{"id":13112,"date":"2023-06-26T00:01:31","date_gmt":"2023-06-25T22:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13112"},"modified":"2022-02-25T16:52:50","modified_gmt":"2022-02-25T15:52:50","slug":"uber-die-bildende-nachahmung-des-schonen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/26\/uber-die-bildende-nachahmung-des-schonen\/","title":{"rendered":"\u00dcber die bildende Nachahmung des Sch\u00f6nen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn der griechische Schauspieler in der Kom\u00f6die des Aristophanes dem Sokrates auf dem Schauplatze und der Weise ihm im Leben nachahmt so ist das Nachahmen von beiden so sehr verschieden, da\u00df es nicht wohl mehr unter einer und ebenderselben Benennung begriffen werden kann: wir sagen daher, der Schauspieler <em>parodierte<\/em> den Sokrates, und der Weise<em> ahmt ihm nach.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Schauspieler war es freilich nicht darum zu tun, dem Sokrates im Ernst nachzuahmen, sondern vielmehr nur, das Eigent\u00fcmliche desselben oder seine<em> Individualit\u00e4t<\/em> in Gang, Miene, Stellung und Geb\u00e4rden auf eine gewisse \u00fcbertriebne Art, wodurch sie bei dem Zuschauer l\u00e4cherlich werden sollte, <em>nachzubilden.<\/em> Weil dies nun der Schauspieler mit Bewu\u00dftsein und gleichsam im Scherz tat, so sagen wir: er parodierte den Sokrates.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4re aber der Schauspieler, den wir hier vor uns sehen, nicht Schauspieler, sondern irgendeiner aus dem Volke, der dem Sokrates, welchem er sich innerlich schon \u00e4hnlich d\u00fcnkte, nun auch im \u00c4u\u00dfern, in Gang, Stellung und Geb\u00e4rden, im <em>Ernst<\/em> nachzuahmen suchte so w\u00fcrden wir von diesem Toren sagen: er <em>\u00e4fft<\/em> dem Sokrates nach, oder, er verh\u00e4lt sich zum Sokrates ohngef\u00e4hr so, wie der Affe in seinen possierlichen Stellungen und Geb\u00e4rden sich zum Menschen verh\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schauspieler also schlie\u00dft den Weisen aus und parodiert nur den Sokrates, denn die Weisheit l\u00e4\u00dft sich nicht parodieren; der Weise schlie\u00dft in seiner Nachahmung den Sokrates aus und ahmt in ihm nur den Weisen nach, denn die Individualit\u00e4t des Sokrates kann wohl parodiert und nachge\u00e4fft, aber nie nachgeahmt werden. Der Tor hat keinen Sinn f\u00fcr die Weisheit und hat doch Nachahmungstrieb: er ergreift also, was ihm am n\u00e4chsten liegt, \u00e4fft nach, um nicht nachahmen zu d\u00fcrfen, tr\u00e4gt die ganze Oberfl\u00e4che einer fremden Individualit\u00e4t auf die seinige \u00fcber, und die Basis oder das Selbstgef\u00fchl dazu legt ihm seine Torheit unter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sehen also aus dem Sprachgebrauch, da\u00df<em> Nachahmen,<\/em> im edlern moralischen Sinn, mit den Begriffen von nachstreben und wetteifern fast gleichbedeutend wird, weil die Tugend, welche ich z.B. in einem gewissen Vorbilde nachahme, etwas Allgemeines, \u00fcber die Individualit\u00e4t Erhabenes ist, das von jedermann, der darnach strebt, und also auch von mir sowohl als von meinem Vorbilde, mit dem ich zu wetteifern suche, erreicht werden kann. Weil ich aber diesem Vorbilde doch einmal nachstehe und ein gewisser Grad von edler Gesinnung und Handlungsweise mir ohne dasselbe vielleicht nicht so bald oder gar nie denkbar geworden w\u00e4re, so nenne ich mein Streben nach einem gemeinschaftlichen Gute, das auch von meinem Vorbilde erst mu\u00dfte errungen werden, eine Nachahmung dieses Vorbildes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ahme meinem Vorbilde nach; ich strebe ihm nach; ich suche mit ihm zu wetteifern. \u2013 Durch mein Vorbild ist mir blo\u00df das Ziel h\u00f6her als von mir selbst hinaufgesteckt. Nach diesem Ziele mu\u00df ich nun nach meinen Kr\u00e4ften, auf meine Weise streben, zuletzt mein Vorbild selbst vergessen und suchen, wenn es m\u00f6glich w\u00e4re, das Ziel noch weiter hinaus zu stecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch diese Gesinnung mu\u00df das Nachahmen im edlern moralischen Sinn erst seinen eigentlichen Wert erhalten. \u2013 Und es fr\u00e4gt sich nun, wie von diesem Nachahmen im moralischen Sinn das Nachahmen in den sch\u00f6nen K\u00fcnsten oder von der Nachahmung des Guten und Edlen die Nachahmung des Sch\u00f6nen unterschieden sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Frage mu\u00df sich alsdann von selbst beantworten, wenn wir die Begriffe von sch\u00f6n und gut, wiederum nach dem Sprachgebrauch, geh\u00f6rig unterscheiden: denn da\u00df dieser sie oft verwechselt, darf uns hier nicht k\u00fcmmern, wo es beim Nachdenken \u00fcber die Sache blo\u00df aufs Unterscheiden ank\u00f6mmt und notwendig so wie auf dem Globus gewisse feste Grenzlinien, die in der Natur selbst nicht stattfinden, gezogen werden m\u00fcssen, wenn die Begriffe sich nicht wiederum ebenso wie ihre Gegenst\u00e4nde unmerklich ineinander verlieren und verschwimmen sollen: ein getreuerer Abdruck der Natur k\u00f6nnen sie in diesem letztern Falle sein, aber das eigentliche Denken, welches nun einmal im Unterscheiden besteht, h\u00f6rt auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun schlie\u00dft sich aber im Sprachgebrauch das Gute und N\u00fctzliche so wie das Edle und Sch\u00f6ne nat\u00fcrlich aneinander; und diese vier verschiednen Ausdr\u00fccke bezeichnen eine so feine Abstufung der Begriffe und bilden ein so zartes Ideenspiel, da\u00df es dem Nachdenken schwer werden mu\u00df, das immer ineinander sich unmerklich wieder Verlierende geh\u00f6rig auseinanderzuhalten und es einzeln und abgesondert zu betrachten. Soviel f\u00e4llt demohngeachtet deutlich in die Augen, da\u00df das blo\u00df N\u00fctzliche dem Sch\u00f6nen und Edlen mehr als das Gute entgegenstehe, weil durch das Gute vom blo\u00df N\u00fctzlichen zum Sch\u00f6nen und Edlen schon der \u00dcbergang gemacht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir denken uns z.B. unter einem n\u00fctzlichen Menschen einen solchen, der nicht sowohl an und f\u00fcr sich selbst als vielmehr nur in Beziehung auf irgendeinen Zusammenhang von Dingen au\u00dfer ihm unsre Aufmerksamkeit verdienet: der gute Mensch hingegen f\u00e4ngt schon, an und f\u00fcr sich selbst betrachtet, an, unsre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und unsre Liebe zu gewinnen; insofern wir uns n\u00e4mlich denken, da\u00df er seinem innern Fonds von G\u00fcte nach uns nie durch Eigennutz und Selbstsucht schaden, in den Zusammenhang von Dingen, worin wir uns befinden, nicht leicht disharmonisch eingreifen, kurz, unsern Frieden nicht st\u00f6ren wird. \u2013 Der edle Mensch aber zieht f\u00fcr sich ganz allein unsre ganze Aufmerksamkeit und Bewundrung auf sich, ohne alle R\u00fccksicht auf irgend etwas au\u00dfer ihm oder auf irgendeinen Vorteil, der uns f\u00fcr unsre eigne Person aus seinem Dasein erwachsen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und weil nun der edle Mensch, um edel zu sein, der k\u00f6rperlichen Sch\u00f6nheit nicht bedarf, so scheiden sich hier wiederum die Begriffe von sch\u00f6n und edel, indem durch das letztre die innre Seelensch\u00f6nheit, im Gegensatz gegen die Sch\u00f6nheit auf der Oberfl\u00e4che, bezeichnet wird. Insofern nun aber die \u00e4u\u00dfre Sch\u00f6nheit zugleich mit ein Abdruck der innern Seelensch\u00f6nheit ist, fa\u00dft sie auch das Edle in sich und sollte es ihrer Natur nach eigentlich stets in sich fassen. Hiedurch hebt sich aber demohageachtet der Unterschied zwischen sch\u00f6n und edel nicht wieder auf. Denn unter einer edlen Stellung denken wir uns z.B. eine solche, die zugleich eine gewisse innere Seelenw\u00fcrde bezeichnet: irgendeine leidenschaftliche Stellung aber kann demohngeachtet immer noch eine sch\u00f6ne Stellung sein, wenngleich nicht eine solche innere Seelenw\u00fcrde ausdr\u00fccklich dadurch bezeichnet wird; nur darf sie einem gewissen Grade von innerer W\u00fcrde nie geradezu widersprechen, sie darf nie unedel sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hieraus erkl\u00e4rt sich nun zugleich beil\u00e4ufig der Begriff vom edlen Stil in Kunstwerken jeder Art, welcher kein andrer ist als derjenige, der zugleich mit eine innre Seelenw\u00fcrde des hervorbringenden Genies bezeichnet. Ob nun gleich dieser edle Stil die andern untergeordneten Arten des Sch\u00f6nen nicht vom Gebiet des Sch\u00f6nen ausschlie\u00dft, so schneidet er doch alles, was ihm geradezu entgegensteht, davon ab; er schlie\u00dft das Unedle aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insofern nun unter dem Edlen, im Gegensatz gegen das \u00e4u\u00dfre Sch\u00f6ne, blo\u00df die innre Seelensch\u00f6nheit verstanden wird, k\u00f6nnen wir es auch so wie das Gute <em>in<\/em> uns selbst nachbilden. \u2013 Das Sch\u00f6ne aber, insofern es sich dadurch vom Edlen unterscheidet, da\u00df, im Gegensatz gegen das innre, blo\u00df das \u00e4u\u00dfre Sch\u00f6ne darunter verstanden wird, kann durch die Nachahmung nicht in uns herein-, sondern mu\u00df, wenn es von uns nachgeahmt werden soll, notwendig wieder <em>aus uns herausgebildet<\/em> werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der bildende K\u00fcnstler kann z.B. die innre Seelensch\u00f6nheit eines Mannes, den er sich in seinem Wandel zum Vorbilde nimmt, ihm nachahmend in sich \u00fcbertragen. Wenn aber ebendieser K\u00fcnstler sich gedrungen f\u00fchlte, die innre Seelensch\u00f6nheit seines Vorbildes, insofern sie sich in dessen Gesichtsz\u00fcgen abdr\u00fcckt, nachzuahmen, so m\u00fc\u00dfte er seinen Begriff davon notwendig aus sich herauszubilden und au\u00dfer sich darzustellen suchen, indem er n\u00e4mlich diese Gesichtsz\u00fcge nicht geradezu nachbildete, sondern sie gleichsam nur zu H\u00fclfe n\u00e4hme, um die in sich empfundne Seelensch\u00f6nheit eines fremden Wesens auch au\u00dfer sich wieder darzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die eigentliche Nachahmung des Sch\u00f6nen unterscheidet sich also zuerst von der moralischen Nachahmung des Guten und Edlen dadurch, da\u00df sie, ihrer Natur nach, streben mu\u00df, nicht wie diese in sich hinein-, sondern aus sich herauszubilden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenden wir nun die Begriffe von gut, sch\u00f6n und edel wiederum auf den Begriff von Handlung an, so denken wir uns unter einer guten Handlung eine solche, die nicht allein um ihrer Folgen, sondern zugleich um ihrer Beweggr\u00fcnde willen unsre Aufmerksamkeit erregen und unsern Beifall verdienen kann; bei der Sch\u00e4tzung einer edlen Handlung vergessen wir ganz die Folge, und sie scheinet uns allein schon um ihrer Beweggr\u00fcnde, das ist um ihrer selbst willen, unsrer Bewundrung wert. Betrachten wir nun eine solche Handlung nach ihrer <em>Oberfl\u00e4che,<\/em> von der sie einen sanften Schein in unsre Seele wirft, oder nach der angenehmen Empfindung, die ihre blo\u00dfe Betrachtung in uns erweckt, so nennen wir sie eine <em>sch\u00f6ne<\/em> Handlung; wollen wir aber ihren innern Wert ausdr\u00fccken, so nennen wir sie <em>edel.