{"id":13311,"date":"2023-05-17T00:01:00","date_gmt":"2023-05-16T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13311"},"modified":"2023-05-17T05:36:02","modified_gmt":"2023-05-17T03:36:02","slug":"kleine-visionen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/17\/kleine-visionen\/","title":{"rendered":"Kleine Visionen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Der Text, das Buch und die sch\u00f6ne Literatur im 3. Jahrtausend<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Poesie, die sich als Kunst versteht, wird es gegen die Massenliteratur auch im dritten Jahrtausend so schwer haben wie bisher, aber sie wird sich behaupten. Echte Kunst wird gerade dann bessere Chancen haben und wieder mehr gesucht werden, wenn die Massenliteratur un\u00fcberblickbar wird. Die (von Autoren-Teams) lektorierten B\u00fccher, die im Namen eines Pseudo-Autors herausgegeben werden, also reine (arbeitsteilige) Industrieproduktionen sind und Massenbed\u00fcrfnisse befriedigen sollen, werden als Wegwerfware hergestellt. Daneben suchen gen\u00fcgend viele Leser die B\u00fccher, die nicht nur einer Mode oder dem Zeitgeist entsprechen und billig Sensationen vermitteln oder erfinden. Das beweisen die vielen immer wieder und immer mehr entstehenden Literaturzeitschriften von kleinen Verlagen oder Autorengruppen, aber auch die vielen Gedicht-Anthologien gr\u00f6\u00dferer Verlage. Das gedruckte Wort bleibt prim\u00e4r, das Internet kommt hinzu, der Selektionsprozess wird komplexer, aber in mancher Hinsicht auch spannender. \u201eBook on demand\u201c muss als Chance f\u00fcr finanzschwache Autoren oder Kleinverleger gesehen werden. Die Vielfalt der Themen, Stile und Textarten wird weiter zunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Die Poetik des 3. Millenniums<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kriterien f\u00fcr das, was die sch\u00f6ne oder hohe Literatur oder ein Gedicht sein soll, werden immer weniger formulierbar. Der Kunstbegriff weitet sich immer mehr. Die Theorie wird auch in Zukunft hinter den tats\u00e4chlich entstandenen Gedichten \u201apraktischer Poetologen\u2019 hinterherhinken. Poetologie wird immer ung\u00fcltiger, sie wird von den Poeten selbst gesetzt und entwickelt. Das war eigentlich immer so. Der Dichter schert sich nicht viel um literaturhistorische, akademische Fragestellungen. Der Konsensualisierungsprozess f\u00fcr die Literatur, die sich durchsetzt, wird, auch im Bereich k\u00fcnstlerischer Belletristik, von immer mehr Menschen gesteuert oder begleitet. Es gibt heute viel mehr Experten als fr\u00fcher. Was ein Gedicht ist, bestimmt der Autor und der Leser, jeder f\u00fcr sich. Das dritte Millennium wird neben der Massenliteraturware zugleich die Emanzipation des absoluten Autors und des absoluten Lesers manifestieren. Anders gesagt: Die Industrie-Literatur provoziert, je st\u00e4rker und massenhafter sie wird, ihren Selbstwiderspruch, ihre Antithese: Die Individual-Literatur der vielen Autoren, die sich den industriellen Schemata und Genres entziehen &#8211; wird auf eine wachsende Zahl von Menschen treffen, die den allzu simplen Kriterien der Massenkommunikation entrinnen wollen. Neuerungen werden auch in Zukunft von diesem Diskurs ausgehen, und nicht von der tautologischen Kommunikation in den Massenmedien. Die Kriterien, die f\u00fcr die Kunst gelten, werden stets von der kleinen Elite der Wachen und Phantasievollen, von denen, die das Neue tats\u00e4chlich machen, und zwar im vollen Bewusstsein eines m\u00f6glichen (k\u00fcnstlerischen oder finanziellen) Scheiterns. Zu solchen Kriterien wird, wie bisher, geh\u00f6ren: Neuheit der Beziehungen unter den W\u00f6rtern, Spannung durch (teils unerwartete) Bez\u00fcge zu au\u00dfersprachlichen Kontexten und zu den anderen K\u00fcnsten, Klarheit bei h\u00f6chster Komplexit\u00e4t der Struktur, Freiheit gew\u00e4hrende Lesesteuerungen, origin\u00e4re Selbstreferenz des lyrischen oder epischen Ichs, und eben dadurch stilistische Individualit\u00e4t. Der Bezug zu unserer Zeit oder die Identifikation des Lesers mit den Stoffen und Themen solcher Literatur sollte immer eher indirekt, nie aufdringlich gegeben oder m\u00f6glich sein, nicht im marktorientierenden Sinn, unbedingt in ethischer Verantwortung: Gerade die utopische Vision (mit uneingeschr\u00e4nkter Kritik der Gegenwart) unterscheidet gute Literatur von der schlechten industriellen Massenliteratur, welche \u00fcberwiegend vordergr\u00fcndige Bed\u00fcrfnisse befriedigen will, insofern falsch tr\u00f6stet oder unterh\u00e4lt, anstatt die wirklichen, den Moment \u00fcberdauernden Bed\u00fcrfnisse der Menschen zu erwecken oder bewusster zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Das Charakteristische einer Poesie des Synkretismus im 3. Millennium<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagner ist tot, es lebe das Gesamtkunstwerk! Die Oper, vielleicht die bedeutendste k\u00fcnstlerische Leistung, mit der sich abendl\u00e4ndische Kultur von anderen Kulturen unterscheidet, ist nach wie vor eine geeignete Form f\u00fcr die Integration der K\u00fcnste. Aber die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Werke der integrierten K\u00fcnste sind noch lange nicht ausgesch\u00f6pft. Maurizio Kagels jetzt uraufgef\u00fchrtes Werk \u201eEntf\u00fchrung im Konzertsaal\u201c beweist: Sogar ein Orchester kann Theater erzeugen, konzertante Oper, visuelles H\u00f6rspiel, modernes Oratorium. Die K\u00fcnste sind nicht mehr so klar abgegrenzt. Da Sprache zugleich Musik ist, bietet die konzertante Oper ein gutes Fundament f\u00fcr autonome Dichtung innerhalb eines gr\u00f6\u00dferen k\u00fcnstlerischen Zusammenhangs. Auch das H\u00f6rspiel lebt wieder auf, gerade weil es sich mit neuen musikalischen Formen verb\u00fcndet, auf Klang und Musik der Sprache setzt und auf h\u00f6rbar gemachtes Collagieren von Stimmen, R\u00e4umen, Zeitebenen, Perspektiven, Gedanken, Tr\u00e4umen, Textsorten, Kommunikationsarten, Kontexten und Sprachspielen im Sinne Wittgensteins.