{"id":13193,"date":"2010-12-24T00:01:06","date_gmt":"2010-12-23T23:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13193"},"modified":"2021-10-25T14:51:40","modified_gmt":"2021-10-25T12:51:40","slug":"ein-weihnachtsengel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/24\/ein-weihnachtsengel\/","title":{"rendered":"Ein Weihnachtsengel"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_13280\" style=\"width: 228px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tannenbaum.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13280\" class=\"size-medium wp-image-13280\" title=\"Tannenbaum\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tannenbaum-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tannenbaum-218x300.jpg 218w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tannenbaum.jpg 436w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13280\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Malene Thyssen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den Tannenb\u00e4umen begann es. Eines Morgens, als wir zur Schule gingen, hafteten an den Stra\u00dfenecken die gr\u00fcnen Siegel, die die Stadt wie ein gro\u00dfes Weihnachtspaket an hundert Ecken und Kanten zu sichern schienen. Dann barst sie eines sch\u00f6nen Tages dennoch, und Spielzeug, N\u00fcsse, Stroh und Baumschmuck quollen aus ihrem Innern: der Weihnachtsmarkt. Mit ihnen aber quoll noch etwas anderes hervor: die Armut. Wie n\u00e4mlich Aepfel und N\u00fcsse mit ein wenig Schaumgold neben dem Marzipan sich auf dem Weihnachtsteller zeigen durften, so auch die armen Leute mit Lametta und bunten Kerzen in den besseren Vierteln. Die Reichen aber schickten ihre Kinder vor, um denen der Armen wollene Sch\u00e4fchen abzukaufen oder Almosen auszuteilen, die sie selbst vor Scham nicht \u00fcber ihre H\u00e4nde brachten. Inzwischen stand bereits auf der Veranda der Baum, den meine Mutter insgeheim gekauft und \u00fcber die Hintertreppe in die Wohnung hatte bringen lassen. Und wunderbarer als alles, was das Kerzenlicht ihm gab, war, wie das nahe Fest in seine Zweige mit jedem Tage dichter sich verspann. In den H\u00f6fen begannen die Leierkasten die letzte Frist mit Chor\u00e4len zu dehnen. Endlich war sie dennoch verstrichen und einer jener Tage wieder da, an deren fr\u00fchesten ich mich hier erinnere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meinem Zimmer wartete ich, bis es sechs werden wollte. Kein Fest des sp\u00e4teren Lebens kennt diese Stunde, die wie ein Pfeil im Herzen des Tages zittert. Es war schon dunkel; trotzdem entz\u00fcndete ich nicht die Lampe, um den Blick nicht von den Fenstern \u00fcberm Hof zu wenden, hinter denen nun die ersten Kerzen zu sehen waren. Es war von allen Augenblicken, die das Dasein des Weihnachtsbaumes hat, der b\u00e4nglichste, in dem er Nadeln und Ge\u00e4st dem Dunkel opfert, um nichts zu sein als nur ein unnahbares und doch nahes Sternbild im tr\u00fcben Fenster einer Hinterwohnung. Doch wie ein solches Sternbild hin und wieder eins der verlassenen Fenster begnadete, indessen viele weiter dunkel blieben und andere noch trauriger im Gaslicht der fr\u00fcheren Abende verk\u00fcmmerten, schien mir, da\u00df diese weihnachtlichen Fenster die Einsamkeit, das Alter und das Darben \u2013 all das, wovon die armen Leute schwiegen \u2013 in sich fa\u00dften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann fiel mir wieder die Bescherung ein, die meine Eltern eben r\u00fcsteten. Kaum aber hatte ich so schweren Herzens, wie nur die N\u00e4he eines sichern Gl\u00fccks es macht, mich von dem Fenster abgewandt, so sp\u00fcrte ich eine fremde Gegenwart im Raum. Es war nichts als ein Wind, so da\u00df die Worte, die sich auf meinen Lippen bildeten, wie Falten waren, die ein tr\u00e4ges Segel pl\u00f6tzlich vor einer frischen Brise wirft: \u201eAlle Jahre wieder, kommt das Christuskind, auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind\u201c \u2013 mit diesen Worten hatte sich der Engel, der in ihnen begonnen hatte, sich zu bilden, auch verfl\u00fcchtigt. Doch nicht mehr lange blieb ich im leeren Zimmer. Man rief mich in das gegen\u00fcberliegende, in dem der Baum nun in die Glorie eingegangen war, welche ihn mir entfremdete, bis er, des Untersatzes beraubt, im Schnee versch\u00fcttet oder im Regen gl\u00e4nzend, das Fest da endete, wo es ein Leierkasten begonnen hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuerst erschienen in\u00a0<em>Vossische Zeitung<\/em>, 1932. In der Beilage: Das Unterhaltungsblatt, Nr. 357, S. 1<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit den Tannenb\u00e4umen begann es. Eines Morgens, als wir zur Schule gingen, hafteten an den Stra\u00dfenecken die gr\u00fcnen Siegel, die die Stadt wie ein gro\u00dfes Weihnachtspaket an hundert Ecken und Kanten zu sichern schienen. 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