{"id":13810,"date":"2013-11-26T00:01:14","date_gmt":"2013-11-25T23:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13810"},"modified":"2022-02-23T13:19:42","modified_gmt":"2022-02-23T12:19:42","slug":"die-blaue-stichflamme-des-vogelgesangs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/26\/die-blaue-stichflamme-des-vogelgesangs\/","title":{"rendered":"Die blaue Stichflamme des Vogelgesangs"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/koch-3d-rot-270.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-13815\" title=\"koch-3d-rot-270\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/koch-3d-rot-270-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/koch-3d-rot-270-196x300.jpg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/koch-3d-rot-270.jpg 270w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a>Einiges an Aufregung steht uns in diesem Dreizehn-Jahr bevor, wovon das Erscheinen des neuen Depeche-Mode-Albums das Einzige sein d\u00fcrfte, \u00fcber dessen Ausgang wir halbwegs Bescheid wissen. Wir werden nach der Degradierung unserer allerobersten Schultante noch staunend die Einf\u00fchrung der Einheit \u201aBr\u00fcderle\u2018 f\u00fcr dahinwelkende M\u00e4nnergierden (oder die Gier der Damen, den m\u00e4chtigen M\u00e4nnern eins auszuwischen?) erleben \u2026 mit K\u00e4ngurukl\u00f6ten vollgefressene Z-Promis, die falb und nach Fischabf\u00e4llen duftend durch die Talkshows dieser Republik ziehn \u2026 die ersten Kindle-Cyborgs, im Spielmodus verhakt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist es gut, um zwei tr\u00f6stliche Dinge zu wissen \u2013 dass in diesem hyperventilierenden Land noch B\u00fccher erscheinen, die diesen Namen tats\u00e4chlich verdienen \u2026 und da\u00df es R\u00fcckzugsorte gibt, an denen einem der hysterische Common-sense nicht fortw\u00e4hrend auf die prim\u00e4ren Anh\u00e4nge der Fortpflanzungsorgane geht. Das eine wie das andere liegt in unserem Fall vor: ein bemerkenswerter Band mit Gedichten in einer Aufmachung, da\u00df man jeden Bibliophilen versteht, wenn er \u00fcbers haptische Beschnuppern noch nicht hinausgekommen ist, ihn aber zugleich zu belehren hat, dass er in seiner Saumseligkeit so einiges verpasst. Zum anderen einen Autor, der gegen\u00fcber der metropolitanischen Selbst\u00fcberkullerung die (durchaus auch ambivalente) Aufger\u00e4umtheit der Provinz sch\u00e4tzt, in ihr verharrt und den Blick aus der Stille in das Konvulsieren richtet \u2026 und dessen Lautst\u00e4rkeempfinden erheblich vom Schlag der Drosselschmiede bestimmt wird \u2013 weniger vom H\u00e4mmern und Fauchen irgendeiner post-industrialen, im weitesten Sinne kleckerkundlichen Wichtigtuerei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch wusste gar nicht, dass ich manchmal bete. \/ Eine Katze und eine Alte verlangsamen dieses Gedicht, \/ in dem es z\u00f6gerlich Tag wird, sie h\u00e4ngt die W\u00e4sche \/ ihres Sohns ab, der seit Jahren nicht mehr schreibt\u201c \u2013 das ist eine der Gesten, die in \u201eUhren zogen mich auf\u201c herrschen. Ulrich Koch, dessen neue Gedichte nicht nahtlos, aber doch beherzt an die der \u00a0Vorg\u00e4ngerb\u00e4nde anschlie\u00dfen, ist ein Dichter auf dem Qualit\u00e4tsplanum von Andreas Altmann, Hans Georg Bulla und J\u00fcrgen Nendza, die unter anderen Umst\u00e4nden als eingeschlafenen Kritikerf\u00fc\u00dfen allesamt f\u00fcr kulturbetriebliche Furore sorgten. Eine seltsame Stille herrscht um diese anderthalbe Generation Autoren, die zum