{"id":13372,"date":"2003-12-16T00:01:32","date_gmt":"2003-12-15T23:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13372"},"modified":"2026-01-08T04:40:52","modified_gmt":"2026-01-08T03:40:52","slug":"blick-auf-den-geistigen-zustand-europas","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/16\/blick-auf-den-geistigen-zustand-europas\/","title":{"rendered":"Blick auf den geistigen Zustand Europas"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Besch\u00e4digung aller Staaten und aller Einzelnen durch den Krieg war so gro\u00df, die materiellen Folgen davon sind so schwer und verwickelt und bilden eine solche Bem\u00fchung und Belastung auch der Phantasie und des Gem\u00fctslebens der Einzelnen, da\u00df dar\u00fcber ein Gef\u00fchl nicht recht zum Ausdruck kommt, wenigstens nicht zu einem klaren und widerhallenden, sondern nur zu einem gleichsam bet\u00e4ubten Ausdruck, welches doch alle geistig Existierenden erf\u00fcllt: da\u00df wir uns in einer der schwersten geistigen Krisen befinden, welche Europa vielleicht seit dem sechzehnten Jahrhundert, wo nicht seit dem dreizehnten, ersch\u00fcttert haben, und die den Gedanken nahelegt, ob \u00bbEuropa\u00ab, das Wort als geistiger Begriff genommen, zu existieren aufgeh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist bemerkenswert, geh\u00f6rt aber zu der geheimen, anscheinend planvollen \u00dcbereinstimmung, die in allen solchen Weltkrisen herrscht, da\u00df Europa in diesem Augenblick nicht \u00fcber einen einzigen geistigen Repr\u00e4sentanten verf\u00fcgt, der wirklich als beherrschende europ\u00e4ische Figur angesehen werden k\u00f6nnte. Einige wenige sind europ\u00e4ische Figuren zwar im Sinne der Ber\u00fchmtheit, nicht aber im Sinne einer von ihnen ausgehenden geistigen Macht und Autorit\u00e4t, wie eine solche etwa noch vor zwei Jahrzehnten Ibsen und Tolstoi eignete. Ein Mann wie Anatole France, den so eben die Stockholmer Akademie mit dem Nobelpreis gekr\u00f6nt hat, ist sicher f\u00fcr den Augenblick eine geistige Erscheinung des ersten Ranges, aber es haftet dieser Figur doch im Verh\u00e4ltnis zu den gr\u00f6\u00dften Vertretern seiner eigenen nationalen Geisteswelt etwas Epigonenhaftes an, es geht ein geistiger Zauber von ihr aus, aber keine geistige Gewalt, vor der Europa sich beugen und die Jahrhunderte als kleine Zeitspannen erscheinen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Bernard Shaw ist ohne Zweifel ein gesamteurop\u00e4isches Ph\u00e4nomen, und vielleicht die repr\u00e4sentativste Figur des Augenblickes, gegen\u00fcber der \u00dcbergewalt der technischen Ereignisse und angesichts der Masse von Ironie, welche durch all dies schreckliche wuchtige Geschehen und seine Verkettung mit so viel Armseligem und L\u00e4cherlichem in allen nicht v\u00f6llig bet\u00e4ubten Intelligenzen entbunden wurde, erscheint seine witzige, ironische und in blitzartigen Spr\u00fcngen das Heterogenste zusammenbringende Geistessprache oft geradezu als der einzige Jargon, in dem sich intelligente Menschen \u00fcber einen so schwindelnden Weltzustand verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen; in der Tat wird dieser Jargon in allen L\u00e4ndern gesprochen und verstanden, nicht allein da\u00df er in den germanischen Schule gemacht hat, er dringt auch in die romanischen und slawischen ein; es wohnt ihm etwas momentan Befreiendes inne und es ist abzusehen, da\u00df die Shawsche Denk- und Sprechweise sich unter den journalistisch Arbeitenden eine unendliche Sch\u00fclerschaft heranziehen und f\u00fcr Jahrzehnte das Erbe der Heinrich Heineschen Schreibweise antreten wird. Aber diese geistreiche Mentalit\u00e4t vermag die tiefere Schicht der menschlichen Seelen, die nach neuen \u2013 es mu\u00df das Wort gesagt werden \u2013 religi\u00f6sen Bindungen begehrt, nur in eine leichte unruhige Vibration, nicht aber in wahre Ersch\u00fctterung, die einem gewaltigen Umschwung vorhergeht, zu versetzen, und so bleibt auch der