{"id":13108,"date":"1996-08-20T00:01:43","date_gmt":"1996-08-19T22:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13108"},"modified":"2022-03-03T17:03:19","modified_gmt":"2022-03-03T16:03:19","slug":"uber-den-begriff-des-in-sich-selbst-vollendeten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/08\/20\/uber-den-begriff-des-in-sich-selbst-vollendeten\/","title":{"rendered":"\u00dcber den Begriff des in sich selbst Vollendeten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion<\/span>: Heute<span class=\"LrzXr kno-fv\"> verstarb der Anarchobarde Rio Reiser. Der sp\u00e4tere\u00a0&#8222;K\u00f6nig von Deutschland&#8220; legte sich den K\u00fcnstlernamen als Hommage an sein Lieblingsbuch zu. KUNO erinnert an ihn durch einen Text des <em>Originals<\/em>:<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist wohl wahr, da\u00df wir die <em>Grenzlinien sch\u00e4rfer ziehen m\u00fcssen,<\/em> als sie in der Natur gezogen sind, sobald wir den Unterschied zweier Dinge zum eigentlichen Gegenstande unsers Nachdenkens machen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Begriffe von Nutzen und Vergn\u00fcgen aber verlieren sich so sehr ineinander und treffen so nahe zusammen, da\u00df es fast unm\u00f6glich ist, sich das Angenehme und N\u00fctzliche in einer Gegeneinanderstellung zu denken. Das N\u00fctzliche ist so wie das Sch\u00f6ne nur eine besondere Art des Angenehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat den Grundsatz von der Nachahmung der Natur als den Hauptendzweck der sch\u00f6nen K\u00fcnste verworfen und ihn dem Zweck des Vergn\u00fcgens untergeordnet, den man daf\u00fcr zu dem ersten Grundgesetze der sch\u00f6nen K\u00fcnste gemacht hat. Diese K\u00fcnste, sagt man, haben eigentlich blo\u00df das Vergn\u00fcgen, so wie die mechanischen den Nutzen, zur Absicht. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun aber finden wir sowohl Vergn\u00fcgen am Sch\u00f6nen als am N\u00fctzlichen: wie unterscheidet sich also das erstre vom letztern?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dem blo\u00df N\u00fctzlichen finde ich nicht sowohl an dem Gegenstande selbst als vielmehr an der Vorstellung von der Bequemlichkeit oder Behaglichkeit, die mir oder einem andern durch den Gebrauch desselben zuwachsen wird, Vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mache mich gleichsam zum Mittelpunkte, worauf ich alle Teile des Gegenstandes beziehe, d.h., ich betrachte denselben blo\u00df als Mittel, wovon ich selbst, insofern meine Vollkommenheit dadurch bef\u00f6rdert wird, der Zweck bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der blo\u00df n\u00fctzliche Gegenstand ist also in sich nichts Ganzes oder Vollendetes, sondern wird es erst, indem er in mir seinen Zweck erreicht oder in mir vollendet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Betrachtung des Sch\u00f6nen aber w\u00e4lze ich den Zweck aus mir in den Gegenstand selbst zur\u00fcck: ich betrachte ihn als etwas nicht in mir, sondern in sich selbst Vollendetes, das also in sich ein Ganzes ausmacht und mir um sein selbst willen Vergn\u00fcgen gew\u00e4hrt; indem ich dem sch\u00f6nen Gegenstande nicht sowohl Beziehung auf mich als mir vielmehr eine Beziehung auf ihn gebe. Da mir nun das Sch\u00f6ne mehr um sein selbst willen, das N\u00fctzliche aber blo\u00df um meinetwillen lieb ist, so gew\u00e4hrt mir das Sch\u00f6ne ein h\u00f6heres und uneigenn\u00fctzigeres Vergn\u00fcgen als das blo\u00df N\u00fctzliche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Vergn\u00fcgen an dem blo\u00df N\u00fctzlichen ist gr\u00f6ber und gemeiner, das Vergn\u00fcgen an dem Sch\u00f6nen feiner und seltener.