{"id":13821,"date":"2021-11-21T00:01:49","date_gmt":"2021-11-20T23:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13821"},"modified":"2022-02-21T13:46:31","modified_gmt":"2022-02-21T12:46:31","slug":"snows-lecture","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/11\/21\/snows-lecture\/","title":{"rendered":"Snow\u2019s Lecture"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Cambridge, 1959<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Man k\u00f6nnte die Menschen in zwei Klassen einteilen,<\/em> notierte Heinrich von Kleist, <em>in<\/em> <em>solche, die sich auf eine Metapher und in solche, die sich auf eine Formel verstehen<\/em>. Das war zwar schon damals keine neue Erkenntnis, doch hatte sie zu jener Zeit noch keinen politischen Impetus und war nicht Gegenstand von Diskursen. Das \u00e4nderte sich\u00a0 einhundertf\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-14322 alignright\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover11-209x300.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover11-209x300.jpg 209w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover11.jpg 714w\" sizes=\"auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px\" \/><\/a>Am Nachmittag des 7. Mai 1959 hielt\u00a0 Charles Percy Snow im Senatshaus der Universit\u00e4t Cambridge die allj\u00e4hrliche \u00bbSir Robert Rede\u2019s Lecture\u00ab, ein wichtiges akademisches Ereignis, das seinen Ursprung im Cambridge des 17. Jahrhunderts hat. Der Titel seiner einst\u00fcndigen Vorlesung lautete <em>The Two Cultures<\/em>. Diese drei Worte wurden bald und nachhaltig zu einem kulturhistorischen Begriff und zur popul\u00e4ren Formel f\u00fcr eine Erscheinung, ein \u00c4rgernis oder eine Herausforderung, je nachdem, von wem, zu welcher Zeit und in welchem Zusammenhang sie verwendet wurde. Die Vorlesung erschien wenig sp\u00e4ter unter dem Titel <em>The Two Cultures and the Scientific Revolution <\/em>auch als Buch, das 2008 in eine von der<em> Times <\/em>(London) erstellte Liste der 100 B\u00fccher aufgenommen wurde, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg das westliche Geistesleben am st\u00e4rksten beeinflu\u00dft haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">C. P. Snow, 1906 in Leicester geboren, studierte Chemie und Physik und hatte bei Sir Ernest Rutherford gearbeitet. Sein wichtigster wissenschaftlicher Beitrag ist wahrscheinlich die Entdeckung des ersten Beispiels f\u00fcr das Ph\u00e4nomen der Singlett-Triplett-Absorption bei organischen Verbindungen (1934). Seine Forscherkarriere endete fr\u00fch: die Mitteilung, er habe eine Herstellungsmethode f\u00fcr das Vitamin A gefunden, mu\u00dfte er zur\u00fccknehmen, danach wandte er sich von der Forschung ab, wurde wissenschaftlicher Berater der Regierung und schrieb Romane. In Erinnerung geblieben ist jedoch nur jene Rede \u00fcber die zwei Kulturen, deren Umst\u00e4nde, Inhalt und Wirkung interessant und ausf\u00fchrlich von Peter Watson in seinem Buch <em>Das L\u00e4cheln der Medusa<\/em> (Bertelsmann 2001), beschrieben wurden, einem au\u00dferordentlich informativen Werk \u00fcber die Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts, das auch bei der Abfassung des vorliegenden Artikels als wichtige Quelle diente.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Klassenunterschiede<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich wie Kleist unterschied Snow zwei Gruppen von Intellektuellen: die der literarischen Intelligenz (\u00bbLiterary Intellectuals\u00ab) und die der naturwissenschaftlichen Intelligenz (\u00bbScientists\u00ab). Einer seiner Kritiker, der Journalist und Herausgeber Roger Kimball, \u00e4u\u00dferte sich in einem langen Aufsatz \u00fcber Snow\u2019s Rede so: <em>If all this seems like a terrible muddle, it is.