{"id":13537,"date":"2022-12-21T00:01:04","date_gmt":"2022-12-20T23:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13537"},"modified":"2022-02-24T18:56:56","modified_gmt":"2022-02-24T17:56:56","slug":"zur-soziologischen-psychologie-der-locher","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/21\/zur-soziologischen-psychologie-der-locher\/","title":{"rendered":"Zur soziologischen Psychologie der L\u00f6cher"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Da\u00df die wichtigsten Dinge durch R\u00f6hren gethan werden. Beweise: erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schie\u00dfgewehr.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Lichtenberg<\/span><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. W\u00e4re \u00fcberall etwas, dann g\u00e4be es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus k\u00f6nnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedr\u00e4ngt werden. Loch ist immer gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn der Mensch \u203aLoch\u2039 h\u00f6rt, bekommt er Assoziationen: manche denken an Z\u00fcndloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, stecken immer eins zur\u00fcck, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hineingesteckt, und zum Schlu\u00df \u00fcberblicken sie die Reihe dieser L\u00f6cher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstra\u00dfe ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch grade aus diesem gekommen? Ein paar L\u00f6cher weiter, und das Assessorexamen w\u00e4re ihnen sicher gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Merkw\u00fcrdigste an einem Loch ist der Rand. Er geh\u00f6rt noch zum Etwas, sieht aberbest\u00e4ndig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: w\u00e4hrend den Molek\u00fclen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molek\u00fclen des Lochs . . . festlig? Daf\u00fcr gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Loch ist statisch; L\u00f6cher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">L\u00f6cher, die sich verm\u00e4hlen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorg\u00e4nge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei L\u00f6chern: geh\u00f6rt dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden? Meine Sorgen m\u00f6cht ich haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Dr\u00fcckt es sich seitw\u00e4rts in die Materie? oder l\u00e4uft es zu einem andern Loch, um ihm sein Leid zu klagen \u2013 wo bleibt das zugestopfte Loch? Niemand wei\u00df das: unser Wissen hat hier eines.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch ist: kann da noch ein andres sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und warum gibt es keine halben L\u00f6cher \u2013?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche Gegenst\u00e4nde werden durch ein einziges L\u00f6chlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze \u00fcbrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ding an sich mu\u00df noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch st\u00e4ke und mit dem andern bei uns: der allein w\u00e4re wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein. Gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Prim\u00e4re. Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt. Wenn Sie tot sind, werden Sie erst merken, was leben ist. Verzeihen Sie diesen Abschnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen St\u00fcck und dem n\u00e4chsten ein Loch ausf\u00fcllen wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuerst erschienen in <em>Die Weltb\u00fchne<\/em>, 17.03.1931, Nr. 11, S. 389<\/p>\n<div>\n<div id=\"attachment_15606\" style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15606\" class=\"size-medium wp-image-15606\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282-176x300.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15606\" class=\"wp-caption-text\">Tucholsky in Paris (1928)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da\u00df die wichtigsten Dinge durch R\u00f6hren gethan werden. Beweise: erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schie\u00dfgewehr. Lichtenberg &nbsp; Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist. Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/21\/zur-soziologischen-psychologie-der-locher\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":81,"featured_media":97977,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1099],"class_list":["post-13537","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-kurt-tucholsky"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13537","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/81"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13537"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13537\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100370,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13537\/revisions\/100370"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97977"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13537"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13537"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13537"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}