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da das N\u00fctzliche seinen Zweck nicht in sich, sondern au\u00dfer sich in etwas anderm hat, dessen Vollkommenheit dadurch vermehrt werden soll, so mu\u00df derjenige, welcher etwas N\u00fctzliches hervorbringen will, diesen \u00e4u\u00dfern Zweck bei seinem Werke best\u00e4ndig vor Augen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenn das Werk nur seinen \u00e4u\u00dfern Zweck erreicht, so mag es \u00fcbrigens in sich beschaffen sein, wie es wolle; dies k\u00f6mmt, insofern es blo\u00df n\u00fctzlich ist, gar nicht in Betracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn eine Uhr nur richtig ihre Stunden zeigt und ein Messer nur gut schneidet, so bek\u00fcmmere ich mich, in Ansehung des eigentlichen Nutzens, weder um die Kostbarkeit des Geh\u00e4uses an der Uhr noch um das Heft an dem Messer; auch achte ich nicht darauf, ob mir selbst das Werk in der Uhr oder das Heft an dem Messer gut ins Auge falle oder nicht. Die Uhr und das Messer haben ihren Zweck au\u00dfer sich, in demjenigen, welcher sich derselben zu seiner Bequemlichkeit bedienet; sie sind daher nichts in sich Vollendetes und haben an und f\u00fcr sich, ohne die m\u00f6gliche oder wirkliche Erreichung ihres \u00e4u\u00dfern Zwecks, keinen eigent\u00fcmlichen Wert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesem ihrem \u00e4u\u00dfern Zweck zusammengenommen als ein Ganzes betrachtet, machen sie mir erst Vergn\u00fcgen; von diesem Zweck abgeschnitten, lassen sie mich v\u00f6llig gleichg\u00fcltig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich betrachte die Uhr und das Messer nur mit Vergn\u00fcgen, insofern ich sie gebrauchen kann, und brauche sie nicht, damit ich sie betrachten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dem Sch\u00f6nen ist es umgekehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses hat seinen Zweck nicht au\u00dfer sich und ist nicht wegen der Vollkommenheit von etwas anderm, sondern wegen seiner eigenen innern Vollkommenheit da. Man betrachtet es nicht, insofern man es brauchen kann sondern man braucht es nur, insofern man es betrachten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir bed\u00fcrfen des Sch\u00f6nen nicht so sehr, um dadurch erg\u00f6tzt zu werden, als das Sch\u00f6ne unserer bedarf, um erkannt zu werden. Wir k\u00f6nnen sehr gut ohne die Betrachtung sch\u00f6ner Kunstwerke bestehen, diese aber k\u00f6nnen, als solche nicht wohl ohne unsre Betrachtung bestehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je mehr wir sie also entbehren k\u00f6nnen, desto mehr betrachten wir sie um ihrer selbst willen, um ihnen durch unsre Betrachtung gleichsam erst ihr wahres Dasein zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn durch unsre zunehmende Anerkennung des Sch\u00f6nen in einem sch\u00f6nen Kunstwerke vergr\u00f6\u00dfern wir gleichsam seine Sch\u00f6nheit selber und legen immer mehr Wert hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daher das ungeduldige Verlangen, da\u00df alles dem Sch\u00f6nen huldigen soll, welches wir einmal daf\u00fcr erkannt haben: je allgemeiner es als sch\u00f6n erkannt und bewundert wird; desto mehr Wert erh\u00e4lt es auch in unsern Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Empf\u00e4nden wir das Vergn\u00fcgen an dem Sch\u00f6nen mehr um unsert- als um sein selbst willen, was w\u00fcrde uns daran liegen, ob es von irgend jemand au\u00dfer uns erkannt w\u00fcrde?