<\/em> Jede sch\u00f6ne <em>Handlung<\/em> aber mu\u00df notwendig auch edel sein: das Edle ist bei ihr die Basis oder der Fonds des Sch\u00f6nen, durch welches sie in unser Auge leuchtet. Durch den Mittelbegriff des Edeln also wird der Begriff des Sch\u00f6nen wieder zum Moralischen hin\u00fcbergezogen und gleichsam daran festgekettet. Wenigstens werden dem Sch\u00f6nen dadurch die Grenzen vorgeschrieben, die es nicht \u00fcberschreiten darf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da wir nun einmal gen\u00f6tigt sind, uns den Begriff von der Nachahmung des eigentlichen Sch\u00f6nen, den wir nicht haben, aus dem Begriff von der moralischen Nachahmung des Guten und Edlen, den wir haben, zu entwickeln, und da wir uns die eigentliche Nachahmung des Sch\u00f6nen, au\u00dfer dem Genu\u00df der Werke selbst die dadurch entstanden sind gar nicht anders denken k\u00f6nnen, als insofern sie sich von der blo\u00df moralischen Nachahmung des Guten und Edlen unterscheidet, so m\u00fcssen wir nun schon die Begriffe von n\u00fctzlich, gut, sch\u00f6n und edel noch weiter in ihre feinern Abstufungen zu verfolgen suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dadurch also, da\u00df z.B. die Tat des Mucius Scaevola erw\u00fcnschte Folgen hatte, wurde sie nicht im geringsten edler, als sie war und w\u00fcrde auch ohne den Erfolg von ihrem innern Wert nichts verloren haben: sie brauchte nicht <em>n\u00fctzlich<\/em> zu sein, um edel zu sein, bedurfte des Erfolges nicht, eben weil sie ihren innern Wert in sich selber hatte; und wodurch anders hatte sie diesen Wert als durch sich selbst, [durch ihre Entstehung,] durch ihr Dasein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Edle und Gro\u00dfe der Handlung lag ja eben darin, da\u00df der junge Held, auf jeden Erfolg gefa\u00dft, das Aller\u00e4u\u00dferste wagte und, da es ihm mi\u00dflang, ohne Bedenken seine Hand in die lodernde Flamme streckte, ohne noch zu wissen, was sein Feind, in dessen Gewalt er war, \u00fcber ihn verh\u00e4ngen w\u00fcrde. \u2013 So kann nur der handeln, welcher eine gro\u00dfe Tat, deren Erfolg so \u00e4u\u00dferst ungewi\u00df ist, <em>um dieser Tat selbst willen<\/em> unternimmt, wovon allein schon das gro\u00dfe Bewu\u00dftsein ihn f\u00fcr jeden mi\u00dflungnen Versuch schadlos h\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4re Mucius unter andern Umst\u00e4nden blo\u00df das Werkzeug eines andern, dem er aus Pflicht gehorchte, zu einer \u00e4hnlichen Tat gewesen und h\u00e4tte sie mit Beistimmung seines Herzens vortrefflich und so, wie er sollte, ausgef\u00fchrt, so h\u00e4tte er zwar noch nicht [im eigentlichen Sinne] edel, aber [sehr] gut gehandelt: denn obgleich seine Handlung auch schon vielen Wert in sich selber hat, so wird doch immer ihre G\u00fcte zugleich mit durch den Erfolg bestimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4tte aber ebendieser Mucius den Angriff auf den Feind seines Vaterlandes meuchelm\u00f6rderischerweise aus Privatrache und pers\u00f6nlichem Ha\u00df getan und sie w\u00e4re ihm nicht mi\u00dflungen, so h\u00e4tte sie seinem Vaterlande, ohne gut und edel zu sein, dennoch gen\u00fctzt und h\u00e4tte, ohne den mindesten innern Wert zu haben, dennoch <em>durch den Erfolg<\/em> eine Art von \u00e4u\u00dfrem Wert erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie nun das Gute zum Edlen, ebenso mu\u00df das Schlechte zum Unedlen sich verhalten: das Unedle ist der Anfang des Schlechten, so wie das Gute der Anfang des Sch\u00f6nen und Edlen ist; und so wie eine blo\u00df gute noch keine edle, so ist eine blo\u00df unedle deswegen noch keine schlechte Handlung. Und wie das N\u00fctzliche zum Guten, ebenso verh\u00e4lt wiederum das Unn\u00fctze sich zum Schlechten; das Schlechte ist gleichsam der Anfang des Unn\u00fctzen, so wie das N\u00fctzliche schon der Anfang des Guten ist. Wie das blo\u00df N\u00fctzliche deswegen noch nicht gut ist, so ist auch das blo\u00df Schlechte deswegen noch nicht unn\u00fctz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun steigen die Begriffe von unedel, schlecht und unn\u00fctz ebenso herab, wie die Begriffe von n\u00fctzlich, gut und sch\u00f6n heraufsteigen. Von den heraufsteigenden Begriffen steht das Edle und Sch\u00f6ne auf der [h\u00f6chsten so wie von den herabsteigenden das Unn\u00fctze auf der] niedrigsten Stufe. Von allen diesen Begriffen nun stehen der vom Sch\u00f6nen und der vom Unn\u00fctzen am weitesten voneinander ab und scheinen sich am st\u00e4rksten entgegengesetzt zu sein, da wir doch vorher gesehen haben, da\u00df das Sch\u00f6ne und Edle sich eben dadurch vom Guten unterscheidet, da\u00df es nicht n\u00fctzlich sein darf, um sch\u00f6n zu sein, und also der Begriff vom Sch\u00f6nen mit dem Begriff vom Unn\u00fctzen oder nicht N\u00fctzlichen sehr wohl m\u00fc\u00dfte zusammen bestehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier zeigt es sich nun, wie ein Zirkel von Begriffen zuletzt sich wieder in sich selbst verliert, indem seine beiden \u00e4u\u00dfersten Enden gerade da wieder zusammensto\u00dfen, wo, wenn sie nicht zusammenstie\u00dfen, von einem zum andern der weiteste Weg sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Begriff vom Unn\u00fctzen n\u00e4mlich, insofern es gar keinen Zweck keine Absicht au\u00dfer sich hat, warum es da ist, schlie\u00dft sich am willigsten und n\u00e4chsten an den Begriff des Sch\u00f6nen an, insofern dasselbe auch keines Endzwecks, keiner Absicht warum es da ist, au\u00dfer sich <em>bedarf,<\/em> sondern seinen ganzen Wert und den Endzweck seines Daseins in sich selber hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insofern aber nun das Unn\u00fctze nicht zugleich auch sch\u00f6n ist f\u00e4llt es auf einmal wieder am allerweitesten vom Begriff des Sch\u00f6nen bis unter das Schlechte hinab, weil es nun weder in sich noch au\u00dfer sich eine Absicht hat, warum es da ist, und sich also gleichsam selbst aufhebt. Ist aber das Unn\u00fctze oder dasjenige, was au\u00dfer sich keinen Endzweck seines Daseins hat, [warum es da ist,] zugleich auch sch\u00f6n so steigt es pl\u00f6tzlich auf die h\u00f6chste Stufe der Begriffe bis \u00fcber das N\u00fctzliche und Gute empor indem es eben deswegen keines Endzwecks au\u00dfer sich bedarf weil es in sich so vollkommen ist, da\u00df es den ganzen Endzweck seines Daseins in sich selbst hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die drei aufsteigenden Begriffe von n\u00fctzlich, gut und sch\u00f6n und die drei absteigenden von unedel, schlecht und unn\u00fctz bilden also aus dem Grunde einen Zirkel, weil die beiden \u00e4u\u00dfersten Begriffe vom Unn\u00fctzen und vom Sch\u00f6nen sich gerade am wenigsten einander ausschlie\u00dfen und der Begriff des Unn\u00fctzen von dem einen f\u00fcr den Begriff des Sch\u00f6nen von dem andern Ende gleichsam die Fuge wird in die es sich am leichtesten hineinstehlen und unmerklich sich darin verlieren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Steigen wir nun die Leiter der Begriffe herab, so vertr\u00e4gt sich sch\u00f6n und edel zwar mit unn\u00fctz, aber nicht mit schlecht und unedel; gut vertr\u00e4gt sich mit unedel, aber nicht\u00a0 mit schlecht und unn\u00fctz; n\u00fctzlich mit schlecht und unedel, aber nicht mit unn\u00fctz; unedel mit gut und n\u00fctzlich, aber nicht mit sch\u00f6n; schlecht mit n\u00fctzlich, aber nicht mit sch\u00f6n und gut; unn\u00fctz mit sch\u00f6n, aber nicht mit gut und n\u00fctzlich. \u2013 Die Begriffe m\u00fcssen sich immer gerade da wieder entgegenkommen, wo sie am weitesten voneinander abzuweichen und sich zu verlassen scheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein wir d\u00fcrfen itzt dies Ideenspiel nur so weit verfolgen, als es unserm Zweck uns n\u00e4herf\u00fchrt, unsre Vorstellung von der Nachahmung des Sch\u00f6nen durch den Begriff des Sch\u00f6nen aufzuhellen. Nun kann aber nur die Vorstellung von dem, was das Sch\u00f6ne <em>nicht zu sein braucht,<\/em> um sch\u00f6n zu sein, und was als \u00fcberfl\u00fcssig davon betrachtet werden mu\u00df, uns auf einen nicht unrichtigen Begriff des Sch\u00f6nen f\u00fchren, indem wir uns alles, was nicht dazugeh\u00f6rt um dasselbe her hinweg und also wenigstens den wahren Umri\u00df des leeren Raumes denken wohinein das von uns Gesuchte wenn es positiv von uns gedacht werden k\u00f6nnte, notwendig passen m\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da nun aus der vorhergegangenen Nebeneinanderstellung klar ist, da\u00df die Begriffe von sch\u00f6n und unn\u00fctz nicht nur einander nicht ausschlie\u00dfen, sondern sogar sich willig ineinanderf\u00fcgen so mu\u00df das N\u00fctzliche offenbar an dem Sch\u00f6nen als \u00fcberfl\u00fcssig und wenn es sich daran befindet, doch als zuf\u00e4llig und als nicht dazugeh\u00f6rig betrachtet werden, weil die wahre Sch\u00f6nheit, ebenso wie das Edle in der Handlung, durch das N\u00fctzliche dabei weder vermehrt noch durch den Mangel desselben auf irgendeine Weise vermindert werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen also das Sch\u00f6ne im allgemeinen auf keine andre Weise erkennen als insofern wir es dem N\u00fctzlichen entgegenstellen und es davon so scharf wie m\u00f6glich unterscheiden. Eine Sache wird n\u00e4mlich dadurch noch nicht sch\u00f6n da\u00df sie nicht n\u00fctzlich ist sondern dadurch, da\u00df sie nicht n\u00fctzlich zu sein<em> braucht.