{"id":13676,"date":"2023-11-14T00:01:56","date_gmt":"2023-11-13T23:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13676"},"modified":"2022-02-26T09:23:01","modified_gmt":"2022-02-26T08:23:01","slug":"poetische-nihilisten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/14\/poetische-nihilisten\/","title":{"rendered":"Poetische Nihilisten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es folgt aus der gesetzlosen Willk\u00fcr des jetzigen Zeitgeistes \u2013 der lieber ichs\u00fcchtig die Welt und das All vernichtet, um sich nur freien <em>Spiel<\/em>-Raum im Nichts auszuleeren, und welcher den <em>Verband<\/em> seiner Wunden als eine <em>Fessel<\/em> abrei\u00dfet \u2013, da\u00df er von der Nachahmung und dem Studium der Natur ver\u00e4chtlich sprechen mu\u00df. Denn wenn allm\u00e4hlich die Zeitgeschichte einem Geschichtschreiber gleich wird und ohne Religion und Vaterland ist: so mu\u00df die Willk\u00fcr der Ichsucht sich zuletzt auch an die harten, scharfen Gebote der Wirklichkeit sto\u00dfen und daher lieber in die \u00d6de der Phantasterei verfliegen, wo sie keine Gesetze zu befolgen findet als eigne, engere, kleinere, die des Reim- und Assonanzen-Baues. Wo einer Zeit Gott, wie die Sonne, untergehet; da tritt bald darauf auch die Welt in das Dunkel; der Ver\u00e4chter des All achtet nichts weiter als sich und f\u00fcrchtet sich in der Nacht vor nichts weiter als vor seinen Gesch\u00f6pfen. Spricht man denn nicht jetzo von der Natur, als w\u00e4re diese Sch\u00f6pfung eines Sch\u00f6pfers worin ihr Maler selber nur ein Farbenkorn ist \u2013 kaum zum Bildnagel, zum Rahmen der schmalen gemalten eines Gesch\u00f6pfes tauglich; als w\u00e4re nicht das Gr\u00f6\u00dfte gerade wirklich, das Unendliche? Ist nicht die Geschichte das h\u00f6chste Trauer- und Lustspiel? Wenn uns der Ver\u00e4chter der Wirklichkeit nur zuerst die Sternenhimmel, die Sonnenunterg\u00e4nge, die Wasserfalle, die Gletscherh\u00f6hen, die Charaktere eines Christus, Epaminondas, der Katos vor die Seele bringen wollten, sogar mit den Zuf\u00e4lligkeiten der Kleinheit, welche uns die Wirklichkeit verwirren, wie der gro\u00dfe Dichter die seinige durch kecke Nebenz\u00fcge; dann h\u00e4tten sie ja das Gedicht der Gedichte gegeben und Gott wiederholt. Das All ist das h\u00f6chste, k\u00fchnste Wort der Sprache, und der seltenste Gedanke: denn die meisten schauen im Universum nur den Marktplatz ihres engen Lebens an, in der Geschichte der Ewigkeit nur ihre eigene Stadtgeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer hat mehr die Wirklichkeit bis in ihre tiefsten T\u00e4ler und bis auf das W\u00fcrmchen darin verfolgt und beleuchtet als das Zwillingsgestirn der Poesie, Homer und Shakespeare? Wie die bildende und zeichnende Kunst ewig in der Schule der Natur arbeitet: so waren die reichsten Dichter von jeher die anh\u00e4nglichsten, flei\u00dfigsten Kinder, um das Bildnis der Mutter Natur andern Kindern mit neuen \u00c4hnlichkeiten zu \u00fcbergeben. Will man sich einen gr\u00f6\u00dften Dichter denken, so verg\u00f6nne man einem Genius die Seelenwanderung durch alle V\u00f6lker und alle Zeiten und Zust\u00e4nde und lasse ihn alle K\u00fcsten der Welt umschiffen: welche h\u00f6here, k\u00fchnere Zeichnungen ihrer unendlichen Gestalt w\u00fcrd&#8216; er entwerfen und mitbringen! Die Dichter der Alten waren fr\u00fcher Gesch\u00e4ftm\u00e4nner und Krieger als S\u00e4nger; und besonders mu\u00dften sich die gro\u00dfen Epop\u00f6en-Dichter aller Zeiten mit dem Steuerruder in den Wellen des Lebens erst kr\u00e4ftig \u00fcben, ehe sie den Pinsel, der die Fahrt abzeichnet, in die H\u00e4nde bekamen.