{"id":13378,"date":"2023-07-15T00:01:02","date_gmt":"2023-07-14T22:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13378"},"modified":"2022-03-31T13:15:04","modified_gmt":"2022-03-31T11:15:04","slug":"poesie-und-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/15\/poesie-und-leben\/","title":{"rendered":"Poesie und Leben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Aus einem Vortrag<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie haben mich kommen lassen, damit ich Ihnen etwas \u00fcber einen Dichter dieser Zeit erz\u00e4hle, oder auch \u00fcber einige Dichter oder \u00fcber die Dichtung \u00fcberhaupt. Sie h\u00f6ren gern, wovon ich, mu\u00df man denken, gerne reden mag; wir sind alle jung, und so kann es dem Anscheine nach nichts Bequemeres und Harmloseres geben. Ich glaube wirklich, es w\u00fcrde mir nicht sehr schwer werden, ein paar hundert Adjektiva und Zeitw\u00f6rter so zusammenzustellen, da\u00df sie Ihnen eine Viertelstunde lang Vergn\u00fcgen machen w\u00fcrden; haupts\u00e4chlich darum eben glaube ich das, weil ich wei\u00df, da\u00df wir alle jung sind, und mir ungef\u00e4hr denken kann, zu welcher Pfeife Sie gerne tanzen. Es ist ziemlich leicht, sich bei der Generation einzuschmeicheln, der man angeh\u00f6rt. \u00bbWir\u00ab ist ein sch\u00f6nes Wort, die L\u00e4nder der Mitlebenden rollen sich als gro\u00dfe Hintergr\u00fcnde auf bis an die Meere, ja bis an die Sterne, und unter den F\u00fc\u00dfen liegen die Vergangenheiten, in durchsichtigen Abgr\u00fcnden gelagert wie Gefangene. Und von der Dichtung der Gegenwart zu sprechen, gibt es mehrere falsche Arten, die gef\u00e4llig sind. Und Sie besonders sind ja so gewohnt, \u00fcber die K\u00fcnste reden zu h\u00f6ren. Unglaublich viele Schlagworte und Eigennamen haben Sie in Ihrem Ged\u00e4chtnis, und alle sagen Ihnen etwas. Sie sind so weit gekommen, da\u00df Ihnen \u00fcberhaupt nichts mehr mi\u00dff\u00e4llt. Ich m\u00fc\u00dfte Ihnen allerdings verschweigen, da\u00df mir die meisten Namen nichts, rein gar nichts sagen; da\u00df mich von dem, was mit diesen Namen unterzeichnet wird, auch nicht der geringste Teil irgendwie befriedigt. Ich m\u00fc\u00dfte Ihnen verschweigen, da\u00df ich ernsthaft erkannt zu haben glaube, da\u00df man \u00fcber die K\u00fcnste \u00fcberhaupt fast gar nicht reden soll, fast gar nicht reden kann, da\u00df es nur das Unwesentliche und Wertlose an den K\u00fcnsten ist, was sich der Beredung nicht durch sein stummes Wesen ganz von selber entzieht, und da\u00df man desto schweigsamer wird, je tiefer man einmal in die Ingr\u00fcnde der K\u00fcnste hineingekommen ist.\u00a0\u00dcber eine gro\u00dfe Verschiedenheit in unserer Art zu denken m\u00fc\u00dfte ich Sie also hinwegt\u00e4uschen. Aber der Fr\u00fchling drau\u00dfen und die Stadt, in der wir leben, mit den vielen Kirchen und den vielen G\u00e4rten und den vielerlei Arten von Menschen, und das sonderbare, betr\u00fcgerische, jasagende Element des Lebens k\u00e4men mir mit so vielen bunten Schleiern zu Hilfe, da\u00df Sie glauben w\u00fcrden, ich habe mit Ihnen geopfert, wo ich gegen Sie geopfert habe, und mich loben w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andererseits glaube ich, es k\u00f6nnte mir nicht gar sehr schwer fallen, mich zu Ihrem Geschmack und Ihren \u00e4sthetischen Gewohnheiten in einen unerwarteten und quasi unterhaltenden Gegensatz zu bringen. Aber ob Sie zu den S\u00e4tzen, in denen ich versuchen k\u00f6nnte, etwas derartiges auseinanderzulegen, mit dem L\u00e4cheln der Auguren und allzu ge\u00fcbten Feuilletonleser l\u00e4cheln oder ob Sie mich mit verhaltenem Widerwillen anh\u00f6ren w\u00fcrden, auf keinen Fall w\u00fcrde ich mir schmeicheln, von Ihnen verstanden worden zu sein, auf keinen Fall w\u00fcrde ich annehmen, da\u00df