<\/em> Um nun aber die Frage zu beantworten, wie denn eine Sache beschaffen sein m\u00fcsse, damit sie nicht n\u00fctzlich zu sein brauche m\u00fcssen wir wiederum erst den Begriff des N\u00fctzlichen noch mehr zu entwickeln suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter Nutzen denken wir uns n\u00e4mlich die Beziehung eines Dinges als Teil betrachtet, auf einen Zusammenhang von Dingen, den wir uns als ein Ganzes denken. Diese Beziehung mu\u00df n\u00e4mlich von der Art sein, da\u00df der Zusammenhang des Ganzen best\u00e4ndig dadurch gewinnt und erhalten wird: je mehrere solcher Beziehungen nun eine Sache auf den Zusammenhang, worin sie sich befindet, hat um desto n\u00fctzlicher ist dieselbe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Teil eines Ganzen mu\u00df auf die Weise mehr oder weniger Beziehung auf das Ganze selbst haben: das Ganze, als Ganzes betrachtet, hingegen braucht weiter keine Beziehung auf irgend etwas au\u00dfer sich zu haben. So mu\u00df jeder B\u00fcrger eines Staats eine gewisse Beziehung auf den Staat haben oder dem Staate n\u00fctzlich sein; der Staat selbst aber braucht, insofern er in sich allein ein Ganzes bildet weiter keine Beziehung auf irgend etwas au\u00dfer sich zu haben und braucht also auch nicht weiter n\u00fctzlich zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hieraus sehen wir also da\u00df eine Sache um nicht n\u00fctzlich sein zu d\u00fcrfen notwendig ein f\u00fcr sich bestehendes Ganze sein m\u00fcsse und da\u00df also mit dem Begriff des Sch\u00f6nen der Begriff von einem f\u00fcr sich bestehenden Ganzen unzertrennlich verkn\u00fcpft ist. \u2013 Da\u00df aber dies demohngeachtet noch nicht zum Begriff des Sch\u00f6nen hinreicht sehen wir daraus weil wir z.B. mit dem Begriff vom Staat ob derselbe gleich ein f\u00fcr sich bestehendes Ganze ist dennoch den Begriff der Sch\u00f6nheit nicht wohl verkn\u00fcpfen k\u00f6nnen, indem derselbe <em>in seinem ganzen Umfange<\/em> weder in unsern \u00e4u\u00dfern Sinn f\u00e4llt noch von der Einbildungskraft umfa\u00dft, sondern blo\u00df von unserm Verstande gedacht werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus ebendem Grunde k\u00f6nnen wir auch mit dem ganzen Zusammenhange der Dinge den Begriff von Sch\u00f6nheit nicht eigentlich verkn\u00fcpfen, eben weil dieser Zusammenhang <em>in seinem ganzen Umfange<\/em> weder in unsre Sinnen f\u00e4llt noch von unsrer Einbildungskraft umfa\u00dft werden kann, gesetzt da\u00df er auch von unserm Verstande gedacht werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu dem Begriff des Sch\u00f6nen, welcher uns daraus entsprungen ist, da\u00df es nicht n\u00fctzlich zu sein braucht, geh\u00f6rt also noch, da\u00df es nicht nur oder nicht sowohl ein f\u00fcr sich bestehendes Ganze wirklich sei, als vielmehr nur wie ein f\u00fcr sich bestehendes Ganze <em>in unsre Sinne fallen<\/em> oder von unsrer <em>Einbildungskraft umfa\u00dft werden<\/em> k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so wie nun das N\u00fctzliche seine Grade hat, ebenso mu\u00df sie auch das Sch\u00f6ne haben: je mehr Zusammenhang bef\u00f6rdernde Beziehungen n\u00e4mlich eine n\u00fctzliche Sache auf den Zusammenhang, worin sie sich befindet, hat, um desto n\u00fctzlicher ist sie; und je mehrere solcher Beziehungen eine sch\u00f6ne Sache von ihren einzelnen Teilen zu ihrem Zusammenhange, das ist zu sich selber, hat, um desto sch\u00f6ner ist sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie nun das Sch\u00f6ne unbeschadet seiner Sch\u00f6nheit auch n\u00fctzen kann, ob es gleich nicht um zu n\u00fctzen da ist, so kann das N\u00fctzliche auch unbeschadet seines Nutzens in einem gewissen Grade sch\u00f6n sein, ob es gleich nur um zu nutzen da ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein es darf die Linie um kein Haarbreit \u00fcberschreiten; sobald der Zweck des N\u00fctzlichen, wozu es da ist, unter der angema\u00dften Sch\u00f6nheit leidet, bleibt es weder sch\u00f6n noch n\u00fctzlich mehr, sinkt unter sich selbst herab und hebt sich selber auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn das Sch\u00f6ne sich <em>an dem N\u00fctzlichen<\/em> befindet, mu\u00df es sich auch dem N\u00fctzlichen unterordnen \u2013 es ist nicht um sein selbst willen da \u2013 es dient, das N\u00fctzliche aufzuschm\u00fccken \u2013 steigt also selbst zum N\u00fctzlichen herab und flie\u00dft mit ihm zusammen. \u2013 Es gibt seine Anspr\u00fcche mit seinem Namen auf, tritt in gemessene Schranken, wird zur bescheidnen <em>Zierde,<\/em> zur simplen <em>Eleganz.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der h\u00f6chsten Mischung des Sch\u00f6nen mit dem Edlen, da, wo das \u00e4u\u00dfere Sch\u00f6ne ganz in Ausdruck innrer W\u00fcrde und Hoheit \u00fcbergeht, erw\u00e4chst der Begriff des Majest\u00e4tischen. \u2013 Denken wir uns das Majest\u00e4tische belebt, so mu\u00df es die Welt beherrschen, der Dinge Zusammenhang in sich fassen; der Erdkreis mu\u00df vor ihm sich beugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir das Edle in Handlung und Gesinnung mit dem Unedlen <em>messen,<\/em> so nennen wir das Edle gro\u00df, das Unedle klein. \u2013 Und messen wir wieder das Gro\u00dfe Edle und Sch\u00f6ne nach der H\u00f6he, in der es \u00fcber uns, unsrer Fassungskraft kaum noch erreichbar ist, so geht der Begriff des Sch\u00f6nen in den Begriff des <em>Erhabnen<\/em> \u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insofern aber nun in einem sch\u00f6nen Werke die mannigfaltigen Beziehungen der einzelnen Teile zum Ganzen nicht nur oder nicht sowohl von unserm Verstande gedacht werden, als vielmehr nur in unsern<em> \u00e4u\u00dfren Sinn<\/em> fallen oder von unsrer <em>Einbildungskraft<\/em> umfa\u00dft werden m\u00fcssen, insofern schreiben unsre<em> Empfindungswerkzeuge<\/em> dem Sch\u00f6nen wieder sein<em> Ma\u00df<\/em> vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sonst w\u00fcrde freilich der Zusammenhang der ganzen Natur, welcher zu sich selber, als zu dem gr\u00f6\u00dften uns denkbaren Ganzen, die meisten Beziehungen in sich fa\u00dft, auch f\u00fcr uns das h\u00f6chste Sch\u00f6ne sein, wenn derselbe nur einen Augenblick von unsrer Einbildungskraft umfa\u00dft werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn dieser gro\u00dfe Zusammenhang der Dinge ist doch eigentlich das einzige, wahre Ganze; jedes einzelne Ganze in ihm ist wegen der unaufl\u00f6slichen Verkettung der Dinge nur <em>eingebildet<\/em> \u2013 aber auch selbst dies Eingebildete mu\u00df sich dennoch als Ganzes betrachtet, jenem gro\u00dfen Ganzen in unsrer Vorstellung \u00e4hnlich und nach eben den ewigen, festen Regeln bilden, nach welchen dieses sich von allen Seiten auf seinen Mittelpunkt st\u00fctzt und auf seinem eignen Dasein ruht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedes sch\u00f6ne Ganze aus der Hand des bildenden K\u00fcnstlers ist daher im Kleinen ein Abdruck des h\u00f6chsten Sch\u00f6nen im gro\u00dfen Ganzen der Natur, welche das noch <em>mittelbar<\/em> durch die bildende Hand des K\u00fcnstlers nacherschafft, was unmittelbar nicht in ihren gro\u00dfen Plan geh\u00f6rte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wem also von der Natur selbst der Sinn f\u00fcr ihre Sch\u00f6pfungskraft in sein ganzes Wesen und das <em>Ma\u00df<\/em> des Sch\u00f6nen in Aug und Seele gedr\u00fcckt ward, der begn\u00fcgt sich nicht, sie anzuschauen; er mu\u00df ihr nachahmen, ihr nachstreben, in ihrer geheimen Werkstatt sie belauschen und mit der lodernden Flamm im Busen bilden und schaffen, so wie sie:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem seine gl\u00fchende Sp\u00e4hungskraft in das Innre der Wesen dringt, bis auf den Quell der Sch\u00f6nheit selbst, die feinsten Fugen l\u00f6set und, auf der Oberfl\u00e4che sie sch\u00f6ner wieder f\u00fcgend, ihre edle Spur in weichen Ton eindr\u00fcckt, in harten Stein sie bildet oder auf flachem Grunde mit trennender Spitze die Gestalt aus ihren Umgebungen sondert, durch k\u00fchnen Farbenanstrich die Masse selbst nachahmt und durch Mischung von Licht und Schatten die Fl\u00e4che dem Auge entgegenr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Realit\u00e4t mu\u00df unter der Hand des bildenden K\u00fcnstlers zur Erscheinung werden, indem seine durch den Stoff gehemmte Bildungskraft von innen und seine bildende Hand von au\u00dfen auf der Oberfl\u00e4che der leblosen Masse zusammentreffen und auf diese Oberfl\u00e4che nun alles das hin\u00fcbertragen, was sonst gr\u00f6\u00dftenteils vor unsern Augen sich in die H\u00fclle der <em>Existenz<\/em> verbirgt, die durch sich selbst schon jede Erscheinung aufwiegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von dem reellen und vollendeten Sch\u00f6nen also, was unmittelbar sich selten entwickeln kann, schuf die Natur doch <em>mittelbar<\/em> den Widerschein durch Wesen, in denen sich ihr Bild so lebhaft abdr\u00fcckte, da\u00df es sich ihr selber in ihre eigene Sch\u00f6pfung wieder entgegenwarf. \u2013 Und so brachte sie, durch diesen verdoppelten Widerschein sich in sich selber spiegelnd, \u00fcber ihrer Realit\u00e4t schwebend und gaukelnd, ein Blendwerk hervor, das f\u00fcr ein <em>sterbliches<\/em> Auge noch reizender als sie selber ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und obgleich auch der Mensch an seinem Platze in der Reihe der Dinge so beschr\u00e4nkt wie m\u00f6glich ist, damit \u00fcber ihm und unter ihm sich noch so viele verschiedne Arten des Daseins, wie nur m\u00f6glich sind, dr\u00e4ngen m\u00f6gen, so gab ihm dennoch die Natur damit er in seiner Art so vollkommen wie m\u00f6glich sei, au\u00dfer dem Genu\u00df noch Bildungskraft, lie\u00df ihn mit sich selbst wetteifern und sich von ihm, damit keine Kraft in ihm unentwickelt bliebe, sogar dem Scheine nach \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sinn aber f\u00fcr das h\u00f6chste Sch\u00f6ne in dem harmonischen Bau des Ganzen, das die vorstellende Kraft des Menschen nicht umfa\u00dft, liegt unmittelbar in der <em>Tatkraft<\/em> selbst, die nicht ehr ruhen kann, bis sie das, was in ihr schlummert, wenigstens irgendeiner der vorstellenden Kr\u00e4fte gen\u00e4hert hat. \u2013 Sie greift daher in der Dinge Zusammenhang, und was sie fa\u00dft, will sie der Natur selbst \u00e4hnlich, zu einem <em>eigenm\u00e4chtig<\/em> f\u00fcr sich bestehenden Ganzen bilden. \u2013 Die Realit\u00e4t der Dinge, deren Wesen und Wirklichkeit eben in ihrer <em>Einzelnheit<\/em> besteht, widerstrebt ihr lange, bis sie das innre Wesen, in die Erscheinung aufgel\u00f6st, sich zu eigen macht und eine eigne Welt sich schafft, worin gar nichts Einzelnes mehr stattfindet, sondern jedes Ding in seiner Art ein f\u00fcr sich bestehendes Ganze ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Natur konnte aber den Sinn f\u00fcr das h\u00f6chste Sch\u00f6ne nur in die Tatkraft pflanzen und durch dieselbe erst mittelbar einen Abdruck dieses h\u00f6chsten Sch\u00f6nen der Einbildungskraft fa\u00dfbar, dem Auge sichtbar, dem Ohre h\u00f6rbar machen, weil