{"id":13517,"date":"2023-09-12T00:01:28","date_gmt":"2023-09-11T22:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13517"},"modified":"2022-02-25T19:42:15","modified_gmt":"2022-02-25T18:42:15","slug":"stirbt-die-kunst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/12\/stirbt-die-kunst\/","title":{"rendered":"Stirbt die Kunst?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese seltsame Frage ist jetzt zum zweiten Male aufgetaucht. Schon vor Jahresfrist hatte Moszkowski, der Chefredakteur der <em>\u203aLustigen Bl\u00e4tter\u2039<\/em>, die Frage gestellt, in etwas unklarer Weise behandelt und schlie\u00dflich bejaht. Jetzt kommt ein Berufener, um sie abermals zu stellen und abermals zu bejahen: Victor Auburtin. Auburtin, der Sch\u00f6pfer eines der feinsten deutschen Prosast\u00fccke: <em>\u203aDer Ambassadeur\u2039<\/em>, ver\u00f6ffentlicht in einem kleinen Hefte bei A. Langen-M\u00fcnchen Ansichten, die nicht nur die kleine Gruppe der Literaten angehen. Hier wird ein Problem der Massen behandelt! Und weil er mit seinem blitzenden Schwertlein so unvorsichtig herumgefuchtelt hat \u2013 getan hat er keinem etwas \u2013 darum wollen wir die Marionette des Kritikers Auburtin (nicht des K\u00fcnstlers!) auf eine kleine B\u00fchne stellen und ihn sprechen lassen. Hoppla!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber sachte! sachte! Immer ausreden lassen und nicht unterbrechen! Erst soll er uns erheitern und dann werden wir sehen. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er spricht: \u00bbKunst ist Verz\u00fcckung, Raserei, Tr\u00e4umerei, Schw\u00e4rmerei, Delirium . . . Kunst wuchs empor aus den d\u00e4mmernden Kirchen, in denen (verlogene) Pfaffen beteten . . . Kunst entstand aus der Vagabondage und dem Elend des Schauspielers, aus den kleinen, eckigen Kleinst\u00e4dten, die noch keine Kanalisation hatten, aber Idylle, \u2013 die Voraussetzungen der Kunst sind der Krieg, gro\u00dfe Epidemien, Raubrittertum, regellose Unordnung! \u2013 (spricht er.) Die Ordnung kommt, die soziale Organisation, die wenigstens das aller-, allerschlimmste zu beseitigen versucht . . . und nun stirbt die Kunst! \u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorhang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allseitiges Staunen. Also \u2013 wie? . . . Die Masse (wer ist das \u00fcbrigens?) ist schuld am Untergang der Kunst. Hm. Welche Masse? An welcher Kunst? Das wollen wir sehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst: Kunst ist gar nicht \u00bbDelirium, Schw\u00e4rmen, Tr\u00e4umerei\u00ab! \u2013 Das kann sie auch sein. Aber wo bliebe, wenn sie es nur w\u00e4re, die edle Klarheit Goethes. \u00bbJa!\u00ab spricht die Marionette, \u00bbder k\u00f6nnte heute auch nicht mehr durchdringen, die Masse hat ja nicht die Geduld mehr, zu lesen.\u00ab \u2013 \u203aDurchdringen\u2039? Ist denn Goethe \u203adurchgedrungen\u2039? \u2013 Keine Spur; es existieren eine Unzahl ung\u00fcnstiger Kritiken, die ihn nicht begriffen, und, wie er sich einst zu Eckermann beklagte, \u00bbim eigentlichen Volke bleibe alles still\u00ab. \u2013 F\u00fcr solche Erscheinungen hat nun Auburtin zwei Schemen: erstens: die Masse k\u00fcmmert sich nicht um die Kunst. Nat\u00fcrlich, sagt er dann, wie sollte sie auch, diese \u2013 Masse! Zweitens: sie k\u00fcmmert sich um die Kunst. Dann schreit er: \u00bbDie Kunst stirbt an der Verp\u00f6belung. Die Masse herrscht, und vor ihr hat alles zu kuschen. Sie verlangt billige Kunst und eine handfeste, deutliche Kunst, von der man doch etwas hat.\u00ab \u2013 Ja! Aber das hat sie immer getan. Und doch ist die ganze subtile Kunst weiter gediehen, unbek\u00fcmmert um die . . . die . . . Masse. Ja, wer war denn das eigentlich?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6ren wir: \u00bbDa\u00df in einem wohlorganisierten B\u00fcrgerstaate die Kunst sterben mu\u00df, das lehrt uns die Kunstgeschichte Hollands.