<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/Jean+Paul\/Schriften\/Vorschule+der+%C3%84sthetik\/Kleine+Nachschule+zur+%C3%A4sthetischen+Vorschule\/4.+Himmelfahrt-Woche\/%C3%9Cber+die+Dichtkunst#Fu%C3%9Fnoten_9\"><sup>9<\/sup><\/a> So Camoens, Dante, Milton etc.; und nur Klopstock macht eine Ausnahme, aber fast mehr f\u00fcr als wider die Regel. Wie wurden nicht Shakespeare und noch mehr Cervantes vom Leben durchw\u00fchlt und gepfl\u00fcgt und gefurcht, bevor in beiden der Blumensame ihrer poetischen Flora durchbrach und aufwuchs! Die erste Dichterschule, worein Goethe geschickt wurde, war nach seiner Lebenbeschreibung aus Handwerkerstuben, Malerzimmern, Kr\u00f6nungs\u00e4len, Reicharchiven und aus ganz Me\u00df-Frankfurt zusammengebauet. So bringt Novalis \u2013 ein Seiten- und Wahlverwandter der poetischen Nihilisten, wenigstens deren Lehenvetter \u2013 uns in seinem Romane gerade dann eine gediegenste Gestalt zu Tage, wenn er uns den Bergmann aus B\u00f6hmen schildert, eben weil er selber einer gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei gleichen Anlagen wird sogar der unterw\u00fcrfige Nachschreiber der Natur uns mehr geben (und w\u00e4ren es Gem\u00e4lde in Anfangbuchstaben) als der regellose Maler, der den \u00c4ther in den \u00c4ther mit \u00c4ther malt. Das Genie unterscheidet sich eben dadurch da\u00df es die Natur reicher und vollst\u00e4ndiger sieht, so wie der Mensch vom halbblinden und halbtauben Tiere; mit jedem Genie wird uns eine neue Natur erschaffen, indem es die alte weiter enth\u00fcllet. Alle dichterische Darstellungen, welche eine Zeit nach der andern bewundert, zeichnen sich durch neue sinnliche Individualit\u00e4t und Auffassung aus. Jede Sternen-, Pflanzen-, Landschaft- und andere Kunde der Wirklichkeit ist einem Dichter mit Vorteil anzusehen, und in Goethens gedichteten Landschaften widerscheinen seine gemalten. So ist dem reinen durchsichtigen Glase des Dichters die Unterlage des dunkeln Lebens notwendig, und dann spiegelt er die Welt ab. Es geht hier mit den geistigen Kindern, wie nach der Meinung der alten R\u00f6mer mit den leiblichen, welche man die Erde ber\u00fchren lie\u00df, damit sie <em>reden<\/em> lernten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">J\u00fcnglinge finden ihrer Lage gem\u00e4\u00df in der Nachahmung der Natur eine mi\u00dfliche Aufgabe. Sobald das Studium der Natur noch nicht allseitig ist, so wird man von den einzelnen Teilen einseitig beherrscht. Allerdings ahmen sie der Natur nach, aber einem St\u00fccke, nicht der ganzen, nicht deren freiem Geiste mit einem freien Geist. \u2013 Die Neuheit ihrer Empfindungen mu\u00df ihnen als eine Neuheit der Gegenst\u00e4nde vorkommen; und durch die erstern glauben sie die letzten zu geben. Daher werfen sie sich entweder ins Unbekannte und Unbenannte, in fremde L\u00e4nder und Zeiten ohne Individualit\u00e4t, nach Griechenland und Morgenland, oder vorz\u00fcglich auf das Lyrische; denn in diesem ist keine Natur nachzuahmen als die mitgebrachte; worin ein Farbenklecks schon sich selber zeichnet und umrei\u00dfet. Bei Individuen, wie bei V\u00f6lkern, ist daher Abf\u00e4rben fr\u00fcher als Abzeichnen,<em> Bilderschrift<\/em> eher als <em>Buchstabenschrift.