Sie meine Meinung anders als formal und scheinm\u00e4\u00dfig zur Kenntnis genommen h\u00e4tten. Ich w\u00fcrde mich angegriffen sehen mit Argumenten, die mich nicht treffen, und in Schutz genommen von Argumenten, die mich nicht decken. Ich w\u00fcrde mir manchmal hilflos vorkommen wie ein unm\u00fcndiges Kind und dann wieder der Verst\u00e4ndigung entwachsen wie ein zu alter Mann: und das alles auf meinem eigenen Feld, in der einzigen Sache, von der ich m\u00f6glicherweise etwas verstehe. Denn eine Art von Wohlerzogenheit w\u00fcrde Ihnen ja verbieten, den Streit auf die benachbarten, mir durch meine Unkenntnisse ganz verwehrten Gebiete, wie Geschichte, Sittengeschichte oder Soziologie, hin\u00fcberzudr\u00e4ngen. Aber auf meinem eigenen kleinen Felde w\u00fcrde ich Sie mit schweren Waffen gegen das k\u00e4mpfen sehen, was ich f\u00fcr Vogelscheuchen ansehe, und heiter \u00fcber B\u00e4che streben, die ich f\u00fcr abgrundtiefe und t\u00f6dlich starke, ewige Grenzen halte. Das gr\u00f6\u00dfte Mi\u00dftrauen aber w\u00fcrde mich erf\u00fcllen, falls Sie mir etwa zustimmten; dann w\u00e4re ich doppelt \u00fcberzeugt, da\u00df Sie alles bildlich genommen h\u00e4tten, was ich w\u00f6rtlich gemeint h\u00e4tte, oder da\u00df irgendeine andere T\u00e4uschung geschehen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles Lob, das ich meinem Dichter spenden kann, wird Ihnen d\u00fcrftig vorkommen: nur d\u00fcnn und schwach wird es \u00fcber eine breite Kluft des Schweigens zu Ihnen hint\u00f6nen. Ihre Kritiker und Kunstrichter nehmen, wenn sie loben, den Mund voll wie wasserspeiende Tritonen: aber ihr Lob geht auf Tr\u00fcmmer und Teile, meines auf das Ganze, ihre Bewunderung aufs Relative, meine aufs Absolute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, da\u00df der Begriff des Ganzen in der Kunst \u00fcberhaupt verlorengegangen ist. Man hat Natur und Nachbildung zu einem unheimlichen Zwitterding zusammengesetzt, wie in den Panoramen und Kabinetten mit Wachsfiguren. Man hat den Begriff der Dichtung erniedrigt zu dem eines verzierten Bekenntnisses. Eine ungeheure Verwirrung haben gewisse Worte Goethes verschuldet, von einer zu feinen Bildlichkeit, um von Biographen und Notenschreibern richtig gefa\u00dft zu werden. Man erinnert sich an die gef\u00e4hrlichen Gleichnisse vom Gelegenheitsgedicht und von dem \u00bbsich etwas von der Seele Schreiben\u00ab. Ich wei\u00df nicht, was einem Panorama \u00e4hnlicher w\u00e4re, als wie man den \u00bbWerther\u00ab in den Goethebiographien hergerichtet hat, mit jenen unversch\u00e4mten Angaben, wie weit das Materielle des Erlebnisses reiche und wo der gemalte Hintergrund anfange. Damit hat man sich ein neues Organ geschaffen, das Formlose zu genie\u00dfen. Die Zersetzung des Geistigen in der Kunst ist in den letzten Jahrzehnten von den Philologen, den Zeitungschreibern und den Scheindichtern gemeinsam betrieben worden. Da\u00df wir einander heute so gar nicht verstehen, da\u00df ich zu Ihnen minder leicht \u00fcber einen Dichter Ihrer Zeit und Ihrer Sprache reden kann, als Ihnen ein englischer Reisender \u00fcber die Gebr\u00e4uche und die Weltanschauung eines asiatischen Volkes etwas wirklich zur Kenntnis bringen k\u00f6nnte, das kommt von einer gro\u00dfen Schwere und H\u00e4\u00dflichkeit, die viele staubfressende Geister in unsere Kultur gebracht haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df nicht, ob Ihnen unter all dem erm\u00fcdenden Geschw\u00e4tz von Individualit\u00e4t, Stil, Gesinnung, Stimmung und so fort nicht das Bewu\u00dftsein daf\u00fcr abhanden gekommen ist, da\u00df das Material der Poesie die Worte sind, da\u00df ein Gedicht ein gewichtloses Gewebe aus Worten ist, die durch ihre Anordnung,\u00a0ihren Klang und ihren Inhalt, indem sie die Erinnerung