<\/em> Und zumindest, was Snow\u2019s Einteilung anbelangt, hatte er damit recht. Unter dem Begriff \u00bbLiterary Intellectuals\u00ab fa\u00dfte Snow die Vertreter der um die Literatur und Philosophie gruppierten hermeneutischen F\u00e4cher, einschlie\u00dflich der K\u00fcnste, zusammen, und unter dem Begriff \u00bbScientists\u00ab die Verteter der empirisch-naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen. Nun bestehen aber, wie Lekt\u00fcre und Erfahrung lehren, gro\u00dfe Unterschiede, was mentale Struktur, F\u00e4higkeiten und Kenntnisse anbelangt, zwischen Geisteswissenschaftlern und K\u00fcnstlern, und ebenso zwischen Grundlagenforschung betreibenden Physikern, Chemikern oder Biologen und Ingenieuren. Gar nicht vereinbar ist Snow\u2019s Ansatz mit Gottfried Benns radikaler Unterscheidung von \u00bbKunst-\u00ab und \u00bbKulturtr\u00e4gern\u00ab (<em>Aus dem Lebensweg eines Intellektualisten<\/em>, in: <em>Doppelleben<\/em>, Limes 1950).<em>\u00a0 <\/em><\/p>\n<h5 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Bildungsfragen<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun sind nat\u00fcrlich sowohl die \u00bbLiterary Intellectuals\u00ab als auch die \u00bbScientists\u00ab auf jeweils ihre Weise gebildet. Snow beklagte das Primat der geisteswissenschaftlichen,\u00a0 humanistischen\u00a0 vor der naturwissenschaftlichen Bildung. Er machte seine Erfahrungen in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, aber bis heute hat sich daran wenig ge\u00e4ndert.\u00a0 Wenn heute jemand im Gespr\u00e4ch erw\u00e4hnt, da\u00df er den Inhalt des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik nicht kennt und vom Boltzmannschen e-Satz noch nie geh\u00f6rt hat, bleibt das ohne Einflu\u00df auf sein Ansehen in der Gesellschaft. Verr\u00e4t aber jemand, da\u00df er kein einziges der Shakespeareschen Sonette jemals gelesen hat und vielleicht auch noch zugibt, da\u00df ihn das \u00bbDas L\u00e4cheln der Mona Lisa\u00ab relativ kalt l\u00e4\u00dft, wird er gewi\u00df nicht mehr eingeladen. In dem au\u00dferordentlich interessanten und anregenden Buch des Kunstkritikers Florian Illies \u00fcber das Jahr <em>1913<\/em>\u00a0 (S. Fischer\u00a0 2012) erf\u00e4hrt man zwar, wann Franz Kafka seinen zweihundertsten Brief an Felice\u00a0 Bauer geschrieben hat, und was Karl Kraus bewogen haben k\u00f6nnte, seine Freundschaft zu Franz Werfel zu k\u00fcndigen, aber wenig, fast nichts, \u00fcber die aufsehenerregenden Entdeckungen oder Lebensumst\u00e4nde der gro\u00dfen Physiker, Chemiker und Biologen in jenem Jahr. Der Verfasser des deutschen Standardwerks \u00fcber Bildung mit dem gleichnamigen Titel und dem Untertitel <em>Alles, was man wissen mu\u00df <\/em>(Eichborn Verlag, 1999)<em>, <\/em>Dietrich Schwanitz, vertritt einen klaren Standpunkt: <em>Naturwissenschaftliche Kenntnisse m\u00fcssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung geh\u00f6ren sie nicht<\/em>. Der Physiker und Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer hat mit seinem Buch <em>Die andere Bildung \/ Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte<\/em> (Ullstein 2001) sozusagen einen \u00bbAnti-Schwanitz\u00ab geschrieben, gewi\u00df ein wichtiges, auch sehr interessantes Buch, aber ob er damit die \u00fcblichen Vorstellungen \u00fcber \u00bbBildung\u00ab nachhaltig ver\u00e4ndert hat, bleibt fraglich. Roger Kimball schreibt in seinem Aufsatz \u00fcber Snow\u2019s Vorlesung: <em>\u2026 it would be nice if \u201eliterary intellectuals\u201cknew more science. But the gulf, gap, chasm between scientists and literary intellectuals that Snow deplores will never be bridged (\u2026) And (\u2026) it\u2019s not at all clear that the gulf really matters. <\/em><\/p>\n<h5 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zwei