der Horizont der Tatkraft mehr umfa\u00dft, als der \u00e4u\u00dfre Sinn und Einbildungs- und Denkkraft fassen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Tatkraft liegen n\u00e4mlich <em>stets<\/em> die Anl\u00e4sse und Anf\u00e4nge zu so vielen Begriffen, als die Denkkraft nicht auf einmal einander <em>unterordnen,<\/em> die Einbildungskraft nicht auf einmal <em>nebeneinanderstellen<\/em> und der \u00e4u\u00dfre Sinn noch weniger auf einmal in der<em> Wirklichkeit<\/em> au\u00dfer sich fassen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Denkkraft mu\u00df sich, um dem, was die t\u00e4tige Kraft in dunkler Ahndung <em>auf einmal<\/em> fa\u00dft, nachzukommen, so oft wiederholen, bis sie den ganzen Fonds von Anf\u00e4ngen und Anl\u00e4ssen zu Begriffen, der in der Tatkraft ihr unterliegt, ersch\u00f6pft hat und alsdann den Kreislauf von neuem beginnen kann. \u2013 Die Einbildungskraft mu\u00df noch weit \u00f6fter sich wiederholen, weil sie nicht ineinander-, sondern <em>nebeneinanderstellend<\/em> jedesmal um so weniger fassen kann. \u2013 Der \u00e4u\u00dfre Sinn ist ein immerw\u00e4hrendes Wiederholen seiner selbst, weil er jedesmal nur so viel fa\u00dft, als in dem Horizonte, der undurchdringlich ihn umschlie\u00dft,<em> wirklich<\/em> nebeneinandersteht. \u2013 So wenig fa\u00dft der \u00e4u\u00dfre Sinn, da\u00df, um dem reichen Fonds von Anl\u00e4ssen zu Begriffen, die in der Tatkraft schlummern, nachzukommen und alle zum Anschaun und zur Wirklichkeit zu bringen, kein Leben hinreicht und, solange wir atmen, das Auge sich nimmer satt sieht, das Ohr sich nimmer satt h\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je lebhafter spiegelnd nun das Organ von der <em>dunkelahndenden<\/em> Tatkraft, durch die <em>unterscheidende<\/em> Denkkraft [und die <em>darstellende<\/em> Einbildungskraft,] bis zu dem <em>hellsehenden<\/em> Auge und [dem] <em>deutlich vernehmenden<\/em> Ohre wird, um desto vollst\u00e4ndiger und lebendiger werden zwar die Begriffe, aber um desto mehr <em>verdr\u00e4ngen<\/em> sie sich auch und <em>schlie\u00dfen einander aus. \u2013 <\/em>Wo sie sich also am wenigsten einander ausschlie\u00dfen und ihrer am <em>meisten<\/em> nebeneinander bestehen k\u00f6nnen, das kann nur da sein, wo sie am <em>unvollst\u00e4ndigsten<\/em> sind, wo blo\u00df ihre Anf\u00e4nge oder ersten Anl\u00e4sse zusammentreffen, die eben durch ihr Mangelhaftes und Unvollst\u00e4ndiges in sich selber den immerw\u00e4hrenden, unwiderstehlichen Reiz bilden, der sie zur vollst\u00e4ndigen Wirklichkeit bringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Horizont der t\u00e4tigen Kraft aber mu\u00df bei dem bildenden Genie <em>so weit wie die Natur selber<\/em> sein: das hei\u00dft, die Organisation mu\u00df so fein gewebt sein und so unendlich viele <em>Ber\u00fchrungspunkte<\/em> der allumstr\u00f6menden Natur darbieten, da\u00df gleichsam die <em>\u00e4u\u00dfersten Enden<\/em> von allen Verh\u00e4ltnissen der Natur im Gro\u00dfen, hier im Kleinen sich nebeneinanderstellend, Raum genug haben, um sich einander nicht verdr\u00e4ngen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn nun eine Organisation von diesem feinern Gewebe bei ihrer v\u00f6lligen Entwicklung auf einmal in der dunklen Ahndung ihrer t\u00e4tigen Kraft ein <em>Ganzes<\/em> fa\u00dft, das weder in ihr Auge noch in ihr Ohr, weder in ihre Einbildungskraft noch in ihre Gedanken kam, so mu\u00df notwendig eine Unruhe, ein Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen den sich w\u00e4genden Kr\u00e4ften so lange entstehen, bis sie wieder in ihr Gleichgewicht kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einer Seele deren blo\u00df t\u00e4tige Kraft schon das<em> edle, gro\u00dfe Ganze<\/em> der Natur in dunkler Ahndung fa\u00dft, kann die deutlich erkennende Denkkraft, die noch lebhafter darstellende Einbildungskraft und der am hellsten spiegelnde \u00e4u\u00dfre Sinn mit der Betrachtung des <em>Einzelnen<\/em> im Zusammenhange der Natur sich nicht mehr begn\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle die in der t\u00e4tigen Kraft blo\u00df dunkel geahndeten Verh\u00e4ltnisse jenes gro\u00dfen Ganzen m\u00fcssen notwendig auf irgendeine Weise entweder sichtbar, h\u00f6rbar oder doch der Einbildungskraft fa\u00dfbar werden: und um dies zu werden, mu\u00df die Tatkraft, worin sie schlummern, sie <em>nach sich selber, aus sich selber bilden.<\/em> \u2013 Sie mu\u00df alle jenen Verh\u00e4ltnisse des gro\u00dfen Ganzen, und in ihnen das h\u00f6chste Sch\u00f6ne, wie an den Spitzen seiner Strahlen in einen Brennpunkt fassen. \u2013 Aus diesem Brennpunkte mu\u00df sich, nach des Auges gemessener Weite, ein zartes und doch getreues Bild des h\u00f6chsten Sch\u00f6nen r\u00fcnden, das die vollkommensten Verh\u00e4ltnisse des gro\u00dfen Ganzen der Natur ebenso wahr und richtig wie sie selbst in seinen kleinen Umfang fa\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil nun aber dieser Abdruck des h\u00f6chsten Sch\u00f6nen notwendig an etwas haften mu\u00df, so w\u00e4hlt die bildende Kraft, durch ihre <em>Individualit\u00e4t<\/em> bestimmt, irgendeinen sichtbaren, h\u00f6rbaren oder doch der Einbildungskraft fa\u00dfbaren Gegenstand, auf den sie den Abglanz des h\u00f6chsten Sch\u00f6nen im <em>verj\u00fcngenden<\/em> Ma\u00dfst\u00e4be \u00fcbertr\u00e4gt. \u2013 Und weil dieser Gegenstand wiederum, wenn er <em>wirklich<\/em> [das], was er darstellt, <em>w\u00e4re<\/em> [durch seine Bildung zu einem f\u00fcr sich bestehenden Ganzen], mit dem Zusammenhange der Natur, die au\u00dfer sich selber kein wirklich eigenm\u00e4chtiges Ganze duldet, nicht ferner bestehen k\u00f6nnte, so f\u00fchret uns dies auf den Punkt, wo wir schon einmal waren: da\u00df jedesmal das innre Wesen erst in die Erscheinung sich verwandeln m\u00fcsse, ehe es durch die Kunst zu einem f\u00fcr sich bestehenden Ganzen gebildet werden und <em>ungehindert<\/em> die Verh\u00e4ltnisse des gro\u00dfen Ganzen der Natur in ihrem v\u00f6lligen Umfange spiegeln kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da nun aber jene gro\u00dfen Verh\u00e4ltnisse, in deren <em>v\u00f6lligem Umfange<\/em> eben das Sch\u00f6ne liegt, nicht mehr unter das Gebiet der Denkkraft fallen, so kann auch der <em>lebendige<\/em> Begriff von der bildenden Nachahmung des Sch\u00f6nen nur im Gef\u00fchl der t\u00e4tigen Kraft, die es hervorbringt, im ersten Augenblick der Entstehung stattfinden, wo das Werk, als schon vollendet, durch alle Grade seines allm\u00e4hlichen Werdens in dunkler Ahndung auf einmal vor die Seele tritt und in diesem Moment der ersten Erzeugung gleichsam vor seinem<em> wirklichen<\/em> Dasein da ist; wodurch alsdann auch jener unnennbare Reiz entsteht, welcher das schaffende Genie zur immerw\u00e4hrenden Bildung treibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch unser Nachdenken \u00fcber die bildende Nachahmung des Sch\u00f6nen, mit dem reinen Genu\u00df der sch\u00f6nen Kunstwerke selbst vereint, kann zwar etwas jenem lebendigen Begriff N\u00e4herkommendes uns entstehn, das den Genu\u00df der sch\u00f6nen Kunstwerke uns erh\u00f6ht. \u2013 Allein da unser h\u00f6chster Genu\u00df des Sch\u00f6nen dennoch sein <em>Werden aus unsrer eignen Kraft<\/em> unm\u00f6glich mit in sich fassen kann \u2013 so bleibt der einzige h\u00f6chste Genu\u00df desselben immer dem schaffenden Genie, das es hervorbringt, selber; und das Sch\u00f6ne hat daher seinen h\u00f6chsten Zweck in seiner Entstehung, in seinem Werden schon erreicht: unser <em>Nachgenu\u00df<\/em> desselben ist nur eine <em>Folge<\/em> seines Daseins \u2013 und das bildende Genie ist daher im gro\u00dfen Plane der Natur zuerst <em>um sein selbst<\/em> und dann erst um unsertwillen da, weil es nun einmal au\u00dfer ihm noch Wesen gibt, die selbst nicht schaffen und bilden, aber doch das Gebildete, wenn es einmal hervorgebracht ist, mit ihrer Einbildungskraft umfassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Natur des Sch\u00f6nen besteht ja eben darin, da\u00df sein\u00a0 innres Wesen au\u00dfer den Grenzen der Denkkraft, in seiner Entstehung, in seinem eignen Werden liegt. Eben darum, weil die Denkkraft beim Sch\u00f6nen nicht mehr fragen kann, warum es sch\u00f6n sei, ist es sch\u00f6n. \u2013 Denn es mangelt ja der Denkkraft v\u00f6llig an einem<em> Vergleichungspunkte,<\/em> wornach sie das Sch\u00f6ne beurteilen und betrachten k\u00f6nnte. Was gibt es noch f\u00fcr einen Vergleichungspunkt f\u00fcr das echte Sch\u00f6ne als mit dem Inbegriff aller harmonischen Verh\u00e4ltnisse des gro\u00dfen Ganzen der Natur, die keine Denkkraft umfassen kann? Alles einzelne hin und her in der Natur zerstreute Sch\u00f6ne ist ja nur insofern sch\u00f6n, als sich dieser Inbegriff aller Verh\u00e4ltnisse jenes gro\u00dfen Ganzen mehr oder weniger darin offenbart. \u2013 Es kann also nie zum Vergleichungspunkte f\u00fcr das Sch\u00f6ne der bildenden K\u00fcnste, ebensowenig als der wahren Nachahmung des Sch\u00f6nen zum Vorbilde dienen, weil das h\u00f6chste Sch\u00f6ne im Einzelnen der Natur immer noch nicht sch\u00f6n genug f\u00fcr die stolze Nachahmung der gro\u00dfen und majest\u00e4tischen Verh\u00e4ltnisse des allumfassenden Ganzen der Natur ist. \u2013 Das Sch\u00f6ne kann daher nicht erkannt, es mu\u00df hervorgebracht \u2013 oder <em>empfunden<\/em> werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn weil in g\u00e4nzlicher Ermanglung eines Vergleichungspunktes einmal das Sch\u00f6ne kein Gegenstand der Denkkraft ist, so w\u00fcrden wir, insofern wir es nicht selbst hervorbringen k\u00f6nnen, auch seines Genusses ganz entbehren m\u00fcssen, indem wir uns nie an etwas<em> halten<\/em> k\u00f6nnten, dem das Sch\u00f6ne[re] n\u00e4herk\u00e4me als das Mindersch\u00f6ne \u2013 wenn nicht etwas die Stelle der hervorbringenden Kraft in uns ersetzte, das ihr so nahe wie m\u00f6glich k\u00f6mmt, ohne doch sie selbst zu sein \u2013 dies ist nun, was wir <em>Geschmack<\/em> oder Empfindungsf\u00e4higkeit f\u00fcr das Sch\u00f6ne nennen, die, wenn sie in ihren Grenzen bleibt, den Mangel des h\u00f6hern Genusses bei der Hervorbringung des Sch\u00f6nen durch die ungest\u00f6rte Ruhe der stillen Betrachtung ersetzen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn n\u00e4mlich das Organ nicht fein genug gewebt ist, um dem einstr\u00f6menden Ganzen der Natur so viele Ber\u00fchrungspunkte darzubieten, als n\u00f6tig sind, um<em> alle<\/em> ihre gro\u00dfen Verh\u00e4ltnisse vollst\u00e4ndig im Kleinen abzuspiegeln, und