{"id":13523,"date":"2020-03-11T00:01:27","date_gmt":"2020-03-10T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13523"},"modified":"2022-02-17T17:24:20","modified_gmt":"2022-02-17T16:24:20","slug":"dr-caligari","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/11\/dr-caligari\/","title":{"rendered":"Dr. Caligari"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Jahren, seit den gro\u00dfen Wegener-Filmen, habe ich nicht so aufmerksam im Kino gesessen wie beim<em> \u203aKabinett des Dr. Caligari\u2039.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Film, verfa\u00dft von Carl Mayer und Hans Janowitz, inszeniert von Robert Wiene mit Hilfe der Maler Hermann Warm, Walter Reimann und Walter R\u00f6hrig, ist etwas ganz Neues. Der Film spielt \u2013 endlich! endlich! \u2013 in einer v\u00f6llig unwirklichen Traumwelt, und hier ist ohne Rest gel\u00f6st, was seinerzeit bei der Inszenierung der <em>\u203aWupper\u2039<\/em> im Deutschen Theater erstrebt wurde und nicht ganz erreicht werden konnte. Wenn man nun noch die Schauspieler in weniger reale Kost\u00fcme steckte \u2013 wo gibt es in diesen schiefen, verqueren, hingehauenen H\u00e4usern solche soliden Kragen? \u2013: dann w\u00e4re alles gut. (Fast alles: Herr Feh\u00e9r ist es nicht, weil er sich, wie seine Partnerinnen, grade so bewegt, als ob er in einem schlechten Porten-Film mitwirkte.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nun la\u00dft mich loben. Ein Wahnsinniger erz\u00e4hlt einem Kollegen der gleichen Fakult\u00e4t sein Schicksal. Das Ganze unheimlich aufgebaut, verwischt, aber nicht ganz vom R\u00e4sonnement befreit. Fast jedes Bild ist gelungen: namentlich jene kleine Stadt auf dem Berge (alle Szenerien sind gemalt, nichts spielt vor wirklichen Dingen), ein Platz mit Karussells, merkw\u00fcrdige Zimmer, entz\u00fcckend stilisierte Amtsr\u00e4ume, in denen Hoffmannsche Beamte auf spitzen St\u00fchlen sitzen und regieren. Verzwackt die Geb\u00e4rden, verzwickt Licht und Schattenspiel an den W\u00e4nden . . .<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fabel vom Mi\u00dfbrauch des Somnambulen eben nicht neu \u2013 aber h\u00f6chst einpr\u00e4gsam gemacht. Manche Bilder haften: der M\u00f6rder in seiner hohen Zelle, Stra\u00dfen mit laufenden Leuten, eine dunkle Gasse \u2013 man mu\u00df an Wunder glauben, um das gestalten zu k\u00f6nnen. Und die Mimen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Werner Krau\u00df wie aus einer Hoffmannschen Erz\u00e4hlung herausgeschnitten, er ist wie ein dicker Kobold aus einem deutschen M\u00e4rchen, ein B\u00fcrgerteufel, eine seltsame Mischung von Realistik, und Phantasie. Besonders bei ihm ist zu sp\u00fcren: niemand geht durch solche Gassen, weil es sie nicht gibt \u2013 ginge aber einer, dann k\u00f6nnte er nur so gehen wie dieser unheimliche Kerl. (Goethe nannte das einmal die solide Mache in der Phantastik.) Veidt stelzt d\u00fcnn und nicht von dieser Erde durch seine wirre Welt: einmal ein herrlicher Augenaufschlag,\u00a0einmal wie von Kubin, schwarz und schattenhaft und ganz lang an einer Mauer hingespensternd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Mord wird sichtbar \u2013 als Schattenspiel an einer grauen Wand. Und zeigt wieder, wie das Geahnte schrecklicher ist als alles Gezeigte. Mit unserer Phantasie kann kein Kino mit. Und da\u00df in diesem Film, von einer geraubten Frau, ein Schrei ert\u00f6nt, den man h\u00f6rt, wirklich h\u00f6rt (wenn man Ohren hat) \u2013 das soll ihm unvergessen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Publikum schwankte zwischen Heiterkeit und Unverst\u00e4ndnis: der Berliner hat, wenn er sich grault, einen Lacher zur Verf\u00fcgung, der durch die Nase geblasen wird, das ist h\u00f6chst effektvoll. Ein Provinzgesch\u00e4ft ist es nicht, und ich f\u00fcrchte, nicht einmal ein berliner Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber \u2013 die gr\u00f6\u00dfte von allen Seltenheiten \u2013: ein guter Film. Mehr solcher!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p>Zuerst erschienen in:\u2028 <em>Die Weltb\u00fchne<\/em>, 11.03.1920, Nr. 11, S. 347.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Caligari.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-13527\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Caligari.jpg\" alt=\"\" width=\"155\" height=\"334\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Caligari.jpg 155w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Caligari-139x300.jpg 139w\" sizes=\"auto, (max-width: 155px) 100vw, 155px\" \/><\/a>Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Seit Jahren, seit den gro\u00dfen Wegener-Filmen, habe ich nicht so aufmerksam im Kino gesessen wie beim \u203aKabinett des Dr. Caligari\u2039. 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