{"id":13763,"date":"2013-12-04T00:31:18","date_gmt":"2013-12-03T23:31:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13763"},"modified":"2018-03-15T16:07:56","modified_gmt":"2018-03-15T15:07:56","slug":"mir-fehlen-die-worte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/04\/mir-fehlen-die-worte\/","title":{"rendered":"Mir fehlen die Worte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Dachten sich das Annette Schavan und Karl-Theodor zu Guttenberg, als sie sich dazu entschieden zu plagiieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Waren wir es, die mit Sprachlosigkeit auf das heimliche Abschreiben beim Tischnachbarn unserer ohnehin nicht gerade vor Glaubw\u00fcrdigkeit strotzenden Politiker reagierten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder sind wir tats\u00e4chlich in einer Zeit \u2013 nein, in einer Endzeit &#8211; angekommen, in der schon jedes Wort gesprochen und jeder Satz geschrieben wurde, sodass wir vom Universum geradezu dazu gen\u00f6tigt werden, Bestehendes zu kopieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein der Wortschatz der deutschen Alltagssprache bel\u00e4uft sich laut Wikipedia auf \u00fcber 500000 W\u00f6rter, sodass der Wortschatz zusammen mit den Fachsprachen sicherlich mehrere Millionen W\u00f6rter aufweisen wird. Man muss kein Virtuose auf dem Gebiet der Kombinatorik sein, um sich ausmalen zu k\u00f6nnen, wie unglaublich immens die Menge an m\u00f6glichen Wortkombinationen im Deutschen ist. Nat\u00fcrlich harmoniert nicht jedes der 500000 W\u00f6rter mit jedem beliebigen anderen Wort unter den 500000 W\u00f6rtern; aber auch ausschlie\u00dflich die Wortkombinationen, die einen sinnvollen Satz ergeben, d\u00fcrften die Menschen, die eigenst\u00e4ndige und einzigartige Literatur schaffen wollen oder von denen es zumindest erwartet und verlangt wird (wie beispielsweise von Promovierenden), noch sehr lange vor der oben geschilderten Wortkargheit bewahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer hierbei einwendet, dass ja kein Mensch der Welt \u00fcber einen Wortschatz von einer halben Millionen W\u00f6rtern verf\u00fcgt, der hat zwar nicht Unrecht, aber in Zeiten des Internets kann man ihm leicht den Wind aus den Segeln nehmen, denn binnen weniger Sekunden findet sich in Onlinelexika f\u00fcr jedes Wort mindestens eine Handvoll Synonyme und zus\u00e4tzliche Erl\u00e4uterungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es somit nicht an der W\u00f6rtervielfalt an sich mangelt, so leuchten mir im Grunde drei M\u00f6glichkeiten ein, die uns zum Plagiat verleiten k\u00f6nnen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum einen, den Menschen seit alters her begleitend, die Faulheit, dicht gefolgt vom Zeitmangel, der sich gut mit Prestigesucht und Karrieregeilheit verkn\u00fcpfen l\u00e4sst (denn Zeit ist ja bekanntlich Geld und mit Geld l\u00e4sst sich Anerkennung erwerben) und zu guter Letzt eine fundamentale Ideenlosigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass man Ideenlosigkeit und Faulheit als einen Widerspruch auffassen kann, hat mir heute ein Arbeitskollege lustig demonstriert:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ging darum, ein Handwerk m\u00f6glichst schnell zu verrichten. Doch faul, wie wir es nun mal sind, wollten wir uns dabei so wenig wie m\u00f6glich anstrengen. Mein Kollege zeigte mir also einen raffinierten Trick, mit dem sich die Aufgabe in Null Komma Nix erledigen lies und kommentierte sein Vorgehen mit einem dicken Grinsen auf den Lippen wie folgt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFaulheit erweckt eben die Fantasie zum Leben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Lebensweisheit hat mich darauf aufmerksam gemacht, wie essentiell Kreativit\u00e4t und Ideenvielfalt f\u00fcr den Menschen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bin ich faul respektive im Zeitstress, so kann mich meine Kreativit\u00e4t aus der Misere retten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Habe ich jedoch keine eigenen Ideen, dann kann ich noch so \u00fcbermotiviert sein und noch so sehr in Zeit baden, ich werde irgendwann vor der Wahl stehen: Abschreiben oder die Note Sechs in Kauf nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun gehen wir in einer Zeit, in der das Perfekte gerade mal gut genug ist, einmal in uns und fragen uns, wer denn wahrlich die Reife besitzt, sich vor den Klassenkameraden die Sechs einzugestehen und sein eigenes Versagen akzeptiert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann halt doch lieber spicken, was das Zeug h\u00e4lt &#8211; so professionell, dass man im Traum nicht daran denkt, man k\u00f6nnte erwischt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch sch\u00e4me mich nicht nur heimlich\u201c, \u00e4u\u00dferte sich Annette Schavan zum Plagiatsfall von zu Guttenberg, bevor man sie selbst \u00fcberf\u00fchrte. Sie \u00fcberl\u00e4sst es uns zu entscheiden, ob sie sich bei ihrer Kritik heimlich selbst miteinschloss, ob sie in einer Paranoia dachte, ihr verbalisierter Fremdscham k\u00f6nnte von ihrem eigenen Vergehen ablenken oder ob sie rigoros an dem Wunschdenken festhielt, ungestraft davon zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob unsere demaskierten Politiker und all die anderen, die beim Plagiieren entlarvt wurden, tats\u00e4chlich an einer chronischen Ideenlosigkeit litten, will ich nicht stur vertreten und dennoch komme ich mir so vor, als h\u00e4tte Peter Turrini mit seiner Vermutung Recht gehabt, als er 1997 von