. In: UTOPIE kreativ, H. 77 (M\u00e4rz 1997), S. 29-45.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Nadeshda Ludwig (Hg.): <strong>Handbuch der Sowjetliteratur: (1917-1972)<\/strong>. Leipzig 1975.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Hans Mayer: <strong>Zur Gegenwartslage unserer Literatur<\/strong>. In: Sonntag Nr. 49 v. 2.12.1956.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Wolfgang Schlott: <strong>Leben in Zeiten der Revolte<\/strong>, Roman, Patchworldverlag, Berlin 2012.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Vierter Schriftstellerkongress der DDR, 09.01.-14.01.1956. S.: <strong>Geschichte der deutschen Literatur von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart<\/strong>, Bd. XII, S. 279.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zeiten, in denen sich die Ent-Sinnlichung der Dinge bis hin zu ihrem vielleicht baldigen Verschwinden vollzieht (Glaser am 05.01.2013 in Kulturnotizen), kann eine revoltierende H\u00fchner-Menschen-Gemeinschaft als Helden und Anti-Helden eines Romans am\u00fcsierter Aufmerksamkeit sicher sein. 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