uns noch ein Punkt zum v\u00f6lligen Schlu\u00df des Zirkels fehlt, so k\u00f6nnen wir statt der Bildungskraft nur Empfindungsf\u00e4higkeit f\u00fcr das Sch\u00f6ne haben: jeder Versuch, es au\u00dfer uns wieder darzustellen, w\u00fcrde uns mi\u00dflingen und uns desto unzufriedener mit uns selber machen, je n\u00e4her unser Empfindungsverm\u00f6gen f\u00fcr das Sch\u00f6ne an das uns mangelnde Bildungsverm\u00f6gen grenzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil n\u00e4mlich das Wesen des Sch\u00f6nen eben in seiner <em>Vollendung<\/em> in sich selbst besteht, so schadet ihm der letzte fehlende Punkt soviel als tausend, denn er verr\u00fcckt alle \u00fcbrigen Punkte aus der Stelle, in welche sie geh\u00f6ren. \u2013 Und ist dieser <em>Vollendungspunkt<\/em> einmal verfehlt, so verlohnt ein Werk der Kunst der M\u00fche des Anfangs und der Zeit seines Werdens nicht; es f\u00e4llt unter das Schlechte bis zum Unn\u00fctzen herab, und sein Dasein mu\u00df notwendig durch die Vergessenheit, worin es sinkt, sich wieder aufheben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso schadet auch dem in das feinere Gewebe der Organisation gepflanzten [unvollendeten] Bildungsverm\u00f6gen der letzte zu seiner Vollst\u00e4ndigkeit fehlende Punkt soviel als tausend. \u2013 Der h\u00f6chste Wert, den es als Empfindungsverm\u00f6gen haben k\u00f6nnte, k\u00f6mmt bei ihm als Bildungskraft ebensowenig wie der geringste in Betrachtung. Auf dem Punkte, wo das Empfindungsverm\u00f6gen seine Grenzen \u00fcberschreitet, mu\u00df es notwendig unter sich selber sinken, sich aufheben und vernichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je vollkommner das Empfindungsverm\u00f6gen f\u00fcr eine gewisse Gattung des Sch\u00f6nen ist, um desto mehr ist es in Gefahr, sich zu t\u00e4uschen, sich selbst f\u00fcr Bildungskraft zu nehmen und auf die Weise durch tausend mi\u00dflungne Versuche seinen Frieden mit sich selbst zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es blickt z.B. beim Genu\u00df des Sch\u00f6nen in irgendeinem Werke der Kunst zugleich <em>durch das Werden<\/em> desselben in die bildende Kraft, die es schuf, hindurch und ahndet dunkel den h\u00f6hern Grad des Genusses eben dieses Sch\u00f6nen im Gef\u00fchl der Kraft, die m\u00e4chtig genug war, es aus sich selbst hervorzubringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um sich nun diesen h\u00f6hern Grad des Genusses welchen sie an einem Werke, das einmal schon da ist unm\u00f6glich haben kann auch zu verschaffen, strebt die einmal zu lebhaft ger\u00fchrte Empfindung vergebens etwas \u00c4hnliches aus sich selbst hervorzubringen, ha\u00dft ihr eignes Werk, verwirft es und verleidet sich zugleich den Genu\u00df alle des Sch\u00f6nen, das au\u00dfer ihr schon da ist und woran sie nun eben deswegen, weil es ohne ihr Zutun da ist, keine Freude findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr einziger Wunsch und Streben ist, des ihr versagten, h\u00f6hern Genusses, den sie nur dunkel ahndet, teilhaftig zu werden: in einem sch\u00f6nen Werke, das ihr sein Dasein dankt, mit dem Bewu\u00dftsein von eigner Bildungskraft sich selbst zu spiegeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein sie wird ihres Wunsches ewig nicht gew\u00e4hrt, weil Eigennutz ihn erzeugte und das Sch\u00f6ne sich nur um sein selbst willen von der Hand des K\u00fcnstlers greifen und willig und folgsam von ihm sich bilden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo sich nun in den schaffenwollenden Bildungstrieb sogleich die Vorstellung vom <em>Genu\u00df<\/em> des Sch\u00f6nen mischt, den es, wenn es vollendet ist, gew\u00e4hren soll, und wo diese Vorstellung der <em>erste<\/em> und st\u00e4rkste Antrieb unsrer Tatkraft wird, die sich zu dem, was sie beginnt, nicht in und durch sich selbst gedrungen f\u00fchlt, da ist der Bildungstrieb gewi\u00df nicht rein: der Brennpunkt oder Vollendungspunkt des Sch\u00f6nen f\u00e4llt in die <em>Wirkung<\/em> \u00fcber das Werk hinaus, die Strahlen gehen <em>auseinander,<\/em> das Werk kann sich nicht in sich selber r\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem h\u00f6chsten Genu\u00df des aus sich selbst hervorgebrachten Sch\u00f6nen sich so nah zu d\u00fcnken und doch darauf Verzicht zu tun, scheint freilich ein harter Kampf \u2013 der dennoch \u00e4u\u00dferst leicht wird, wenn wir aus diesem Bildungstriebe, den wir uns einmal zu besitzen schmeicheln, um doch sein Wesen zu veredeln, jede Spur des Eigennutzes, die wir noch finden, tilgen und jede Vorstellung des Genusses, den uns das Sch\u00f6ne, das wir hervorbringen wollen, wenn es nun dasein wird, durch das Gef\u00fchl von unsrer eignen Kraft gew\u00e4hren soll, soviel wie m\u00f6glich zu verbannen suchen, so da\u00df [wir], wenn wir auch mit dem letzten Atemzuge es erst vollenden k\u00f6nnten, es dennoch zu vollenden strebten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beh\u00e4lt alsdann das Sch\u00f6ne, das wir ahnden, blo\u00df an und f\u00fcr sich selbst in seiner Hervorbringung noch Reiz genug, unsre Tatkraft zu bewegen, so d\u00fcrfen wir getrost unserm Bildungstriebe folgen, weil er echt und rein ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verliert sich aber mit der g\u00e4nzlichen Hinwegdenkung des Genusses und der Wirkung auch der Reiz \u2013 so bedarf es ja keines Kampfes weiter \u2013 der Frieden in uns ist hergestellt \u2013 und das nun wieder in seine Rechte getretne Empfindungsverm\u00f6gen er\u00f6ffnet sich zum Lohne f\u00fcr sein bescheidnes Zur\u00fccktreten in seine Grenzen dem reinsten Genu\u00df des Sch\u00f6nen, der mit der Natur seines Wesens bestehen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freilich kann nun der Punkt, wo Bildungs- und Empfindungskraft sich scheidet, so \u00e4u\u00dferst leicht verfehlt und \u00fcberschritten werden, da\u00df es gar nicht zu verwundern ist, wenn immer tausend falsche, angema\u00dfte Abdr\u00fccke des h\u00f6chsten Sch\u00f6nen gegen einen echten durch den falschen Bildungstrieb in den Werken der Kunst entstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn da [auch] die echte Bildungskraft sogleich bei der ersten Entstehung ihres Werks auch schon den ersten, h\u00f6chsten Genu\u00df desselben als ihren sichern Lohn [schon] in sich selber tr\u00e4gt und sich nur dadurch von dem falschen Bildungstriebe unterscheidet, da\u00df sie den <em>allerersten<\/em> Moment ihres Ansto\u00dfes durch sich selber, und nicht durch die Ahndung des Genusses von ihrem Werke, erh\u00e4lt, und weil in diesem Moment der <em>Leidenschaft<\/em> die Denkkraft selbst kein richtiges Urteil f\u00e4llen kann, so ist es fast unm\u00f6glich, ohne eine Anzahl mi\u00dflungner Versuche dieser Selbstt\u00e4uschung zu entkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und selbst auch diese mi\u00dflungnen Versuche sind noch nicht immer ein Beweis von Mangel an Bildungskraft, weil diese selbst da, wo sie echt ist, oft eine ganz falsche Richtung nimmt, indem sie vor ihre Einbildungskraft stellen will, was vor ihr Auge, oder vor ihr Auge, was vor ihr Ohr geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben weil die Natur die inwohnende Bildungskraft nicht immer zur v\u00f6lligen Reife und Entwicklung kommen oder sie einen falschen Weg einschlagen l\u00e4\u00dft, auf dem sie sich nie entwickeln kann, so bleibt das echte Sch\u00f6ne <em>selten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und weil sie auch aus dem angema\u00dften Bildungstriebe das Gemeine und Schlechte ungehindert entstehen l\u00e4\u00dft, so unterscheidet sich eben dadurch das echte Sch\u00f6ne und Edle durch seinen seltnen Wert vom Schlechten und Gemeinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Empfindungsverm\u00f6gen bleibt also stets die L\u00fccke, welche nur durch das Resultat der Bildungskraft sich ausf\u00fcllt. \u2013 Bildungskraft und Empfindungsf\u00e4higkeit verhalten sich zueinander wie Mann und Weib. Denn auch die Bildungskraft ist bei der ersten Entstehung ihres Werks, im Moment des h\u00f6chsten Genusses, zugleich Empfindungsf\u00e4higkeit und erzeugt wie die Natur den Abdruck ihres Wesens aus sich selber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Empfindungsverm\u00f6gen sowohl als Bildungskraft sind also in dem feinern Gewebe der Organisation gegr\u00fcndet, insofern dieselbe in allen ihren Ber\u00fchrungspunkten von den Verh\u00e4ltnissen des gro\u00dfen Ganzen der Natur ein vollst\u00e4ndiger oder doch fast vollst\u00e4ndiger Abdruck ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Empfindungskraft sowohl als Bildungskraft umfassen <em>mehr<\/em> als Denkkraft, und die t\u00e4tige Kraft, worin sich beide gr\u00fcnden, [um]fa\u00dft zugleich auch alles, was die Denkkraft fa\u00dft, weil sie von allen Begriffen, die wir je haben k\u00f6nnen, die ersten Anl\u00e4sse, stets sie aus sich herausspinnend, in sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insofern nun diese t\u00e4tige Kraft alles, was nicht unter das Gebiet der Denkkraft f\u00e4llt, <em>hervorbringend<\/em> in sich fa\u00dft, hei\u00dfet sie Bildungskraft; und insofern sie das, was au\u00dfer den Grenzen der Denkkraft liegt, der<em> Hervorbringung sich entgegenneigend<\/em> in sich begreift, hei\u00dft sie Empfindungskraft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bildungskraft kann nicht ohne Empfindung und t\u00e4tige Kraft, die blo\u00df t\u00e4tige Kraft hingegen kann ohne eigentliche Empfindungs- und Bildungskraft, wovon sie nur die Grundlage ist, f\u00fcr sich allein stattfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insofern nun diese blo\u00df t\u00e4tige Kraft ebenfalls in dem feinern Gewebe der Organisation sich gr\u00fcndet, darf das Organ nur \u00fcberhaupt in allen seinen Ber\u00fchrungspunkten ein Abdruck der Verh\u00e4ltnisse des gro\u00dfen Ganzen sein, ohne da\u00df eben der Grad der Vollst\u00e4ndigkeit erfordert w\u00fcrde, welche die Empfindungs-und Bildungskraft voraussetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von den Verh\u00e4ltnissen des gro\u00dfen Ganzen, das uns umgibt, treffen n\u00e4mlich immer so viele in allen Ber\u00fchrungspunkten unsres Organs zusammen, da\u00df wir dies gro\u00dfe Ganze dunkel in uns f\u00fchlen, ohne es doch selbst zu <em>sein:<\/em> die in unser Wesen hineingesponnenen Verh\u00e4ltnisse jenes Ganzen streben, sich nach allen Seiten wieder auszudehnen, das Organ w\u00fcnscht, sich nach allen Seiten bis ins Unendliche fortzusetzen. Es will das umgebende Ganze nicht