{"id":13801,"date":"2013-11-02T00:18:37","date_gmt":"2013-11-01T23:18:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13801"},"modified":"2022-02-23T05:37:31","modified_gmt":"2022-02-23T04:37:31","slug":"vergangenheitsformen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/02\/vergangenheitsformen\/","title":{"rendered":"Vergangenheitsformen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/hessel-2002.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-13807\" title=\"hessel-200\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/hessel-2002-174x300.jpg\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/hessel-2002-174x300.jpg 174w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/hessel-2002.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px\" \/><\/a>In diesem Jahr\u00a0j\u00e4hrte sich die Macht\u00adergreifung durch die NSDAP in Deutsch\u00adland zum 80. Mal, Hitlers Ernennung zum Reichs\u00adkanzler durch Hinden\u00adburg und die Ver\u00adabschie\u00addung des Er\u00adm\u00e4ch\u00adtigungs\u00adgesetzes durch den Deut\u00adschen Reichs\u00adtag. Ein Pro\u00adzess strebte seiner Vol\u00adlen\u00addung zu, der in der Perver\u00adtierung des National\u00adstaats\u00adgedan\u00adkens im deut\u00adschen Kaiser\u00adreich schon angelegt war. Gleich\u00adzei\u00adtig stellt diese Voll\u00adendung aber auch einen Ein\u00adschnitt dar, der demo\u00adkratische Pro\u00adzesse in Deutsch\u00adland unter\u00adbrach und ab\u00adbrach und die Deutsche Kultur durch Ermor\u00addung und Ver\u00adtrei\u00adbung gro\u00dfer Teile ihrer Prota\u00adgonisten gewisser\u00adma\u00dfen aus\u00adl\u00f6schte, zumindest aber auf Eis legte. Ich glaube, wir haben uns bis heute nicht davon erholt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch \u201ePariser Romanze\u201c f\u00fchrt uns an einen ent\u00adscheidenden Punkt der Europ\u00e4\u00adischen Geschichte des ver\u00adgangenen Jahr\u00adhunderts. Der Erz\u00e4h\u00adler schreibt aus einem deut\u00adschen Feld\u00adlager im ersten Welt\u00adkrieg Briefe an einen franz\u00f6\u00adsi\u00adschen Freund, in denen er das\/sein Paris vor dem Ersten Welt\u00adkrieg wieder aufleben l\u00e4sst. Und das Buch erz\u00e4hlt die Beziehung zu Lotte, mit der der Prota\u00adgonist die n\u00e4here Um\u00adgebung und die ver\u00adschie\u00addenen Treff\u00adpunkte der Pari\u00adser Boheme erkundet. Wir be\u00adglei\u00adten das Paar zu den Festen seiner K\u00fcnst\u00adler\u00adfreunde, Nach\u00admittags\u00adtees und Drogen\u00adorgien. Aber auch auf Spa\u00adzier\u00adg\u00e4ngen, auf denen sie die Ange\u00adstellten der Pariser Mode\u00adl\u00e4den bei ihrer Mittags\u00adpause be\u00adobach\u00adten. Wie sp\u00e4ter Walter Benjamin in seinem Pas\u00adsagen\u00adwerk begibt man sich auf Ent\u00addeckungs\u00adreise in die Haupt\u00adstadt des IXX. Jahr\u00adhunderts, die eine enorme Moder\u00adnit\u00e4t aus\u00adstrahlt, und findet sich in einer Ge\u00admein\u00adschaft von Ent\u00addeckungs\u00adrei\u00adsenden auf\u00adgehoben. Zu\u00admindest so lange, bis der 1. Welt\u00adkrieg be\u00adginnt. Im Epi\u00adsodischen dieser Ro\u00admanze spiegelt sich letzt\u00adlich auch der episo\u00addische Cha\u00adrak\u00adter der po\u00adliti\u00adschen Situa\u00adtion vor Aus\u00adbruch dieses bis dahin gr\u00f6\u00dften Schlach\u00adtens, der ersten Aus\u00adeinander\u00adset\u00adzung, deren Ver\u00adnich\u00adtungs\u00adorgien indus\u00adtriell gepr\u00e4gt waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei geschieht in diesem Buch etwas ganz Au\u00dfer\u00adordent\u00adliches. Mit der Erinnerung an das Vor\u00adkriegs\u00adparis lebt im Text ein auch sprach\u00adlicher Duktus wieder auf, der mich bei der Lekt\u00fcre zun\u00e4chst irri\u00adtierte, den ich aber, je mehr ich mich darauf einlie\u00df, umso mehr genoss. Es ist eine Sprache, die letzt\u00adlich mit der Zerst\u00f6rung Euro\u00adpas ihr Ende fand und nur noch als Echo durch die Texte weht. Eine au\u00dfer\u00adordentliche Erfahrung, die mir auf eine ein\u00addring\u00adliche Art und Weise klar macht, wie viele Formen von Ver\u00adgangen\u00adheit es gibt und wie ver\u00adflochten Sprache mit Politischem aber auch dem \u2013 nennen wir es \u2013 Tages\u00advision\u00e4ren ist. Denn die Handelnden in diesem Text leben zun\u00e4chst in einer Art utopischen Blase, die letztlich der poli\u00adtischen Ent\u00adwicklung nicht gewachsen war.<br \/>\nDas zwanzigste Jahrhundert war ein kurzes. Im Grunde begann es erst 1914 mit dem ersten Weltkrieg und endete mit dem Zu\u00adsammen\u00adbruch des Kom\u00admunis\u00adtischen Systems zehn Jahre vor dem gro\u00df gefeierten Mil\u00adleniums\u00adwechsel. Im Nachhinein k\u00f6nnte man es viel\u00adleicht als ein Jahrhundert der Gr\u00f6\u00dfe und des Ver\u00adfalls der National\u00adstaaten und als das der indu\u00adstria\u00adlisiet\u00adten Ver\u00adnichtung sehen. Rassis\u00admus, Anti\u00adsemitis\u00admus und Nationa\u00adlismus er\u00adreichten zumindest in Mittel\u00adeuropa und vor allem in Deutsch\u00adland ihren H\u00f6he\u00adpunkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die Zerst\u00f6rung sich letztlich auch gewis\u00adser\u00adma\u00dfen r\u00fcckwirkend, also auf die Ge\u00adschichte ausge\u00adwirkt hat, auf die Rezep\u00adtion all dessen, was in der Zeit voran ging, bedeutet, dass auch die kultu\u00adrelle \u00dcber\u00adlieferung im 20. Jahrhundert wenn nicht unter\u00adbrochen, so doch massiv gest\u00f6rt und abge\u00adlenkt war, und deshalb immer wieder Dokumente neu- oder wieder\u00adentdeckt werden. Das liegt zum einen an der enormen Zer\u00adst\u00f6\u00adrungs\u00adkraft, die der Faschismus entfaltete, aber auch an den Versuchen in den Staaten nach 1945 eine eigene reine \u00dcber\u00adlieferung und Tradition zu begr\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei gewannen zwei dominierende Prinzipien die Oberhand, in Ost\u00addeutschland der sozia\u00adlistische Rea\u00adlismus, der die Welt\u00adgeschichte und mit ihr die Lite\u00adratur als Vorlauf einer finalen prole\u00adtari\u00adschen Revolution sah und alles an dieser bema\u00df und in ein totalit\u00e4res Fort\u00adschritts\u00adkonzept presste, und other\u00adwise die von der Gruppe 47 dominierte so\u00adgenannte Suhr\u00adkamp\u00adkultur, in der sich die Deut\u00adschen Intel\u00adlektuel\u00adlen letzt\u00adlich zu Opfern um\u00addeuteten, die sich aber die Kraft erhalten hatten, sich am eigenen Schopfe aus dem Schlamm zu ziehen, und ihr Pferd gleich mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der vorliegende Text ist in der Bibliothek Suhrkamp in den Achtziger\u00adjahren des ve\u00adrgangenen Jahr\u00adhunderts schon einmal erschienen. Das zeigt, dass es eine gewisse Beharr\u00adlichkeit braucht, derartiges wieder im gesell\u00adschaft\u00adlichen Ged\u00e4chtnis zu verankern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese ganze Rede ist n\u00f6tig, weil sie darauf hinweist, welch wichtige Arbeit der Lilien\u00adfeld Verlag heute leistet, in dem er ver\u00adges\u00adsene oder fast ver\u00adgessene Texte, die aber im Grunde zentral sind f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis unserer Literatur und Geschichte, wieder zug\u00e4nglich macht, und auch noch in dieser an\u00adsprechenden Form (im vor\u00adliegenden Fall gr\u00fcnes Halb\u00adleinen, der Ein\u00adband ist unter Ver\u00adwendung einer Arbeit von Simone Lukas gestaltet).<br \/>\nBesondere Verdienste erwirbt der Verlag sich unter anderem eben bei der Pflege des Werkes Franz Hessels. An anderer Stelle habe ich bereits \u00fcber seinen Roman <em>Der Kramladen des Gl\u00fccks<\/em> geschrieben. Wie zu diesem steuert Martin Fl\u00fcgge auch zur <em>Pariser<\/em> <em>Romanze<\/em> ein sch\u00f6nes und kenntnis\u00adreiches Nachwort bei. Und ja; im Grunde handelt es sich bei <em>Pariser Romanze<\/em> um einen voll\u00adkommen ent\u00adgegen\u00adgesetzten Welt\u00adent\u00adwurf zu dem, den Ernst J\u00fcnger in \u201eIn Stahl\u00adge\u00adwittern\u201c pr\u00e4\u00adsen\u00adtiert. Und es ist kein Wunder, dass J\u00fcnger in den letzten Jahren des ver\u00adgangenen Jahr\u00adhunderts in den Feuil\u00adletons wesent\u00adlich pr\u00e4sen\u00adter war als Hessel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Hessel ist der Krieg das Ende einer Gemein\u00adschaft von Menschen und f\u00fcr J\u00fcnger der Beginn einer Gemeinschaft von Helden. Franz Hessel, der j\u00fcdische Autor, starb auf der Flucht vor den Nazis in einem Inter\u00adnierungs\u00adlager, w\u00e4hrend J\u00fcnger als Offizier der Besat\u00adzungs\u00adtruppen sein Pariser Tagebuch ver\u00adfasste. Und bei Hessel erfahren wir viel dar\u00fcber, was uns in den \u201eStahl\u00adgewit\u00adtern\u201c verloren ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hessel l\u00e4sst eine Vorkriegsutopie der Pariser Boheme erstehen. Ihre Prota\u00adgonisten kamen aus den ver\u00adschie\u00addens\u00adten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern (Norwegen, Deutsch\u00adland, Spanien usw.) und f\u00fchr\u00adten in Paris ein Leben, in denen diese Her\u00adk\u00fcnfte im Grunde nur als kultu\u00adrel\u00adler Humus eine Rolle spielten. Keiner der K\u00fcnstler be\u00adharrte auf einem beson\u00adderen Pri\u00advileg, das er aus einer natio\u00adnalen Her\u00adkunft ablei\u00adtete. Mit dem Be\u00adginn des ersten Welt\u00adkriegs aber meldeten die Herk\u00adunfts\u00adnationen Anspruch auf das Men\u00adschen\u00admaterial an, um die Freunde kurze Zeit sp\u00e4ter auf\u00adeinander zu hetzen. Und auch wenn Hessel eine Zeit be\u00adschreibt, die den blutigen Na\u00adtiona\u00adlismen vorangeht, weist seine Schil\u00adderung doch weit \u00fcber diese hinaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong style=\"text-align: center;\">Pariser Romanze<\/strong>. Papiere eines Verschollenen von Franz Hessel. Mit einem Nachwort von Martin Fl\u00fcgge, Lilienfeld Verlag D\u00fcsseldorf 2012<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Jahr\u00a0j\u00e4hrte sich die Macht\u00adergreifung durch die NSDAP in Deutsch\u00adland zum 80. Mal, Hitlers Ernennung zum Reichs\u00adkanzler durch Hinden\u00adburg und die Ver\u00adabschie\u00addung des Er\u00adm\u00e4ch\u00adtigungs\u00adgesetzes durch den Deut\u00adschen Reichs\u00adtag. 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