{"id":13795,"date":"2023-02-02T00:01:27","date_gmt":"2023-02-01T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13795"},"modified":"2022-02-25T10:13:07","modified_gmt":"2022-02-25T09:13:07","slug":"anthologie-auf-das-jahr-1782","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/02\/anthologie-auf-das-jahr-1782\/","title":{"rendered":"Anthologie auf das Jahr 1782"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Gro\u00dfm\u00e4chtigster Zar alles Fleisches,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Allezeit Vermindrer des Reichs,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Unergr\u00fcndlicher Nimmersatt in der ganzen Natur!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit untert\u00e4nigstem Hautschauern unterfange ich mich, deiner gefr\u00e4\u00dfigen Majest\u00e4t klappernde Phalanges zu k\u00fcssen und dieses B\u00fcchlein vor deinem d\u00fcrren Calcaneus in Demut niederzulegen. Meine Vorg\u00e4nger haben immer die Weise gehabt, ihre S\u00e4chlein und P\u00e4cklein, dir gleichsam recht vors\u00e4tzlich zum \u00c4rger, hart an deiner Nase vorbei, ins Archiv der Ewigkeit transportieren zu lassen, und nicht gedacht, da\u00df sie dir eben dadurch umso mehr das Maul darnach w\u00e4ssern machten; denn auch an dir wird das Spr\u00fcchwort nicht zum L\u00fcgner: \u00bbGestohlen Brot schmeckt gut.\u00ab Nein! dedizieren will ich dirs lieber, so bin ich doch gewi\u00df, da\u00df dus \u2013 weit weglegen werdest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch Spa\u00df beiseite! \u2013 Ich denke, wir zweien kennen uns genauer denn nur vom H\u00f6rensagen. Einverleibt dem \u00e4skulapischen Orden, dem Erstgebornen aus der B\u00fcchse der Pandora, der so alt ist als der S\u00fcndenfall, bin ich gestanden an deinem Altare, habe, wie der Sohn Hamilkars den sieben H\u00fcgeln, geschworen unsterbliche Fehde deiner Erbfeindin Natur, sie zu belagern mit Medikamenten Heereskraft, eine Wagenburg zu schlagen um die Stahlische Seele, aus dem Feld zu schlagen mit Sturm die trotzige, die deine Sporteln schm\u00e4lert und deine Finanzen schw\u00e4cht, und auf dem Wahlplatz des Arch\u00e4us hoch zu b\u00e4umen deine mittern\u00e4chtliche Kreuzstandarte. \u2013 Daf\u00fcr nun (denn eine Ehre ist wert der andern) wirst du mir ausw\u00fcrken den k\u00f6stlichen\u00a0<em>Talisman,<\/em>\u00a0der mich mit heiler Haut und ganzer Wolle an Galgen und Rade vor\u00fcbergeleitet \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jusque datum sceleri \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ei ja doch! Tue das, goldiger M\u00e4cenas; denn siehst du, ich m\u00f6chte doch nicht gern, da\u00df mirs ginge wie meinen tollk\u00fchnen Kollegen und Vettern, die mit Stilet und Sackpuffer bewaffnet in finstern Hohlwegen Hof halten oder im unterirdischen Laboratorium das Wunderpolychrest mischen, das, wenns h\u00fcbsch flei\u00dfig genommen wird, unsre politische Nasen \u00fcber kurz oder lang mit Thronvakaturen und Staatsfiebern kitzelt. \u2013 Daramiens und Ravaillac!- Hu! hu! hu! \u2013 Es ist ein gut Ding um gerade Glieder!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob du auch deinen Zahn auf Ostern und Michaelis gewetzt hast? \u2013 Die gro\u00dfe B\u00fccherepidemie in Leipzig und Frankfurt \u2013 Juchheisa, D\u00fcrrer! \u2013 wird ein k\u00f6niglich Fressen geben. Deine fertigen M\u00e4kler, V\u00f6llerei und Brunst, liefern dir ganze Frachten aus dem Jahrmarkt des Lebens. \u2013 Selbst der Ehrgeiz, dein Gro\u00dfpapa, Krieg, Hunger, Feuer und Pest, deine gewaltigen J\u00e4ger, haben dir schon so manche fette Menschenklopfjagd gehalten \u2013 Geiz und Golddurst, deine m\u00e4chtigen Kellermeister, trinken dir ganze schwimmende St\u00e4dte im sprudelnden Kelch des Weltmeers zu. \u2013 Ich wei\u00df in Europa eine K\u00fcche, wo man dir die raresten Gerichte mit Festtagsgepr\u00e4nge auf die Tafel gesetzt hat \u2013 Und doch \u2013 wer hat dich je satt gesehen oder \u00fcber Indigestionen klagen geh\u00f6rt? \u2013 Eisern ist deine Verdauung; grundlos deine Ged\u00e4rme!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Puh \u2013 Ich h\u00e4tte dir noch so manches zu sagen, aber ich tummle mich, da\u00df ich wegkomme \u2013 Du bist ein garstiger Schwager \u2013 Geh \u2013 Du machst dir Rechnung, h\u00f6re ich, eine Generalkollation zu erleben, wo dir gro\u00df und klein, Weltkugeln und Lexika, Philosophien und Putzwerk in Rachen fliegen sollen \u2013 Guten Appetit, wenns soweit kommt! \u2013 Doch, Hungerwolf der du bist! siehe zu, da\u00df du dich da nicht \u00fcberessest und deinen ganzen Fra\u00df haarklein wiedergeben m\u00fcssest, wie dirs ein gewisser Athenienser, der dir gar nicht wohl will, prophezeit hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Y.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Tobolsko, den 2. Februar<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Tum primum radiis gelidi incaluere Triones. \u2013\u00a0<em>Blumen in Sibirien?