{"id":13587,"date":"2013-03-08T00:01:10","date_gmt":"2013-03-07T23:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13587"},"modified":"2021-12-01T06:47:44","modified_gmt":"2021-12-01T05:47:44","slug":"das-hungertuch-fur-literatur-2013-an-swantje-lichtenstein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/03\/08\/das-hungertuch-fur-literatur-2013-an-swantje-lichtenstein\/","title":{"rendered":"Das Hungertuch f\u00fcr Literatur 2013 geht an Swantje Lichtenstein"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\" align=\"center\"><span style=\"color: #999999;\">Swantje Lichtenstein aus K\u00f6ln erh\u00e4lt in Anerkennung ihres lyrischen Werks das Hungertuch f\u00fcr Literatur 2013<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/SwantjeLichtenstein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-13605\" title=\"SwantjeLichtenstein\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/SwantjeLichtenstein-300x241.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"241\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/SwantjeLichtenstein-300x241.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/SwantjeLichtenstein-1024x825.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>In sich gekehrt, um sich der Welt zu \u00f6ffnen. Lyriker versuchen mit ihren Werken immer wieder den eigenen Geist und die eigenen Gesten, mit der Materie zu verbinden, sich selbst in die vier Jahreszeiten und die vier Himmelsrichtungen einzuschreiben. So gesehen sind Swantje Lichtensteins Gedichte keine Hymne auf Kunst oder Geist, sondern eher das verhaltene Lied der Erde \u2013 ein wenig dunkel, ein wenig traurig und f\u00fcr unseren Kopf nicht wirklich zu fassen. Verg\u00e4nglichkeit, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreiben, mit der eigenen und der allgemeinen Geschichte sind ihre Themen, wobei die Gedichte sprachlich oft widerborstig daherkommen, teilweise aber auch melancholische T\u00f6ne anschlagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal erscheinen B\u00fccher mit einem Titel, bei denen man sich wundert, da\u00df es sie noch nicht gibt. Mit ihren \u00bbSexophismen\u00ab meldet sich eine k\u00fchne Stimme in der deutschsprachigen Lyrik zu Wort. Lichtensteins Verse sind ausdrucksstark; sie zeichnet mit Metaphern Sprachbilder in die Vorstellungen der Leser. Diese erotische Dichtung h\u00e4lt gleichsam die Mittelstellung und fundiert eine Grenze zur \u201eplatten Ansicht\u201c, indem sie nicht nur das Erleben m\u00f6glichst deutlich vorstellen, sondern auch die Zusammenh\u00e4ngen der Erlebenskultur und -tradition erschlie\u00dfbar machen und mit \u00bbSexophismen\u00ab kommentieren kann. Das Verh\u00e4ltnis dieser beiden Seiten zueinander ist wesentlich f\u00fcr die Stimmung einer gedichteten Erotik. Lesenswert ist dieser Zyklus nicht nur wegen der souver\u00e4n eingesetzten sprachlichen Mittel, die vom volksliedhaften bis zu einem manchmal recht pathetischen Ton reichen und \u00fcber ein gro\u00dfes Formenspektrum verf\u00fcgen, sondern auch wegen der Anregung zu Mit- und weiterdenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Sexo-Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13606 alignright\" title=\"Sexo-Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Sexo-Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Sexo-Cover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Sexo-Cover-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Wer Roland Barthes&#8216; geschliffene \u00bbFragmente einer Sprache der Liebe\u00ab liest, um eigene Erfahrungen subtiler zu durchdringen, dem er\u00f6ffnet sich m\u00f6glicherweise eine Wahrheit, die zuvor ein gelebter Moment nicht erkennen lie\u00df. Wendet man Barthes&#8216; Formulierungskunst jedoch offensiv im gelebten Moment an, dann nimmt das Leben unmittelbaren Schaden. So geschieht es in den \u00bbSexophismen\u00ab, und damit etwas Wahres \u00fcber die Spannung zwischen Leben und Lesen, zwischen F\u00fchlen und Denken gesagt. Diese Lyrikerin ist eine gro\u00dfe Wortverdreherin, eine Sprachspielerin am Abgrund des Unaussprechlichen, die das Gesagte und das Ungesagte, das Sagbare wie das Unsagbare jederzeit zu einem Wortwitz machen kann. Ein lyrisches Ich, das alles aufs Spiel setzt, welches vom Weltgef\u00fchl der Verlorenheit umzingelt ist und dennoch am Rande des Schweigens die Sprache zu Wort kommen l\u00e4\u00dft. F\u00fcr diese existenzielle Zerrei\u00dfprobe noch W\u00f6rter zu finden \u2013 das ist Poesie. Diese Gedichte machen Spa\u00df, soviel Spa\u00df, da\u00df stummes Grinsen bei der Lekt\u00fcre nicht reichen wird. Man sollte sich f\u00fcr sein Lachen nicht sch\u00e4men, sich eher dar\u00fcber wundern, wie wenig Humor ansonsten in der sogenannten ernsten Literatur zu finden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cEntlang der lebendigen Linie\u201c tastet sich diese Lyrikerin sophistisch zu ihren \u00bbSexophismen\u00ab, welche mit sogenannten \u201ePortalen\u201c den Lesern Zugang zum Schreiben der Dichterin und Wissenschaftlerin verschaffen. Lichtenstein l\u00e4\u00dft die deutsche Sprache in der Schwebe, geht ihrem Klang nach, ihrem Rhythmus, bis sich Assoziationsr\u00e4ume \u00f6ffnen. Der Verkapselung, Verdichtung und Verknappung ist es wohl auch zuzuschreiben, da\u00df Lichtensteins Gedichte dunkel, oder hermetisch genannt werden. Man muss sich erst mal in diese Sprache hineinlesen. Dieses Buch ist sperrig, kaum da\u00df man glaubt, den Zyklus im Griff zu haben, verrutschen die Zeilen, man bl\u00e4ttert zur\u00fcck und will es genauer wissen. Die M\u00fche wird durch das Dechiffriersyndikat belohnt. Jede Zeile erzeugt einen neuen Text aus einer alten Leserin, dergestalt bewegt sich Lichtenstein augenzwinkernd zwischen Archaik und Moderne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1148 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch-230x300.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch-230x300.jpg 230w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch.jpg 384w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahr 2001 wurde mit dem <em>Hungertuch<\/em> vom rheinischen Kunstf\u00f6rderer Ulrich Peters ein K\u00fcnstlerpreis gestiftet, der in den Jahren seines Bestehens von K\u00fcnstlern an K\u00fcnstler verliehen wird. Es gibt im Leben unterschiedliche Formen von Erfolg. Zum einen gibt es die Auszeichnung durch Preise und Stipendien, zum anderen die Anerkennung durch die Kolleginnen und Kollegen. Letzteres manifestiert sich in diesem K\u00fcnstlerpreis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"right\">Die Dokumentation des Hungertuchpreises ist in der erweiterten Taschenbuchausgabe erschienen:\u00a0 <strong>Twitteratur<\/strong>, Genese einer Literaturgattung. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2019.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>. Und ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/06\/recap-hungertuchpreis\/\">Recap<\/a> des Hungertuchpreises. Eine Liste der bisherigen Preistr\u00e4ger finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?page_id=368\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Swantje Lichtenstein aus K\u00f6ln erh\u00e4lt in Anerkennung ihres lyrischen Werks das Hungertuch f\u00fcr Literatur 2013 In sich gekehrt, um sich der Welt zu \u00f6ffnen. 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