Kulturen<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">C. P. Snow hat auch politische Themen unter dem Aspekt seines Zwei-Kulturen-Modells behandelt, etwa\u00a0 Fragen der schulischen und universit\u00e4ren Ausbildung in Gro\u00dfbritannien und anderen L\u00e4ndern und des Zusammenhangs zwischen Ausbildung und Eignung der Universit\u00e4tsabsolventen f\u00fcr leitende Funktionen in Politik und Wirtschaft, Fragen, auf die Antworten zu finden in der zunehmend durch Wissenschaft und Technik gepr\u00e4gten modernen Welt aus seiner Sicht immer dringender wurde. Viele seiner Feststellungen, Vorbehalte und Vorschl\u00e4ge stie\u00dfen auf heftige Kritik. Sein \u00e4rgster Kritiker, der Literaturwissenschaftler F. R. Leavis, denunzierte ihn als einen <em>public relation man for the scientific establishment<\/em>, und Roger Kimball registrierte in bester britischer Ironie<em> three sorts of problems in The Two Cultures: trivial, non-existent, and misunderstood. <\/em>Vieles aus Snow\u2019s Vortrag ist aus heutiger Sicht nur noch von\u00a0 historischem Interesse, doch die Basisidee von der Spaltung der geistigen Welt in zwei unterschiedliche Kulturen blieb lebendig, ist kein Vorurteil und mehr als eine Stimmung, insbesondere, wenn man die Klassen strenger definiert als es Snow getan hat (<em>vide supra<\/em>), indem man die Zugeh\u00f6rigkeit auf einerseits \u00bbNaturwissenschaftler\u00ab und andererseits \u00bbliterarische Autoren\u00ab begrenzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich gibt es Mischwesen, Goethe zum Beispiel. Die Leopoldina-Ausgabe der naturwissenschaftlichen Werke umfasst 11 B\u00e4nde (Zwischenkieferknochen, Farbenlehre,\u00a0 Metamorphose der Pflanzen \u2026). Erwin Schr\u00f6dinger (Gedichte), Primo Levi, Canetti,\u00a0 Carl Djerassi \u2026 auch Snow. Doch hat keiner Au\u00dferordentliches in beiden Kulturen geschaffen.\u00a0 Vielleicht ein Hinweis, da\u00df die Anforderungen an die Sch\u00f6pferkraft, die Kreativit\u00e4t in den beiden Kulturen nicht identisch sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-75158 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/zander-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/zander-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/zander-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/zander-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/zander.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\">Der Lyriker, Essayist und Aphoristiker Maximilian Zander ist am 21.11.2016 im Alter von 87 Jahren in Castrop-Rauxel gestorben.\u00a0Seit Mitte der 1990er-Jahre ver\u00f6ffentlichte Zander Gedichte und Aphorismen. Seine lakonischen (immer wieder auch metalyrischen) Gedichte, die u.\u00a0a. in Literaturzeitschriften wie <i>ndl<\/i>, <i>Muschelhaufen<\/i>, <i>Faltblatt<\/i> und Anthologien wie Axel Kutsch, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12833\"><i>Versnetze<\/i><\/a> (2005) oder Theo Breuer, <i>NordWestS\u00fcdOst<\/i> (2003) sowie in bislang vier Gedichtb\u00e4nden erschienen, setzen sich auf ironisch-distanzierte Art und Weise mit Alltag und Gesellschaft aus der Sicht eines welterfahrenen Menschen auseinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch Heinrich von Kleist: \u00dcber die allm\u00e4hliche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13085\">Verfertigung der Gedanken beim Reden<\/a>.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><strong>\u2192 <\/strong>Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik. \u2013 Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cambridge, 1959 Man k\u00f6nnte die Menschen in zwei Klassen einteilen, notierte Heinrich von Kleist, in solche, die sich auf eine Metapher und in solche, die sich auf eine Formel verstehen. 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