nur in sich spiegeln, sondern, so weit es kann, selbst dies umgebende Ganze sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daher ergreift jede h\u00f6here Organisation ihrer Natur nach die ihr untergeordnete und tr\u00e4gt sie in ihr Wesen \u00fcber. Die Pflanze den unorganisierten Stoff durch blo\u00dfes Werden und Wachsen \u2013 das Tier die Pflanzen durch Werden, Wachsen und Genu\u00df \u2013 der Mensch verwandelt nicht nur Tier und Pflanze durch Werden, Wachsen und Genu\u00df in sein innres Wesen, sondern fa\u00dft zugleich alles, was seiner Organisation sich unterordnet, durch die unter allen am hellsten geschliffne, <em>spiegelnde<\/em> Oberfl\u00e4che seines Wesens in den Umfang seines Daseins auf und stellt es, wenn sein Organ sich bildend in sich selbst vollendet, versch\u00f6nert au\u00dfer sich wieder dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo nicht, so mu\u00df er das, was um ihn her ist, durch<em> Zerst\u00f6rung<\/em> in den Umfang seines wirklichen Daseins ziehn und verheerend um sich greifen, so weit er kann, da einmal die reine unschuldige Beschauung seinen Durst nach ausgedehntem wirklichem Dasein nicht ersetzen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem sich angeschliffnen Stahle seines eingeschr\u00e4nkten Daseins nicht mehr froh, strebt er, au\u00dfer sich selber ein gr\u00f6\u00dferes Ganze als er selbst zu sein, stellt sich, zu einem Volk, zu einem Staat sich bildend, mit Wesen seiner Art zusammen, um Wesen seinesgleichen, die sich ihm unterordnend ihm nicht dienen, mit ihm nicht eins sein wollen, zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er steht auf dem h\u00f6chsten Punkte seiner Wirksamkeit; der Krieg, die Wut, das Feldgeschrei, das h\u00f6chste Leben ist nah an den Grenzen seiner Zerst\u00f6rung da.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kommen dann endlich die strebenden Kr\u00e4fte wieder in ein gl\u00fcckliches Gleichgewicht und macht die unruhige Wirksamkeit der stillen Beschauung Platz, so mu\u00df notwendig in dem zum erstenmal in sich versunknen Menschen der Sinn f\u00fcr die umgebende Natur erwachen, die nie zerst\u00f6rt, als wo sie mu\u00df, und schonet, wo sie kann. \u2013 Er lernt allm\u00e4hlich das <em>Einzelne im Ganzen<\/em> und in Beziehung auf das Ganze sehen, f\u00e4ngt die gro\u00dfen Verh\u00e4ltnisse dunkel an zu ahnden, nach welchen unz\u00e4hlige Wesen auf und ab sowenig wie m\u00f6glich sich verdr\u00e4ngen und doch so nah wie m\u00f6glich aneinandersto\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann steigt in seinen ruhigsten Momenten die Geschichte der Vorwelt, das ganze wunderbare Gewebe des Menschenlebens in allen seinen Zweigen vor ihm auf. \u2013 In allem, was seine ruhige Einbildungskraft ihm spiegelt, sondert sich das Gro\u00dfe und Edle vom Gemeinen nach einem dunkel empfundnen Ma\u00dfstabe in ihm selber ab und strebt aus ihm heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So geht die um sich greifende, zerst\u00f6rende Tatkraft, sich auf sich selber st\u00fctzend, in die sanfte schaffende Bildungskraft durch ruhiges Selbstgef\u00fchl hin\u00fcber und ergreift den leblosen Stoff und haucht ihm Leben ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf diese Weise bildete unter jedem Himmelsstrich die Natur das Sch\u00f6ne, sich in den reinsten Seelen in ihren ruhigsten Momenten spiegelnd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie allein f\u00fchrt an ihrer Hand den bildenden K\u00fcnstler, den Dichter in ihr innerstes Heiligtum, wo sie dem sich neu entwickelnden Bildungstriebe schon seit Jahrhunderten vorgearbeitet und seine Bahn ihm vorgezeichnet hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn alles, was die Vorwelt erfunden, ist ja, in den Umfang der Natur zur\u00fccktretend, mit ihr <em>eins<\/em> geworden und soll mit ihr vereint harmonisch auf uns wirken. \u2013 \u2013 Das Sch\u00f6ne der bildenden K\u00fcnste steht, sobald es einmal da ist, mit auf ihrer gro\u00dfen Stufenleiter und will nicht mit ihr in ihren einzelnen Teilen verglichen, sondern in ihrem ganzen Umfange, als <em>zu ihr geh\u00f6rend,<\/em> mitgedacht und empfunden sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser Naturgenu\u00df soll durch die Betrachtung des Sch\u00f6nen in der Kunst verfeinert und unser Gef\u00fchl f\u00fcr das Sch\u00f6ne in der Kunst soll wechselseitig durch den Genu\u00df der sch\u00f6nen Natur <em>gest\u00e4rkt<\/em> und zugleich seine Grenzen ihm vorgezeichnet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Str\u00f6mt dann das Ma\u00df der Empfindung \u00fcber und wird zur Bildungskraft, so ahmt es in jedem Einzelnen der Natur nicht mehr das Einzelne und in dem h\u00f6chsten Kunstwerke nicht das Kunstwerk, sondern die gro\u00dfe Harmonie des mitempfundnen Ganzen nach, das sich in beiden abdr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der einmal aufgeweckte, echte Bildungstrieb findet nichts Einzelnes in der Natur, das ganz ihm gn\u00fcgte, auch selber das h\u00f6chste Kunstwerk nicht, das als der erste Abdruck des h\u00f6chsten Sch\u00f6nen doch immer nur Abdruck bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das bildende Genie will, wo m\u00f6glich, alle die in ihm schlummernden Verh\u00e4ltnisse jener gro\u00dfen Harmonie, deren Umfang gr\u00f6\u00dfer als seine eigne Individualit\u00e4t ist, <em>selbst umfassen:<\/em> das kann es nun nicht anders als in <em>verschiednen Momenten<\/em> schaffend, bildend, aus seiner eignen eingeschr\u00e4nkten Individualit\u00e4t gleichsam heraus in ein Werk, das au\u00dfer ihm sich darstellt, hin\u00fcberschreitend und <em>mit<\/em> diesem Werke nun das <em>umfassend, was<\/em> seine Ichheit selber vorher nicht fassen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein der Anblick von dem reinsten Abdruck des h\u00f6chsten Sch\u00f6nen in dem vollkommensten Kunstwerke mu\u00dfte dem Bildungstriebe den ersten Ansto\u00df geben, blo\u00df durch Gef\u00fchl der <em>M\u00f6glichkeit<\/em> sich in einem Kunstwerke au\u00dfer sich selbst zu stellen und das in einer <em>Folge von Momenten<\/em> bildend und schaffend zu umfassen, was keine Empfindung auffa\u00dft, wof\u00fcr das Selbstgef\u00fchl zu beschr\u00e4nkt ist und die Ichheit keinen Raum hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jeder Stoff, den dann die Bildungskraft ergreift, wird jeden nachfolgenden Versuch vereiteln, denselben Stoff zu einem neuen Werke noch einmal ebenso sch\u00f6n zu bilden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je mehrere Reize der Stoff an sich hat, um desto mehr wird es den nachfolgenden Bildungstrieb in Verzweiflung setzen. Der falsche Bildungstrieb wird am ersten darnach haschen, Anfang, Mittel und Ende tauschen und dies verzerrte, entstellte Ganze, das unverzerrt und unentstellt vor ihm schon da war, als sein eignes Werk betrachten, das ihm sein Dasein dankt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dergleichen Nach\u00e4ffungen des echten Sch\u00f6nen k\u00f6nnten nie Beifall Enden, wenn Empfindungsf\u00e4higkeit und Bildungskraft bei ihrer Entwicklung immer gleichen Schritt hielten und nicht eine der andern \u00e4ngstlich nach- oder vorzukommen strebte: denn da das Empfindungsverm\u00f6gen seiner Natur nach so nah an die Bildungskraft grenzt, da\u00df diese nur gleichsam die letzte L\u00fccke ausf\u00fcllt, deren Ausf\u00fcllung dem Geschmack zur eignen Hervorbringung des Sch\u00f6nen aus sich selber fehlt, so mu\u00df auch die Empfindungsf\u00e4higkeit selbst schon den Sinn f\u00fcr das Sch\u00f6ne haben, das die Bildungskraft hervorbringen soll; sie mu\u00df sich mit dieser zugleich, <em>in ihrem Ma\u00dfe,<\/em> auf gleiche Art entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Sch\u00f6ne will ebensowohl blo\u00df um sein selbst willen betrachtet und empfunden als hervorgebracht sein. \u2013 Wir betrachten es, weil es da ist und mit in der Reihe der Dinge steht und weil wir einmal betrachtende Wesen sind, bei denen die unruhige Wirksamkeit auf Momente der stillen Beschauung Platz macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachten wir das Sch\u00f6ne nicht um sein selbst willen, sondern um erst unsern Geschmack daf\u00fcr zu bilden, so bek\u00f6mmt ja eben dadurch unsre Betrachtung schon eine eigenn\u00fctzige Richtung. Unser Urteil ist uns alsdann mehr wert als die Sache, wor\u00fcber wir urteilen: und statt da\u00df also unsre Beurteilungskraft durch ruhige Betrachtung sich erweitern sollte, wird vielmehr der Gesichtspunkt f\u00fcr das Sch\u00f6ne nach den zu engen Grenzen unsrer Fassungskraft sich verschieben m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Geschmack oder die Beurteilung des Sch\u00f6nen geh\u00f6rt ja ebenso wie das Sch\u00f6ne selbst zu den Sachen, die wir nicht brauchen, sobald wir sie nicht kennen, und nicht entbehren, sobald wir sie nicht haben, deren Bed\u00fcrfnis erst durch den Besitz entsteht, wo es sich durch sich selbst befriedigt; geht also das Bed\u00fcrfnis vor dem Besitz vorher, so kann es nicht anders als eingebildet und erk\u00fcnstelt sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was uns daher allein zum wahren Genu\u00df des Sch\u00f6nen bilden kann, ist das, wodurch das Sch\u00f6ne selbst entstand: <em>vorhergegangne ruhige Betrachtung der Natur und Kunst als eines einzigen gro\u00dfen Ganzen,<\/em> das, in allen seinen Teilen sich in sich selber spiegelnd, da den reinsten Abdruck l\u00e4\u00dft, wo alle Beziehung aufh\u00f6rt, in dem echten Kunstwerke, das, so wie sie in sich selbst vollendet, den Endzweck und die Absicht seines Daseins in sich selber hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die Weise entstand ohne alle R\u00fccksicht auf Nutzen oder Schaden, den es stiften k\u00f6nnte, das Sch\u00f6ne der bildenden K\u00fcnste in jeder Art blo\u00df um sein selbst und seiner Sch\u00f6nheit willen und konnte auf keine andere Weise entstehen, weil der Begriff der Sch\u00f6nheit selbst schon jede R\u00fccksicht auf Nutzen oder Schaden seiner Natur nach ausschlie\u00dft und der Begriff des Sch\u00e4dlichen auch bei der wirklichen Hervorbringung des Sch\u00f6nen sich von selbst aufhebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn suchen wir uns nun noch zuletzt den Begriff des Sch\u00e4dlichen n\u00e4her zu entwickeln, so ist nur jede unvollkommnere Sache insofern sch\u00e4dlich, als eine vollkommnere darunter leidet. \u2013 Das wirklich Vollkommnere kann daher nie dem Unvollkommnern, dem weniger Organisierten nie das h\u00f6her