an Sichtbares und die Erinnerung an H\u00f6rbares mit dem Element der Bewegung verbinden, einen genau umschriebenen, traumhaft deutlichen, fl\u00fcchtigen Seelenzustand hervorrufen, den wir Stimmung nennen. Wenn Sie sich zu dieser Definition der leichtesten der K\u00fcnste zur\u00fcckfinden k\u00f6nnen, werden Sie etwas wie eine verworrene Last des Gewissens von sich abgetan haben. Die Worte sind alles, die Worte, mit denen man Gesehenes und Geh\u00f6rtes zu einem neuen Dasein hervorrufen und nach inspirierten Gesetzen als ein Bewegtes vorspiegeln kann. Es f\u00fchrt von der Poesie kein direkter Weg ins Leben, aus dem Leben keiner in die Poesie. Das Wort als Tr\u00e4ger eines Lebensinhaltes und das traumhafte Bruderwort, welches in einem Gedicht stehen kann, streben auseinander und schweben fremd aneinander vor\u00fcber, wie die beiden Eimer eines Brunnens. Kein \u00e4u\u00dferliches Gesetz verbannt aus der Kunst alles Vern\u00fcnfteln, alles Hadern mit dem Leben, jeden unmittelbaren Bezug auf das Leben und jede direkte Nachahmung des Lebens, sondern die einfache Unm\u00f6glichkeit: diese schweren Dinge k\u00f6nnen dort ebensowenig leben als eine Kuh in den Wipfeln der B\u00e4ume.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDen Wert der Dichtung\u00ab \u2013 ich bediene mich der Worte eines mir unbekannten aber wertvollen Verfassers \u2013 \u00bbden Wert der Dichtung entscheidet nicht der Sinn (sonst w\u00e4re sie etwa Weisheit, Gelahrtheit), sondern die Form, das hei\u00dft durchaus nichts \u00c4u\u00dferliches, sondern jenes tief Erregende in Ma\u00df und Klang, wodurch zu allen Zeiten die Urspr\u00fcnglichen, die Meister sich von den Nachfahren, den K\u00fcnstlern zweiter Ordnung unterschieden haben. Der Wert einer Dichtung ist auch nicht bestimmt durch einen einzelnen, wenn auch noch so gl\u00fccklichen Fund in Zeile, Strophe oder gr\u00f6\u00dferem Abschnitt. Die Zusammenstellung, das Verh\u00e4ltnis der einzelnen Teile zueinander, die notwendige Folge des einen aus dem andern kennzeichnet erst die hohe Dichtung.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich f\u00fcge zwei Bemerkungen hinzu, die sich beinahe von selbst ergeben:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Rhetorische, wobei das Leben als Materie auftritt, und jene Reflexionen in getragener Sprache haben auf den Namen Gedicht keinen Anspruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber das allein Ausschlaggebende, die Wahl der Worte und wie sie gesetzt werden m\u00fcssen (Rhythmus), wird immer zuletzt beim K\u00fcnstler der Takt, beim H\u00f6rer die Empf\u00e4nglichkeit zu urteilen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies, was allein das Wesen der Dichtung ausmacht, wird am meisten verkannt. Ich kenne in keinem Kunststil ein Element, das schm\u00e4hlicher verwahrlost w\u00e4re als das Eigenschaftswort bei den neueren deutschen sogenannten Dichtern. Es wird gedankenlos hingesetzt oder mit einer absichtlichen Grellmalerei, die alles l\u00e4hmt. Die Unzul\u00e4nglichkeit des rhythmischen Gef\u00fchles aber ist \u00e4rger. Es scheint beinahe niemand mehr zu wissen, da\u00df das der Hebel aller Wirkung ist. Es hie\u00dfe einen Dichter \u00fcber alle Deutschen der letzten Jahrzehnte stellen, wenn man von ihm sagen k\u00f6nnte: Er hat die Adjektiva, die nicht totgeboren sind, und seine Rhythmen gehen nirgends gegen seinen Willen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Rhythmus tr\u00e4gt in sich die unsichtbare Linie jener Bewegung, die er hervorrufen kann; wenn die Rhythmen erstarren, wird die in ihnen verborgene Geb\u00e4rde der Leidenschaft zur Tradition, wie die, aus welchen das gew\u00f6hnliche unbedeutende Ballett zusammengesetzt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann die \u00bbIndividualit\u00e4ten\u00ab nicht gut begreifen, die keinen eigenen Ton haben, deren innere Bewegungen sich einem beil\u00e4ufigen Rhythmus anpassen. Ich kann ihre Uhlandschen, ihre Eichendorffschen Ma\u00dfe nicht mehr h\u00f6ren und beneide niemanden, der es noch kann, um seine groben Ohren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der eigene Ton ist alles; wer den nicht h\u00e4lt, begibt sich der inneren Freiheit, die erst das Werk m\u00f6glich machen kann. Der Mutigste und der St\u00e4rkste ist der, der seine Worte am freiesten zu stellen vermag; denn es ist nichts so schwer, als sie aus ihren festen, falschen Verbindungen zu rei\u00dfen. Eine neue und k\u00fchne Verbindung von Worten ist das wundervollste Geschenk f\u00fcr die Seelen und nichts Geringeres als ein Standbild des Knaben Antinous oder eine gro\u00dfe gew\u00f6lbte Pforte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man lasse uns K\u00fcnstler in Worten sein, wie an dere in den wei\u00dfen und farbigen Steinen, in getriebenem Erz, in den gereinigten T\u00f6nen oder im Tanz. Man preise uns f\u00fcr unsere Kunst, die Rhetoren aber f\u00fcr ihre Gesinnung und ihre Wucht, die Weisheitslehrer f\u00fcr ihre Weisheit, die Mystiker f\u00fcr ihre Erleuchtungen. Wenn man aber wiederum Bekenntnisse will, so sind sie in den Denkw\u00fcrdigkeiten der Staatsm\u00e4nner und Literaten, in den Gest\u00e4ndnissen der \u00c4rzte, der T\u00e4nzerinnen und Opiumesser zu finden: f\u00fcr Menschen, die das Stoffliche nicht vom K\u00fcnstlerischen zu unterscheiden wissen, ist die Kunst \u00fcberhaupt nicht vorhanden; aber freilich auch f\u00fcr sie gibt es Geschriebenes genug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wundern sich \u00fcber mich. Sie sind entt\u00e4uscht und finden, da\u00df ich Ihnen das Leben aus der Poesie vertreibe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wundern sich, da\u00df Ihnen ein Dichter die Regeln lobt und in Wortfolgen und Ma\u00dfen das Ganze der Poesie sieht. Es gibt aber schon zu viele Dilettanten, welche die Intentionen loben, und das ganze Wertlose hat Diener an allen schweren K\u00f6pfen. Auch seien Sie unbesorgt: ich werde Ihnen das Leben wiedergeben. Ich wei\u00df, was das Leben mit der Kunst zu schaffen hat. Ich liebe das Leben, vielmehr ich liebe nichts als das Leben. Aber ich liebe nicht, da\u00df man gemalten Menschen elfenbeinene Z\u00e4hne einzusetzen w\u00fcnscht und marmorne Figuren auf die Steinb\u00e4nke eines Gartens setzt, als w\u00e4ren es Spazierg\u00e4nger. Sie m\u00fcssen sich abgew\u00f6hnen, zu verlangen, da\u00df man mit roter Tinte schreibt, um glauben zu machen, man schreibe mit Blut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe Ihnen zu viel von Wirkung versprochen und zu wenig von Seele. Ja, denn ich halte Wirkung f\u00fcr die Seele der Kunst, f\u00fcr ihre Seele und ihren Leib, f\u00fcr ihren Kern und ihre Schale, f\u00fcr ihr ganzes v\u00f6lliges Wesen. Wenn sie nicht wirkte, w\u00fc\u00dfte ich nicht, wozu sie da w\u00e4re. Wenn sie aber durch das Leben wirkte, durch das Stoffliche in ihr, w\u00fc\u00dfte ich wieder nicht, wozu sie da w\u00e4re. Man hat gesagt, da\u00df unter den K\u00fcnsten ein wechselseitiges Bestreben f\u00fchlbar sei, die eigene Sph\u00e4re der Wirkung zu verlassen und den Wirkungen einer Schwesterkunst nachzuh\u00e4ngen: als das gemeinsame Ziel alles solchen Andersstrebens aber hebt sich deutlich die Musik hervor, denn das ist die Kunst, in der das Stoffliche bis zur Vergessenheit \u00fcberwunden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Element der Dichtkunst ist ein Geistiges, es sind die\u00a0schwebenden, die unendlich vieldeutigen, die zwischen Gott und Gesch\u00f6pf hangenden Worte. Eine sch\u00f6ngesinnte Dichterschule der halbvergangenen