{"id":13506,"date":"1991-12-29T00:01:00","date_gmt":"1991-12-28T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13506"},"modified":"2022-02-17T17:38:33","modified_gmt":"2022-02-17T16:38:33","slug":"was-unternehme-ich-silvester","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/12\/29\/was-unternehme-ich-silvester\/","title":{"rendered":"Was unternehme ich Silvester?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soll ich zu Kallmanns gehen? Die z\u00fcnden ihren Tannenbaum an, drehen das Grammophon auf, das ihnen <em>\u203aStille Nacht, heilige Nacht\u2039<\/em> vorkratzt, die Kinder lagern sich mit den Torsos ihrer Spielsachen auf den guten Teppich, und Vater raucht die neue Pfeife an. Mutter Kallmann spricht mit mir \u00fcber die Dienstbotenmisere, und ich sage: \u00bbJawohl, gn\u00e4dige Frau! . . . Gewi\u00df, gn\u00e4dige Frau! . . . Denken Sie nur, gn\u00e4dige Frau!\u00ab Das andre sagt sie. Ich werde doch lieber nicht zu Kallmanns gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soll ich zu meiner Freundin mit der sch\u00f6nen Seele und den dicken Beinen gehen? Sie wird feuchte, gro\u00dfe Augen machen und mich mit Erinnerungen plagen. Sie wird feierlich gestimmt sein, was ihr gar nicht steht, und wird hochzeremoni\u00f6s \u2013 auch sie \u2013 den Weihnachtsbaum entz\u00fcnden und sagen: \u00bbLieber Peter . . . \u00ab Bu. Ich werde doch lieber nicht zu meiner sch\u00f6nen Seele gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soll ich auf einen \u00f6ffentlichen Ball gehen? Da werden sich zweitausend Menschen in R\u00e4umen dr\u00e4ngen, die nur f\u00fcr zweihundert berechnet sind. Kellner werden sich den Sacharinsekt zu Valutapreisen aus den H\u00e4nden schlagen lassen, und irgendwo im Wirbel und Rauch l\u00e4rmt eine Kapelle. In der Mitte tun ein paar Leute so, als ob sie tanzten. Es sind alle da: man zeigt sich die Herren aus der Wilhelmstra\u00dfe, Kino-Namen werden gefl\u00fcstert, und die B\u00fchne hat ihre besten Vertreter . . . auch die Wissenschaft . . . Nur die Kokotten benehmen sich anst\u00e4ndig. Wer wird auch Silvester fachsimpeln, wenn mans das ganze Jahr tun mu\u00df . . . ! Die Luft wird stickig und verbraucht sein, die Scherze auch. Nein \u2013 ich werde doch lieber nicht auf einen \u00f6ffentlichen Ball gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soll ich auf einen privaten Ball gehen? (Oho! Ich bin eingeladen!) Die Zimmer werden ausger\u00e4umt sein, die Lampen blau und lila umkleidet. Es wird Sekt geben und kleine Br\u00f6tchen. Am Klavier ein Mann und eine Geige. Es wird viel und hingebend getanzt. Auf dem Teppich und auf den Sofas knautschen sich die Paare, so, als ob es auf der ganzen weiten Welt kein Bett g\u00e4be. Nur die festen Verh\u00e4ltnisse benehmen sich anst\u00e4ndig. (Man soll nichts verreden.) Die Tochter vom Haus wird alle Minen ihres goldenen Temperaments springen lassen \u2013 sie findet es so furchtbar interessant, das alte Wort zu variieren: Immer davon sprechen, aber es nie tun! Die jungen Herren werden sich bei den jungen Damen alle Freiheiten erlauben, weil sie nichts kosten. Auch Hessen-Nassau ist eine Provinz. Nein, ich werde doch lieber nicht auf einen privaten Ball gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also: was dann \u2013? Ich schlage vor, wir f\u00fcllen die kleine blaue Blumenvase wie gew\u00f6hnlich mit roten Blumen und trinken einen stillen roten Wein. Vielleicht erwachst du nachts so gegen zw\u00f6lf. Ich werde dir dann sagen: \u00bbLiebe \u2013 ich glaube, jetzt mu\u00df ich mir einen Zylinder aufsetzen und du schl\u00e4gst ihn ein. Das ist so Sitte.\u00ab Und darauf du: \u00bbIch bin so m\u00fcde. Gute Nacht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenn du morgen fr\u00fch aufwachst, ist es \u2013 wetten, da\u00df? \u2013 1922, und ich k\u00fcsse dir das neue Jahr aus den Augen. Und da es ein alter Aberglaube ist, da\u00df man das ganze Jahr hindurch tun wird, was man Silvester tut, so er\u00f6ffnen sich f\u00fcr uns freundliche und wahrhaft erfrischende Perspektiven. Prosit Neujahr!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p>Zuerst erschienen in\u2028<em> Die Weltb\u00fchne<\/em>, 29.12.1921, Nr. 52, S. 662.<\/p>\n<div>\n<div id=\"attachment_15606\" style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15606\" class=\"size-medium wp-image-15606\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282-176x300.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15606\" class=\"wp-caption-text\">Tucholsky in Paris (1928)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong>Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Soll ich zu Kallmanns gehen? 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