{"id":136,"date":"2011-12-29T00:01:27","date_gmt":"2011-12-28T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=136"},"modified":"2021-12-30T17:34:02","modified_gmt":"2021-12-30T16:34:02","slug":"the-breuer-eine-verneigung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/12\/29\/the-breuer-eine-verneigung\/","title":{"rendered":"The Breuer, eine Verneigung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Essay <a href=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/theo-breuer-von-buch-zu-buch-2011.htm\">Von Buch zu Buch<\/a> \u00b7 Lesezeiten 2011\u201c legt Theo Breuer ein Lesetagebuch vor. Er beschreibt die deutssprachige Literatur gleichsam aus der Warte des Ph\u00e4nomenologen: mit distanzierter N\u00e4he, mit anteilnehmender Beobachtung. Seine Essays sind immer Verf\u00fchrungen zur Literatur. Er ha\u00dft es, \u00fcber sich selbst zu sprechen. Nicht nur, weil ihm die B\u00fccher wichtiger sind als seine Person, sondern weil sie sich, hat sie sich einmal auf ein Gespr\u00e4ch eingelassen, bis zum \u00c4u\u00dfersten verausgabt. Und abermals ist diesem Homme de lettres gelungen seinen subjektiven Lesegenu\u00df so zu objektivieren, dass wir Leser einen geh\u00f6rigen Spa\u00df beim Lesen seines vorz\u00fcglich strukturierten Essays haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier ein Interview daraus:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO Weitab davon entfernt einen Zensus einf\u00fchren zu wollen, l\u00e4\u00dft sich die Vielgestalt von Literatur im 21. Jahrhundert \u00fcberhaupt noch Re:Zensieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">TB Zum Gl\u00fcck geschieht es nur noch selten, da\u00df mich ein Autor oder Verleger bittet, eine \u203aRezension\u2039 zu einem gerade erschienenen Buch zu schreiben. Mehr und mehr scheint es sich herumzusprechen, da\u00df ich kein Kritiker bin und sein will, ich will nicht kritisieren, kr\u00e4nken, lobhudeln, lamentieren, wie schlecht die Literatur ist, ach, ist die Literatur schlecht, mir wird schlecht, schlecht, schlecht, alles schlecht, von Buch zu Buch schlechter, sondern da\u00df ich Leser bin, der gelegentlich ein paar Gedanken im Zusammenhang mit der einen oder anderen Lekt\u00fcre innerhalb f\u00fcr ihn mehr oder weniger bemerkenswerter Lesenssituationen, im Grunde ganz f\u00fcr sich, formuliert. Und wenn ich Teile dieser Gedanken publik mache, geht es in erster Linie darum, auf ein Gedicht, einen Roman, einen Autor, ein Buch, eine Reihe, eine Edition, ein Magazin, einen Verlag aufmerksam zu machen in der guten Hoffnung, da\u00df die eine oder andere Bestellung erfolgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO Kunstbetrachtung ist nicht nur subjektiv, rezen\u00adsieren bedeutet simpli\u00adfizieren. Abgesehen von den seltenen und reichlich absurden F\u00e4llen, in denen ein Gem\u00e4lde aus Einfalts\u00adpinsel\u00adstrichen mit Herme\u00adneuten-Akrobatik zum Meister\u00adwerk veredelt wird, ist der Rezensent immer ein Reduktionist. Fahr\u00adl\u00e4ssigkeit ist sein Gesch\u00e4ft, anders kann er aus 200\/300 Seiten Norm\u00adl\u00e4ngen\u00adroman gar nicht 20\/30 Zeilen Zeitungstext machen. Meist kann er nicht mal alle Hauptfiguren erw\u00e4hnen, l\u00e4sst wichtige Hand\u00adlungs\u00adstr\u00e4nge einfach weg, verk\u00fcrzt auf unzu\u00adl\u00e4ssige Weise den Plot, entdeckt vielleicht nur einen Bruchteil der Anspielungen, von denen er kaum eine erw\u00e4hnt, und spinnt von den vielen Leitmotiven der Erz\u00e4hlung nur einige wenige zum roten Faden der Besprechung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">TB Buchh\u00e4ndler haben mir berichtet, wie sehr sie an der Nadel der Bestenlisten und Bespre\u00adchungen im Feuilleton h\u00e4ngen. Meine Wunsch\u00advorstellung, da\u00df jeder Mensch lesen m\u00f6ge, was er will, wird dadurch m\u00e4chtig