Organisierte schaden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sagen: es ist schade um den Teil der Pflanzenwelt, den die hereinbrechende Flut verschlingt, aber nicht um den, der, von der lebenden Welt zerst\u00f6rt, in eine h\u00f6here Organisation hin\u00fcbergeht, denn weit mehr schade als um die Pflanzenwelt w\u00e4re es um die lebende Welt, wenn sie deswegen aufh\u00f6ren sollte, damit die ganze Pflanzenwelt unbesch\u00e4digt bliebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und weit mehr schade als um die unterjochte Tierwelt w\u00e4re es wieder um die Menschenwelt, wenn diese deswegen nicht stattfinden sollte, damit alles \u00fcbrige in dem Zustande seiner nat\u00fcrlichen Freiheit bliebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So lie\u00dfe sich nun weiter schlie\u00dfen, da\u00df es in der Menschenwelt auch mehr schade um die \u00fcberwiegende St\u00e4rke w\u00e4re, wenn diese deswegen nicht stattfinden sollte, damit die Schw\u00e4che ihre Schwachheit nicht gewahr werde, als es um den schw\u00e4chern Teil der Menschen schade ist, da\u00df sie der Obermacht des St\u00e4rkern weichen und ihre Schw\u00e4che empfinden m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da\u00df es folglich auch wieder um das Sch\u00f6ne, welches am meisten um sein selbst willen da ist, weit mehr schade w\u00e4re, wenn es deswegen vertilgt sein sollte, damit keine unbefriedigte Sehnsucht dadurch entstehn und keine t\u00e4tige Kraft darunter erliegen k\u00f6nne, als es um die t\u00e4tige Kraft schade ist, die unter der unbefriedigten Sehnsucht endlich erliegen mu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da \u00fcberdem das Sch\u00f6ne mit dem Leiden, das sein versagter Genu\u00df erweckt, zusammengenommen, in unsrer Vorstellung erst seinen h\u00f6chsten Reiz erh\u00e4lt, dem durch kein sch\u00f6neres Opfer als dieses kann gehuldigt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn so wie die Liebe die h\u00f6chste Vollendung unsres empfindenden Wesens ist, so ist die Hervorbringung des Sch\u00f6nen die h\u00f6chste Vollendung unsrer t\u00e4tigen Kraft \u2013 und die h\u00f6chste Liebe mu\u00df wieder in Hervorbringung, in Zeugung, wo nicht in die s\u00fc\u00dfeste Aufl\u00f6sung des liebenden Wesens hin\u00fcbergehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun sind freilich die Begriffe von Aufopferung, Liebe und Sehnsucht selber viel zu s\u00fc\u00df, als da\u00df wir sie wieder entbehren k\u00f6nnten, sobald wir sie einmal haben, oder ihr Dasein nicht w\u00fcnschen sollten, sobald wir sie einmal kennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es scheint nichts H\u00f6heres zu geben, dem die Aufopferung selbst wieder m\u00fc\u00dfte aufgeopfert werden. \u2013 Und das Sch\u00f6ne hinwegw\u00fcnschen, weil unter ihm die St\u00e4rke erliegt, hie\u00dfe auch die St\u00e4rke hinwegw\u00fcnschen, weil unter ihr die Schw\u00e4che erliegt; den Menschen, weil er mit zerst\u00f6render Hand die freie Tierwelt sich unterjocht; die ganze lebende Welt, weil sie unaufh\u00f6rlich die unschuldige Pflanzenwelt zerst\u00f6rt; und zuletzt auch die leblose Pflanzenwelt, weil sie die unzerst\u00f6rbaren Teile des organisierten Stoffs aus ihrer nat\u00fcrlichen Gleichheit rei\u00dft und sie durch die tr\u00fcgerische Bildung und Form zum ersten Male der Zerst\u00f6rung unterwirft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das einfachste Pflanzengewebe mu\u00df f\u00fcr seinen Raub an den noch einfachern Elementen schon durch Aufl\u00f6sung und Verwelkung, das geringste Lebende f\u00fcr seinen Raub an dem Organisierten mit k\u00f6rperlichen Schmerzen und dem Tode und die Menschheit f\u00fcr den Raub ihres h\u00f6hern Daseins an der ganzen umgebenden Natur mit dem Leiden der Seele b\u00fc\u00dfen. \u2013 Und das Individuum mu\u00df dulden, wenn die <em>Gattung<\/em> sich erheben soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Menschengattung aber mu\u00df sich heben, weil sie den Endzweck ihres Daseins nicht mehr au\u00dfer sich, sondern in sich hat und also auch durch die Entwicklung aller in ihr schlummernden Kr\u00e4fte bis zur Empfindung und Hervorbringung des Sch\u00f6nen <em>sich in sich selber vollenden mu\u00df.<\/em> \u2013 Zu dieser Vollendung aber geh\u00f6rt das duldende Individuum selber mit, dessen Duldung eben, wenn sie vor\u00fcber ist, durch die Darstellung zugleich in den h\u00f6chsten Vollendungspunkt des Sch\u00f6nen mit hin\u00fcbergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So l\u00f6st sich die Duldung in die Erscheinung auf, indem sie da, wo sie wirklich geduldet ward, nicht mehr empfunden, nicht mehr geduldet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das individuelle Leiden in der Darstellung geht in das erhabnere <em>Mitleiden<\/em> \u00fcber, wodurch eben das Individuum aus sich selbst gezogen und die Gattung wieder in sich selber vollendet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6her aber kann die Menschheit sich nicht heben als bis auf den Punkt hin, wo sie durch das Edle in der Handlung und das Sch\u00f6ne in der Betrachtung, das Individuum selbst aus seiner Individualit\u00e4t herausziehend, in den sch\u00f6nen Seelen sich vollendet, die f\u00e4hig sind, aus ihrer eingeschr\u00e4nkten Ichheit in das Interesse der Menschheit hin\u00fcberschreitend, sich in die Gattung zu verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehe sie aber bis dahin sich erhebt, mu\u00df die Duldung des Einzelnen vorhergehen. \u2013 Die Gattung ist mit dem Individuum, die Erscheinung mit der Wirklichkeit im ewigen Kampfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sobald die Erscheinung in der Gattung \u00fcber die Wirklichkeit in dem Individuum gesiegt hat, geht das bitterste Leiden durch das \u00fcber die Individualit\u00e4t erhabne Mitleid in die s\u00fc\u00dfeste Wehmut \u00fcber, und der Begriff des h\u00f6chsten <em>Sch\u00e4dliche<\/em> in der Wirklichkeit l\u00f6st sich in den Begriff des h\u00f6chsten Sch\u00f6nen in der Erscheinung auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so wie jedes Sch\u00f6ne in der Erscheinung nur in dem Ma\u00dfe sch\u00f6n ist, als es nicht n\u00fctzlich zu sein braucht, so ist es auch nur in dem Ma\u00dfe sch\u00f6n, als es, wenn es wirklich w\u00e4re, sch\u00e4dlich sein w\u00fcrde; und doch auch wieder nicht sch\u00e4dlich sein w\u00fcrde \u2013 insofern das Wort <em>sch\u00e4dlich<\/em> von untergeordneten, selbst der Sch\u00f6nheit huldigenden Wesen ausgesprochen wird, die nicht w\u00fcnschen k\u00f6nnen, da\u00df das Sch\u00f6ne vertilgt sein m\u00f6chte, damit es keine Zerst\u00f6rung anrichte, sondern die Schuld der Zerst\u00f6rung von der Sch\u00f6nheit ab auf die Notwendigkeit der Dinge oder h\u00f6here M\u00e4chte w\u00e4lzen, wie der Greis Priamus beim Homer, der die erhabne, selbst \u00fcber den durch sie gestifteten Jammer weinende Sch\u00f6nheit mit sanften Worten tr\u00f6stet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tochter, du bist nicht, die unsterblichen G\u00f6tter sind schuldig,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welche den traurigen Krieg mir mit Achaja erregten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die z\u00fcrnenden Trojaner, welche die verderbliche Ursach des Krieges laut verw\u00fcnschen, k\u00f6nnen sich nicht enthalten, bei der Ankunft des g\u00f6ttlichen Weibes sich ins Ohr zu fl\u00fcstern:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrlich, sie sind nicht zu schelten, die sch\u00f6n gestiefelten Griechen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Trojaner, um solch ein Weib so vieles zu dulden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn den Unsterblichen gleicht sie an Wuchs und sch\u00f6ner Geb\u00e4rde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kampf mu\u00df also durchgek\u00e4mpft, das gro\u00dfe Opfer mu\u00df dargebracht werden. \u2013 Das Geklirr der Waffen und das Geschrei der Sterbenden mu\u00df gen Himmel t\u00f6nen \u2013 Hektor mu\u00df fallen und Hekuba ihr Haar zerraufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat dann die Zeit \u00fcber die Zerst\u00f6rung ihre Furche hingezogen, so nimmt die Nachwelt den Jammer der Vorwelt in ihren Busen auf und macht ihn, wie ein k\u00f6stliches Kleinod, sich zu eigen, durch welches der Menschheit ihr dauernder Wert gesichert und ihre edelste und zarteste Bildung vollendet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn in der Duldung liegt der Kern zu jeder h\u00f6hern Entwicklung, und die Freude selbst nimmt, wo sie am h\u00f6chsten steigt, von der jungfr\u00e4ulichen Hoffnung und dem geliebten Kummer mit s\u00fc\u00dfen Tr\u00e4nen Abschied. \u2013 Der freudige Stoff der Dichtkunst l\u00f6st sich in sich selber, der tragische in der Veredlung unsres Wesens durch das Mitleid auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je weniger wir n\u00e4mlich das schadende und vernichtende [Vollkommnere] selbst vertilgt w\u00fcnschen und uns dennoch nicht enthalten k\u00f6nnen, vor der nahen, unvermeidlichen Vernichtung eines Wesens unsrer Art zu zittern, um desto edler und reiner mu\u00df unser Mitleid werden, weil es mit keiner Bitterkeit und keinem Ha\u00df gegen die zerst\u00f6rende Obermacht mehr vermischt ist, sondern, ganz in sich selbst versunken, sich zu der unaufhaltbaren Tr\u00e4ne r\u00fcndet, worin unser ganzes mitleidendes Wesen aus seinem zartesten Vollendungspunkte sich aufzul\u00f6sen und zu zerflie\u00dfen strebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen aber das vernichtende Vollkommnere insofern nicht vertilgt w\u00fcnschen, als wir uns zugleich selbst in ihm doppelt vernichtet f\u00fchlen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn insofern das Sch\u00f6ne alles Mangelhafte von sich ausschlie\u00dft, begreift es auch alles Wirkliche in sich, das blo\u00df durch sein Mangelhaftes sich von dem Sch\u00f6nen unterscheidet und eben deswegen sich unwiderstehlich von ihm angezogen f\u00fchlt und mit ihm eins zu sein strebt, weil es in dem Sch\u00f6nen das <em>Ganze<\/em> erkennt, von dem es selber nur ein Teil ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem nun aber das Sch\u00f6ne alles Mangelhafte von sich ausschlie\u00dft und alles Wirkliche in sich begreift, ohne doch alles Wirkliche selbst zu sein, Endet es selbst da, wo es wirklich ist, f\u00fcr jedes Individuum, das mit ihm nicht eins werden kann, immer nur in der Erscheinung statt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn nun bei diesem Individuum