<\/em>\u00a0\u2013 Dahinter steckt eine Schelmerei, oder die Sonne mu\u00df Front gegen Mitternacht machen. \u2013 \u00bbUnd doch \u2013 wenn ihr euch auf den Kopf stelltet! Es ist nicht anders; \u2013 Wir haben lange genug Zobel gefangen, la\u00dfts uns einmal auch mit Blumen versuchen. Sind nicht schon Europ\u00e4er genug zu uns Stiefs\u00f6hnen der Sonne gekommen und durch unseren hundertj\u00e4hrigen Schnee gewatet, irgendein bescheidenes Bl\u00fcmchen zu pfl\u00fccken? Schande unsern Ahnen \u2013 wir wollen sie selbst sammeln und einen ganzen Korb voll nach Europa frankieren. \u2013 Zertretet sie nicht, ihr S\u00f6hne des milderen Himmels!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber im Ernst zu reden \u2013 Das eiserne Gewicht des widrigen Vorurteils, das schwer \u00fcber dem Norden br\u00fctet, von der Stelle zu r\u00e4umen, foderte einen st\u00e4rkeren Hebel als den Enthusiasmus einiger wenigen, und auch ein festeres Hypomochlion als die Schultern von zween oder drei Patrioten. Doch wenn schon auch diese Anthologie euch leckerhafte Europ\u00e4er so wenig als \u2013 wenn ich den Fall setze \u2013 unser Musenalmanach, den wir \u2013 wenn ich ja den Fall setzen wollte \u2013 h\u00e4tten k\u00f6nnen geschrieben haben, mit uns Schneem\u00e4nnern vers\u00f6hnen wird, so bleibt ihr doch mindestens das Verdienst, Hand in Hand mit ihren Kamer\u00e4dinnen im\u00a0<em>weitentlegenen Teutschland<\/em>\u00a0dem ausr\u00f6chelnden Geschmack den Gnickfang geben zu helfen, wie wir Tobolskianer zu sprechen belieben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn eure Homere im Schlaf reden und eure Herkules M\u00fccken mit ihren Keulen erschlagen \u2013 Wenn jeder, der seinen bezahlten Schmerz in Leichen-Alexandriner auszutropfen versteht, das f\u00fcr eine Vokation auf den Helikon auslegt \u2013 wird man uns Nordl\u00e4ndern verdenken, mitunter auch in den Leierklang der Musen zu klimpern? \u2013 Eure Matadore wollen Silbergeld gem\u00fcnzt haben, wenn sie ihr Brustbild auf elendes Messing pr\u00e4gten; \u2013 und zu Tobolsko werden die Falschm\u00fcnzer aufgehangen. Zwar m\u00f6cht ihr oft auch bei uns Papiergeld statt russischen Rubels finden, aber Krieg und teure Zeit entschuldigen alles.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So geh dann hin, Sibirische Anthologie \u2013 Geh \u2013 du wirst manchen S\u00fc\u00dfling beseligen, wirst von ihm auf den Nachttisch seiner Herzeinzigen gelegt werden und zum Dank ihre\u00a0<em>alabasterne Lilienschneehand<\/em> seinem z\u00e4rtlichen Ku\u00df verraten. \u2013 Geh \u2013 du wirst in den Assembleen und Stadtvisiten manchen g\u00e4hnenden Schlund der Langenweile ausf\u00fcllen und vielleicht eine Circassienne abl\u00f6sen, die sich im Platzregen der L\u00e4sterung m\u00fcde gestanden hat. \u2013 Geh \u2013 du wirst die K\u00fcche mancher Kritiker beraten; sie werden dein Licht fliehen und sich gleich den K\u00e4uzlein in deinen Schatten zur\u00fcckziehen. \u2013 Hu, hu, hu! \u2013 Schon h\u00f6r ich das ohrzerfetzende Geheule im unwirtbaren Forst und h\u00fclle mich angstvoll in meinen Zobel<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erstver\u00f6ffentlichung von <strong>Anthologie auf das Jahr 1782<\/strong>, Tobolsko. Verlegt bei J.B. Metzler, Stuttgart, 1782.<\/p>\n<div id=\"attachment_13798\" style=\"width: 229px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Friedrich_schiller-219x3001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13798\" class=\"size-full wp-image-13798\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Friedrich_schiller-219x3001.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13798\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Schiller, portr\u00e4tiert von Ludovike Simanowiz, 1794<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Anthologie f\u00fcr das Jahr 1782<\/em> ist ein Musenalmanach, den Schiller 1781 anonym bei J.B. Metzler in Stuttgart herausgab. Anlass zur Herausgabe dieser Sammlung war ein Zerw\u00fcrfnis mit dem mittelm\u00e4\u00dfigen schw\u00e4bischen Poeten Gotthold Friedrich St\u00e4udlin, in dessen farblosen Musenalmanach er selbst die seligen Augenblicke an Laura hatte einr\u00fccken lassen. F\u00fcr seinen eigenen Musenalmanach hatte er aber nur wenige Autoren. Die meisten Gedichte sind von Schiller selbst.<\/p>\n<p><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\"><span style=\"color: #ff0000;\">poetologischen Positionsbestimmung<\/span><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\"><span style=\"color: #ff0000;\">Hommage<\/span><\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gro\u00dfm\u00e4chtigster Zar alles Fleisches, Allezeit Vermindrer des Reichs, Unergr\u00fcndlicher Nimmersatt in der ganzen Natur! 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