{"id":13186,"date":"2013-03-02T00:26:22","date_gmt":"2013-03-01T23:26:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13186"},"modified":"2018-03-16T13:27:50","modified_gmt":"2018-03-16T12:27:50","slug":"13186","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/03\/02\/13186\/","title":{"rendered":"singt leide leide leide"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-13912\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Cover3.jpg\" alt=\"\" width=\"166\" height=\"256\" \/><\/a>Mit <em>Rauhtier<\/em> verl\u00e4sst der Lyriker Bert Strebe die kostbare Nische der bibliophilen Sammlereditionen. Nach <em>Zwischenwasser<\/em> (1999) und <em>Katzenlicht<\/em> (2002), beide verlegt von Eric van der Wal (Bergen \/Holland), macht der vorliegende Band Strebes poetisches Werk jetzt einem gr\u00f6\u00dferen Leserkreis zug\u00e4nglich: es gilt, eine \u00fcberf\u00e4llige Entdeckung zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Gro\u00dfteil der Gedichte aus den beiden vorigen \u2013 man vermutet: vergriffenen \u2013 Ausgaben ist hier neu versammelt und unterstreicht, dass es Strebe bislang nicht um kurzweilige Effekte oder langgetakteten Neuanfang gegangen sein kann. Nichts weniger als lyrische Rundumerneuerung findet hier statt; die Neuanordnung der alten St\u00fccke bahnt sie an, doch die neueren Gedichte, die im wesentlichen die zweite H\u00e4lfte von <em>Rauhtier<\/em> ausmachen, weiten den Horizont und loten neue Tiefen aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Strebe also allem Anschein nach ein Dichter ist, der sich und seinem Werk Zeit l\u00e4sst, so l\u00e4sst er ihm gleichwohl nicht die Z\u00fcgel schie\u00dfen: seine Sprache und seine Bilder f\u00fcgen sich mit einer pr\u00e4zisen Eleganz, die ihresgleichen sucht. So meidet die Tonlage konsequent allen \u00dcberschwang; es gibt keine Rhapsodie, keine Explosion, keinen Hymnus, die uns mitrei\u00dfen, verschrecken oder erheben k\u00f6nnten, und genau so verharren auch die Bilder in k\u00fchler Statik (<em>(das wasser h\u00fctet seine wut)<\/em>). Doch der scheinbare Mangel an w\u00e4rmerer Emotion \u2013 deren Zuckerguss anderswo oft genug missratenen Kuchen retten soll \u2013 und rastloser, nichts als sich selbst bezweckender Motion erlauben dem Autor genaues, bisweilen freilich auch erbarmungslos genaues Hinschauen. Allen so sparsamen Ankl\u00e4ngen an M\u00e4rchen entgegen, allen Ansichten \u201anach der Natur\u2018 zum Trotz wird hier nicht gewispert, nicht geraunt \u2013 <em>hier frieren wir und schweigen<\/em>, und vielleicht ist doch bedeutsam, dass sich das titelgebende Wort bis auf einen Buchstaben an ein Raubtier heranwagt. Man lese genau!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Genauigkeit erf\u00fcllt auch die \u00e4u\u00dferliche Form der Gedichte, von denen die allermeisten ein Dutzend kurzer Zeilen umfassen, die l\u00e4ngsten gerade eine Seite einnehmen (nur eines der 70 \u00fcberschreitet dieses Ma\u00df), und die in ihrer Sprache und Ausdrucksweise insofern makellos sind, als man sich beim Lesen kein Wort in die Zunge rei\u00dft. Der bei dieser Beschr\u00e4nkung drohenden thematischen Kurzatmigkeit entgehen die kurzen St\u00fccke durch ihre Anordnung zu insgesamt elf, jeweils unter einer \u00dcberschrift zusammengefassten Folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Gl\u00fcck, dass diese Gedichte, denen kein tr\u00f6stlicher Gestus eignet, ebensowenig der Larmoyanz anheimfallen: in aller abgekl\u00e4rten Gelassenheit betrachtet das lyrische Ich die Erscheinungen seiner Welt und stellt ruhig seinen Befund, ohne zu besch\u00f6nigen oder zu verleugnen auch dort, wo die Sprache an ihre Grenze gekommen scheint:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">[\u2026]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>ich lege ein welkes blatt<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>auf die schwelle ich beschwere es<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>mit dreien deiner worte<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>und nehme das vierte mit mir fort<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollte es also so sein, dass Dichtung noch irgendeiner Rechtfertigung bed\u00fcrfte \u2013 au\u00dfer der, dass sie eben zu schreiben ist \u2013 dann legte Bert Strebe hiermit den beachtenswerten Nachweis vor, dass es mitunter eine existenzielle (auch: literarische) Kargheit sein kann, die die gr\u00f6\u00dfte Kunst hervorzubringen imstande ist. Ohne irgendwelches verortende oder anderes Gepr\u00e4nge (Satzbild, Widmungen, Epigramme, Datierungen, Ortsangaben, Zitate oder Querverweise in Fachsprachen) ist hier allein das aufgeweckte Ich am Werk: <em>gegen\u00fcber gie\u00dft jemand wind \/ ins brandmauerlaub.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei hat es diese Welt wirklich in sich oder, von der entgegengesetzten Warte aus betrachtet, beinhaltet dieses Ich sie ganz, von den bauchgehenden Reptilien (<em>von ferne f\u00e4ngt meine zunge \/ ein wenig atem ein<\/em>) bis hin zu den himmlischen Trabanten (<em>ich bin das gegenst\u00fcck zu einer wunde \/ die immer noch n\u00e4\u00dft und \/ den pazifik f\u00fcllt<\/em>), und bleibt dabei doch immer, ist unverkennbar ein und dasselbe, kein beliebig gestaltwandlerischer Wechselbalg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Handelt es sich bei <em>Rauhtier<\/em> um Naturgedichte? Ja \u2013 insofern, als es sich bei Solinger Stahlklingen um Naturerzeugnisse handelt. Oder anders gesagt: Stille (<em>im holz des tisches \/ sind die hausaufgaben der kinder \/ aus zwei jahrzehnten nachzulesen<\/em>) und Starre (<em>jemand bremst mit der flachen hand \/ die spule von der die zeit abl\u00e4uft<\/em> ) sind die Urgr\u00fcnde, aus denen Bert Strebes Dichtung sich hervorarbeitet, und ihre Sch\u00f6nheit und Verlockung ist die einer einsamen Fu\u00dfspur \u00fcber ein Feld aus \u00fcberfrorenem Schnee, deren Ende sich in der D\u00e4mmerung oder am Waldrand verliert: man folgt ihr in der Hoffnung, an ihrem Ende auf menschliche Gesellschaft zu treffen, aber man schneidet sich an den scharfen Eiskanten die Kn\u00f6chel auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und man hofft, noch vor Einbruch der Nacht das Ziel zu erreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p>Bert Strebe, <strong>Rauhtier<\/strong>, Mit einem Nachwort von Wolfgang Berends. Stadtlichter Presse, 2012. ISBN 978-3-936271-65-2. Broschur, 111 S., EUR 16,-.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Rauhtier verl\u00e4sst der Lyriker Bert Strebe die kostbare Nische der bibliophilen Sammlereditionen. 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