{"id":13105,"date":"2023-01-14T00:01:16","date_gmt":"2023-01-13T23:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13105"},"modified":"2023-01-13T20:00:31","modified_gmt":"2023-01-13T19:00:31","slug":"grundlinien-zu-einer-kunftigen-theorie-der-schonen-kunste","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/14\/grundlinien-zu-einer-kunftigen-theorie-der-schonen-kunste\/","title":{"rendered":"Grundlinien zu einer k\u00fcnftigen Theorie der sch\u00f6nen K\u00fcnste"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das echte Sch\u00f6ne ist nicht blo\u00df in uns und unserer Vorstellungsart, sondern au\u00dfer uns an den Gegenst\u00e4nden selbst befindlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt daher eine w\u00fcrkliche Theorie des Sch\u00f6nen, wodurch das Auge auf einen gewissen Punkt geheftet wird, aus welchem das Sch\u00f6ne notwendig beobachtet werden mu\u00df, wenn es geh\u00f6rig soll gesch\u00e4tzt und empfunden werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Punkt ist allemal in dem Kunstwerke selbst zu suchen; denn jedes echte Kunstwerk hat einen solchen Punkt in sich, wodurch alle seine Teile und, ihre Stellungen gegeneinander notwendig werden und aus diesem Hauptgesichtspunkte betrachtet, sich uns auch als notwendig darstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je notwendiger nun alle einzelnen Teile eines Kunstwerks und ihre Stellungen gegeneinander sind, desto sch\u00f6ner ist das Werk; je weniger sie aber notwendig sind und je mehr, unbeschadet des Ganzen, noch hinzugetan oder davon abgenommen werden kann, desto schlechter oder mittelm\u00e4\u00dfiger ist das Werk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die geh\u00f6rige Betrachtung des echten Sch\u00f6nen in der Poesie mu\u00df der Geschmack zu der Sch\u00e4tzung und Betrachtung des Sch\u00f6nen in den Werken der bildenden K\u00fcnste erst vorbereitet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn die Poesie beschreibt das Sch\u00f6ne der bilden den K\u00fcnste, indem sie dieselben Verh\u00e4ltnisse mit Worten umfa\u00dft, welche in der bildenden Kunst durch Umrisse bezeichnet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vollkommenste Darstellung der vollkommensten menschlichen Bildung ist der h\u00f6chste Gipfel der Kunst, nach welchem sich alles \u00fcbrige abmi\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Sch\u00f6ne schlie\u00dft das N\u00fctzliche nicht aus; wenn es sich aber dem N\u00fctzlichen unterordnet, wird es zur Zierde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der h\u00f6chsten Mischung des Sch\u00f6nen mit dem Edlen entstehet der Begriff des Majest\u00e4tischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir das Edle in Handlung und Gesinnung mit dem Unedlen messen, so nennen wir das Edle gro\u00df, das Unedle klein. Und messen wir wieder das Edle, Gro\u00dfe und Sch\u00f6ne nach der H\u00f6he, in der es \u00fcber uns, unserer Fassungskraft kaum noch erreichbar ist, so gehet der Begriff des Sch\u00f6nen in den Begriff des Erhabenen \u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Empfindungswerkzeuge schreiben dem Sch\u00f6nen sein Ma\u00df vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Zusammenhang der ganzen Natur w\u00fcrde f\u00fcr uns das h\u00f6chste Sch\u00f6ne sein, wenn wir ihn einen Augenblick umfassen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedes sch\u00f6ne Ganze der Kunst ist im Kleinen ein Abdruck des h\u00f6chsten Sch\u00f6nen im gro\u00dfen Ganzen der Natur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der geborne K\u00fcnstler begn\u00fcgt sich nicht, die Natur anzuschauen, er mu\u00df ihr nachahmen, ihr nachstreben und bilden und schaffen so wie sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der h\u00f6chste Genu\u00df des Sch\u00f6nen l\u00e4\u00dft sich nur in dessen Werden aus eigner Kraft empfinden. Jeder Nachgenu\u00df desselben ist nur eine Folge seines Daseins.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit wir den Genu\u00df des Sch\u00f6nen nicht ganz entbehren, tritt der Geschmack oder die Empfindungsf\u00e4higkeit an die Stelle der hervorbringenden Kraft und n\u00e4hert sich ihr soviel als m\u00f6glich, ohne in sie selbst \u00fcberzugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je vollkommener das Empfindungsverm\u00f6gen f\u00fcr eine gewisse Gattung des Sch\u00f6nen ist, um desto mehr ist es in Gefahr, sich zu t\u00e4uschen, sich selbst f\u00fcr Bildungskraft zu nehmen und auf die Weise durch tausend mi\u00dflingende Versuche den Frieden mit sich selbst zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was uns allein zum wahren Genu\u00df des Sch\u00f6nen bilden kann, ist das, wodurch das Sch\u00f6ne selbst entstand: ruhige Betrachtung der Natur und Kunst als eines einzigen gro\u00dfen Ganzen; denn was die Vorwelt hervorgebracht, ist nun, mit der Natur verbunden, f\u00fcr uns eins geworden und soll, mit ihr vereint, harmonisch auf uns wirken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Anton-R3.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-13137\" title=\"Anton R\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Anton-R3.jpeg\" alt=\"\" width=\"125\" height=\"175\" \/><\/a>Karl Philipp Moritz inszeniert seinem Roman <strong>Anton Reiser<\/strong> ein Spannungsfeld zwischen der beengenden Herkunft des Protagonisten und seinem Bestreben, um Erfolg und Anerkennung zu k\u00e4mpfen. So will der Autor in der Tradition des Entwicklungsromans die Entwicklung eines Jugendlichen beschreiben \u2013 zwischen Ehrgeiz, sozialer Not und moralischem Verfall auf der einen Seite und sozialen Klischees und individuellen Hoffnungen auf der anderen. Probleme und Misserfolge werden hier nicht als Ergebnis der Herkunft dargestellt, sondern vielmehr als Folge der Fehlentscheidungen Anton Reisers und der Borniertheit und des Eigennutzes seiner Erzieher und Lehrherren. In diesem Sinne fungiert dieser Entwicklungsroman, der einen begabten jungen Menschen zum Protagonisten hat, erstens als Zerrbild \u00fcberkommener p\u00e4dagogischer Konzepte, zweitens aber auch als Beispiel \u00fcberzogener Empfindsamkeit eines Z\u00f6glings, die sich vor allem in dessen Neigung zur Hypochondrie und der \u00dcberempfindlichkeit gegen\u00fcber seiner Umwelt zeigt. Das Theater wird f\u00fcr Reiser zur B\u00fchne der Selbstdarstellung, aber auch zum Schauplatz einer Empfindsamkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anton Reiser. Ein psychologischer Roman. Frankfurt a.M: Insel, 1998<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend\u00a0 <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Essay von Jutta Ludwig \u00fcber Karl Philipp Moritz finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/06\/26\/karl-philipp-moritz\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das echte Sch\u00f6ne ist nicht blo\u00df in uns und unserer Vorstellungsart, sondern au\u00dfer uns an den Gegenst\u00e4nden selbst befindlich. 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