{"id":13549,"date":"2023-07-29T00:01:39","date_gmt":"2023-07-28T22:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13549"},"modified":"2022-02-25T17:55:51","modified_gmt":"2022-02-25T16:55:51","slug":"die-kunst-ihr-wesen-und-ihre-gesetze","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/29\/die-kunst-ihr-wesen-und-ihre-gesetze\/","title":{"rendered":"Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Schrift, der ein derartiger Titel vorgedruckt ist, setzt damit ihren Inhalt sofort zwei Deutungen aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entweder, sagt man sich, sieht der Verfasser das Problem, das seiner Arbeit als Object dient, bereits f\u00fcr gel\u00f6st an und beschr\u00e4nkt sich nun darauf, diese bereits vorhandene und ihm von Andern \u00fcberlieferte L\u00f6sung zu einem vorderhand noch nicht ersichtlichen Zweck, und zwar wahrscheinlich m\u00f6glichst anschaulich, zu reproduciren, oder aber er leugnet den Erfolg aller bisher unternommenen einschl\u00e4gigen Versuche und bem\u00fcht sich nun, die betreffende Frage von Neuem zu beantworten und zwar selbstst\u00e4ndig, aus eigener Kraft, und im Widerspruch mit all seinen Vorg\u00e4ngern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im ersten Falle darf man darauf gefasst sein, einer wenn auch selten \u00fcberfl\u00fcssigen, so doch niemals bedeutenden, weil den vorhandenen Erkenntnissschatz nicht bereichernden Arbeit zu begegnen, im zweiten einer doch jedenfalls, zum Mindesten, nicht grade uninteressanten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass diese zweite Arbeit, falls sie die Aufgabe, die sie sich gestellt hat, wirklich l\u00f6st, d.h. falls sie auf die Frage, die ihrer Existenz zu Grunde liegt, eine in der That befriedigendere Antwort zu geben vermag, als die bisherigen, oder um mich vielleicht noch deutlicher auszudr\u00fccken, endlich <em>die<\/em> Antwort zu geben vermag, die herausw\u00e4chst mit elementarer Folgerichtigkeit aus den Wurzeln der gerade zeitweilig triumphirenden Weltanschauung, mit der jene fr\u00fcheren L\u00f6sungsversuche sich nun einmal nicht mehr decken wollen, dass dann diese zweite Arbeit nicht etwa blos die unverh\u00e4ltnissm\u00e4ssig gewichtigere sein w\u00fcrde, sondern geradezu dazu berufen, eine Wohlthat f\u00fcr die gesammte Entwicklung zu werden, eine Br\u00fcckenbauerin und Wegweiserin, ohne die es sonst \u00bblangsamer\u00ab gehn w\u00fcrde, braucht dem Einsichtigen, als selbstverst\u00e4ndlich, wohl nicht erst bewiesen zu werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um nun niemand, der diese Schrift etwa einer Lect\u00fcre unterziehen m\u00f6chte, in Zweifel zu lassen, bemerke ich, dass auf die vorliegende Arbeit die zweite Deutung zutrifft: ihr Verfasser leugnet, dass das ihr als Object dienende Problem bereits gel\u00f6st ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob seine eigne L\u00f6sung die endg\u00fcltige ist, \u00bbendg\u00fcltig\u00ab selbstverst\u00e4ndlich nur innerhalb der enggesteckten vier Grenzpf\u00e4hle unserer heutigen Weltauffassung, ob sie die Br\u00fccken bauen und die Wege weisen wird, auf dass es \u00bbschneller\u00ab gehe, wird die Zukunft zeigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls ist sie so auffallend wenig complicirt, so r\u00fchrend einfach, so ohne allen \u00bbBrimborium\u00ab, und \u00fcberdies allem Bisherigen auf diesem Gebiete so lehrreich diametral entgegengesetzt, dass ich es durchaus nur f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halten werde, wenn unsre\u00a0ernsthaften Leute, die ja ihr Brod und ihre Bildung einstweilen noch von der alten her beziehen, sie die erste Zeit f\u00fcr einen Aprilscherz ausschreien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es existirt niemand, der ihnen dieses kindliche Vergn\u00fcgen wird verwehren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEine neue Auffassung kann nur verstanden werden durch ihre geschichtliche Entstehung.