{"id":13102,"date":"2023-05-09T00:01:54","date_gmt":"2023-05-08T22:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13102"},"modified":"2023-05-09T05:33:16","modified_gmt":"2023-05-09T03:33:16","slug":"uber-die-asthetische-erziehung-des-menschen-brief-18","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/09\/uber-die-asthetische-erziehung-des-menschen-brief-18\/","title":{"rendered":"\u00dcber die \u00e4sthetische Erziehung des Menschen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die Sch\u00f6nheit wird der sinnliche Mensch zur Form und zum Denken geleitet; durch die Sch\u00f6nheit wird der geistige Mensch zur Materie zur\u00fcckgef\u00fchrt und der Sinnenwelt wieder gegeben.<\/p>\n<div id=\"attachment_99271\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99271\" class=\"wp-image-99271 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Friedrich_Schiller-220x300.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-99271\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Schiller, portr\u00e4tiert von Ludovike Simanowiz, 1794<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus diesem scheint zu folgen, dass es zwischen Materie und Form, zwischen Leiden und T\u00e4tigkeit einen mittleren Zustand geben m\u00fcsse, und dass uns die Sch\u00f6nheit in diesen mittleren Zustand versetze. Diesen Begriff bildet sich auch wirklich der gr\u00f6\u00dfte Teil der Menschen von der Sch\u00f6nheit, sobald er angefangen hat, \u00fcber ihre Wirkungen zu reflektieren, und alle Erfahrungen weisen darauf hin. Auf der andern Seite aber ist nichts ungereimter und widersprechender, als ein solcher Begriff, da der Abstand zwischen Materie und Form, zwischen Leiden und T\u00e4tigkeit, zwischen Empfinden und Denken unendlich ist und schlechterdings durch nichts kann vermittelt werden. Wie heben wir nun diesen Widerspruch? Die Sch\u00f6nheit verkn\u00fcpft die zwei entgegen gesetzten Zust\u00e4nde des Empfindens und des Denkens, und doch gibt es schlechterdings kein Mittleres zwischen beiden. Jenes ist durch Erfahrung, dieses ist unmittelbar durch Vernunft gewiss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist der eigentliche Punkt, auf den zuletzt die ganze Frage \u00fcber die Sch\u00f6nheit hinausl\u00e4uft, und gelingt es uns, dieses Problem befriedigend aufzul\u00f6sen, so haben wir zugleich den Faden gefunden, der uns durch das ganze Labyrinth der \u00c4sthetik<sup>*<\/sup> f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kommt aber hierbei auf zwei h\u00f6chst verschiedene Operationen an, welche bei dieser Untersuchung einander notwendig unterst\u00fctzen m\u00fcssen. Die Sch\u00f6nheit, hei\u00dft es, verkn\u00fcpft zwei Zust\u00e4nde miteinander, die einander entgegen gesetzt sind und niemals eins werden k\u00f6nnen. Von dieser Entgegensetzung m\u00fcssen wir ausgehen; wir m\u00fcssen sie in ihrer ganzen Reinheit und Strengigkeit auffassen und anerkennen, so dass beide Zust\u00e4nde sich auf das bestimmteste scheiden; sonst vermischen wir, aber vereinigen nicht. Zweitens hei\u00dft es: Jene zwei entgegen gesetzten Zust\u00e4nde verbindet die Sch\u00f6nheit und hebt also die Entgegensetzung auf. Weil aber beide Zust\u00e4nde einander ewig entgegen gesetzt bleiben, so sind sie nicht anders zu verbinden, als indem sie aufgehoben werden. Unser zweites Gesch\u00e4ft ist also, diese Verbindung vollkommen zu machen, sie so rein und vollst\u00e4ndig durchzuf\u00fchren, dass beide Zust\u00e4nde in einem dritten g\u00e4nzlich verschwinden und keine Spur der Teilung in dem Ganzen zur\u00fcckbleibt; sonst vereinzeln wir, aber vereinigen nicht. Alle Streitigkeiten, welche jemals in der philosophischen Welt \u00fcber den Begriff der Sch\u00f6nheit geherrscht haben und zum Teil noch heut zu Tag herrschen, haben keinen andern Ursprung, als dass man die Untersuchung entweder nicht von einer geh\u00f6rig strengen Unterscheidung anfing oder sie nicht bis zu einer v\u00f6llig reinen Vereinigung durchf\u00fchrte. Diejenigen unter den Philosophen, welche sich bei der Reflexion \u00fcber diesen Gegenstand der Leitung ihres Gef\u00fchls blindlings anvertrauen, k\u00f6nnen von der Sch\u00f6nheit keinen Begriff erlangen, weil sie in dem Total des