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verwenden, wir beeifern uns f\u00fcr das Sch\u00f6ne, um ihm Bewunderer zu verschaffen, wir m\u00f6gen es antreffen, wo wir wollen: ja wir empfinden sogar eine Art von Mitleid beim Anblick eines sch\u00f6nen Kunstwerks, das, in den Staub daniedergetreten, von den Vor\u00fcbergehenden mit gleichg\u00fcltigem Blick betrachtet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das s\u00fc\u00dfe Staunen, das angenehme Vergessen unserer selbst bei der Betrachtung eines sch\u00f6nen Kunstwerks ist ein Beweis da\u00df unser Vergn\u00fcgen hier etwas Untergeordnetes ist, das wir freiwillig erst durch das Sch\u00f6ne bestimmt werden lassen, welchem wir eine Zeitlang eine Art von Obergewalt \u00fcber unsre Empfindungen einr\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend das Sch\u00f6ne unsre Betrachtung ganz auf sich zieht, zieht es sie eine Weile von uns selber ab und macht, da\u00df wir uns in dem sch\u00f6nen Gegenstande zu verlieren scheinen; und eben dies Verlieren, dies Vergessen unserer selbst ist der h\u00f6chste Grad des reinen und uneigenn\u00fctzigen Vergn\u00fcgens, welches uns das Sch\u00f6ne gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir opfern in dem Augenblick unser individuelles eingeschr\u00e4nktes Dasein einer Art von h\u00f6herem Dasein auf. Das Vergn\u00fcgen am Sch\u00f6nen mu\u00df sich daher immer mehr der uneigenn\u00fctzigen Liebe n\u00e4hern, wenn es echt sein soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede spezielle Beziehung auf mich in einem sch\u00f6nen Kunstwerke gibt dem Vergn\u00fcgen, das ich daran empfinde einen Zusatz der f\u00fcr einen andern verlorengeht; das Sch\u00f6ne in dem Kunstwerke ist f\u00fcr mich nicht eher rein und unvermischt, bis ich die besondre Beziehung auf mich ganz davon hinweg denke und es als etwas betrachte, das blo\u00df um sein selbst willen hervorgebracht ist, damit es etwas in sich Vollendetes sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie nun aber die Liebe und das Wohlwollen dem edlen Menschenfreunde gewisserma\u00dfen zum Bed\u00fcrfnis werden k\u00f6nnen, ohne da\u00df er deswegen eigenn\u00fctzig werde, so kann auch dem Manne von Geschmack das Vergn\u00fcgen am Sch\u00f6nen durch die Gew\u00f6hnung dazu zum Bed\u00fcrfnis werden, ohne deswegen seine urspr\u00fcngliche Reinheit zu verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir bed\u00fcrfen des Sch\u00f6nen blo\u00df, weil wir Gelegenheit zu haben w\u00fcnschen, ihm durch Anerkennung seiner Sch\u00f6nheit zu huldigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Ding kann also nicht deswegen sch\u00f6n sein, weil es uns Vergn\u00fcgen macht, sonst m\u00fc\u00dfte auch alles N\u00fctzliche sch\u00f6n sein; sondern was uns Vergn\u00fcgen macht, ohne eigentlich zu n\u00fctzen, nennen wir sch\u00f6n.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun kann aber das Unn\u00fctze oder Unzweckm\u00e4\u00dfige unm\u00f6glich einem vern\u00fcnftigen Wesen Vergn\u00fcgen ma chen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo also bei einem Gegenstande ein \u00e4u\u00dferer Nutzen oder Zweck fehlt, da mu\u00df dieser in dem Gegenstande selbst gesucht werden, sobald derselbe mir Vergn\u00fcgen erwecken soll; oder ich mu\u00df in den einzelnen Teilen desselben so viel Zweckm\u00e4\u00dfigkeit finden, da\u00df ich vergesse, zu fragen, wozu nun eigentlich das Ganze soll. Das hei\u00dft mit andern Worten: ich mu\u00df an einem sch\u00f6nen Gegenstande nur um sein selbst willen Vergn\u00fcgen Enden; zu dem Ende mu\u00df der Mangel der \u00e4u\u00dfern Zweckm\u00e4\u00dfigkeit durch seine innere Zweckm\u00e4\u00dfigkeit ersetzt