unserer Gesellschaft als der \u201einformiersteste[n] und gleichzeitig ahnungsloseste[n] Gesellschaft, die je existiert hat\u201c, sprach. Denn von etwas \u201eAhnung zu haben\u201c hei\u00dft definitiv mehr, als nur etwas zu wissen. Wissen kann <em>gedankenlos<\/em> angeh\u00e4uft und abgerufen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gequ\u00e4lte Sch\u00fcler\/Studenten haben diese Erkenntnis sogar schon mit einem Fachwort getauft: \u201eBulimielernen\u201c \u2013 reinpressen, <em>nicht verdauen<\/em>, auskotzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So kann es zum Beispiel passieren, dass ein Student in einer Pr\u00fcfung in Psychologie \u00fcber Aggressionstheorien eine Eins mit Stern schreibt und dennoch nicht einen Gedanken daran verschwendet, sein eigenes Aggressionsverhalten zu reflektieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprich, f\u00fcr eine Pr\u00fcfungsphase ist man Experte auf dem Gebiet der Aggressionstheorien, hat einen riesen Berg an Abrufwissen angestaut und zwei Wochen sp\u00e4ter erh\u00e4lt man das Lob des Professors, hat <em>keine Ahnung <\/em>von Aggressionstheorien und die Chance verpasst, seine Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung mit Hilfe von sicherlich nicht einmal schlechtem Wissensinput voranzutreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Anfang war die Idee, das Wissen entstand erst durch sie und mit ihr. Das Wissen begann der Idee einen Namen zu geben. Es ist das Archiv unsrer Ideen. Es ist mit Fug und Recht etwas, auf das der Mensch stolz sein kann. Denn wir sind meiner Meinung nach wirklich die informierteste Gesellschaft, die es je gab. Nur stehen wir diesem Wissen ahnungslos und ideenlos gegen\u00fcber. Vielleicht ruhen wir uns darauf aus, vielleicht haben wir auch Angst davor, dass es uns erdr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immerhin stehen wir Millionen von W\u00f6rtern gegen\u00fcber und obwohl wir ihnen zahlenm\u00e4\u00dfig \u00fcberlegen sind, so muss sich ihnen dennoch jeder einzeln f\u00fcr sich stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00dcberbetonung des Primats der Vernunft und die simultane psychische Verwahrlosung (die zum Gl\u00fcck immer offener gehandhabt wird) sind geradezu symbolisch f\u00fcr den Kampf zwischen Mensch und Wort. Man k\u00f6nnte meinen, der Smog \u00fcber den St\u00e4dten kommt nicht von den Abgasen sondern von rauchenden K\u00f6pfen, die versuchen ihr Gedankenwirrwarr zu ordnen und ihr Wissen festzuhalten \u2013 anstatt einfach mal loszulassen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMach mal dein Kopf zu!\u201c, pflegt ein Kollege von mir zu sagen, wenn jemand sich in Gedankenkreisen verf\u00e4ngt. Wir sind so vollgestopft mit Information, dass wir uns wahrlich schwer tun, Platz zu machen f\u00fcr neue Ideen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist es sogar dieses Gef\u00fchl der \u00dcberf\u00fcllung, dass uns dieses \u201eEndzeitfeeling\u201c verleiht und dass eine \u00fcberm\u00e4\u00dfig informierte Gesellschaft blitzartig aufgrund eines magischen Kalenders in einen g\u00f6tzendienerhaften Zustand regredieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberf\u00fcllung statt Erf\u00fcllung, Wissen statt Kreativit\u00e4t, Endzeit statt Lebenszeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwie wird einem da doch schon fast das Abschreiben nahegelegt? Wieso sich noch die M\u00fche geben, auf irdischem Boden einzigartige Kunst zu schaffen, wo man sich doch auf die Verteidigungsrede vor dem J\u00fcngsten Gericht vorbereiten muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch nicht nur die Informationsflut will unsere Kreativit\u00e4t ertr\u00e4nken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All die freie Zeit, in der uns die Muse k\u00fcssen k\u00f6nnte, verplempern unglaublich viele, um sich in virtuellen Welten herumzutreiben. Keine Frage, im Internet wurde schon die eine oder andere Revolution angezettelt, aber der Ottonormalverbraucher wird maximal die eigenen Kommentare in Blogs verbreiten, sich in Kultserien mit immer gleichen Schemata verlieren oder dem Schwarm auf Facebook den Hof machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die Zug\u00e4nglichkeit zu nahezu unendlichem Wissen im Internet unbewusst einen Komplex in uns ausl\u00f6st, der unsere Schaffenskunst l\u00e4hmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gebe ich nur ein einziges Stichwort in eine Suchmaschine ein, lande ich je nach Exotik bei der Wortwahl schnell bei vielen Millionen Treffern (z. B. das Wort \u201eBrot\u201c bei Google liefert \u00fcber 37 Millionen Treffer), w\u00e4hrend mein mickrig wirkender Geist (ich erwehre mich hier bewusst der Verwendung des Wortes \u201eGehirn\u201c) gerade mal eine Mindmap im Umfang einer Din A4 Seite erzeugt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist es doch fast zwingend, dass man sich denkt, jedes Wort sei schon gesprochen und jeder Satz sei schon geschrieben worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In solchen Momenten literarischer Ohnmacht, f\u00fchre ich mir vor Augen, dass jedes Wort aus jedem Mund anders klingt und dass jeder Satz von jeder Hand anders geschrieben wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann beginne ich, einen Text zu verfassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dachten sich das Annette Schavan und Karl-Theodor zu Guttenberg, als sie sich dazu entschieden zu plagiieren? 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