<\/em> Daher suchen dichtende J\u00fcnglinge, diese Nachbarn der Nihilisten, z.B. eben Novalis oder auch Kunst-Romanschreiber, sich gern einen Dichter oder Maler oder anderen K\u00fcnstler zum darzustellenden Helden aus, weil sie in dessen weisen, alle Darstellungen umfassenden K\u00fcnstlerbusen und K\u00fcnstlerraum alles, ihr eignes Herz, jede eigne Ansicht und Empfindung kunstgerecht niederlegen k\u00f6nnen; sie liefern daher lieber einen Dichter als ein Gedicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kommt nun vollends zur Schw\u00e4che der Lage die Schmeichelei des Wahns, und kann der leere J\u00fcngling seine angeborne Lyrik sich selber f\u00fcr eine h\u00f6here Romantik ausgeben: so wird er mit Vers\u00e4umung aller Wirklichkeit \u2013 die eingeschr\u00e4nkte in ihm selber ausgenommen \u2013 sich immer weicher und d\u00fcnner ins gesetzlose W\u00fcste verflattern; und wie die Atmosph\u00e4re wird er sich gerade in der h\u00f6chsten H\u00f6he ins kraft-und formlose Leere verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um deswillen ist einem jungen Dichter nichts so nachteilig als ein gewaltiger Dichter, den er oft lieset; das beste Epos in diesem zerschmilzt zur Lyra in jenem. Ja, ich glaube, ein Amt ist in der Jugend ges\u00fcnder als ein Buch \u2013 obwohl in sp\u00e4tern Jahren das Umgekehrte gilt. \u2013 Das Ideal vermischt sich am leichtesten mit jedem Ideal, d.h. das Allgemeine mit dem Allgemeinen. Dann holet der bl\u00fchende junge Mensch die Natur aus dem Gedicht, anstatt das Gedicht aus der Natur. Die Folge davon und die Erscheinung ist die, welche aus allen Buchl\u00e4den heraussieht: n\u00e4mlich Farben-Schatten statt der Leiber; nicht einmal <em>nachsprechende,<\/em> sondern nachklingende Bilder von Urbildern \u2013 fremde, zerschnittene Gem\u00e4lde werden zu musaischen Stiften neuer Bilder zusammengereiht \u2013 und man geht mit fremden poetischen Bildern um, wie im Mittelalter mit heiligen, von welchen man Farben loskratzte, um solche im Abendmahlwein zu nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_14179\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-RichterJP1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14179\" class=\"size-full wp-image-14179\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-RichterJP1.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"288\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14179\" class=\"wp-caption-text\">Jean Paul, Gem\u00e4lde von Heinrich Pfenninger, 1798<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es folgt aus der gesetzlosen Willk\u00fcr des jetzigen Zeitgeistes \u2013 der lieber ichs\u00fcchtig die Welt und das All vernichtet, um sich nur freien Spiel-Raum im Nichts auszuleeren, und welcher den Verband seiner Wunden als eine Fessel abrei\u00dfet \u2013, da\u00df&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/14\/poetische-nihilisten\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":83,"featured_media":98737,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1131],"class_list":["post-13676","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-jean-paul"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13676","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/83"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13676"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13676\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100800,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13676\/revisions\/100800"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98737"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13676"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13676"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13676"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}