{"id":13680,"date":"2023-05-01T00:01:56","date_gmt":"2023-04-30T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13680"},"modified":"2022-02-25T14:39:27","modified_gmt":"2022-02-25T13:39:27","slug":"nahere-bestimmung-der-schonen-nachahmung-der-natur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/01\/nahere-bestimmung-der-schonen-nachahmung-der-natur\/","title":{"rendered":"N\u00e4here Bestimmung der sch\u00f6nen Nachahmung der Natur"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Ansicht liegt zugleich die Bestimmung, was<em> sch\u00f6ne (geistige)<\/em> Nachahmung der Natur sei. Mit einer trockenen Sacherkl\u00e4rung der Sch\u00f6nheit reicht man nicht weit. Die Kantische: \u00bbdas sei sch\u00f6n, was allgemein ohne Begriff gefalle\u00ab legt in das \u00bb<em>Gefallen\u00ab,<\/em> das sie vom Angenehmsein absondert, schon das hinein, was eben zu erkl\u00e4ren war. Der Beisatz \u00bb<em>ohne Begriff<\/em>\u00ab gilt f\u00fcr alle Empfindungen, so wie auf den andern \u00bb<em>allgemein\u00ab,<\/em> den noch dazu die Erfahrung oft ausstreicht, ebenfalls alle Empfindungen, ja alle geistige Zust\u00e4nde heimlich Anspruch machen. Kant, welcher eigensinnig genug nur der Zeichnung Sch\u00f6nheit, der Farbe aber blo\u00df Reiz zugestand, nimmt seine Erl\u00e4uterungen dazu immer aus den zeichnenden und bildenden K\u00fcnsten hervor. Was ist denn poetische Sch\u00f6nheit, durch welche selber eine gemalte oder gebildete h\u00f6her aufgl\u00e4nzen kann? Die angenommne Kluft zwischen Natur-Sch\u00f6nheit und zwischen Kunst-Sch\u00f6nheit gilt in ihrer ganzen Breite nur f\u00fcr die dichterische; aber Sch\u00f6nheiten der bildenden K\u00fcnste k\u00f6nnten allerdings zuweilen schon von der Natur geschaffen werden, wenn auch nur so selten als die genialen Sch\u00f6pfer derselben selber. \u00dcbrigens geh\u00f6rt einer Poetik darum die Erkl\u00e4rung der Sch\u00f6nheit schwerlich voran, weil diese G\u00f6ttin in der Dichtkunst ja auch andere G\u00f6tter neben sich hat, das Erhabene, das R\u00fchrende, das Komische etc. Ein Revisor der \u00c4sthetik macht eine \u00f6de leere Definition des Sch\u00f6nen von Delbr\u00fcck mit Vergn\u00fcgen zur seinigen (f\u00fcr Delbr\u00fcck eine m\u00e4\u00dfige Schmeichelei, welcher als ein zarter scharfer Kunstliebhaber und Kunstrichter, z.B. Klopstocks und Goethens, zu ehren ist), und diese Definition lautet w\u00f6rtlich (au\u00dferhalb meiner Einklammerungen) so: \u00bbDas Sch\u00f6ne besteht in einer<em> zweck<\/em>m\u00e4\u00dfigen, zusammenstimmenden Mannigfaltigkeit von Ideen (setzen hier nicht beide Beiw\u00f6rter gerade das voraus, was zu erkl\u00e4ren ist, gleichsam als ob man sagte: eine zur Sch\u00f6nheit zusammenstimmende Mannigfaltigkeit?), welche die Phantasie in sich hervorruft (wie unbestimmt! und womit und woraus?), um zu einem gegebnen Begriff (zu welchem? oder zu jedem?) viel Unnennbares (warum gerade viel? \u2013 Unnennbares w\u00e4re genug; ferner welches Unnennbare?) hinzuzudenken, mehr als auf der einen Seite darin angeschaut, und auf der andern Seite darin deutlich gedacht werden kann (deutlich? In dem Unnennbaren liegt ja schon das Nichtdeutliche. Aber was ist denn dies f\u00fcr ein <em>Mehr,<\/em> das weder zu schauen, noch deut lich zu denken ist? Und welche Grenze hat dieses relative Mehr?); \u2013 das Wohlgefallen an demselben wird hervorgebracht durch ein freies und doch regelm\u00e4\u00dfiges Spiel der Phantasie in Einstimmung mit dem Verstande (Letztes lag schon in \u203a<em>regelm\u00e4\u00dfig<\/em>\u2039; aber wie wenig ist \u203a<em>Spiel<\/em>\u2039 und blo\u00dfe \u203a<em>Einstimmung<\/em>\u2039 charakteristisch!).\u00ab- Der Revisor der Erg\u00e4nzbl\u00e4tter kn\u00fcpft dieser Definition seine k\u00fcrzere an: \u00bbDie sch\u00f6ne Kunst entspringt als sch\u00f6ne Kunst aus einer Vorstellungart durch \u00e4sthetische Ideen.