\u00ab \u2013 Aha! Das glaube ich, da\u00df die dicken Mynheers f\u00fcr die Kunst nichts \u00fcbrig gehabt haben. \u2013 In einem B\u00fcrgerstaate, sagt er \u2013 ist das unsere Zukunft? Sicher nicht. Sondern \u2013? Ach, die Marionette stimmt ein Klagelied an: \u00bbUnsere Spezies geht einer Verameisung entgegen. Wie bei den Ameisen und Bienen der Staat alles, die Pers\u00f6nlichkeit nichts ist, wie bei ihnen die Fre\u00df- und Greiforgane auf Kosten des verk\u00fcmmerten Gehirns sich entwickelten, so wird es auch bei uns geschehen, die wir unser Heil. auf das D\u00fcmmste und Gemeinste gestellt haben, auf die Arbeit. All das Feine und Leise, das der Mu\u00dfe und dem Eigensinn des Individuums entbl\u00fchte, das wird verk\u00fcmmern; schon in der Schule den Rotznasen die N\u00fctzlichkeit als das H\u00f6chste gepriesen; das ganze Leben darauf eingerichtet, ja keine Minute zu vertr\u00e4umen, ja die Zeit flei\u00dfig zu verh\u00e4mmern und verpochen, ja immer mitten im wimmelnden Haufen zu bleiben . . . In 250 Jahren, wenn die soziale Organisation gl\u00e4nzend durchgef\u00fchrt worden ist, dann wird man den D\u00e4mon des K\u00fcnstlers schon auf den Schulb\u00e4nken gedusselt haben . . . Ich glaube, da\u00df die menschliche Rasse einer gewaltigen Zukunft entgegengeht. Ich glaube an das Kommen friedlicher Demokratien, immenser, geeinter Arbeiterschaften, die das H\u00f6chste wollen, und das H\u00f6chste erreichen werden. \u2013 Aber ich wei\u00df, da\u00df aus dem anonymen Gewimmel nie die rei\u00dfend schmerzliche Strophe eines Liedes t\u00f6nen wird, und sollte sie dennoch wieder einmal t\u00f6nen, so wird sie nicht verstanden werden.\u00ab \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wei\u00df das. Aber nun genug der Ironie, denn wir wissen etwas anderes: Da\u00df jede Zeit den Ausdruck ihrer Gef\u00fchle selbst findet und die \u00bbAnemonen auch im April des Jahres 2361 nicht vers\u00e4umen werden, zu bl\u00fchen\u00ab. Auf derartige Einwendungen, sagt Auburtin, pfeife er. Nun, so wollen wir ihm eins trommeln. \u2013 So lange bis selbst er begriffen hat, da\u00df die Massen sich nach der Kunst sehnen und f\u00fcr sie reif werden, und wenn der Pfeifer erkl\u00e4rt, \u00bbes g\u00e4be nichts greulicheres als Schillertheaterei und jene Volksb\u00fchnen, wo die Kunst braven Arbeitern zu Aschingerpreisen serviert werde\u00ab \u2013 so mu\u00df ihm getrommelt werden, da\u00df die undisziplinierten Grinser im <em>\u203aFaust\u2039<\/em>, die er gesehen hat, schon l\u00e4ngst zu den Ausnahmen z\u00e4hlen. Schon. Dank den Bem\u00fchungen der Volksb\u00fchnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Spiel ist aus. Wir h\u00e4ngen die Puppe samt Schwert und Tragik wieder an die Wand und verlassen das B\u00fchnchen mit einer Frage im Ohr, die so recht zeigt, wie Auburtin der Kleine \u2013 denkt. \u00bbDamals\u00ab, sagt er, \u00bbzur Zeit Neros, da hat man schon das Ende der Kunst f\u00fcr gekommen gehalten, weil alles ausgesch\u00f6pft schien. Sie ahnten noch nicht die ungeheueren Barbarenmassen, die jenseits der Grenzen lauerten, und in denen die Keime zu Rembrandts und Goethes Naturen schon vorhanden waren. Wo aber sind heute die Barbaren, aus denen wir uns erneuern k\u00f6nnen? Wo sind die Reserven?\u00ab \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erlaube mir, Herrn Victor Auburtin auf die Existenz eines Proletariats aufmerksam zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p>Zuerst erschienen in\u00a0<em>Vorw\u00e4rts<\/em>, 27.06.1911.<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13512 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><\/a>Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcnstlerb\u00fccher versteht diese Artisten als Physiognomik, der B\u00fcchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Diese seltsame Frage ist jetzt zum zweiten Male aufgetaucht. Schon vor Jahresfrist hatte Moszkowski, der Chefredakteur der \u203aLustigen Bl\u00e4tter\u2039, die Frage gestellt, in etwas unklarer Weise behandelt und schlie\u00dflich bejaht. Jetzt kommt ein Berufener, um sie abermals zu stellen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/12\/stirbt-die-kunst\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":81,"featured_media":97977,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1099],"class_list":["post-13517","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-kurt-tucholsky"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13517","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/81"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13517"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13517\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100720,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13517\/revisions\/100720"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97977"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}