sinnlichen Eindrucks nichts Einzelnes unterscheiden. Die andern, welche den Verstand ausschlie\u00dfend zum F\u00fchrer nehmen, k\u00f6nnen nie einen Begriff von der Sch\u00f6nheit erlangen, weil sie in dem Total derselben nie etwas anderes als die Teile sehen und Geist und Materie auch in ihrer vollkommensten Einheit ihnen ewig geschieden bleiben. Die Ersten f\u00fcrchten, die Sch\u00f6nheit dynamisch, d.h. als wirkende Kraft aufzuheben, wenn sie trennen sollen, was im Gef\u00fchl doch verbunden ist; die andern f\u00fcrchten, die Sch\u00f6nheit logisch, d.h. als Begriff aufzuheben, wenn sie zusammenfassen sollen, was im Verstand doch geschieden ist. Jene wollen die Sch\u00f6nheit auch ebenso denken, wie sie wirkt; diese wollen sie ebenso wirken lassen, wie sie gedacht wird. Beide m\u00fcssen also die Wahrheit verfehlen: Jene, weil sie es mit ihrem eingeschr\u00e4nkten Denkverm\u00f6gen der unendlichen Natur nachtun; diese, weil sie die unendliche Natur nach ihren Denkgesetzen einschr\u00e4nken wollen. Die Ersten f\u00fcrchten, durch eine zu strenge Zergliederung der Sch\u00f6nheit von ihrer Freiheit zu rauben; die andern f\u00fcrchten, durch eine zu k\u00fchne Vereinigung die Bestimmtheit ihres Begriffs zu zerst\u00f6ren. Jene bedenken aber nicht, dass die Freiheit, in welche sie mit allem Recht das Wesen der Sch\u00f6nheit setzen, nicht Gesetzlosigkeit, sondern Harmonie von Gesetzen, nicht Willk\u00fcrlichkeit, sondern h\u00f6chste innere Notwendigkeit ist; diese bedenken nicht, dass die Bestimmtheit, welche sie mit gleichem Recht von der Sch\u00f6nheit fordern, nicht in der Ausschlie\u00dfung gewisser Realit\u00e4ten, sondern in der absoluten Einschlie\u00dfung aller besteht, dass sie also nicht Begrenzung, sondern Unendlichkeit ist. Wir werden die Klippen vermeiden, an welchen beide gescheitert sind, wenn wir von den zwei Elementen beginnen, in welche die Sch\u00f6nheit sich vor dem Verstand teilt, aber uns alsdann auch zu der reinen \u00e4sthetischen<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/aesthetisch.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> Einheit erheben, durch die sie auf die Empfindung wirkt, und in welcher jene beiden Zust\u00e4nde g\u00e4nzlich verschwinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><span style=\"color: #888888;\">Anmerkung der Redaktion: <span style=\"color: #000000;\">Diese<\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"> Briefe wurden an den letztverstorbenen Herzog von Holstein-Augustenburg geschrieben und zuerst in den <strong>Horen<\/strong> vom Jahr 1795 gedruckt. <a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/aestherzieh\/01.htm#1) Text\">\u00ad<\/a>Dies ist Brief 18.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/ohryeure300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-17805 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/ohryeure300-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/ohryeure300-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/ohryeure300.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Wichtig ist auch 200 Jahre sp\u00e4ter, da\u00df man beim Lernen die Frustschwelle nach oben treibt. Medienkompetenz umfasst aus A.J. Weigonis Sicht vier Punkte: Medienkunde, Medienkritik, Mediennutzung und Mediengestaltung. Diesen Weg zeichnet er mit seinem essayhaften Text <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25505\"><em>Produktorientiertes medienp\u00e4dagogisches Arbeiten mit Jugendlichen<\/em><\/a> nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Restexemplare der CD \u201cOhryeure\u201d sind erh\u00e4ltlich \u00fcber: <a href=\"mailto:info@tonstudio-an-der-ruhr.de\">info@tonstudio-an-der-ruhr.de<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daher stehen einige Produktionen auf <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/mpaed.htm#7.%20Das%20Erlernen\">MetaPhon<\/a> als download im Netz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Durch die Sch\u00f6nheit wird der sinnliche Mensch zur Form und zum Denken geleitet; durch die Sch\u00f6nheit wird der geistige Mensch zur Materie zur\u00fcckgef\u00fchrt und der Sinnenwelt wieder gegeben. 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