Teil im Poetenladen eine Heimat gefunden haben \u2026 das Beschweigen durch die selbsternannten Lyrikauskenner, die die \u201aDichterwege\u2018 vor ihrer Haust\u00fcr beschreiten, brav konnotierte Unvollst\u00e4ndigkeiten herausgeben und Hilbig einen gro\u00dfen Dichter sein lassen, ohne ihn je gelesen zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im vergangenen Herbst erschienen, z\u00e4hlt \u201eUhren zogen mich auf\u201c dabei, ganz \u00e4hnlich wie Bullas \u201eWechselgetriebe\u201c, Altmanns \u201eArt der Betrachtung\u201c, zum Beeindruckendsten, was auf dem Gebiet der Kontemplation, des Absteckens der verlorenen Paradiese geleistet werden kann. Kochs Texte reden von der Stille, dem Gl\u00fcck in und dem \u00dcberdruss (\u201eSchande den D\u00f6rfern, Schande den D\u00f6rflern\u201c) an der Provinz, aber beileibe nicht allein davon. Die \u201eblaue Stichflamme des Vogelgesangs\u201c durchzuckt die Gedichte des geb\u00fcrtigen Winseners, der auf seiner Webseite (www.milchmaedchenpresse.de) eine Horde \u00e4hnlich Gesinnter mit je einem Gedicht um sich geschart hat; der sanfte Atem einer Muse, von der man nicht wei\u00df, ob es immer dieselbe ist (\u201eDa hatte sie den Blick \/ schon wieder gesenkt \u2026\u201c), das Rauschen hinter den Dingen, das Hoppeln der Traktoren durch den Kuchenduft (\u201eAuf den M\u00fctzen der Idioten \/ taut der letzte Schnee \u2026\u201c) Einen freundlichen Misanthropen hat man Ulrich Koch genannt, einen, der sich in der Berufung des hingerissenen Skeptikers ausbildet, dem in der Zumutung der Zeit, der Ratlosigkeit nach dem abziehenden Katastrophen-\u00c4on die Amsel am Rand des Stillebens auff\u00e4llt, die die menschen\u00fcberwallte Erstarrung f\u00fcr neues Nistwerk zersplei\u00dft. Das mag seine Gr\u00fcnde haben, wie auch das weitgehende Schweigen der Erleuchteten dazu. Es geht nicht darum, dem Pulsieren dieser Jahre gegen\u00fcber nicht aufgeschlossen zu sein. Es geht, so mag es sein, um die neuerliche Engf\u00fchrung des Wichtigen mit dem Tats\u00e4chlichen, ein Weg, der mit dem Blick \u00fcber Felder noch m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht. Von Ulrich Kochs Gedichten jedenfalls geht dieser Sog noch aus, der sich eben nicht im Abmustern der Screenshot-Stakkatos, die f\u00fcr unser Leben herhalten sollen, gen\u00fcgt und ersch\u00f6pft. Es ist etwas Seltsames um das Verlorengehen in der Paradiso-Verhei\u00dfung (\u201eKlopf an, \/ wenn du ins Freie gehst\u201c) dieser Jahre \u2026 und eben Tr\u00f6stliches, dieses handliche wie sch\u00f6ne Buch im R\u00fccken zu haben, das verschmitzte und zugleich tiefernste W\u00e4gen aller Worte in dieser prononcierten Anti-Kleckerkunde. Und dahinter pulst der Drang zu einer geradlinigen Unbeirrbarkeit, flankiert von Momenten unfasslicher N\u00e4he (\u201eWir liegen im Bett \/ und z\u00e4hlen langsam bis zwei\u201c) und \u00dcbereinkunft (\u201eund schlafen bei eins\u201c). \u201eUhren zogen mich auf\u201c \u2013 ein wichtiges, ein begl\u00fcckendes Buch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Uhren zogen mich auf<\/strong>, Gedichte<span data-offset-key=\"fmlf3-0-0\"> von Ulrich Koch<\/span>, Poetenladen Verlag Leipzig 2012<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einiges an Aufregung steht uns in diesem Dreizehn-Jahr bevor, wovon das Erscheinen des neuen Depeche-Mode-Albums das Einzige sein d\u00fcrfte, \u00fcber dessen Ausgang wir halbwegs Bescheid wissen. 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