torpediert. Aus verschie\u00addenen Gr\u00fcnden habe ich kaum noch die Gelegenheit, an den Regalen der Buch\u00adhandlungen entlang zu flanieren, und wenn, dann ist es die einst von mir so gesch\u00e4tzte Buch\u00adhandlung im K\u00f6lner Haupt\u00adbahnhof, die mir jetzt als Beispiel dient. Vom einstigen Wohl\u00adgef\u00fchl im Ta\u00adschen\u00adbuch\u00adkeller ist nichts mehr geblieben angesichts der Massenware, die mich hier und heute \u00fcberf\u00e4llt. Von den einst prall gef\u00fcllten Lyrik-Regalen, die viele Jahre lang f\u00fcr \u00dcber\u00adraschun\u00adgen gut waren, ist sozusagen nichts geblieben, ein k\u00fcmmerlicher Mainstream-Rest. In Heiner M\u00fcllers Gedicht \u00bbAjax zum Beispiel\u00ab von 1994 hei\u00dft es schon: \u00bbIn den Buchl\u00e4den stapeln sich \/ Die Bestseller Literatur f\u00fcr Idioten \/\u00a0Denen das Fernsehn nicht gen\u00fcgt\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO B\u00fcchermachen geschieht in einem Konflikt zweier Werte\u00adsysteme. Der Neo\u00adlibera\u00adlismus erreicht das Verlagswesen \u00fcber die Werte der Kommunikationsbranche. Tr\u00e4ger dieser Werte sind die gro\u00dfen Medien\u00adkonzerne, die in Presse und Digital\u00adfernsehen enorm pr\u00e4sent sind, also in den Vermitt\u00adlungs\u00admedien, durch die bisher, vor allem durch die Presse, die potentiellen Leser von der Existenz der B\u00fccher erfuhren. Doch diese Konzerne sind finan\u00adziell auch sehr stark im Vertrieb engagiert, also in den Netzwerken, die die physische Pr\u00e4senz der B\u00fccher in den Buch\u00adhand\u00adlungen oder Buchm\u00e4rkten sicherstellen. F\u00fcr einen Medien\u00adkonzern dient das Buch dazu, die vielen anderen Aktivit\u00e4ten des Unter\u00adnehmens mit einem Inhalt zu versehen: Presse, Filmstudio, Fernseh- oder Radio\u00adsendungen, sogar den Vorzugsverkauf in den hauseigenen Buch\u00adhandlungen. Alle Medien\u00adkonzerne werden strukturiert durch die Norm des Gegenwartkultes, des unmittel\u00adbaren Umsetzens von Themen und Produkten, des schnellstm\u00f6glichen Auszahlens der Investition. Ihre Zeit\u00adschriften konzen\u00adtrieren sich daher auf die Bestseller, die sich sehr schnell verkaufen sollen und der gro\u00dfen Homo\u00adgenit\u00e4t der Ver\u00adtriebs\u00adsysteme angepa\u00dft sind, die wiederum eher dazu da sind, die Verkaufs\u00adzahlen der Bestseller in die H\u00f6he zu treiben, als dazu, die breite und anhaltende Pr\u00e4senz von anspruchs\u00advollen B\u00fcchern zu gew\u00e4hr\u00adleisten. Das Buch ist immer eine Handels\u00adware gewesen, die herge\u00adstellt, verkauft, getauscht wird. Da\u00df Lyrik aus Sicht der Buch\u00adh\u00e4ndler gleichsam eine Randsportart ist, die Platz, also Verkaufs\u00adfl\u00e4che wegnimmt, ist nur allzu schl\u00fcssig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO Mir rauscht der Kopf, \u00bbDer Worte sind genug ver\u00adwechselt\u00ab (Andreas Reimann), soll trotzdem jeder weiter lesen, was er will und zusehen, da\u00df er findet, was er sucht, ich stelle jedenfalls jetzt die \u00bbRand\u00adsportart\u00ab f\u00fcr eine halbe Stunde in den Mittel\u00adpunkt des Daseins.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Ein Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer.<\/p>\n<div id=\"attachment_44595\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-image-44595 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-caption-text\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>&#8220; <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mit dem Essay Von Buch zu Buch \u00b7 Lesezeiten 2011\u201c legt Theo Breuer ein Lesetagebuch vor. Er beschreibt die deutssprachige Literatur gleichsam aus der Warte des Ph\u00e4nomenologen: mit distanzierter N\u00e4he, mit anteilnehmender Beobachtung. 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