\u00ab Da in \u00bb<em>\u00e4sthetisch<\/em>\u00ab das ganze Definitium (die Sch\u00f6nheit) schon fertig liegt: so ist der Definition, so wie jedem identischen Satze, eine gewisse Wahrheit nicht zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur noch eine werde beschauet; denn wer wollte seine Schreib- und Leszeit an Pr\u00fcfungen alles Gedruckten verschwenden? Sch\u00f6nheit, sagt Hemsterhuis, ist, was gr\u00f6\u00dfte Ideenzahl in kleinster Zeit gew\u00e4hrt; eine Erkl\u00e4rung, welche an die \u00e4ltere: \u00bbsinnliche Einheit im Mannigfaltigen\u00ab und an die sp\u00e4tere: \u00bbfreies Spiel der Phantasie\u00ab angrenzt. Die Frage falle weg, wie \u00fcberhaupt Ideen nach der Zeit zu messen sind, da jene diese selber erst messen. Aber \u00fcberhaupt ist jede Idee nur ein Terzien-Blitz; sie festhalten hei\u00dft sie auseinanderlegen, also in ihre Teile, Grenzen, Folgen, und hei\u00dft mithin eben nicht mehr sie festhalten, sondern ihre Sippschaft und Nachbarschaft durchlaufen. Au\u00dferdem m\u00fc\u00dfte die Ideenf\u00fclle im k\u00fcrzesten Zeitraum, welche z.B. auch der \u00dcberblick eingelernter mathematischer oder philosophischer Kettenrechnungen gew\u00e4hrt, durch ein absonderndes Abzeichen erst der Sch\u00f6nheit zubeschieden werden \u2013 und endlich, wenn nun jemand definierte: H\u00e4\u00dflichkeit ist, was gr\u00f6\u00dfte Ideenzahl in kleinster Zeit darreicht? Denn ein Oval stillt und f\u00fcllt mein Auge, aber ein Linien-Zerrst\u00fcck bereichert es mit bet\u00e4ubender Mannigfaltigkeit von an- und wegfliegenden Ideen, weil der Gegenstand zugleich soll begriffen, bestritten, geflohen und gel\u00f6set werden. Man k\u00f6nnte Hemsterhuis&#8216; Definition vielleicht so ausdr\u00fccken, Sch\u00f6nheit sei, wie es einen Zirkel der Logik gibt, der Zirkel der Phantasie, weil der Kreis die reichste, einfachste, unersch\u00f6pflichste, leichtfa\u00dflichste Figur ist; aber der wirkliche Zirkel ist ja selber eine Sch\u00f6nheit, und so w\u00fcrde die Definition (wie leider jede) ein logischer. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir kommen zum Grundsatze der poetischen Nachahmung zur\u00fcck. Wenn in dieser das Abbild mehr als das Urbild enth\u00e4lt, ja sogar das Widerspiel gew\u00e4hrt \u2013 z.B. ein gedichtetes Leiden Lust \u2013: so entsteht dies, weil eine doppelte Natur zugleich nachgeahmt wird, die \u00e4u\u00dfere und die innere, beide ihre Wechselspiegel. Man kann dieses mit einem scharfsinnigen Kunstrichter<span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-size: 11px;\">\u00a0<\/span>sehr gut \u00bbDarstellung der Ideen durch Naturnachahmung\u00ab nennen. Das Bestimmtere geh\u00f6rt in den Artikel vom Genie. Die \u00e4u\u00dfere Natur wird in jeder innern eine andere, und diese Brotverwandlung ins G\u00f6ttliche ist der geistige poetische Stoff, welcher, wenn er echt poetisch ist, wie eine anima Stahlii seinen K\u00f6rper (die Form) selber bauet, und ihn nicht erst angemessen und zugeschnitten bekommt. Dem Nihilisten mangelt der Stoff und daher die belebte Form; dem Materialisten mangelt belebter Stoff und daher wieder die Form; kurz, beide durchschneiden sich in Unpoesie. Der Materialist hat die Erdscholle, kann ihr aber keine lebendige Seele einblasen, weil sie nur Scholle, nicht K\u00f6rper ist; der Nihilist will beseelend blasen, hat aber nicht einmal Scholle. Der rechte Dichter wird in seiner Verm\u00e4hlung der Kunst und Natur sogar dem Parkg\u00e4rtner, welcher seinem Kunstgarten die Naturumgebungen gleichsam als schrankenlose Fortsetzungen desselben anzuweben wei\u00df, nachahmen, aber mit einem h\u00f6hern Widerspiele, und er wird begrenzte Natur mit der Unendlichkeit der Idee umgeben und jene wie auf einer Himmelfahrt in diese verschwinden lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98737\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Jean-Paul-e1645796341632.jpg\" alt=\"\" width=\"229\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie sowohl den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14142\">Essay <\/a>auf KUNO, als auch feinstes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15875\">Rezensionsfeuilleton <\/a>von Wolfgang Schlott.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In dieser Ansicht liegt zugleich die Bestimmung, was sch\u00f6ne (geistige) Nachahmung der Natur sei. 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