Ire eine Erscheinung mehr als ein F\u00fchrer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat die Epoche einen geistigen Beherrscher, so ist es Dostojewski. Seine Gewalt \u00fcber die Seele der Jugend ist unberechenbar, es ist eine wahre Faszination, das fieberhaft Gesteigerte in seinen Romanen ist der Jugend die gem\u00e4\u00dfe Nahrung \u2013 das Gleiche, was vor hundert und noch vor f\u00fcnfzig Jahren das Pathos Schillers f\u00fcr sie war \u2013, er st\u00f6\u00dft durch die soziale Schilderung hindurch ins Absolute, ins Religi\u00f6se \u2013 die jungen Menschen aller L\u00e4nder glauben in seinen Gestalten ihr eigenes Innere zu erkennen \u2013 er und kein Anderer ist Anw\u00e4rter auf den Thron des geistigen Imperators \u2013 und wer k\u00f6nnte ihm diesen streitig machen \u2013 wenn nicht einer, dessen hundertster Todestag schon herannaht, und dessen Sich-Entfalten als eine geistige Macht des allerersten Ranges, nicht blo\u00df K\u00fcnstler, sondern Weiser, Magier, wahrer F\u00fchrer der Seelen, Stiller auch des religi\u00f6sen Bed\u00fcrfnisses, sich mit einer majest\u00e4tischen Langsamkeit vollzieht: Goethe; seine Stunde immer herannahend, immer aber noch nicht da, immer neue Tore sich \u00f6ffnend, neue S\u00e4uleng\u00e4nge auf das erhabene Zentrum weisend, wie beim Zula\u00df der Pilger zu einem \u00e4gyptischen Tempel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist mehr als ein Zufall, da\u00df uns dieses Jahr W\u00fcrdigungen und Interpretationen Goethes aus der Feder von M\u00e4nnern aller Nationen vor Augen gekommen sind, die s\u00e4mtlich weit das Gebiet des Literarhistorischen \u00fcberragen, ja mit Absicht aus diesem Gebiet heraustreten, und es ist tief symbolisch, da\u00df diese Schriften von reifen M\u00e4nnern herr\u00fchren, wie die Brosch\u00fcre \u00fcber \u00bbDie Weisheit Goethes\u00ab von dem Franzosen Henri Lichtenberger, Lehrer an der Sorbonne, oder das Buch \u00bbGoethe\u00ab von dem gro\u00dfen Italiener Benedetto Croce, so wie es nat\u00fcrlich mehr als ein blo\u00dfer Zufall ist, da\u00df man keine von jungen M\u00e4nnern geleitete Zeitschrift Deutschlands, Frankreichs oder eines der anderen L\u00e4nder aufschlagen kann, ohne nicht einmal, sondern zehnmal und in jeder Art von geschichtlicher, sozialwissenschaftlicher oder \u00e4sthetischer, religi\u00f6ser Gedankenverbindung auf den Namen Dostojewski zu sto\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und vielleicht ist dies das Greifbarste am europ\u00e4ischen Geistesleben des Augenblickes: das Ringen dieser beiden Geister um die Seele der Denkenden und Suchenden \u2013 vielleicht ist dieser Wirbel die eigentliche Mitte des sturmbewegten flutenden Aspektes, den das geistige Europa heute bietet. \u00dcber diese beiden M\u00e4nner w\u00e4re es m\u00f6glich, fast an jeder Stelle Europas, von einer Oxforder Studentenwohnung bis ins Sprechzimmer eines Moskauer Sowjetfunktion\u00e4rs, ein Gespr\u00e4ch h\u00f6herer Ordnung hervorzurufen, bei dem die tieferen Seelenkr\u00e4fte der Unterredner, nicht blo\u00df ihre \u00e4sthetischen Interessen ins Spiel k\u00e4men. Statt einer ruhigen monumentalen Erscheinung, zu der alle aufblicken, steht dieses Ringen zweier universeller Geister in der Mitte des allgemeinen Eruptionsfeldes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind das alte, auf der Synthese von abendl\u00e4ndischem Christentum und einer ins Blut aufgenommenen Antike\u00a0ruhende Europa und das zu Asien tendierende Ru\u00dfland, die in Goethe und Dostojewski einander gegen\u00fcberstehen: denn die Orthodoxie, die in Dostojewski ihre notwendige Sublimierung fand, ist ein orientalisches Christentum, und diesem gegen\u00fcber erscheint das ganze europ\u00e4ische Christentum, Katholizismus, Luthertum und Puritanismus, in einem rein geistigen, kulturellen Sinn als Einheit. Aber noch sch\u00e4rfer stehen die beiden geistigen Gewalten einander gegen\u00fcber in der Verschiedenheit ihres