Zeit hat viel Starrheit und enges Verstehen verschuldet, indem sie zu reichlich war im Vergleichen der Gedichte mit geschnittenen Steinen, B\u00fcsten, Juwelen und Bauwerken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem obigen aber ist gesagt, warum die Gedichte sind wie die unscheinbaren aber verzauberten Becher, in denen jeder den Reichtum seiner Seele sieht, die d\u00fcrftigen Seelen aber fast nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von den Veden, von der Bibel angefangen, k\u00f6nnen alle Gedichte nur von Lebendigen ergriffen, nur von Lebendigen genossen werden. Ein geschnittener Stein, ein sch\u00f6nes Gewebe gibt sich immer her, ein Gedicht vielleicht einmal im Leben. Ein gro\u00dfer Sophist hat an den Dichtern dieser Zeit getadelt, da\u00df sie zu wenig von der Innigkeit der Worte wissen. Aber was wissen die Menschen dieser Zeit von der Innigkeit des Lebens! Die nicht Einsam-sein kennen und nicht Miteinander-sein, nicht Stolz-sein und nicht Dem\u00fctig-sein, nicht Schw\u00e4cher-sein und nicht St\u00e4rker-sein, wie sollen die in den Gedichten die Zeichen der Einsamkeit und der Demut und der St\u00e4rke erkennen? Je besser einer reden kann und je st\u00e4rker in ihm das scheinhafte Denken ist, desto weiter ist er von den Anf\u00e4ngen der Wege des Lebens entfernt. Und nur mit dem Gehen der Wege des Lebens, mit den M\u00fcdigkeiten ihrer Abgr\u00fcnde und den M\u00fcdigkeiten ihrer Gipfel wird das Verstehen der geistigen Kunst erkauft. Aber die Wege sind so weit, ihre unaufh\u00f6rlichen Erlebnisse zehren einander so unerbittlich auf, da\u00df die Sinnlosigkeit alles Erkl\u00e4rens, alles Beredens sich auf die Herzen legt, wie eine t\u00f6dliche und doch g\u00f6ttliche L\u00e4hmung, und die wahrhaft Verstehenden sind wiederum schweigsam wie die wahrhaft Schaffenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie haben mich kommen lassen, damit ich Ihnen von einem Dichter erz\u00e4hle. Aber ich kann Ihnen nichts erz\u00e4hlen, was Ihnen seine Gedichte nicht erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, weder \u00fcber ihn, noch \u00fcber andere Dichter, noch \u00fcber Dichtung \u00fcberhaupt. Was das Meer ist, darum darf man am wenigsten die Fische fragen. Nur h\u00f6chstens, da\u00df es nicht von Holz ist, erf\u00e4hrt man von ihnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Poesie und Leben<\/b> (Aus einem Vortrag) ist ein am 16. Mai 1896 in der Wiener Wochenschrift <em>Die Zeit<\/em> erschienener Essay Hugo von Hofmannsthals. Das Werk ist f\u00fcr die Poetik des jungen Dichters ebenso wie f\u00fcr sein Verh\u00e4ltnis zur zeitgen\u00f6ssischen Kunst von besonderer Bedeutung<\/p>\n<div id=\"attachment_18516\" style=\"width: 194px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18516\" class=\"size-full wp-image-18516\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18516\" class=\"wp-caption-text\">Hugo von Hofmannsthal 1910 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Alter von achtundzwanzig Jahren verschafft sich Hofmannsthal mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/05\/19\/13384\/\"><i>Brief des Lord Chandos<\/i><\/a> ein Ventil, seinem Zweifel an der Sprache Raum zu verschaffen. Der Sprache traut er jedenfalls nicht l\u00e4nger zu, den Zusammenhang von Ich und Welt herstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Hugo von Hofmannsthal \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/02\/01\/ueber-gedichte\/\">Gedichte<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus einem Vortrag Sie haben mich kommen lassen, damit ich Ihnen etwas \u00fcber einen Dichter dieser Zeit erz\u00e4hle, oder auch \u00fcber einige Dichter oder \u00fcber die Dichtung \u00fcberhaupt. 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