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist ein alter Satz, und ich glaube, ich thue gut daran, ihn zu beherzigen. Ich werde also meine neue \u00bbTheorie\u00ab mit Verlaub zu sagen, \u2013 man verzeihe mir dieses harte Wort, ich weiss, es ist f\u00fcr gewisse Menschen heute, \u00bbfreie Geister\u00ab nennen sie sich in ihren B\u00fcchern, was ein rother Lappen f\u00fcr gewisse Thiere ist, n\u00e4mlich ein Ding, gegen das man unter allen Umst\u00e4nden mit seinen H\u00f6rnern rennt \u2013 ich werde also meine neue Theorie, meine ich, den Lesern dieser Bl\u00e4tter am besten dadurch n\u00e4her zu bringen versuchen, indem ich ihnen einfach erz\u00e4hle, wie sie nach und nach in mir geworden. Sie jetzt hier pl\u00f6tzlich unvermittelt und nur so aus dem Aermel gesch\u00fcttelt, gewissermassen als eine Art Dictat aus dem Jenseits hinzuspielen, das mir, dem Begnadeten, zu Theil geworden, w\u00e4re allerdings vielleicht etwas bequemer und wohl auch f\u00fcr viele, wie ich die Leute kenne, sozusagen etwas angenehm verbl\u00fcffender, aber ich bin nun einmal ein ehrlicher Mann und kann mir nicht anders helfen: von aller Art Mystik ist mir grade die jedweilig modernste immer die widerw\u00e4rtigste gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lassen wir also alle sogenannte \u00bbIntuition\u00ab und \u00bbInspiration\u00ab und wie dergleichen grossbrockiges Zeug sich sonst noch betiteln mag \u2013 nat\u00fcrlich immer dem lieben pp. Spiegel vis-\u00e0-vis notabene \u2013 bei Seite und den Poseuren und Zirkusreitern und halten wir uns lieber \u00bbhausbacken\u00ab an die Thatsachen; dieselben, die verrathen, wie viel Schweisstropfen t\u00e4glich vergossen werden, ehe auch nur das kleinste Wahrheitchen gefunden wird. Kein Steinchen wird deswegen aus unsrer etwaigen Krone fallen, kein St\u00e4ubchen von unserm eventuellen Werth abfliegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freilich wird dabei nicht zu vermeiden sein, dass ich dem Leser ab und zu auch mit allerhand Intimit\u00e4ten aufwarte; dass ich ihn \u00f6fter und tiefer in meine Werkstatt sehn lasse, als dies sonst bei uns Schriftstellern wohl \u00fcblich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind eben der Mehrzahl nach leider eine ziemlich kleinkr\u00e4mrige Gesellschaft, sehr besorgt f\u00fcr uns und heillos eitel, und lieben es nicht, wenn man uns im Negligee ertappt. Alles, nur sich nicht hinter die Coulissen kucken lassen! Das ist so recht das A und O unsrer Weisheit. Und ich glaube, ich f\u00fcrchte, ich argw\u00f6hne, die Schuld daran tr\u00e4gt jener Esel, der zum ersten Mal auf den Einfall kam, sich das W\u00f6rtchen \u00bbGenie\u00ab zu construiren!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kennt ja die Geschichte: Wo das Genie auftritt, hat das Naturgesetz pl\u00f6tzlich ein Loch \u2013 bumm! \u00bbDas Genie\u00ab, orakelt schon der alte Carlyle, \u00bbist ein Bote aus der Welt des Uebersinnlichen.\u00ab Des Uebersinnlichen! Wie das reizt, wie das schmeichelt! Was also nat\u00fcrlicher, als dass man als Interessent, als K\u00fcnstler, einen m\u00f6glichst grossen Nebel um sich zu breiten versucht, der alle handfesteren Beziehungen zwischen uns und der trivialen Aussenwelt discret umschleiert, der uns losgel\u00f6st erscheinen l\u00e4sst von dem Boden, aus welchem wir gewachsen, ein unverst\u00e4ndliches Ding, nicht mehr erkl\u00e4rbar aus seinem Milieu heraus und nur ein Beweihr\u00e4ucherungsobject f\u00fcr die anbetungsbed\u00fcrftige Menge?