Verh\u00e4ltnisses zum menschlichen Leiden. Goethes geistige Grundhaltung ist die Abwehr des Leidens, und die beiden Waffen, mit denen er es bek\u00e4mpft, sind das weise Durchschauen und das weise Entsagen. Dostojewskis ganzer Lebensinhalt scheint es, das Leiden herbeizurufen und sich dem Leiden preiszugeben. Er st\u00fcrzt sich gleichsam in seine Figuren hinein, um in der Vielheit ihrer Schicksale dem Leiden eine gr\u00f6\u00dfere Angriffsfl\u00e4che zu geben, als ein Einzelner ihm bietet; er l\u00e4\u00dft die Ereignisse sich \u00fcberst\u00fcrzen und sich aufeinandert\u00fcrmen, damit das, was sich hinter ihnen verbirgt, \u00bbgleichsam von einer schicksalsschweren H\u00f6he auf die Unzul\u00e4nglichkeit der menschlichen Vernunft herabblicke\u00ab. Demgegen\u00fcber erscheint Goethes ganzes Lebenswerk, Dichtung, Betrachtung und Forschung, als eine einzige unendlich sinnvolle und planm\u00e4\u00dfige Anstalt, jenes \u00dcbergewaltige, das Dostojewski aufruft um sich ihm zu opfern, von sich abzuhalten, als eine Art von zauberischem Garten, darin ein Magier einer gro\u00dfartig selbsts\u00fcchtigen Einsamkeit fr\u00f6nt. Aber so geheimnisvoll Dostojewski ist, so ist vielleicht Goethe noch geheimnisvoller; vielleicht ist das abendl\u00e4ndische Geheimnis noch kompakter, der Knoten noch dichter geschlungen wie beim morgenl\u00e4ndischen. Dostojewskis letztes Wort ist vielleicht gesprochen, vielleicht weht es in einem Schrei heute von Ru\u00dfland \u00fcber die ganze Welt. Goethes letztes Wort aber von seinen heute noch festgeschlossenen Lippen abzulesen, wird erst einer sp\u00e4teren Generation, von uns abstammenden, uns unanalysierbaren Menschen gegeben sein: diese werden sich vielleicht \u00bbdie letzten Europ\u00e4er\u00ab nennen. F\u00fcr uns w\u00e4re der Name verfr\u00fcht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_18516\" style=\"width: 194px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18516\" class=\"size-full wp-image-18516\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18516\" class=\"wp-caption-text\">Hugo von Hofmannsthal 1910 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Alter von achtundzwanzig Jahren verschafft sich Hofmannsthal mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/07\/12\/13384\/\"><i>Brief des Lord Chandos<\/i><\/a> ein Ventil, seinem Zweifel an der Sprache Raum zu verschaffen. Der Sprache traut er jedenfalls nicht l\u00e4nger zu, den Zusammenhang von Ich und Welt herstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Hugo von Hofmannsthal \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/02\/01\/ueber-gedichte\/\">Gedichte<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Besch\u00e4digung aller Staaten und aller Einzelnen durch den Krieg war so gro\u00df, die materiellen Folgen davon sind so schwer und verwickelt und bilden eine solche Bem\u00fchung und Belastung auch der Phantasie und des Gem\u00fctslebens der Einzelnen, da\u00df dar\u00fcber&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/16\/blick-auf-den-geistigen-zustand-europas\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":80,"featured_media":98219,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1094],"class_list":["post-13372","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hugo-von-hofmannsthal"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13372","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/80"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13372"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13372\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106995,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13372\/revisions\/106995"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98219"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13372"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13372"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13372"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}