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das dritte Millennium wird die Kontexte, in denen Sprache steht, weiter ausloten und wird neue Kunst-Formen finden. Sprechsprache wird aber konkurrieren mit den vielen anderen Sprachen, die unser Leben ausmachen, K\u00f6rpersprache, wissenschaftliche Sprachen, die Sprachen der anderen K\u00fcnste und die Zeichensysteme im Alltag der technischen Umwelt. Dies alles wird zu einer Explosion k\u00fcnstlerischen Findens und Empfindens f\u00fchren. Auch hier wird die industrielle Warenkunst den Avantgardisten epigonal hinterherlaufen, und das ist vielleicht eines der wenigen, immer g\u00fcltigen Gesetze in der Kunst.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Schriftsteller und Leser im Zeitalter neuer Medien und Reproduktionstechnik<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vielen Literaturzeitschriften von kleinen Verlagen oder Autorengruppen zeigen, dass die Reproduktions-Maschinen der Industrie auch genutzt werden k\u00f6nnen vom Einzelnen, der sich der Massenwaren-Herstellung widersetzt. Ich glaube zwar nicht, dass die Kulturindustrie ihre Totengr\u00e4ber produziert. Aber die M\u00f6glichkeiten, den Selektionsprozess subtiler zu gestalten, wachsen. Die Autoren sind nicht mehr so abh\u00e4ngig von Kulturzaren, die Kunstkriterien doktrin\u00e4r oder m\u00e4zenatisch bestimmten. Das moderne Kopierger\u00e4t ist der erste Fundamentstein eigener Verlagsfreiheit. Es erm\u00f6glicht aber nat\u00fcrlich auch die ganze Bandbreite schwacher Produktionen, die nur der Befriedigung der Eitelkeit dienen. Diese Produktionen sind leicht und schnell durchschaubar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wichtiger ist die Tatsache, dass heute viel mehr Menschen literarisch aktiv sind als fr\u00fcher. Dieser Prozess wird noch stark zunehmen und dazu f\u00fchren, dass die literaturwissenschaftlichen F\u00e4cher an der Universit\u00e4t mit der Zeit umgestaltet werden, dass wissenschaftliche Analyse transzendiert wird von literarischer Synthese, also wissenschaftlich entfalteter Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neuen Vervielf\u00e4ltigungsmaschinen mit Computersteuerung (auf der Grundlage von Textverarbeitungsprogrammen) erm\u00f6glichen bald die rentable Herstellung von kleinen Auflagen: Book on demand. Dann k\u00f6nnen auch kleinere Zeitschriften die Produktion selber in die Hand nehmen und genau den Bed\u00fcrfnissen anpassen. Das Internet bietet recht bald dar\u00fcber hinaus die M\u00f6glichkeit, kleinere Zeitschriften \u00fcberregional selbst zu verlegen, als gedruckte Hefte oder als elektronisch \u00fcbermittelte Texte. Nat\u00fcrlich ist die derzeitige Un\u00fcbersichtlichkeit im Internet ein Gegenargument. Neue Kommunikationsformen und Verfahren f\u00fcr die Selektion sind zu (er)finden. Ich sehe f\u00fcr die Literatur mehr gute Chancen als Nachteile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erfolg der Literatur und der Diskurs der an der Kultur Beteiligten (bis hin zum Dialog zwischen Autor und Leser oder Leser und Leser) h\u00e4ngt letztlich nicht am gedruckten Wort, am Buch. Das Buch wird wahrscheinlich nie untergehen, aber die neuen Literaturmedien werden die Literatur bereichern. Keiner\u00a0 kann jetzt schon im Einzelnen sagen, welche Wirkungen die neuen Medien auf die Sprache und die Formen der Literatur und die beschleunigte Integration aller K\u00fcnste haben wird. Die negative Seite der neuen Kommunikation steht jetzt schon fest: Geschw\u00e4tz. Die positive Seite aber wird mit Sicherheit im neuen Millennium auch geschrieben werden!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_13738\" style=\"width: 132px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Bergmann_1_sw-122x150.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13738\" class=\"size-full wp-image-13738\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Bergmann_1_sw-122x150.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13738\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Bergmann<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulrich Bergmann nennt seine essayistischen Alltagsbetrachtungen ironisch &#8222;gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs&#8220;. Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> auch den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel, sowie seinen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Text, das Buch und die sch\u00f6ne Literatur im 3. 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