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun, ich f\u00fcr meinen Theil finde eine derartige Art und Weise, sich heute, im Zeitalter des Eiffelthurms und vielleicht noch verschiedener andrer sch\u00f6ner Dinge, am Ende gar selber etwas vormachen zu wollen, wie gesagt, herzlich abgeschmackt. Ich glaube an \u00bbGenies\u00ab \u2013 d.h. wohl verstanden an die Carlyle&#8217;schen! \u2013 ebenso wenig, wie an Krokodile, die tanzen k\u00f6nnen, oder Pyramiden, die Kopf stehn. Und da ich also schon aus diesem Grunde wirklich nicht w\u00fcsste, was mir leichter fallen k\u00f6nnte, als auf den Traum, oder wenn man lieber will, auf den Wunsch, von gef\u00e4lligen H\u00e4nden gelegentlich auch einmal in ihre imagin\u00e4re Kategorie gestopft zu werden, schon jetzt und f\u00fcr immer l\u00e4chelnd zu verzichten, so habe ich, wie man sieht,\u00a0also wirklich auch nicht das geringste Interesse daran, mich hier zu \u00bbdrapiren\u00ab und brauche mir sogar kein Gewissen daraus zu machen, mich meinen Lesern, wenn&#8217;s noth thut, in Schlafrock und mit langer Pfeife zu pr\u00e4sentiren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn sie das nicht genirt, mich genirt das nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will es zufrieden sein, und wenn ich damit viel leicht auch nur Eins erreiche. N\u00e4mlich, dass man dieses Buch, trotzdem doch sein Thema an Abstractheit gewiss nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig l\u00e4sst, lesen kann mit der Cigarre auf dem Sopha, meinetwegen auch mit einer Tasse Kaffee daneben, ohne danach \u00bbKopfschmerzen\u00ab zu bekommen. Denn ich bin nun einmal der Ansicht, dass der Werth auch eines wissenschaftlichen Werkes nicht darin besteht, dass es in einem m\u00f6glichst schwerf\u00e4lligen Kauderwelsch geschrieben ist. Im Gegentheil! Ich glaube, auch in diesem P\u00fcnktchen h\u00e4tten grade wir Deutschen, wir Nur-Gott-F\u00fcrchter-und-sonst-niemand-in-der-Welt, wieder einmal allen Grund, von den ja mit Recht so verachteten\u00a0Ausl\u00e4ndern zu lernen. Und, nat\u00fcrlich, in erster Linie, wieder von den verfluchten Franzosen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe mir alle M\u00fche gegeben, es zu thun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze<\/strong>. Berlin 1891<\/p>\n<div id=\"attachment_92143\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-92143\" class=\"size-full wp-image-92143\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"590\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz.jpg 800w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz-300x221.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz-768x566.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz-560x413.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz-260x192.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz-160x118.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-92143\" class=\"wp-caption-text\">ADN-ZB\/Archiv<br \/>Berlin: Gottfried Benn legt im Namen der Dichter-Akademie einen Kranz am Grabe des Schriftstellers Arno Holz auf dem Friedhof an der Heerstrasse nieder.<br \/>(Aufn.: 1933)<br \/>13933-33<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span data-offset-key=\"2nrmv-0-0\">Eine W\u00fcrdigung von Arno Holz durch Kurt Tucholsky findet sich<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13542\">hier<\/a> und eine Rezension des Bandes\u00a0<strong>Antreten zum Dichten!<\/strong>, Lyriker um Arno Holz <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13964\">hier.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Eine Schrift, der ein derartiger Titel vorgedruckt ist, setzt damit ihren Inhalt sofort zwei Deutungen aus. 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