{"id":13683,"date":"2023-03-29T00:01:14","date_gmt":"2023-03-28T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13683"},"modified":"2022-02-25T13:22:28","modified_gmt":"2022-02-25T12:22:28","slug":"gebrauch-des-wunderbaren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/29\/gebrauch-des-wunderbaren\/","title":{"rendered":"Gebrauch des Wunderbaren"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles wahre Wunderbare ist f\u00fcr sich poetisch. Aber an den verschiedenen Mitteln, diesen Mondschein in ein Kunstgeb\u00e4ude fallen zu lassen, zeigen sich die beiden falschen Prinzipien der Poesie und das wahre am deutlichsten. Das erste oder materielle Mittel ist, das Mondlicht einige B\u00e4nde sp\u00e4ter in allt\u00e4gliches Taglicht zu verwandeln, d.h. das Wunder durch Wieglebs Magie zu entzaubern und aufzul\u00f6sen in Prose. Dann findet freilich eine zweite Lesung an der Stelle der organischen Gestalt nur eine papierne, statt der poetischen Unendlichkeit d\u00fcrftige Enge; und Ikarus liegt ohne Wachs mit den d\u00fcrren Federkielen auf dem Boden. Gern h\u00e4tte man z.B. Goethen das Aufsperren seines Maschinenkabinetts und das Aufgraben der R\u00f6hren erlassen, aus welchen das durchsichtige bunte Wasserwerk aufflatterte. Ein Taschenspieler ist kein Dichter, ja sogar jener selber ist nur so lange etwas wert und poetisch, als er seine Wunder noch nicht durch Aufl\u00f6sung get\u00f6tet hat; kein Mensch wird erkl\u00e4rten Kunstst\u00fccken zuschauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andere Dichter nehmen den zweiten Irrweg, n\u00e4mlich den, ihre Wunder nicht zu erkl\u00e4ren, sondern nur zu erfinden, was gewi\u00df recht leicht ist und daher an und f\u00fcr sich unrecht; denn allem, was ohne Begeisterung leicht wird, mu\u00df der Dichter mi\u00dftrauen und entsagen, weil es die Leichtigkeit der Prose ist. Ein fortgehendes Wunder ist aber eben darum keines, sondern eine luftigere, zweite Natur, in welcher aus Regellosigkeit keine sch\u00f6ne Unterbrechung einer Regel machbar ist. Eigentlich ist eine solche Dichtung eine widersprechende Annahme entgegengesetzter Bedingungen, der Verwechslung des materiellen Wunderbaren mit dem idealen, eine Mischung wie auf alten Tassen, halb Wort halb Bild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es gibt noch ein Drittes, n\u00e4mlich den hohen Ausweg, da\u00df der Dichter das Wunder weder zerst\u00f6re, wie ein exegetischer Theolog, noch in der K\u00f6rperwelt unnat\u00fcrlich festhalte, wie ein Taschenspieler, sondern da\u00df er es in die Seele lege, wo allein es neben Gott wohnen kann. Das Wunder fliege weder als Tag- noch als Nachtvogel, sondern als D\u00e4mmerungschmetterling. Meisters Wunderwesen liegt nicht im h\u00f6lzernen R\u00e4derwerk \u2013 es k\u00f6nnte polierter und st\u00e4hlern sein \u2013, sondern in Mignons und des Harfenspielers etc. herrlichem geistigen Abgrund, der zum Gl\u00fcck so tief ist, da\u00df die nachher hineingelassenen Leitern aus Stammb\u00e4umen viel zu kurz ausfallen. Daher ist eine Geisterfurcht besser als eine Geistererscheinung, ein Geisterseher besser als hundert Geistergeschichten<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/Jean+Paul\/Schriften\/Vorschule+der+%C3%84sthetik\/Kleine+Nachschule+zur+%C3%A4sthetischen+Vorschule\/4.+Himmelfahrt-Woche\/%C3%9Cber+die+Dichtkunst#Fu%C3%9Fnoten_20\"><sup>20<\/sup><\/a>; nicht das gemeine physische Wunder, sondern das Glauben daran malt das Nachtst\u00fcck der Geisterwelt. Das Ich ist der fremde Geist, vor dem es schauert, der Abgrund, vor dem es zu stehen glaubt; und bei der Theaterversenkung ins unterirdische Reich sinkt eben der Zuschauer, welcher sinken sieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat indes einmal ein Dichter die bedeutende Mitternachtstunde in einem Geiste schlagen lassen: dann ist es ihm auch erlaubt, ein mechanisches zerlegbares R\u00e4derwerk von Gaukler-Wundern in Bewegung zu setzen; denn durch den Geist erh\u00e4lt der K\u00f6rper mimischen Sinn, und jede irdische Begebenheit wird in ihm eine \u00fcberirdische.