sein; der Gegenstand mu\u00df etwas in sich selbst Vollendetes sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist nun die innere Zweckm\u00e4\u00dfigkeit in einem sch\u00f6nen Kunstwerke nicht gro\u00df genug, um mich die \u00e4u\u00dfere dar\u00fcber vergessen zu lassen, so frage ich nat\u00fcrlicherweise: Wozu das Ganze? Antwortet mir der K\u00fcnstler: \u00bbUm dir Vergn\u00fcgen zu machen\u00ab, so frage ich ihn weiter: Was hast du f\u00fcr einen Grund, mir durch dein Kunstwerk eher Vergn\u00fcgen als Mi\u00dfvergn\u00fcgen zu erwecken? Ist dir an meinem Vergn\u00fcgen so viel gelegen, da\u00df du dein Werk mit Bewu\u00dftsein unvollkommener machen w\u00fcrdest, als es ist, damit es nur nach meinem vielleicht verdorbenen Geschmack w\u00e4re; oder ist dir nicht vielmehr an deinem Werke so viel gelegen, da\u00df du mein Vergn\u00fcgen zu demselben hinaufzustimmen suchen wirst, damit seine Sch\u00f6nheiten von mir empfunden werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist das letztere, so sehe ich nicht ab, wie mein zuf\u00e4lliges Vergn\u00fcgen der Zweck von deinem Werke sein k\u00f6nnte, da dasselbe durch dein Werk selbst erst in mir erweckt und bestimmt werden mu\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur insofern du wei\u00dft da\u00df ich mich gew\u00f6hnt habe, an dem, was wirklich in sich vollkommen ist, Vergn\u00fcgen zu empfinden, ist dir mein Vergn\u00fcgen lieb; dies w\u00fcrde aber nicht so sehr bei dir in Betracht kommen, wenn es dir blo\u00df um mein Vergn\u00fcgen und nicht vielmehr darum zu tun w\u00e4re, da\u00df die Vollkommenheit deines Werks durch den Anteil, den ich daran nehme, best\u00e4tigt werden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn das Vergn\u00fcgen ein nicht so sehr untergeordneter Zweck oder vielmehr nur eine nat\u00fcrliche Folge bei den Werken der sch\u00f6nen K\u00fcnste w\u00e4re, warum w\u00fcrde der echte K\u00fcnstler es denn nicht auf so viele als m\u00f6glich zu verbreiten suchen, statt da\u00df er oft die angenehmen Empfindungen von vielen Tausenden, die f\u00fcr seine Sch\u00f6nheit keinen Sinn haben, der Vollkommenheit seines Werks aufopfert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sagt der K\u00fcnstler aber: \u00bbWenn mein Werk gef\u00e4llt oder Vergn\u00fcgen erweckt, so habe ich doch meinen Zweck erreicht\u00ab, so antworte ich: Umgekehrt! Weil du deinen Zweck erreicht hast, so gef\u00e4llt dein Werk, oder da\u00df dein Werk gef\u00e4llt, kann vielleicht ein Zeichen sein, da\u00df du deinen Zweck in dem Werke selbst erreicht hast.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">War aber der eigentliche Zweck bei deinem Werke mehr das Vergn\u00fcgen, das du dadurch bewirken wolltest, als die Vollkommenheit des Werkes in sich selber, so wird mir eben dadurch der Beifall schon verd\u00e4chtig, den dein Werk bei diesem oder jenem erhalten hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber ich strebe nur den Edelsten zu gefallen.\u00ab \u2013 Wohl! Aber dies ist nicht dein letzter Zweck; denn ich darf noch fragen: Warum strebst du gerade den Edelsten zu gefallen? Doch wohl, weil diese sich gew\u00f6hnt haben, an dem Vollkommensten das gr\u00f6\u00dfte Vergn\u00fcgen zu empfinden? Du beziehst ihr Vergn\u00fcgen auf dein Werk zur\u00fcck, dessen Vollkommenheit du dadurch willst best\u00e4tigt sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Muntre dich immer durch den Gedanken an den Beifall der Edeln zu deinem Werke auf; aber mache ihn selber nicht zu deinem letzten und h\u00f6chsten Ziele, sonst wirst du ihn am ersten verfehlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der sch\u00f6nste Beifall will nicht erjagt, sondern nur auf dem Wege mitgenommen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vollkommenheit deines Werks f\u00fclle w\u00e4hrend der Arbeit deine ganze Seele und stelle selbst den s\u00fc\u00dfesten Gedanken des Ruhms in Schatten, da\u00df dieser nur zuweilen hervortrete, dich aufs neue zu beleben, wenn dein Geist anf\u00e4ngt, la\u00df zu werden; dann wirst du ungesucht erhalten, wornach Tausende sich vergeblich bem\u00fchen. Ist aber die Vorstellung des Beifalls dein Hauptgedanke und ist dir dein Werk nur insofern wert, als es dir Ruhm verschafft, so tu Verzicht auf den Beifall der Edlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du arbeitest nach einer eigenn\u00fctzigen Richtung: der Brennpunkt des Werks wird au\u00dfer dem Werke fallen, du bringst es nicht um sein selbst willen und also auch nichts Ganzes, in sich Vollendetes hervor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du wirst falschen Schimmer suchen, der vielleicht eine Zeitlang das Auge des P\u00f6bels blendet, aber vor dem Blick des Weisen wie Nebel verschwindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der wahre K\u00fcnstler wird die h\u00f6chste innere Zweckm\u00e4\u00dfigkeit oder Vollkommenheit in sein Werk zu bringen suchen; und wenn es dann Beifall findet, wird&#8217;s ihn freuen, aber seinen eigentlichen Zweck hat er schon mit der Vollendung des Werks erreicht. So wie der wahre Weise die h\u00f6chste, mit dem Lauf der Dinge harmonische Zweckm\u00e4\u00dfigkeit in alle seine Handlungen zu bringen sucht und die reinste Gl\u00fcckseligkeit oder den fortdauernden Zustand angenehmer Empfindungen als eine sichere Folge davon, aber nicht als das Ziel derselben betrachtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn auch die reinste Gl\u00fcckseligkeitslinie l\u00e4uft mit der Vollkommenheitslinie nur parallel; sobald jene zum Ziele gemacht wird, mu\u00df die Vollkommenheitslinie lauter schiefe Richtungen bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die einzelnen Handlungen, insofern sie blo\u00df zu einem Zustande angenehmer Empfindungen abzwecken, bekommen zwar anscheinende Zweckm\u00e4\u00dfigkeit aber sie machen zusammen kein \u00fcbereinstimmendes harmonisches Ganze aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso ist es auch in den sch\u00f6nen K\u00fcnsten, wenn der Begriff der Vollkommenheit oder des in sich selbst Vollendeten dem Begriffe von Vergn\u00fcgen untergeordnet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlso ist das Vergn\u00fcgen gar nicht Zweck?\u00ab \u2013 Ich antworte: Was ist Vergn\u00fcgen anders oder woraus entsteht es anders als aus dem Anschauen der Zweckm\u00e4\u00dfigkeit? G\u00e4be es nun etwas, wovon das Vergn\u00fcgen selbst allein der Zweck w\u00e4re, so k\u00f6nnte ich die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit jenes Dinges blo\u00df aus dem Vergn\u00fcgen beurteilen, welches mir daraus erw\u00e4chst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Vergn\u00fcgen selbst aber mu\u00df ja erst aus dieser Beurteilung entstehen; es m\u00fc\u00dfte also dasein, ehe es da w\u00e4re. Auch mu\u00df ja der Zweck immer etwas Einfacheres als die Mittel sein, welche zu demselben abzwecken: nun ist aber das Vergn\u00fcgen an einem sch\u00f6nen Kunstwerke ebenso zusammengesetzt als das Kunstwerk selber, wie kann ich es denn als etwas Einfacheres betrachten, worauf die einzelnen Teile des Kunstwerks abzwecken sollen? Ebensowenig wie die Darstellung eines Gem\u00e4ldes in einem Spiegel der Zweck seiner