die Empfindung die Tatkraft \u00fcberwiegt und also die Tatkraft durch Zerst\u00f6rung sich nicht r\u00e4chen kann, so mu\u00df das Individuum f\u00fcr den Raub, den es durch die Erkenntnis des ihm unerreichbaren Sch\u00f6nen an seiner Individualit\u00e4t begangen hat, mit H\u00f6llenqualen b\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sisyphus w\u00e4lzt den Stein \u2013 Tantalus lechzt nach der von seinen Lippen ewig weichenden Flut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein die Qualen sind nur dem Individuum schrecklich und werden in der Gattung sch\u00f6n \u2013 sobald daher die Gattung in dem Individuum sich vollendet, l\u00f6st sein Leiden sich von ihm ab und geht in die Erscheinung, die Empfindung geht in die <em>Bildung<\/em> \u00fcber \u2013 was von dem bildenden Wesen sich zerst\u00f6rt, ist sein Phantom \u2013 das veredelte Dasein bleibt zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben diese Erscheinung aber fa\u00dft das alles in sich, was die Wirklichkeit h\u00e4tte zerst\u00f6ren m\u00fcssen, wenn sie nicht die Macht gehabt h\u00e4tte, es von sich abzul\u00f6sen und bildend au\u00dfer sich darzustellen. \u2013 So wie jedes vollkommne Kunstwerk seinen Urheber, oder was ihn umgibt, w\u00fcrde zernichtet haben, wenn es sich aus seiner Kraft nicht h\u00e4tte entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Punkte treffen also Zerst\u00f6rung und Bildung in eins zusammen. \u2013 Denn das h\u00f6chste Sch\u00f6ne der bildenden K\u00fcnste fa\u00dft dieselbe Summe der Zerst\u00f6rung <em>ineinandergeh\u00fcllt<\/em> auf einmal in sich, welche die erhabenste Dichtkunst, nach dem Ma\u00df des Sch\u00f6nen, <em>auseinandergeh\u00fcllt<\/em> in furchtbarer Folge uns vor Augen legt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist es nicht die immerw\u00e4hrende Zerst\u00f6rung des Einzelnen, wodurch die Gattung in ewiger Jugend und Sch\u00f6nheit sich erh\u00e4lt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ist es nicht die durch die reinste Imagination zum Gott verk\u00f6rperte Jugend und Sch\u00f6nheit selbst, welche mit sanftem Gescho\u00df die Menschen t\u00f6tet oder mit K\u00f6cher und Bogen z\u00fcrnend einhertritt, d\u00fcster und furchtbar wie Schrecken der N\u00e4chte \u2013 den silbernen Bogen spannt \u2013 und die verderbenden Pfeile in das Lager der Griechen sendet?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sobald n\u00e4mlich in der vollendeten Sch\u00f6nheit die Gattung sich selbst erblickt, kann sie das, worin sie eigentlich erst sich selbst <em>besitzt,<\/em> nicht anders als f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte Kleinod halten, welches, insofern es nicht als Erscheinung, sondern als wirklich betrachtet wird, alles Einzelne aufwiegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil es nun von jedem als wirklich betrachtet werden kann, so wird das Einzelne dadurch gezwungen, sich wieder untereinander aufzuwiegen, damit sein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger Wert gegen das Sch\u00f6ne <em>sichtbar<\/em> werde, der sich nicht anders als durch die Zerst\u00f6rung des Schw\u00e4chern durch das St\u00e4rkre und des Unvollkommnern durch das Vollkommnere zeigen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die Weise schreibt die Sch\u00f6nheit der Zerst\u00f6rung selbst ihr edles Ma\u00df vor \u2013 wo nicht, so regen die Z\u00e4hne des Drachen sich in der lockern Erde \u2013 die Saat des Kadmus keimt in geharnischten M\u00e4nnern auf, die ihre Schwerter gegeneinanderkehren und eher vom Streit nicht ruhn, bis ihre Leiber wieder den Boden k\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil nun durch die Erscheinung der individuellen Sch\u00f6nheit dieselbe Summe der Zerst\u00f6rung des Einzelnen in einem k\u00fcrzern Zeitraume sichtbar wird, welche zur Erhaltung der immerw\u00e4hrenden Jugend und Sch\u00f6nheit in der Gattung \u00fcberhaupt durch Alter und Krankheit fast unmerklich ihren Fortschritt h\u00e4lt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und weil wir diese Zerst\u00f6rung mit der individuellen Sch\u00f6nheit, durch welche sie unmittelbar bewirkt wird, uns zusammendenken:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gibt das Sch\u00f6ne, in welches die Zerst\u00f6rung selbst sich wieder aufl\u00f6st, uns gleichsam ein Vorgef\u00fchl von jener gro\u00dfen Harmonie, in welche Bildung und Zerst\u00f6rung einst Hand in Hand hin\u00fcbergehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die immerw\u00e4hrende Zerst\u00f6rung des Schw\u00e4chern durch das St\u00e4rkre und des Unvollkommnern durch das Vollkommnere scheint uns in ebendem Ma\u00dfe wie die unaufh\u00f6rliche Bildung des Unvollkommnern zum Vollkommnern dem ewigen Sch\u00f6nen <em>nachzuahmen,<\/em> das, \u00fcber Zerst\u00f6rung und Bildung selbst erhaben, in der Himmelsw\u00f6lbung und auf der stillen Meeresfl\u00e4che ruhend, sich uns am reinsten darstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein unser Begriff des Sch\u00f6nen verliert sich zuletzt doch immer wieder in den Begriff der <em>Nachahmung<\/em> von etwas, worin das Vollendete sich wieder zu vollenden und unser eignes Wesen in jeder \u00c4u\u00dfrung seines Daseins, uns unbewu\u00dft, sich aufzul\u00f6sen strebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo nun die Aufl\u00f6sung eines Wesens unsrer Art am unmittelbarsten durch die sch\u00f6nen Verh\u00e4ltnisse des Ganzen selbst bewirkt wird und in der edelsten Bildung dieses Wesens selbst sich gr\u00fcndet, da scheinet in der Darstellung seiner Leiden die immerw\u00e4hrende Aufl\u00f6sung unsres eignen Wesens auf einige Augenblicke uns bewu\u00dft zu werden, indem uns d\u00fcnkt, als ob, im sch\u00f6nen Widerschein herbeigezaubert, ein St\u00fcck aus jenem gro\u00dfen Zirkel vor uns schwebte, in welchen unsre kleinere Laufbahn sich einst verlieren wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So vollendet die Liebe unser Wesen \u2013 das erhabnere Mitleid aber blickt tr\u00e4nend auf die Vollendung selbst herab \u2013 weil es Aufh\u00f6ren und Werden, Zerst\u00f6rung und Bildung in eins zusammenfa\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenn jemals ein schwacher Schimmer des \u00fcber Zerst\u00f6rung und Bildung erhabnen Sch\u00f6nen sich uns zeigen kann, so mu\u00df es auf dem Punkte sein, wo es aus der \u00fcber unserm Haupte schwebenden Zerst\u00f6rung selbst uns wieder entgegenl\u00e4chelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Auge blickt dann, sich selber spiegelnd, aus der F\u00fclle des Daseins auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erscheinung ist mit der Wirklichkeit, die Gattung mit dem Individuum eins geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tod und Zerst\u00f6rung selbst verlieren sich in den Begriff der <em>ewig bildenden Nachahmung des \u00fcber die Bildung selbst erhabnen Sch\u00f6nen,<\/em> dem nicht anders als durch <em>immerw\u00e4hrend sich verj\u00fcngendes Dasein<\/em> nachgeahmt werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch dies sich stets verj\u00fcngende Dasein <em>sind wir selber.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df wir selber <em>sind,<\/em> ist unser h\u00f6chster und edelster Gedanke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und von sterblichen Lippen l\u00e4\u00dft sich kein erhabneres Wort vom Sch\u00f6nen sagen als: <em>es ist!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Anton Reiser<\/strong>. Ein psychologischer Roman. Frankfurt a.M: Insel<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Anton-R.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-13132\" title=\"Anton R\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Anton-R.jpeg\" alt=\"\" width=\"125\" height=\"175\" \/><\/a>Karl Philipp Moritz inszeniert seinem Roman <strong>Anton Reiser<\/strong> ein Spannungsfeld zwischen der beengenden Herkunft des Protagonisten und seinem Bestreben, um Erfolg und Anerkennung zu k\u00e4mpfen. So will der Autor in der Tradition des Entwicklungsromans die Entwicklung eines Jugendlichen beschreiben \u2013 zwischen Ehrgeiz, sozialer Not und moralischem Verfall auf der einen Seite und sozialen Klischees und individuellen Hoffnungen auf der anderen. Probleme und Misserfolge werden hier nicht als Ergebnis der Herkunft dargestellt, sondern vielmehr als Folge der Fehlentscheidungen Anton Reisers und der Borniertheit und des Eigennutzes seiner Erzieher und Lehrherren. In diesem Sinne fungiert dieser Entwicklungsroman, der einen begabten jungen Menschen zum Protagonisten hat, erstens als Zerrbild \u00fcberkommener p\u00e4dagogischer Konzepte, zweitens aber auch als Beispiel \u00fcberzogener Empfindsamkeit eines Z\u00f6glings, die sich vor allem in dessen Neigung zur Hypochondrie und der \u00dcberempfindlichkeit gegen\u00fcber seiner Umwelt zeigt. Das Theater wird f\u00fcr Reiser zur B\u00fchne der Selbstdarstellung, aber auch zum Schauplatz einer Empfindsamkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend\u00a0 <\/strong><strong>\u2192 <\/strong>Einen Essay von Jutta Ludwig \u00fcber Karl Philipp Moritz finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/06\/26\/karl-philipp-moritz\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wenn der griechische Schauspieler in der Kom\u00f6die des Aristophanes dem Sokrates auf dem Schauplatze und der Weise ihm im Leben nachahmt so ist das Nachahmen von beiden so sehr verschieden, da\u00df es nicht wohl mehr unter einer und ebenderselben&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/26\/uber-die-bildende-nachahmung-des-schonen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":74,"featured_media":100409,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1086],"class_list":["post-13112","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-karl-philipp-moritz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13112","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/74"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13112"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13112\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100618,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13112\/revisions\/100618"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100409"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13112"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13112"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13112"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}