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja es gibt sch\u00f6ne innere Wunder, deren Leben der Dichter nicht mit dem psychologischen Anatomiermesser zerlegen darf, wenn er auch k\u00f6nnte. In Schlegels \u2013 zu wenig erkanntem \u2013 Florentin sieht eine Schwangere immer ein sch\u00f6nes Wunderkind, das mit ihr nachts die Augen aufschl\u00e4gt, ihr stumm entgegenl\u00e4uft u.s.w. und welches unter der Entbindung auf immer verschwindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufl\u00f6sung lag nahe; aber sie wurde mit poetischem Rechte unterlassen. \u00dcberhaupt haben die innern Wunder den Vorzug, da\u00df sie ihre Aufl\u00f6sung \u00fcberleben. Denn das gro\u00dfe unzerst\u00f6rliche Wunder ist der Menschen-Glaube an Wunder, und die gr\u00f6\u00dfte Geistererscheinung ist die unsrer Geisterfurcht in einem h\u00f6lzernen Leben voll Mechanik. Daher tr\u00fcben sich die himmlischen Charakter-Sonnen zu einem Kl\u00fcmpchen Erde ein, wenn der Dichter uns aus ihrem Voll-Lichte vor ihre Wiege hinf\u00fchrt. Zuweilen ist es romantische Pflicht, der Nachgeschichte wie der Vorgeschichte eines wunderbaren Charakters die Decke zu lassen; und der Verfasser des Titans wird schwerlich, wenn er anders \u00c4sthetiker genug ist, Schoppens Vorzeit oder der verschwundnen Lindas Nachzeit malen. So w\u00fcnsch&#8216; ich beinahe, ich w\u00fc\u00dfte gar nicht, wer Mignon und der Harfenspieler von Geburt an eigentlich gewesen. So wohnt man in Werners S\u00f6hnen des Tals der mit Schauern prangenden Aufnahme in den Tempelorden bei; das ungeheuere Weltr\u00e4tsel versprechen Nachtstimmen zu erraten, und in tiefer Ferne werden von vor\u00fcberfliegenden Nebeln Bergspitzen aufgedeckt, auf welchen der Mensch in die ersehnte andere oder zweite Welt, die eigentlich unsere erste und letzte bleibt, weit hineinschauen kann. Endlich bringt der Dichter uns und die Sache auf die gedachten Bergspitzen, und ein Logenmeister tut uns kund, was der Orden haben und geben wolle, n\u00e4mlich gutes moralisches Betragen, und da liegt die alte Sphinx tot vor uns auf ihren steinernen Vieren, von einem Steinmetz ausgehauen. Will man dem tragischen Dichter nicht unrecht tun, so nimmt man alles vielleicht am besten f\u00fcr einen Scherz auf die meisten Tempel- und Sakristei-Ordenherren, welche mehr durch Verziffern als Entziffern gl\u00e4nzen und mehr vor Ausgeschlo\u00dfnen als vor Auserkornen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir treten nun dem <em>Geiste<\/em> der Dichtkunst n\u00e4her, dessen blo\u00dfer \u00e4u\u00dferer <em>Nahrungsstoff<\/em> in der nachgeahmten Natur noch weit von seinem <em>innern<\/em> abgeschieden bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn der Nihilist das Besondere in das Allgemeine durchsichtig zerl\u00e4sset \u2013 und der Materialist das Allgemeine in das Besondere versteinert und verkn\u00f6chert \u2013: so mu\u00df die lebendige Poesie eine solche Vereinigung beider verstehen und erreichen, da\u00df jedes Individuum sich in ihr wiederfindet, und folglich, da Individuen sich einander ausschlie\u00dfen, jedes nur sein Besonderes in einem Allgemeinen, kurz, da\u00df sie dem Monde \u00e4hnlich wird, welcher nachts dem einen Wanderer im Walde von Gipfel zu Gipfel nach folgt, zu gleicher Zeit auch einem andern von Welle zu Welle, und so jedem, indes er blo\u00df seinen gro\u00dfen Bogen-Gang am Himmel zieht, aber doch am Ende wirklich um die Erde und um die Wanderer auch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_14179\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-RichterJP1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14179\" class=\"size-full wp-image-14179\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-RichterJP1.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"288\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14179\" class=\"wp-caption-text\">Jean Paul, Gem\u00e4lde von Heinrich Pfenninger, 1798<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie sowohl den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14142\">Essay <\/a>auf KUNO, als auch feinstes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15875\">Rezensionsfeuilleton <\/a>von Wolfgang Schlott.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Alles wahre Wunderbare ist f\u00fcr sich poetisch. 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