Zusammensetzung sein kann; denn diese wird allemal von selbst erfolgen, ohne da\u00df ich bei der Arbeit die mindeste R\u00fccksicht darauf zu nehmen brauche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stellt nun ein angelaufener Spiegel mein Kunstwerk desto unvollkommener dar, je vollkommener es ist, so werde ich es doch wohl nicht deswegen unvollkommener machen, damit weniger Sch\u00f6nheiten in dem angelaufenen Spiegel verlorengehen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Anton Reiser<\/strong>. Ein psychologischer Roman. Frankfurt a.M: Insel, 1998<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Anton-R1.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-13134\" title=\"Anton R\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Anton-R1.jpeg\" alt=\"\" width=\"125\" height=\"175\" \/><\/a>Karl Philipp Moritz inszeniert seinem Roman <strong>Anton Reiser<\/strong> ein Spannungsfeld zwischen der beengenden Herkunft des Protagonisten und seinem Bestreben, um Erfolg und Anerkennung zu k\u00e4mpfen. So will der Autor in der Tradition des Entwicklungsromans die Entwicklung eines Jugendlichen beschreiben \u2013 zwischen Ehrgeiz, sozialer Not und moralischem Verfall auf der einen Seite und sozialen Klischees und individuellen Hoffnungen auf der anderen. Probleme und Misserfolge werden hier nicht als Ergebnis der Herkunft dargestellt, sondern vielmehr als Folge der Fehlentscheidungen Anton Reisers und der Borniertheit und des Eigennutzes seiner Erzieher und Lehrherren. In diesem Sinne fungiert dieser Entwicklungsroman, der einen begabten jungen Menschen zum Protagonisten hat, erstens als Zerrbild \u00fcberkommener p\u00e4dagogischer Konzepte, zweitens aber auch als Beispiel \u00fcberzogener Empfindsamkeit eines Z\u00f6glings, die sich vor allem in dessen Neigung zur Hypochondrie und der \u00dcberempfindlichkeit gegen\u00fcber seiner Umwelt zeigt. Das Theater wird f\u00fcr Reiser zur B\u00fchne der Selbstdarstellung, aber auch zum Schauplatz einer Empfindsamkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend\u00a0 <\/strong><strong>\u2192 <\/strong>Einen Essay von Jutta Ludwig \u00fcber Karl Philipp Moritz finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/06\/26\/karl-philipp-moritz\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: Heute verstarb der Anarchobarde Rio Reiser. Der sp\u00e4tere\u00a0&#8222;K\u00f6nig von Deutschland&#8220; legte sich den K\u00fcnstlernamen als Hommage an sein Lieblingsbuch zu. KUNO erinnert an ihn durch einen Text des Originals: &nbsp; Es ist wohl wahr, da\u00df wir die&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/08\/20\/uber-den-begriff-des-in-sich-selbst-vollendeten\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":74,"featured_media":100409,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1086,1916],"class_list":["post-13108","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-karl-philipp-moritz","tag-rio-reiser"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13108","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/74"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13108"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13108\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101470,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13108\/revisions\/101470"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100409"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13108"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13108"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13108"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}